Aerotoxisches Logbuch: Was sich tut und was sich nicht tut

Dieses Logbuch beginnt mit dem Jahr 2017. Wir dokumentieren, was sich alles seither beim Problem kontaminierter Kabinenluft abspielt: Zum Beispiel Fume-Events. Solche haben wir vom 1.1. bis 31.3.2017 dokumentiert. Soweit wir das konnten. Denn es gibt keine realistischen Zahlen. Jene, die sie haben, geben sie nicht weiter. 

Die Lufthansa beispielsweise konzediert, dass es zu 1 Vorfall auf 2.000 Flügen kommt. Bei rund 1 Million Flüge im Jahr sind das - nur bei der Lufthansa - durchschnittlich 1 Incident täglich. Allerdings: Nur ein Mini-Bruchteil davon wird bekannt. Dieses Problem der unvollständigen Meldungen an die (eigentlich) zuständigen Behörden haben wir beschrieben unter Incidents - Vorfälle, die meistens nicht in den offiziellen Statistiken auftauchen.

Dort ist auch die gesamte Problematik der kontaminierten Kabinenluft in über 10 Kapiteln dokumentiert: Gift im Flieger? Fume Events, kontaminierte Kabinenluft und aerotoxisches Syndrom. Und es gibt auch Hinweise & Tipps auf die Frage Was kann man tun im Falle eines Fume Events.

Jetzt wollen wir in diesem Logbuch die Aktualität walten lassen. Konkret: Wir berichten über das, was wir in diesem Zusammenhang erfahren: was sich tut und was sich nicht tut. Wir können das umso besser, je mehr Informationen uns erreichen. Wer anonym mit uns kommunizieren will, für den gibt es konkrete Hinweise: Wie Sie sicher mit uns kommunizieren können.

Dieses Aerotoxische Logbuch lässt sich auch direkt mit einem Permalink aufrufen: www.ansTageslicht.de/ATLB.

Mai 17

Die deutschlandweit einzige "Fume Event-Sprechstunde" am Universitätsklinikum Göttingen (UMG) ist wieder offen. Sie war im Dezember überraschend von der Universitätsleitung geschlossen worden: wegen Überfüllung und Überlastung. Skeptiker sahen zunächst andere Motive dahinter. Und es hatte sich eine Initiative "Einzige Sprechstunde für 'Fume Event-Opfer' muss erhalten bleiben!" gebildet, die die endgültige Schließung verhindern wollte: durch eine Unterschriftenaktion und Sammeln von Spendengeldern. Bisher kamen über 72.000 Unterschriften zusammen.

Dazu stellt die Universitätsleitung auf der Website der Fume Event-Sprechstunde fest:

Zum Aufruf „Bitte helft!“ für eine Spendenaktion zur Finanzierung einer Personalstelle in der Ambulanz "Fume Events": Der Aufruf erweckt den Eindruck, als sei diese Spendenaktion mit der UMG abgestimmt. Das ist nicht der Fall. Die UMG hat keine Spendenaktion für eine administrative Stelle ins Leben gerufen, weil es keine Stellenkürzungen gegeben hat. Bereits getätigte Spenden können für Forschungszwecke der Ambulanz "Fume Events" eingesetzt werden oder werden auf Wunsch an die Spender zurücküberwiesen.

Um mehr Klarheit in diese Vorgänge zu bringen, weil die Uni-Leitung offenbar kein Interesse daran hat, diesen medizinischen Schwerpunkt auszubauen und so auch der Uniklinik eine Alleinstellung zu verschaffen, haben wir der  UMG mehrere Fragen gestellt, auf deren Antworten wir nun warten:

Die sog. Fume Event-Sprechstunde am UMG – als unabhängige medizinische Einrichtung im Sinne von Forschung und Patientenbehandlung - ist in dieser Form einmalig deutschlandweit. Sie wurde Dezember 2016 geschlossen und hat nun wieder eröffnet.

1) Was genau waren die Gründe für die (vorübergehende) Schließung?

2) Was sind die Gründe, diese wieder aufzumachen?

3)      Was hat sich seither verändert?

3a) Mehr Personal?

3b) Bessere medizinische (Geräte)Ausstattung?

Für die Beibehaltung dieser Einrichtung hat sich die Initiative „Kontaminierte Kabinenluft „Fume Event-Sprechstunde muss erhalten bleiben“ eingesetzt. Und (bisher) über 72.000 Unterschriften gesammelt.

4) Wie oft hat es ähnliche Unterstützungskampagnen gegeben, die sich für den Erhalt einer anderen Institution am UMG ausgeprochen haben?

5) Die „Fume Event-Sprechstunden"-Initiative hat zudem Geld gesammelt und Ihnen als Spende überwiesen – um notwendige Ausgaben damit abzusichern. Sie hatten daraufhin angekündigt, dieses Geld a) nicht haben und b) zweitens wieder zurücküberweisen zu wollen.

Ist dieses geschehen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Und was waren die Gründe für einen Sinneswandel?

6)  Auf Ihrer Website (http://www.med.uni-goettingen.de/de/content/service/25565.html, heutiger Stand) heißt es dazu, dass diese Einrichtung „nicht darauf eingestellt ist, eine Versorgungsfunktion für Patientenanfragen aus ganz Deutschland zu übernehmen. Dies ist auch nicht ihr Auftrag.“ Bedeutet dies, dass die UMG diese Einrichtung nicht als „stand-alone“-Merkmal ansieht? Und deswegen auch nicht bereit ist, dafür notwendige Ressourcen bereitzustellen?

7)  Ist die UMG bereit, die Unabhängigkeit dieser Einrichtung ganz grundsätzlich abzusichern, und zwar in medizinischer wie finanzieller Hinsicht?

Und wie soll dies geschehen?

Wir werden über das Feedback hier berichten.

2. Mai 17

Das Bundesverkehrsministerium (BMVI) weiß sozusagen von Nichts

Die Bundesregierung, insbesondere das DOBRINDT-Ministerium, will von vielen Vorfällen mit Fume Events nichts wissen. So die Auskunft auf eine parlamentarische Anfrage des GRÜNEN-Abgeordneten Markus TRESSEL im Bundestag.

TRESSEL wollte z.B. wissen, wie die dafür zuständige Behörde BFU sicherstellen kann, "dass sie in Fällen, in welchen erst mit zeitlicher Verzögerung im Nervensystem, an der Lunge und/oder an anderen Organen Störungen auftreten noch Zugriff auf alle untersuchungsrelevanten Informationen besteht (z.B. Cockpit-Voice-Recorder-Aufteichnungen, Flugdatenschreiber etc.), welche für eine Untersuchung gemäß der Verordnung (EU) 99612010, Art. 2, 17. d) i. Verb. mit Art. 5 (1) und (2) erforderlich sind?"

Antwort des Ministeriums auf diese Frage 1f):

"Grundsätzlich nutzt die BFU alle zur Verfügung stehenden Informationen und Quellen.

Gemäß Artikel 9 Absatz 1 der Verordnung (EU) Nr. 996/2010 und §7 Absatz 1Satz1 LuftVO sind Flugunfälle und schwere Störungen unverzüglich der BFU zu melden. Um jederzeit sofort tätig werden zu können, ist die BFU 24 Stunden jeden Tag zu erreichen."

Bedeutet im Klartext: Die BFU kann dies nicht sicherstellen, denn diese Daten sind nach unterschiedlichen Zeiträumen überhaupt nicht mehr verfügbar.

Dies geht auch aus der nächsten Frage Nr. 2 eindeutig hervor. Markus TRESSEL wollte wissen, welche Flugzeugmuster besonders von Fume Event-Vorfällen betroffen sind, differenziert nach Meldungen, Störungen, schwere Störungen und Unfällen.

Antwort: Dies wird nicht gemacht. Aber immerhin werden die "Meldungen" von Fume Events registriert. Aus der beigefügten Tabelle auf S. 3 geht hervor, dass die BFU schon bei den Meldungen nicht up-to-date ist. So sind in dieser Statistik für das Jahr 2008 insgesamt 11 Meldungen dokumentiert. Unter "Incidents": Vorfälle, die meistens nicht in offiziellen Statistiken auftauchen haben wir aber festgestellt, dass der WDR im Rahmen seiner Recherchen - nachträglich - 121 solcher Vorfälle recherchiert hatte. Und dies sind - vermutlich - garnicht alle.

Bedeutet: die amtlichen Zahlen taugen absolut nichts.

Dass dies tatsächlich so ist, untermauert das Ministerium selbst - offenbar ohne es zu merken - mit einer weiteren Antwort.

So rapportiert das BMVI, dass bei der zuständigen "Berufsgenossenschaft Verkehr" im Jahr 2016 rund 830 Meldungen von potenziell Betroffenen bzw. potenziell Geschädigten eingegangen sind. Auf die Frage des GRÜNEN-Abgeordneten TRESSEL, "in wie vielen dieser Fälle wurden von anderen deutschen Behörden (LBA, BFU, UBA, BjR) Akten und Informationen im Zusammenhang mit Störungen/Vorfällen mit kontaminierter f(.abinenluft beigezogen, wenn ja mit welchem Ergebnis, wenn nein, warum nicht?" lautet die Antwort - ähnlich wie das Ministerium bei der Affäre "Dieselgate" zu antworten pflegt:

"Zwischen BG Verkehr und BFU sowie anderen Behörden und Institutionen findet ein intensiver fachlicher Austausch statt."

Mit anderen Worten: Alle Mitarbeiter des BMVI inklusive der politischen Spitze gehen ihrer täglichen Arbeit nach. Von dem, was außerhalb unserer Büros passiert, weiß das BMVI wenig. Bzw. nichts.  

28. April 17

"Kontaminiert"

heißt die Überschrift eines ganzseitiges Artikels von Petra SORGE in der Berliner Zeitung, der nicht online verfügbar ist, den wir aber hier dokumentieren können (ohne das Foto aus urheberrechtlichen Gründen): Kontaminiert

Die Journalistin gibt darin einen kompakten Überblick über das Problem der kontaminierten Kabinenluft und Informationen über einige aktuelle Entwicklungen. Z.B. über die mehr oder weniger nichtssagenden Antworten der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage des Abgeordneten der GRÜNEN im Bundestag, Markus TRESSEL. Oder dazu, dass die Berliner Charite dem Gastwissenschaftler Prof. Dr. Xaver BAUR, der als einer der wenigen deutschen Arbeitsmediziner, der sich auch mit der Arbeitsplatzqualität von Crewmitgliedern im Flugzeug kümmert, de Vertrag nicht mehr verlängert hat. Gezielte Einflussnahme von Außen?

Im täglichen Pressespiegel der Bundestagsverwaltung für die Parlamentarier und alle Angestellten des Deutschen Bundestags wird dieser Artikel, in dem es auch um die politische Verantwortung des Bundesregierung bei diesem Problem geht, nicht erwähnt. Zufall? Eine bewusste Entscheidung?

Wir werden die nächsten Tage bei der Bundestagsverwaltung deswegen nachfragen. Und die Antwort dokumentieren.

22. April 17

"Ich wollte schon immer Pilotin werden - jetzt hat mein Traumberuf mich unheilbar krank gemacht"

So lautet der Titel des Erfahrungsberichts, den die ehemalige Pilotin Katharina KUGELMEIER in der Huffington Post veröffentlicht hat. Nach nur 3 Jahren, konkret im Jahr 2011, hatte sie aufgegeben. Erst Kopfschmerzen, dann Konzentrationsstörungen, Übelkeit, Schlafstörungen, zuletzt die Symptome eine Leukämie. Jetzt ist sie in Behandlung bei der einzigen "Fume-Event-Sprechstunde" in Göttingen, die derzeit aber immer noch geschlossen ist: wegen mangelnder Kapazitäten. Nach dem 1. Mai soll es dort wieder weitergehen.

Das Statement der Ex-Pilotin: "Die Luftfahrtindustrie und die Airlines versuchen viel, um diese dunkle Seite der Fliegerei totzuschweigen. Nicht selten werden Schweigegelder an Betroffene gezahlt. Und wer nicht gekauft werden kann, der wird schnell als Verschwörungstheoretiker diffamiert. Oder man veröffentlicht ominöse Kabinenluft-Studien, durchgeführt von einem 'Top-Spezialisten', der allerdings keine einzige entsprechende Qualifikation hat, so etwas festzustellen."

12. April 17

Zweite Untersuchung über Todesursache des BA-Piloten Richard WESTGATE beendet

Der im Alter von 43 Jahren 2012 in einem Hotel in Amsterdam tot aufgefundene Pilot Richard WESTGATE, der für die British Airways v.a. die Airbus-Typen A 319 und 320 geflogen war, aber wegen typischer Symptome kontaminierter Kabinenluft immer kränker wurde, bis ihm 2011 die Fluglizenz entzogen wurde, ist an einer - offenbar unabsichtlich eingenommenen - Überdosis seines Schlafmittels gestorben. Dies ist das offizielle Ergebnis einer zweiten Untersuchung in Großbritannien, die der Coroner (Untersuchungsbeamte und Gerichtsmediziner) Dr. Simon FOX durchgeführt hatte.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Bereits der erste Coroner Stanhope PAINE hatte dies festgestellt. Allerdings ist dieser auch den eigentlichen Problemen auf den Grund gegangen: den nachhaltigen Folgen des aerotoxischen Syndroms, die der Ermittlungsführer auch dokumentiert hatte. Ebenso wie mehrere andere Experten vor allem in Holland diesen Zusammenhang bestätigt hatten.

WESTGATE war nach Holland gegangen, nachdem ihm zuhause 22 Ärzte, die er konsultiert hatte, nicht weiterhelfen konnten. Der letzte ließ ihn in die Psychiatrie einweisen, aus der WESTGATE sich selbst 'entlassen' hatte, um nach Holland zu gehen. Dort gibt es Experten, die sich mit den gesundheitlichen Folgen kontaminierter Kabinenluft beschäftigen. U.a. der Mediziner Dr. Richard MULDER, der 18 jahre lang für die KLM geflogen war, bis er selbst erste Symptome bei sich ausmachen konnte und dann diesen Job mit dem eines Mediziners tauschte.

Dr. MULDER u.a. in den Niederlanden waren WESTGATE's letzte Hoffnung, sozusagen " a light at the end of the tunnel", wie die hinterbliebene Famile sagt.

Aktuell zu der zweiten gerichtlichen Todesursachenuntersuchung:

Hintergrund zum Fall auf ansTageslicht.de/Kabinenluft: