WESER-KURIER, 21.10.2008

Anklage gegen Bremer Rocker steht

"Hell’s Angels" müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes verantworten


von: Cristine Kröger


VERDEN BREMEN. Die Staatsanwaltschaft Verden hat Anklage gegen insgesamt 14 Bremer „Hell’s Angels“ erhoben, die im März 2006 Mitglieder der verfeindeten Rockergang „Bandidos“ in deren Clubhaus in Stuhr überfallen und schwer misshandelt haben sollen. Das bestätigten gestern Rechtsanwälte der Rocker.

Die 14 Männer müssen sich voraussichtlich vom 1. Dezember an wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes vor dem Landgericht Verden verantworten. Aus Sicherheitsgründen soll der Prozess in den Räumen des Landgerichts Hannover stattfinden. Zwölf der Angeklagten sitzen seit Juni in Untersuchungshaft. Gegen einen weiteren, Thomas G., wurde der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt, weil er der Rockerbande mittlerweile nicht mehr angehört. Wie die übrigen Angeklagten verweigert aber auch er die Aussage oder bestreitet die Vorwürfe. Ausgepackt hat dagegen der 14. Angeklagte: Thomas P. ist seither als Kronzeuge im Zeugenschutzprogramm des Landeskriminalamtes Niedersachsen.

Noch nicht angeklagt ist ein weiterer Verdächtiger: Der 49-jährige Bremer „Hell’s Angel“ Uwe B. ist noch flüchtig. Noch nicht angeklagt ist auch ein mutmaßlicher Komplize der Rocker. Markus L. betrieb zur Tatzeit eine Werkstatt, auf deren Gelände sich das Clubhaus der „Bandidos“ befand. Er hatte nach der Tat behauptet, die Täter hätten zunächst ihn überwältigt, bevor sie die „Bandidos“ abfingen. Heute steht Markus L. unter Verdacht, mit den „Hell’s Angels“ unter einer Decke gesteckt zu haben.

Die Täter lauerten am 22. März 2006 sechs „Bandidos“ einzeln auf und schlugen, traten oder stachen auf sie ein. Danach überließen sie die Verletzten stundenlang ihrem Schicksal, während sie auf den nächsten „Bandido“ warteten. Die Täter hinterließen in Stuhr lebensgefährlich und schwer verletzte Männer, zudem sollen sie Clubdevotionalien der „Bandidos“, einen Computer und 70 Euro Bargeld gestohlen haben.

Alle 15 verdächtigen Rocker waren zum Tatzeitpunkt „Fullmember“ (Vollmitglieder), „Prospects“ (Anwärter) oder „Hangarounds“ (Anhänger) der Bremer „Hell’s Angels“, die ihre Organisation „Charter West Side“ nennen. Ihr Anführer soll nach Aussage des Kronzeugen Marcel S. gewesen, der „Sergeant at Arms“ des „Charters“. Die Rocker erklären den martialisch klingenden Titel gerne mit der Tradition des britischen Parlaments, in dem der „Sergeant at Arms“ auf die „Einhaltung der Regeln“ achte. Experten des Landeskriminalamtes sehen das anders: Der „Sergeant“ sei für die Bewaffnung des „Clubs“ zuständig und organisiere gewaltsame Strafaktionen. Nach Angaben des Kronzeugen wurden die „Hangarounds“, die sich an dem Verbrechen beteiligt haben, nach der Tat „Prospects“ – clubintern gilt das als „Beförderung“.

Folgt das Gericht den Vorwürfen, die die Staatsanwaltschaft auf 27 Seiten zu Papier gebracht hat, drohen den Rockern nun viele Jahre hinter Gittern. Das Strafgesetzbuch sieht für gefährliche Körperverletzung und schweren Raub jeweils Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren vor.