Berliner Zeitung, 14.01.2004
Was kosten die Spiele?
Auf die Frage aller Fragen geben Leipzigs Olympiaplaner noch keine überzeugende Antwort
von: Jens Weinreich
BERLIN, 13. Januar. Es wird Ernst für Leipzigs Olympiabewerber. Am Donnerstag liefern sie in der IOC-Konzernzentrale am Lausanner Chateau de Vidy erstmals Bewerbungsunterlagen ab - ihre Antworten auf einen 25 Punkte umfassenden Fragebogen. Unter Punkt "III. Finanzen" verlangt das IOC auch Zahlen zum Kandidaturbudget, zum Veranstaltungsbudget und zum möglichen nationalen Vermarktungspotenzial der Sommerspiele 2012. Neben dem IOC ist der deutsche Steuerzahler an solchen Zahlen interessiert. Bisher aber haben die deutschen Olympiabewerber noch keine aktuelle Kosten-Nutzen-Rechnung vorgelegt. Das sei "im gegenwärtigen Stadium auch nicht notwendig" verkündete Bundesinnenminister Otto Schily vor einem Monat nach der sechsten und vorerst letzten Aufsichtsratssitzung der Bewerbungskomitee Leipzig 2012 GmbH: "Die wirtschaftlichen Vorteile werden in angemessener Form der Bevölkerung mitgeteilt werden." Und was ist mit den wirtschaftlichen Belastungen?
Am Montag berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel unter Berufung auf das soeben erschienene Buch "Operation 2012" von möglichen Gesamtkosten zwischen 9 und 14 Milliarden Euro. Die Zahl war im Dezember erstmals in dieser Zeitung genannt worden. Denn Otto Schily (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) hatten Hochrechnungen in dieser Höhe diskutiert. Das war ein Grund dafür, dass beide Politiker im Olympia-Aufsichtsrat vor zu ehrgeizigen Plänen warnen mussten. In den Sitzungen mahnte Schily mehrfach an, er könne nicht über Konzepte entscheiden, ohne die tatsächliche Finanzhöhe zu kennen. Die Finanzierung können kein Automatismus sein.
Schon im Protokoll der Sitzung vom 30. August, auf der das Kompaktkonzept gebilligt wurde, heißt es: "Herr Schily macht deutlich, dass der Bundesfinanzminister nach der heutigen Entscheidung nachfragen werde, welche finanziellen Anforderungen damit verbunden seien. Aus sportpolitischer Sicht stehe einer Zustimmung sicher nichts entgegen, aber der Vorbehalt der Finanzierbarkeit bleibe bestehen." Auch Milbradt fragt nach und lässt ins Protokoll schreiben: "Der Freistaat äußert Bedenken, die sich auf die Finanzierbarkeit des Verkehrs- und Beherbergungskonzeptes beziehen."
Viereinhalb Monate später liegen dem Aufsichtsrat immer noch keine detaillierten Hochrechnungen vor. Wieder einmal hat die Bewerbung ein veritables Kommunikationsproblem, schon muss man im Berliner Kanzleramt versichern, die Verlegung des Olympia-Gipfels bei Bundeskanzler Gerhard Schröder habe "überhaupt nichts zu tun" mit der Diskussion um die Finanzierbarkeit der Spiele. In Leipzig wird derweil um die Frage der Finanzierung des Zentralstadions und um die Rechtmäßigkeit von Provisionszahlungen gestritten. In der Kritik steht Stadtkämmerer und Bürgermeister Peter Kaminski (CDU), Stellvertreter des Leipziger Oberbürgermeisters Wolfgang Tiefensee (SPD). "Kaminski - Ist es schon 5 vor 12?", fragt die Bild-Zeitung nun in dicken Lettern: "Wirbel um Millionen-Provision beim Stadionbau".
Was also kosten die Spiele? Bei der Beantwortung dieser Frage aller Fragen muss zwischen dem reinen Organisationsetat (Ocog-Etat) für die Dauer weniger Wochen und den offiziellen Kosten für die Infrastruktur (Non-Ocog-Etat) unterschieden werden. Das IOC hat hier klare Definitionen vorgegeben. Und es kommt auch noch ein dritter Bereich ins Spiel, der sich durchaus als verdeckter Etat bezeichnen lässt: Jener Etat nämlich, in dem sich alle weiteren Kosten summieren lassen, die offiziell unter dem Begriff nicht-olympiabedingter Investitionen stehen. Nicht nur in Leipzig wird hartnäckig versucht, das Ocog-Budget (voraussichtlich rund 1,7 Milliarden Euro) zu entlasten, um am Ende eine hübsche kleine schwarze Zahl zu produzieren, denn auch das ist vom IOC gewünscht. Dieser Überschuss, den seit Barcelona 1992 alle Ausrichter ausgewiesen haben, wird unter nationalen und internationalen Sportverbänden verteilt. Sollte trotz aller Finanzakrobatik dennoch ein Minuszeichen in der Bilanz stehen, ist das auch nicht so schlimm, dann käme der Steuerzahler dafür auf - es griffen jene Garantien, die das IOC den Regierungen schon Jahre zuvor abverlangt hat.
Gestritten wird vor allem über das Infrastruktur-Budget. Die Frage, bei welchen Aufwendungen es sich um olympiabedingte oder nicht-olympiabedingte Kosten handelt, zieht sich durch eine Bewerbung von der Geburt der Idee bis zum allerletzten Tag der Spiele selbst. Vor dem Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zur Bewerbung um die Sommerspiele 2000 hatte beispielsweise der Finanzgutachter Hans-Jürgen Ewers ausgesagt: "Der Standpunkt des Senats war, dass im Grunde nichts olympiabedingt ist. Wir müssen sowieso alles bauen." In Leipzig verhält es sich ähnlich.
Oft genug stehen sich die Vertreter der Stadt Leipzig und die Beamten von Bund und Freistaat unversöhnlich gegenüber. Klare Trennlinien gibt es dabei nicht immer. Die einen wollen die Chance nutzen, um möglichst viele Fremd- und Fördermittel in die Stadtregion zu holen - dabei versuchen sie sich an der Quadratur des Kreises, in dem sie einerseits das Infrastrukturbudget klein reden und klein rechnen müssen, andererseits aber nach immer mehr Steuergeld verlangen. Es ist das Politikprinzip Tiefensees: Sich immer große Ziele stellen, die man nie ganz erreichen kann, und darauf hoffen, dass ein bisschen hängen bleibt. Anders gesagt: Es ist ein Vabanquespiel ohnegleichen. Denn Freistaat und Bund wollen nicht nur die Funktion eines gut gefüllten Geldautomaten übernehmen - sie würden ganz gern vorher wissen, wofür sie zahlen. Zumal, wenn sie bei ihren eigenen Hochrechnungen zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sind. In diesem knisternden Umfeld bewegt sich die Bewerbung, wobei die Beteiligten schon mehrfach dienstrechtlich zum Schweigen verdonnert worden sind.
Schleppende Vermarktung
Auf der Einnahmeseite ist bisher lediglich klar, dass der Olympiaausrichter für 2012 vom IOC rund eine Milliarde Dollar aus TV- und Sponsorenverträgen erhalten soll. Davon sind bislang bereits 602 Millionen aus den amerikanischen TV-Kontrakten garantiert, andere Vertragsunterzeichnungen stehen noch aus. Indes entbinden diese Verheißungen die potenziellen Organisatoren nicht von der Pflicht, ein überzeugendes Finanzierungskonzept darzulegen. Wenn auch das IOC mit mehr als 50 Prozent zum Ocog-Etat beitragen sollte - der Rest muss selbst erwirtschaftet werden.
Und da sieht es in Leipzig nicht rosig aus, wie schon die Finanzierung der Bewerbungs-GmbH beweist: 31,5 Millionen Euro stehen im Wirtschaftsplan bis Juli 2005. Dieser Betrag wird zunächst komplett aus Steuermitteln zur Verfügung gestellt. Für 30 Millionen stehen der Freistaat und die Stadt Leipzig ein, für 1,5 Millionen die Hansestadt Rostock als Segel-Kandidat. Die Akquise von Sponsoren würde die Leistungen der Partner verringern. Zehn bis fünfzehn Millionen Euro hat sich der dafür verantwortliche Geschäftsführer Mike de Vries mit der Deutschen Sportmarketing (DSM) zum Ziel gesetzt. Bis zum Jahresende 2003 dürften real maximal drei Millionen Euro zusammen gekommen sein, wenn überhaupt. Ob die von de Vries im "Worst-Case-Szenario" versprochenen zehn Millionen möglich sind (im besten Fall sollen es 15 Millionen sein), wird von Fachleuten energisch bezweifelt. Sogar Berlin konnte einst eine bessere Performance hinlegen: Die Berliner Marketing GmbH hatte fünf Monate nach dem Zuschlag schon 25 Millionen DM (rund 12,5 Millionen Euro) eingenommen. Davon ist Leipzig derzeit so weit entfernt wie die Erde vom Mond.
Finanzjongleure // Das Ocog-Budget ist laut IOC-Definition das Betriebsbudget für die Olympia-Organisation. Entwicklungskosten für Sportstätten, das Olympische Dorf sowie Medienzentren dürfen nicht im Ocog-Budget enthalten sein.
Das Nicht-Ocog-Budget ist das Budget für die olympiabedingte Infrastruktur. Das IOC fordert: "Die Finanzierung solcher Investitionen sollte von den öffentlichen Behörden oder dem privaten Sektor übernommen werden. ".
Darüber hinaus existiert quasi ein drittes, verdecktes Budget. Es ist das größte von allen, in das alle übrigen Infrastrukturkosten fallen, von denen üblicherweise behauptet wird, diese Kosten seien nicht olympiabedingt.
"Die Kosten werden derzeit ermittelt. Die konkrete Höhe steht im Herbst 2004 fest. " E. Lütke Daldrup, Bau-Dezernent der Stadt Leipzig.








