Portrait einer integrierten "Deutschen"

Güner BALCI – Eine moderne Deutsche aus Neukölln



Güner Y. BALCI, 1975 in Berlin-Neuköln geboren und dort auch aufgewachsen, studierte nach dem Abitur Literatur- und Erziehungswissenschaften.
Ihre Eltern, die in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, sind allevitischer Abstammung. Aleviten sind eine Strömung des Islam. Allgemein gesprochen gehen Aleviten mit religiösen Vorschriften, die manche Muslime für verbindlich halten, liberal um. So genoss Güner BALCI als kleines Mädchen das Privileg, mit Werten aufzuwachsen, welche eher multikulturell und übergreifend geprägt als verschlossen und ablehnend sind.

Ihre Eltern erziehen sie mit der Vorstellung, dass ein Mensch - und dazu zählt auch die Frau - ein Individuum für sich ist. Damit hat auch jeder die Freiheit und die Wahl, sein Leben selbst zu bestimmen.

Aber In Ihrem Viertel und ihrem Umfeld werden diese Werte nicht immer bestätigt. Sie sieht mehr und mehr Fälle, wo Frauen schlecht behandelt werden, wo Kinder und Jugendliche von der Schule und der deutschen Gesellschaft abgeschottet werden, oder wo sie sich selbst abschotten.

Auch in dieser Diskussion hat Güner BALCI eine übergreifende Meinung und gibt sich nicht mit Einseitigkeit zufrieden. Sie erlebt die Entwicklung der Parallelgesellschaft mit, und beginnt zu handeln. Sie arbeitet aktiv im Mädchentreff Madonna, wo gegen Frauengewalt gekämpft und geholfen wird.

Ihre Erfahrungen, die sie zum Teil in diesem Mädchentreff macht, beeinflussen Güner BALCI heute soweit, dass sie sich kritisch mit dem Thema Integration ausseinandersetzt. Sie sagt, da wo Jugendliche Schwierigkeiten und keine Perspektiven haben und sich in Deutschland nicht willkommen fühlen, könnte und müsste Religion eine Hilfe sein, damit die Jugendlichen nicht völlig untergehen. Jedoch sieht sie das nicht immer als erfüllt an. Dies in Verbindung mit Religion und Dogmatismus sieht sie sogar als gefährlich an. Die sogenannten Problemjugendlichen haben mit den Werten des Islam meistens garnichts ‚am Hut’, sind aber auf Grund gegebener Umstände resigniert und fühlen sich als „Loosergeneration“. Entsprechend reagieren sie.

Güner BALCI versucht immer dort zu sein, wo Menschenrechtsverletzungen stattfinden - z. B. bei Zwangsverheiratungen. Da und in vielen anderen Fällen der Unterdrückung von Frauen sieht sie die Auslegung des Islam als menschenverachtend an.


Als emanzipierte und engagierte Frau öffnete sich ihre - nach einer 3jährigen journalistischen Tätigkeit bei einer Stadtteilzeitung - der Weg ins Fernsehen. Reinhard LASKA vom ZDF war einer jener Leute, der ihre Expertise zu schätzen wusste. Inzwischen - als freie Journalistin aktiv - entwirft Güner BALCI Fernsehbeiträge, die überwiegend mit Frontal21 realisiert und im ZDF ausgestrahlt werden.

„ Ich bin deutsch und Deutschland ist meine Heimat, weil ich hier aufgewachsen bin“, ist einer der Sätze, der ihr mit einer Selbstverständlichkeit über die Lippen gehen, die kein Deutscher besser oder glaubwürdiger rüberbringen könnte. Güner BALCI ist eine Brückenbauerin, eine Vermittlerin und von der Sorte Diplomaten, von denen es zu wenige gibt. Mit ihren knallroten Fingernägeln, ihrer Vorliebe für türkischen Caj (Tee) und türkische Kekse, andererseits aber auch mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne in ihrer originell und modern eingerichteten Wohnung zeigt sie uns eins: Güner BALCI ist ein positives Beispiel für eine selbstbewusste Frau, ein Gastarbeiterkind, dass zu 100% in der westlichen Welt angekommen ist. Beziehungsweise nie irgendwoanders war und mit Leib und Seele dafür kämpft, dass auch andere Migrantenkinder diese Chance bekommen.

(mk, mu)