Tschetschenien - eine lange Chronologie








Einleitung
In dem seit über 400 Jahren herrschenden Konflikt zwischen Tschetschenen auf der einen und Russen auf der anderen Seite geht es in erster Linie um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Region im Nordkaukasus. Neben diesem Aspekt spielt auch die Religion eine nicht unbedeutende Rolle, da die Mehrheit der Tschetschenen dem Islam angehört. Russland misst Tschetschenien aufgrund seiner geopolitischen Lage seit jeher eine besondere Bedeutung zu. Heute empfinden beide Völker angesichts der vielen Opfer, die in den Tschetschenienkriegen bereits ums Leben gekommen sind, vor allem Rachegefühle
16. - 18. Jahrhundert
An den zwei Flüssen Terek und Kuban, die zwischen dem russischen Tiefland und dem Nordkaukasus entlang fließen, gründen sich im 16. Jahrhundert die ersten russischen Kosakengemeinden. Es entstehen militärische Stützpunkte und Festungen. Bei ihren Versuchen bis an die warmen Meere auch weiter südlich vorzudringen, stoßen die Russen auf unerwartet heftigen Widerstand seitens des tschetschenischen Volkes, der sich mit der Ausbreitung des sunnitischen Islam in Tschetschenien im 17. und 18. Jahrhundert weiter verstärkt.
Die Russen geben ihre Kolonialisierungsbestrebungen nicht auf und befürchten vor allem, dass sie durch eine Vereinigung Dagestans mit Tschetschenien ihren geostrategisch bedeutenden Zugang zum Kaspischen Meer verlieren würden. Dagestan ist die Verbindung Russlands zum Kaspischen Meer. Die dagestanische Hauptstadt Machachkala ist der einzige russische Allwetterhafen am Kaspischen Meer
19. Jahrhundert
Die Kaukasuskriege erreichen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt unter dem tschetschenischen Führer Imam SCHAMIL, bis dieser 1859 kapituliert und es 1864 zum „Jahr der Unterwerfung“ der gesamten Region unter die zaristische Oberherrschaft kommt. Daraufhin emigriert ein Fünftel der tschetschenischen Bevölkerung in die Türkei und in andere Länder des Vorderen Orients
20. Jahrhundert: 1917
Nach der Oktoberrevolution in Russland und den folgenden nationalen Bestrebungen der Regionen im Nordkaukasus droht das Russische Reich zu zerbrechen
1918 - 1922
Im Kaukasus kommt es 1918/19 zu kurzlebigen autonomen Staatsbildungen wie dem „Imamat der Bergvölker“, der „Nordkaukasischen Föderativen Republik“ im Westen und dem „Nordkaukasischen Emirat“ im Osten. Diese Staatsbildungen werden 1920 von Russland unter dem Namen „Sowjetrepublik der Bergvölker“ (die die heutigen Republiken Tschetschenien, Inguschetien, Nordossetien, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien umfasst) zusammengefasst - und der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) einverleibt. Dagestan erhält einen eigenen Republikstatus. Das Leitwort der sowjetischen Nationalitätenpolitik lautet „korenisacija“ (Einwurzelung). Repräsentanten sollen aus den Völkern stammen, russische Personen, die ein Amt wahrnehmen, müssen die regionalen Sprachen lernen und sich mit dem örtlichen Gewohnheitsrecht vertraut machen. Aus der neuen „Sowjetrepublik der Bergvölker“ werden in den folgenden Jahren einzelne autonome Gebiete und Republiken im Bestand der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) ausgegliedert. In diesem Zuge entsteht 1922 auch ein autonomes tschetschenisches Gebiet
1927 - 1933
1927 schwingt sich STALIN zum Diktator der Sowjetunion auf und vollzieht im Jahre 1928 eine Kollektivierung der nordkaukasischen Landwirtschaft. Dies geschieht z. B. durch Zwangsumsiedlungen aus Gebirgs- in Talregionen. Außerdem werden immer wenigstens 2 Völker in 1 politischen Verwaltungseinheit zusammengefasst.
Auf die Serie tschetschenischer Aufstände gegen die Zwangsumsiedlungen reagiert die sowjetische Seite mit einer „allgemeinen Operation zur Ausmerzung antisowjetischer Elemente“ im Nordkaukasus. Ganze Regionen kämpfen mittlerweile gegen die Rote Armee
1934 - 1936
Vereinigung des Tschetschenischen und des Inguschischen Autonomen Gebiets, das 1936 umbenannt wird in die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“ der Tschetschenen und Inguschen, als Teilrepublik der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) innerhalb der Sowjetunion mit eigensprachiger Verwaltung, Schule und Presse
Seit 1937
STALIN gelingt es zunächst, mit seinem „Generalschlag gegen antisowjetische Elemente“ den Zusammenhalt der Clan- und Stammesgemeinschaften zu brechen: durch Aufspaltung einzelner Gebiete sowie Durchmischung einzelner Volksgruppen. Daraufhin nimmt der bewaffnete Widerstand zu und entwickelt sich zu einer regelrechten Guerillabewegung
Februar 1944
Die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“ wird aufgelöst und STALIN lässt das tschetschenische Volk wegen einer angeblichen heimlichen Zusammenarbeit mit HITLER-Deutschland (die deutschen Truppen hatten den Kaukasus wegen seiner Erdölvorkommen besetzt) nach Sibirien und Zentralasien deportieren. Bei dieser Gewaltaktion sterben etwa ein Drittel der Deportierten. Heute ist der 23. Februar Volkstrauertag in Tschetschenien
1953
Nach STALINs Tod am 5. März kehren viele Deportierte illegal zurück in ihre Heimat und demonstrieren damit ihren ausgeprägten Widerstandswillen bzw. ihre Identität mit Tschetschenien
1956 - 1959
Am 24. November 1956 beschließt das sowjetische Zentralkomitee (ZK) in Moskau unter dem neuen Ersten Sekretär Nikita CHRUSCHTSCHOV die offizielle Wiederherstellung der nationalen Territorien im Kaukasus. Die Rehabilitation des tschetschenischen Volkes wird im Januar 1957 ausgeführt und die Tschetscheno-Inguschische „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“ - um diverse Gebiete minimiert - wird wieder hergestellt. Bei der Volkszählung 1959 stellt sich heraus, dass die Zahl der Einwohner um über 20 Prozent abgenommen hat
März 1985
Michail GORBATSCHOV wird neuer Generalsekretär des ZK der KPdSU
April 1985
Präsident Michail GORBATSCHOW schlägt Boris JELZIN als Chef der in der Sowjetunion herrschenden kommunistischen Partei (KPdSU)
März 1987
Der Europarat verabschiedet das „Europäische Übereinkommen zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung“, welches 1989 in Kraft tritt und unter anderem auch von der Sowjetunion ratifiziert wird
27. November 1990
Nach dem Zusammenbruch und politischen Zerfall der Sowjetunion, der nicht zuletzt durch Michail GORBATSCHOWs Glasnost-Politik zustande kam, erklären die Tschetschenen ihren verfassungsrechtlichen Austritt aus der UdSSR durch die Deklaration über die staatliche Souveränität der „Tschetscheno- Inguschischen Republik“
1991
Am 27. Oktober wird der in Tschetschenien geborene Dschochar DUDAJEW, ehemals General bei der sowjetischen Luftflotte, inzwischen aber entlassen, zum tschetschenischen Präsidenten gewählt und verkündet am 1. November die Unabhängigkeit des Landes. Er leistet seinen Amtseid auf den Koran

International wird die „Tschetschenische Republik Itschkerija“ von keinem anderen Staat anerkannt. Die russische Regierung erklärt die „Unabhängigkeit“ ebenso für ungültig wie die Wahlen, da Tschetschenien für Russland eine zu große Bedeutung hat, und fordert daraufhin reguläre Parlamentswahlen und die Entwaffnung illegal bewaffneter Gruppen in Tschetschenien

Mit einer Intervention von Sicherheitstruppen in Tschetschenien versucht die russische Regierung vergeblich die staatliche Ordnung wiederherzustellen. Am 26. Dezember wird die Sowjetunion offiziell aufgelöst und Boris JELZIN wird der erste Staatspräsident Russlands
1992
In diesem Jahr beginnt die verwaltungsmäßige Trennung der Inguschen von Tschetschenien. Am 12. März gibt Tschetschenien sich eine Verfassung als unabhängiger demokratischer Staat und enthält sich als einzige der 19 Republiken, am 31. März an der Unterzeichnung des neuen Vertrags über die „Russische Föderation“, in der die seit dem 18. Jahrhundert zum russischen Imperium gehörigen Gebiete zusammengefasst sind (z. B. Zentralrussland, Ural, Sibirien). Daraufhin verhängt Russland eine Wirtschafts- und Finanzblockade über Tschetschenien
1993
Am 25. April nimmt Tschetschenien nicht am „allrussischen Referendum über die Zustimmung zum russischen Präsidenten“ teil. DUDAJEW versucht vergeblich die neue tschetschenische Verfassung in Richtung einer Präsidialautokratie zu verändern und das Parlament aufzulösen. Das Parlament bereitet daraufhin einen Misstrauensantrag vor, dessen Durchsetzung DUDAJEW mit Soldaten verhindert. Er löst das Parlament auf. Die Spaltung Tschetscheniens in das südliche Gebirgsland (radikale Sezessionsbewegungen) und das nördliche Tiefland (Bindungen zu Russland) weitet sich aus. Im Mai bilden sich zwei Regierungen: Auf der einen Seite ernennt Präsident DUDAJEW ein neues Kabinett und bestimmt einen Regierungschef. Auf der anderen Seite wählt das Parlament eine eigene „Parlamentsregierung“ mit eigenem Regierungschef. DUDAJEW lässt daraufhin am 6. Juni die Opposition, die im April das Bürgermeisteramt und die Polizeibehörde von Grosny besetzt hatte und seither auf dem Theaterplatz laufend zusammentrifft, mit Hilfe seiner Nationalgarde vertreiben, wobei es zu 14 Todesopfern kommt
Im Dezember startet die Opposition (mit den im Frühjahr vom Parlament gebildeten bewaffneten Einheiten unter dem Verteidigungsminister der „Parlamentsregierung“) einen erneuten Versuch, den Präsidenten DUDAJEW zu stürzen und zum Rücktritt zu zwingen, doch auch dieser Umsturzversuch scheitert. Präsident DUDAJEW bleibt zwar der starke Mann in Tschetschenien, doch haben sich inzwischen die Verhältnisse in den Nachbarstaaten (aufgrund neuer pro-russischer Machthaber) zu seinen Ungunsten verändert
1994
Moskau unterstützt die pro-russische Opposition in Tschetschenien gegen DUDAJEW, um diesen zu destabilisieren, Handel sowie Luftverkehr werden blockiert. Ende November scheitert eine Offensive der Opposition, was Russland zum Anlass für eine militärische Intervention nimmt
11. Dezember 1994
Beginn des ersten Tschetschenien Krieges

Militärische Intervention der Russen in Tschetschenien zur Wiederherstellung der Föderalen Ordnung

Die Hauptstadt Grosny wird einen ganzen Monat lang massiv und flächendeckend bombardiert

Die Süddeutsche Zeitung beschreibt den politischen Hintergrund am 14 Dezember 1994 folgendermaßen:
„Vor genau fünf Monaten hatte Boris JELZIN noch erklärt: Eine Invasion in Tschetschenien kommt überhaupt nicht in Frage. Vor fünf Tagen bekräftigte Pawel GRATSCHOW: Wir wollen verhandeln und nicht marschieren. Nun schmähen die Demokraten, die in Moskau gegen den Einmarsch in der kleinen Kaukasus-Republik demonstriert haben, den Präsidenten und seinen Verteidigungsminister als Lügner. Die Kremlführung wird dies nicht weiter kümmern, da sie die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung und der Abgeordneten hinter sich weiß, bei ihrem Versuch, die verfassungsmäßige Einheit Russlands zu retten und die Räuberhöhle im Kaukasus auszuräuchern; vorerst jedenfalls noch, solange es auf russischer Seite erst ein paar Tote gibt.

Die staatlichen Medien haben die Russen schon im alten Propagandastil mit Reportagen über das volksfeindliche Terrorregime des tschetschenischen Präsidenten Dschochar DUDAJEW auf ein gewaltsames Vorgehen gegen die gerade mal 1,2 Millionen Einwohner zählende, aber an Erdöl reiche Republik eingestimmt, deren Bevölkerung vor drei Jahren die Unabhängigkeitserklärung ihrer Führung gutgeheißen hat.

JELZIN und alle Kommentatoren wiederholen gebetsmühlenartig, sie müssten der Verfassung Geltung verschaffen. Diese sieht einen Austritt einer Region aus der Russischen Föderation nicht vor. Genau das ist der springende Punkt: Das Gesetzeswerk trat nämlich erst vor genau einem Jahr in Kraft. DUDAJEW rief aber bereits Ende 1991 die Unabhängigkeit Tschetscheniens aus, zur selben Zeit, als JELZIN den Austritt der Russischen Föderation aus der UdSSR vorantrieb. Der ehemalige Bombergeneral beruft sich auf die damalige Argumentation JELZINs sowie auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker - und Moskauer Juristen aus dem demokratischen Lager geben ihm Recht. Das Gerede von der Verfassung ist demnach nicht mehr als Augenwischerei für ein Stück imperialer Machtpolitik. (…)“
Süddeutsche Zeitung 14.Dezember 1994 Thomas URBAN, Moskau
Januar 1995
Mit Zustimmung Russlands wirkt die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) an den Bemühungen um Verhandlungslösungen mit. Die Kämpfe in Tschetschenien gehen unter dessen weiter und werden kurzzeitig durch eine Waffenruhe unterbrochen
11. April 1995
Die OSZE beschließt die Einrichtung einer „Unterstützungsgruppe“ in Tschetschenien mit dem Ziel,
- die Achtung der Menschenrechte zu fördern
- Unterstützung zur Entwicklung demokratischer Institutionen und Prozesse zu leisten
- friedliche Lösungen der Krise nach OSZE-Prinzipien und der Verfassung Russlands zu finden
26. April 1995
Die OSZE- Unterstützungsgruppe aus sechs Diplomaten beginnt in Grosny ihren Auftrag
Mai 1995
Die Unterstützungsgruppe erreicht erste Verhandlungsgespräche zwischen den Konfliktparteien

Unter Schirmherrschaft der OSZE setzen sich Vertreter der Exekutivbehörden Russlands mit Vertretern der tschetschenischen Aufständischen unter DUDAJEW, zu Gesprächen zusammen

Die russische Armee setzt trotzdem ihre Angriffe auf tschetschenische Stellungen fort
30.Juli 1995
Vertreter beider Konfliktparteien unterzeichnen ein Abkommen über die Einstellung der Feindseligkeiten. Das Abkommen beinhaltet die Freilassung aller gewaltsam festgehaltener Personen, den Abzug aller Truppen, die Entwaffnung aller illegal bewaffneter Verbände und die Einstellung der Kämpfe
seit Juli 1995
Es entsteht eine bedrohliche Situation für die OSZE- Unterstützungsgruppe durch bewaffnete Kämpfe tschetschenischer Rebellen und russischer Soldaten in unmittelbarer Nähe des Verhandlungsortes, dem Sitz der OSZE in Grosny
Die Durchführung des Abkommens kommt zum Stillstand aufgrund sporadischer Gefechte und terroristischer Überfälle auf hochrangige offizielle russische Vertreter
Oktober 1995
„Zwei Tage nach der russischen Regierung haben am Mittwoch auch die tschetschenischen Unabhängigkeitskämpfer die Umsetzung des russisch -tschetschenischen Abkommens vom Juli ausgesetzt, berichtete die Agentur Interfax unter Berufung auf einen in Grosny verbreiteten Text. In der Erklärung des Tschetschenischen Verteidigungskomitees unter Präsident Dschochar DUDAJEW werden unaufhörliche Luftangriffe und Artillerieattacken der russischen Armee auf Zivilisten als Grund für den Schritt genannt.
(…) Moskau hatte die Umsetzung des Abkommens nach dem Anschlag auf den russischen Oberbefehlshaber in Tschetschenien, General Anatolij ROMANOW, vom Freitag ausgesetzt. (…) Die Unabhängigkeitskämpfer werden ihre Teilnahme an den Friedensgesprächen in Grosny bis zur Ankunft internationaler Beobachter und von Sicherheitskräften der UNO aussetzen“
, meldet am 12. Oktober 1995 die Süddeutsche Zeitung
Anfang Februar 1996
„Die russischen Truppen in Tschetschenien haben am Donnerstag (8. Februar, Anm. der Red.) mit Panzerwagen die Hauptstadt Grosny abgeriegelt, wo den fünften Tag in Folge mehr als 2000 Menschen gegen die russische Armeepräsenz demonstrierten. Weder zu Fuß noch mit Fahrzeugen war es nach Angaben eines AFP-Korrespondenten möglich, in die Stadt zu gelangen oder sie zu verlassen. In Grosny selbst errichteten russische Soldaten überall Kontrollposten. (…) Diese (die Demonstranten, Anm. der Red.) verlangten den Abzug der russischen Truppen und den Rücktritt der von Russland gestützten Regierung.

(…) In Moskau sagte Präsident Boris JELZIN, er sei auf der Suche nach einer Kompromissformel, um den seit Ende 1994 andauernden Konflikt vor der Präsidentenwahl (in Russland, Anm. der Red.) im Juni zu beenden. JELZIN, der vor der Präsidentenwahl den Konflikt beruhigen möchte, sagte, dass der von ihm begonnene Tschetschenien -Krieg ihn in eine politische Zwickmühle gebracht habe.

Wenn wir (russische) Truppen zurückziehen, beginnt in Tschetschenien das Abschlachten, sagte er mit Blick auf die für die Unabhängigkeit kämpfenden Rebellen. Wenn die Truppen aber blieben, habe er keine Chance auf Wiederwahl. Es müsse also ein Kompromiss gefunden werden, sagte JELZIN. Er hatte erst kürzlich eine neue Friedensinitiative angekündigt und damit Spekulationen über einen Teil-Abzug der Truppen geweckt.
Süddeutsche Zeitung 9. Februar 1996 Grosny (AFP/Reuter)
Februar - April 1996
Es kommt zu einer erneuten Eskalation der Kämpfe, woraufhin Präsident JELZIN am 31. März einen Friedensplan vorlegt
21. April 1996
JELZIN gerät immer mehr unter Druck und will das Problem DUDAJEW lösen. Er bietet ihm an, per Telefon über eine Lösung zu sprechen. Dazu lässt JELZIN über Mittelsmänner DUDAJEW ein Satellitentelefon überbringen und vereinbart für den 21. April ein Telefonat um 16 Uhr. Kurz vor dem geplanten Telefongespräch wird das Funk- bzw. Ortungssignal als Leitsignal genutzt: für einen russischen Marschflugkörper, der punktgenau sein Ziel trifft. DUDAJEW und 40 Mitstreiter sind auf der Stelle tot
26. Mai 1996
JELZIN trifft sich mit DUDAJEW-Nachfolger Selimchan JANDARBIJEV zu Friedensgesprächen. Nach drei Tagen Verhandlung kommen beide zu keinem Ergebnis. Die Fronten sind verhärtet, so dass nicht einmal ein Waffenstillstandabkommen unterzeichnet werden kann
August 1996
Tschetschenische Kämpfer nehmen überraschend unter General Aslan MASCHADOW die Hauptstadt Grosny wieder ein. Mehrere tausend Russen geraten in tschetschenische Gefangenschaft
Ende August 1996
Russland ist gezwungen, in das Friedensabkommen von Chassawjurt (Dagestan) einzuwilligen

Die russische Armee zieht sich gedemütigt aus Tschetschenien zurück

Die Klärung des rechtlichen Status der Republik Tschetschenien wird auf das Jahr 2001 verschoben

Bis hierhin hat der Krieg innerhalb von zwei Jahren etwa 100.000 Tschetschenen (fast 10% der Bevölkerung) das Leben gekostet. 200.000 Tschetschenen sind in die benachbarten Regionen Dagestan und Inguschetien geflohen. Die Hauptstadt Grosny ist zerstört und verlassen. Die Wirtschaft des Landes ist ruiniert
seit Sommer 1996
Es herrscht eine unklare politische Situation in Tschetschenien

Aufgrund der Wirtschaftskrise weitet sich die Kriminalität rapide aus. Organisierter Schmuggel sowie politische und kriminelle Entführungen nehmen dabei zu
Januar 1997
Die OSZE leistet bei der Abhaltung und Überwachung der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Tschetschenien mit 72 Beobachtern Hilfestellung. Sie bringen den freien Willen der Wahlberechtigten zum Ausdruck

Der Kandidat Aslan MASCHADOW geht klar als Sieger hervor

Eine radikal-islamische Richtung des Volksstammes der Wahhabiten gewinnt seit 1996 an Bedeutung und Einfluss. Es handelt sich dabei um eine islamische Glaubensrichtung, die als strenger gilt als der traditionelle Sufismus. Die Wahhabiten bilden, unter Führung des einflussreichen Gegenkandidaten, Schamil BASSAJEW, eine neue bewaffnete politische Opposition, die die Autorität des neuen Präsidenten Aslan MASCHADOW und seiner Mitarbeiter untergräbt
Februar 1997
Die OSZE ist ebenso wie ausländische Vertreter (NGOs und andere) mit dem Problem der explosionsartig zunehmenden Kriminalität in Tschetschenien konfrontiert, die den Ruf Tschetscheniens in der Weltöffentlichkeit erheblich beeinträchtigt. Eine äußerst negative Konsequenz ist darüber hinaus der drastische Rückgang der Tätigkeit nahezu aller internationalen mit humanitärer Hilfeleistung befassten NGOs
12. Mai 1997
„In Moskau unterzeichneten gestern die Präsidenten Russlands und Tschetscheniens, Boris JELZIN und Aslan MASCHADOW, einen Vertrag, der den im August vergangenen Jahres (siehe 31. August 1996 , Anm. der Red.) vereinbarten Waffenstillstand in einen haltbaren Frieden verwandeln soll. Beide Präsidenten betonten, das Abkommen würde endgültig die seit 400 Jahren schwelenden Feindseligkeiten zwischen beiden Völker beilegen. „Wir haben ein Friedensabkommen von historischer Dimension unterzeichnet“, sagte JELZIN. „Während der ganzen Zeit herrschte Kriegszustand, und die Menschen fühlten sich unsicher“, räumte er ein.
Der Vertrag umfasst einen Artikel mit fünf Unterpunkten, über deren Inhalt bisher Stillschweigen bewahrt wird. In der offiziellen Verlautbarung des Kreml hieß es, (…) die Republik Tschetschenien sei nach wie vor ein fester Bestandteil der Russischen Föderation. (…) Im Waffenstillstandsabkommen von Chassawjurt wurde die Klärung des rechtlichen Status der Republik auf das Jahr 2001 verschoben. Unterdessen gehen die Machthaber in Grosny schon davon aus, umfassende Souveränität erlangt zu haben.
So meldet es die taz am 13. Mai 1997 (Klaus-Helge DONATH)
ab 1999
Die Konfrontation zwischen dem Präsidenten MASCHADOW und der radikalen Opposition, die sich auf militant antirussische und islamistische Positionen beziehen, verschärft sich. Der radikale Islamismus und die wachsende Kriminalität dienen Russland als Vorwand, zum zweiten Mal in Tschetschenien militärisch einzugreifen
4. August 1999
Tschetschenische islamistische Feldkommandeure nehmen einige Dörfer in der russischen Region Dagestan ein und erklären, aus Dagestan einen unabhängigen islamischen Staat machen zu wollen
Dieser Übergriff islamistischer Feldkommandeure stößt auf Ablehnung in der tschetschenischen und in der dagestanischen Bevölkerung. Das Potenzial für einen islamistischen Staat wird von den radikalen Feldkommandeuren überschätzt
Der Übergriff wird vom tschetschenischen Präsidenten Aslan MASCHADOW sofort verurteilt
9. August 1999
Wladimir PUTIN, ehemaliger hochrangiger Geheimdienstmann, wird neuer russischer Ministerpräsident. Er erklärt, dass es sich bei dem Übergriff in Dagestan um einen tschetschenischen Angriff gegen Russland gehandelt habe
September 1999
Bei mehreren Anschlägen in Moskau kommen Hunderte von russischen Zivilisten ums Leben

„Terror in Moskau: Zum zweiten Mal innerhalb von fünf Tagen ist eine Bombe in einem Wohnhaus der russischen Hauptstadt explodiert. Zum zweiten Mal sind Dutzende von Menschen im Schlaf von den Mauern ihrer Wohnungen erschlagen worden oder unter Schutt erstickt. Als die Sicherheitskräfte mehr als 40 Menschen geborgen haben, ist längst klar, dass noch Dutzende Toter in den Mauerresten des Hauses Kaschirär Chaussee Nummer 6 liegen.“ (Süddeutsche Zeitung v. 14. September 1999)

„Es war der vierte Bombenanschlag auf ein russisches Wohnhaus. Die Terrorwelle hat Anfang September begonnen: Bei zwei Anschlägen in Moskau starben mehr als 200 Menschen, bei einem weiteren Attentat in Buinaksk in der russischen Kaukasusrepublik Dagestan 64 Personen. Die Sicherheitsbehörden vermuten als Täter islamische Fundamentalisten, gegen die die Armee im Kaukasus kämpft. Die 180000-Einwohner-Stadt Wolgodonsk liegt südwestlich von Wolgograd, dem früheren Stalingrad, nicht weit entfernt von den Krisengebieten Dagestan und Tschetschenien. Zu den Moskauer Anschlägen hatte sich am Mittwoch eine bisher unbekannte „Dagestanische Befreiungsarmee“ bekannt. Die von Moskau verantwortlich gemachten tschetschenischen Fundamentalisten bestreiten jede Verwicklung.“ (Süddeutsche Zeitung vom 17. September 1999)

PUTIN erklärt einen Krieg: gegen tschetschenische Terroristen

Die russische Bevölkerung - traumatisiert durch die Anschläge - steht, anders als im ersten Tschetschenienkrieg, tendenziell hinter ihrem neuen Präsidenten

Dreißigtausend russische Soldaten beziehen rund um Tschetschenien Stellung, um das Land vom Norden in die Zange zu nehmen
Oktober 1999
Der zweite Tschetschenien Krieg beginnt. In der ‚heißen’ Kriegsphase wird die tschetschenische Hauptstadt Grosny, die schon im ersten Krieg stark gelitten hatte, nun vollends zerstört. Siehe dazu den Kommentar von Tomas AVENARIUS

Herbst 1999
Die Moskau-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung, Tomas AVENARIUS, und Florian HASSEL von der Frankfurter Rundschau, die eigentlich ‚Konkurrenten’ sind, vereinbaren eine Zusammenarbeit: sie reisen heimlich und illegal nach Tschetschenien, um authentisch berichten zu können
In den folgenden dreieinhalb Jahren führen sie zahlreiche Reportagereisen nach Tschetschenien durch, die alle ohne Aufsicht und Zensur durch die russischen Behörden stattfinden. In beiden Tageszeitungen sind die Reportagen zu lesen. Siehe Die Berichte
November 1999
Das Mandat für die Unterstützungsgruppe in Tschetschenien wird auf dem OSZE- Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs in Istanbul ohne Einschränkung bestätigt
Anfang 2000
Die OSZE- Unterstützungsgruppe arbeitet weiter von ihrem provisorischen Büro in Moskau aus, das ihr seit ihrer Verlegung aus Grosny als Ausweichquartier dient.
Durch Verhandlungen mit der russischen Regierung bemüht sich die OSZE verstärkt um die Rückkehr der Unterstützungsgruppe nach Tschetschenien. Gegenstand der zähen Verhandlungen ist vor allem die Immunität und die Sicherheit für die Unterstützungsgruppe. Diese kann oder will die russische Regierung der Unterstützungsgruppe nicht gewährleisten
29. Februar 2000
Die russische Militärführung erklärt den Krieg im Kaukasus offiziell für beendet und verkündet eine „Normalisierung“ in Tschetschenien
März 2000
Die Unterstützungsgruppe kann tatsächlich eine Reise nach Tschetschenien unternehmen, um sich ein allgemeines Bild von der Lage zu machen. Erwartungsgemäß können sich die Mitglieder der Unterstützungsgruppe aus Sicherheitsgründen nicht frei und ohne russische Sicherheitsbeamte bewegen. Fast alle gesammelten Informationen stammen von russischen Militärkommandanten und von den tschetschenischen Zivilbehörden in Snamenskoje, Gudermes und Argun. Für ein objektiveres Bild wären Kontakte mit Tschetschenen vor Ort nötig gewesen.
Nach seiner Rückkehr nach Moskau äußert der Leiter der Unterstützungsgruppe die Hoffnung, dass die Erkundungsmission der Unterstützungsgruppe in Tschetschenien, wie zuvor mit der zuständigen russischen Behörde vereinbart, in Kürze stattfinden könne
06. April 2000
Nach Vorwürfen massiver Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien sagt Russland drei Fachleuten des Europarates den ständigen Zugang zu der Kaukasus-Republik zu
25. Mai 2000
Die Arbeit der Unterstützungsgruppe kann jedoch nicht beginnen, da sich der russische Innenminister außer Stande sieht, an irgendeinem Standort in Tschetschenien für die Sicherheit der Unterstützungsgruppe zu sorgen
Ende 2001
Die OSZE erreicht die Rückkehr ihrer Unterstützungsgruppe nach Tschetschenien. Fast zweieinhalb Jahre nach dem Abzug ihres internationalen Personals aus den Büros in Grosny kann die OSZE- Unterstützungsgruppe in Tschetschenien ihr neues Quartier in Snamenskoje im Norden Tschetscheniens beziehen
Seit Ende 2001
In der nun folgenden Zeit nehmen die Bezeichnungen „Terror“ und „Anti-Terror-Kampf“ im offiziellen Sprachgebrauch der russischen Regierung eine immer wichtigere Bedeutung ein. Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York tun ein übriges, um den Kampf gegen den „tschetschenischen Terror“ zu legitimieren

Die Leitung der „Anti-Terror-Operation“ wird vom russischen Verteidigungsministerium an den russischen Inlandsgeheimdienst FSB übertragen
23. - 26. Oktober 2002
In Moskau besetzen militante tschetschenische Rebellen das Dubrowka-Theater und bringen knapp 800 Gäste in ihre Gewalt. Anna POLITKOVSKAJA bietet sich zur Vermittlung als Geisel an. Sie wird als Unterhändlerin für die Verhandlungen akzeptiert und versorgt die Festgehaltenen mit Wasser. Den Sturm der russischen Spezialeinheiten und damit den Tod von über 100 Menschen kann sie jedoch nicht verhindern. Unmittelbar danach äußert sie Kritik an der Vorgehensweise der Polizeieinheiten. Sie recherchiert das aus ihrer Sicht "verbrecherische" Vorgehen der Behörden während des Sturms auch dann noch, als viele die Hoffnung auf Klärung bereits aufgegeben haben.

Der russischen Bevölkerung brennt sich diese Tragödie in die Seele ein – der Rückhalt für PUTIN wächst
Ende 2002
Die russischen Behörden und die OSZE können keine Einigung hinsichtlich der Verlängerung des am 31. Dezember ablaufenden Mandats der OSZE-Unterstützungsgruppe in Tschetschenien erzielen, die daraufhin ihre Tätigkeit einstellen muss. Das Mandat der Gruppe hat unter anderem die Förderung demokratischer Institutionen, des Schutzes der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit sowie Bemühungen um eine friedliche Lösung des Konflikts beinhaltet
Januar 2003
Außenminister Igor IWANOW gibt am Silvesternachmittag bekannt, Russland werde das auslaufende Tschetschenien-Mandat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) nicht verlängern. Bisher hatten OSZE-Mitarbeiter in Tschetschenien humanitäre und wirtschaftliche Projekte betreut, vor allem aber Menschenrechtsverletzungen untersucht
4. - 5. Oktober 2003
Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien

„Die Kandidaten für die vom Kreml am Sonntag angesetzte Präsidentenwahl in der kaukasischen Kriegsregion werden immer weniger. So wenige sind es mittlerweile, dass eigentlich gar nicht mehr gewählt werden müsste; nur ein einziger Kandidat hat überhaupt eine realistische Chance. Dieser einzig aussichtsreiche Bewerber - Achmad KADYROW, der Wunschkandidat des Kremls - könnte seinen Amtseid ebenso gut vor der Wahl ablegen. Alle seine Gegner, die sich als denkbare Alternative bewarben, sind auf mehr oder minder wundersame Weise aus dem Rennen geschieden. Dennoch wird gewählt. Schließlich will Russlands Präsident Wladimir PUTIN beweisen, dass er die Lösung des Kaukasus-Konflikts angeht. Einer der inzwischen ausgeschiedenen Gegenkandidaten KADYROWs sagte jüngst: „So wie es aussieht, wird diese Wahl einem Theaterstück mit einem einzigen Schauspieler gleichen,“ so Tomas AVENARIUS für die Süddeutsche Zeitung am 4. Oktober 2003 aus Moskau

Achmad KADYROW wird - erwartungsgemäß - Präsident von Tschetschenien
Anfang 2004
Der Dialog zwischen der russischen Regierung und der OSZE über die Lage in Tschetschenien wird mit dem Ziel fortgesetzt, ein Langzeitprogramm der OSZE für technische Zusammenarbeit in Tschetschenien zu vereinbaren
9. Mai 2004
Bei einer Militärparade, anlässlich des Feiertags zum sowjetischen Sieg über das nationalsozialistische Deutschland, wird Achmad KADYROW durch einen Bombenanschlag getötet

„(…) Das russische Fernsehen zeigte chaotische Bilder. Nach der Explosion begannen die Leibwächter KADYROWs Salvenweise aus automatischen Waffen um sich zu schießen. Die Tribüne war zusammengebrochen, zwischen den Trümmern lagen blutüberströmte Körper, Verletzte wurden weggetragen. Auch die blutige Leiche KADYROWs war zu sehen. Offen ist, wo die Bombe deponiert war. (…) Auf alle Fälle dürfte der Anschlag kaum ohne Mitwisser auf der Seite der Leibgarde KADYROWs ausgeführt worden sein. In den Reihen von KADYROWs Leibgarde befinden sich zahlreiche Überläufer aus den Reihen der Rebellen. (...) Russlands Präsident Wladimir PUTIN drohte den Rebellen Vergeltung an. (...)“ Süddeutsche Zeitung 4. Oktober 2003, Tomas AVENARIUS
22. Juni 2004
Bewaffnete Übergriffe tschetschenischer Rebellen in der Nachbarrepublik

„(...) Der Versuch der Rebellen, ein Gefängnis zu stürmen, scheiterte, dafür räumten sie ein Munitions- und Waffenlager der Polizei aus. Bis drei Uhr morgens lieferten sich die Rebellen Kämpfe mit inguschetischen Sicherheitskräften und eilig per Hubschrauber eingeflogenen Spezialeinheiten des russischen Geheimdienstes FSB. Als der Morgen graute, waren nach offiziellen Angaben nur zwei Rebellen, doch 48 Polizisten, Geheimdienstler und Sicherheitskräfte tot. Dazu mindestens 28 Zivilisten.

Am Dienstag strömten dann tausende russische Soldaten nach Inguschetien. Doch die Rebellen waren schon geflohen, zum Teil in gestohlenen Autos und möglicherweise mit bis zu 20 Geiseln. Inguschetien war lange eine friedliche Republik und nahm bei Kriegsbeginn bis zu 150 000 tschetschenische Flüchtlinge auf.
Doch aus Rebellensicht ist das Nachbarland mittlerweile ein legitimes Kriegsziel: Seit der Kreml Anfang 2002 den Ex-Geheimdienstler Murat Sjasikow zum Präsidenten machte, wurden Flüchtlingslager geschlossen und ihre Bewohner zurück ins Kriegsgebiet gezwungen. Entführungen und Morde durch Todesschwadronen der russischen Geheimdienste und moskautreuer Einheiten gehören seitdem auch in Inguschetien zum Alltag.

Ein inguschetischer Polizist, der am Dienstag kurz Geisel der Rebellen war, berichtete dem Internetdienst ingushetiya.ru, die Angreifer seien Inguschen gewesen und hätten ihm gesagt, sie wollten entführte und ermordete Verwandte rächen.
Der Kreml schweigt über solche Hintergründe und spricht stattdessen vom „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ in Tschetschenien.“ Die Terroristen müssen gefunden und vernichtet werden“, betonte Präsident Wladimir PUTIN.“
Frankfurter Rundschau, 23. Juni 2004, Florian HASSEL
September 2004
In einer Schule in Beslan, nahe der russischen Grenze zu Tschetschenien, kommt es zu einer Geiselnahme von Zivilisten. Ein Kommando tschetschenischer Islamisten bringt am Einschulungstag eine große Anzahl von Schülern, Lehrern und Eltern in ihre Gewalt und droht mit der Sprengung der Turnhalle, in der sie sich mit den Geiseln aufhalten.

Die russischen Behörden sind mit dieser Geiselnahme überfordert. Die Lage gerät schließlich außer Kontrolle. Eine russische Spezialeinheit liefert sich bei der Erstürmung des Gebäudes ein stundenlanges Feuergefecht mit den Geiselnehmern.
Hilfsorganisationen sprechen von über 800 toten Zivilisten. Der Aktion sind die Entführung und spätere Sprengung zweier russischer Passagiermaschinen mit etwa 90 Menschen an Bord sowie ein Anschlag auf eine Station der Moskauer Metro mit 12 Todesopfern vorausgegangen. Die Verantwortung übernimmt jeweils der tschetschenische Rebellenführer Schamil BASSAJEW
8. März 2005
Aslan MASCHADOW, bis in die Zeit des Zweiten Tschetschenienkrieges Präsident von Tschetschenien und seither Anführer der als gemäßigt geltenden Widerstandskämpfer wird von russischen Spezialeinheiten des Inlandsgeheimdienstes FSB ermordet

„(…) Dann umstellten die Soldaten MASCHADOWs Zufluchtsort: das Haus der Familie Jussupow, entfernter Verwandter von Aslan MASCHADOW. „Die Spezialeinheiten schlugen die Tür ein und drangen ins Haus ein“, berichtete ein Teilnehmer der Operation. „Der Hausherr leistete keinen Widerstand und antwortete auf die Frage, wo MASCHADOW und seine Leute seien: Im Keller.“ Der Darstellung des Offiziers im Kommersant zufolge forderte das Kommando MASCHADOW eine Stunde lang vergeblich zur Kapitulation auf. Statt des Rebellenführers hätten sich nur seine drei Leibwächter ergeben, unter ihnen sein Neffe Wischan MURDASCHEW. Daraufhin hätten die FSB-Einheiten eine Granate in den Keller geworfen, sagte Tschetscheniens Innenminister Ruslan ALCHANOW. Einwohner von Tolstoj-Jurt berichteten indes, sie hätten Schüsse und mehrere dumpfe Explosionen gehört.
Dagegen, dass MASCHADOW durch eine Granate starb, sprechen die von einem FSB-Kameramann aufgenommenen und vom Sender NTW gezeigten Bilder seiner Leiche. Weder der entblößte Oberkörper noch der mit einer unversehrten Militärhose bekleidete Unterkörper zeigten Spuren einer Explosion. Unter dem linken Auge war eine dunkle Stelle zu sehen, die ein Einschussloch sein könnte - und ein Hinweis, dass MASCHADOW entweder Selbstmord beging oder von den Soldaten erschossen wurde. (…)“
Frankfurter Rundschau 10. März 2005, Florian HASSEL
Frühjahr und Herbst 2006
Eine Delegation des Anti-Folter-Komitees des Europarats besucht mehrere Einrichtungen des russischen Innenministeriums in Tschetschenien, unter anderem in der Hauptstadt Grosny, wobei die Delegation auf schwer misshandelte Häftlinge trifft (siehe Veröffentlichung März 2007 Anm. der Red.). Das Anti-Folter-Komitee unternahm seit 2000 insgesamt zehn Inspektionsreisen nach Tschetschenien
Januar 2007
Die Presseagentur Associated Press Worldstream meldet am 23. Januar 2007:

„Das russische Oberste Gericht hat am Dienstag das Verbot einer unabhängigen Menschenrechtsgruppe bestätigt, die das militärische Vorgehen Moskaus in der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien immer wieder scharf kritisiert hat.
Ein Sprecher des Gerichts gab die Entscheidung in Moskau bekannt. Mit dem Beschluss stützt das Oberste Gericht eine Entscheidung des höchsten Gerichts der mittelrussischen Region Nischni-NOWGOROD, das die Russisch-Tschetschenische Freundschaftsgesellschaft im Oktober verboten hatte.
Der Leiter der Organisation, Stanislaw DMITRIJEWSKI, bezeichnete das Verbot als unrechtmäßig und als einen Verstoß gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Entscheidung stieß auch auf scharfe Kritik internationaler Menschenrechtsorganisationen. Das Verbot wurde als Versuch Moskaus gewertet, einen Kritiker der Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien zum Schweigen zu bringen."
März 2007
Der PUTIN-treue Ramsan KADYROW, Sohn von Achmad KADYROW, wird Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien

„(…) Mit Demokratie hatte dies wenig zu tun. Nachdem der Kreml Ende 2004 das direkte Wahlrecht in Russlands Regionen abschaffte, werden deren Gouverneure oder Präsidenten faktisch durch Präsident Wladimir PUTIN ernannt und entlassen. (…) Am Donnerstag schlug PUTIN KADYROW dem tschetschenischen Parlament als Präsident vor. Tags darauf nahm die Kammer den „Vorschlag“ an.
Das war nicht verwunderlich: Schließlich wurden die Abgeordneten des Parlaments fast ausnahmslos von KADYROW selbst ausgesucht und im November 2005 in einem massiv gefälschten Urnengang gewählt. Erst im Oktober 2006 erreichte KADYROW freilich mit seinem 30. Geburtstag das Mindestalter für das Präsidentenamt. Um mögliche Zweifel über das richtige Abstimmverhalten auszuräumen, empfing PUTIN KADYROW am Donnerstag in seiner Moskauer Residenz.
(…) KADYROW sei ein idealer Präsident, gab Kreml-Berater Gleb PAWLOWSKIJ in der Zeitung Wremja Nowostej die gewünschte Lesart der Ernennung KADYROWs aus: „Dies ist die symbolische und politische Beendigung des Krieges in Tschetschenien.“

Tatsächlich geht der Untergrundkrieg nicht nur in Tschetschenien weiter, sondern hat sich auch auf die Nachbarrepubliken ausgedehnt. Kaum ein Tag vergeht, an dem Rebellen nicht Soldaten, Polizisten oder Geheimdienstler töten oder diese ihrerseits Zufluchten der Rebellen umstellen und sie mit Schützenpanzern dem Erdboden gleichmachen.
Die Kriegschronik russischer Menschenrechtler notiert im Kaukasus allein für Februar mindestens 48 Tote und 51 Verletzte.
In Tschetschenien selbst regiert KADYROW als Präsident und Herr über Geld aus Moskau und erpresste „Spenden“ für die „Achmad-KADYROW-Stiftung“. Diese werden auch zum Wiederaufbau eingesetzt. Viele Tschetschenen loben KADYROW gegenüber Außenstehenden. „Für uns ist es wie unter Stalin“, erklärt ein tschetschenischer Unternehmer der FR. „Wenn wir den Diktator nicht loben, stehen nachts seine Häscher vor der Tür.“

KADYROW befehligt bis zu 19 000 Bewaffnete, überwiegend frühere Rebellen gegen Moskau. Die KADYROWzi sind für die meisten Entführungen und Morde in Tschetschenien verantwortlich - in einem Fall wurde KADYROW selbst fotografiert, als er eines seiner Opfer im Kofferraum seines Wagens verschwinden ließ. 2006 zählten Menschenrechtler immer noch 172 Entführungen. Insgesamt wurden im zweiten Tschetschenienkrieg 3000 bis 5000 Menschen entführt, viele von ihnen ermordet, so die Menschenrechtler.

Thomas HAMMARBERG, Menschenrechtskommissar des Europarates, kritisierte am Freitag in Moskau Folter und erpresste Geständnisse in tschetschenischen Gefängnissen. In Grosny hatte der Menschenrechtskommissar der von KADYROW geführten Regierung zuvor vorgeschlagen, eine „Wahrheitskommission“ nach südafrikanischem Vorbild zu schaffen. Sie solle das Schicksal tausender spurlos Verschwundener in Tschetschenien klären.“
Frankfurter Rundschau, 3. März 2007, MHEININGER/Florian HASSEL

Der Europarat in Straßburg verurteilt brutale Folter und Verschleppungen durch russische Ordnungskräfte in Tschetschenien. Das Komitee veröffentlicht, anders als gewohnt, zugleich ohne Zustimmung Moskaus seine Schlussfolgerungen aus zwei Inspektionsreisen vom vergangenen Jahr. Diese ungewöhnliche Maßnahme - ohne eine Genehmigung des betroffenen Landes diese Informationen zu veröffentlichen, eine Premiere in der 20-jährigen Geschichte des Komitees - rechtfertigt die Organisation mit der mangelnden Bereitschaft Russlands zur Kooperation
23. April 2007
Tod des ehemaligen russischen Präsidenten Boris JELZIN. Er stirbt im Alter von 76 Jahren an Herzversagen
26.Juli 2007
Der Europäsiche Menschengerichtshof in Straßburg verurteilt die russische Regierung wegen eines Massakers an Tschetschenen, das einem Kriegsverbrechen gleiche, zu Schadensersatz. Geklagt hatten die wenigen Überlebenden der tschetschenischen Familie MUSAJEV und drei weiterer Familien.
Im Februar 2000 waren Truppen des russischen Innenministeriums in den südlichen Bezirk "Novye Aldy" von Grozny eingefallen, um die kleine Vorstadt zu "säubern": Sie mordeten, vergewaltigten und plünderten. 56 Menschen fanden dabei den Tod. Mithilfe der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial und unterstützt durch Schützenhilfe mehrerer russischer und ausländischer Journalisten wagten es die wenigen Überlebenden, den Gang vor das höchste europäische Gericht anzutreten. Die Richter gaben der russischen Regierung auf, nicht nur finanziellen Schadensersatz zu leisten, sondern neu nach den Befehlsgebern zu ermitteln.
Dies war seinerzeit nicht geschehen, weshalb die internationalen Richter den russischen Behörden stillschweigende Zustimmung zu diesem Massaker vorhielten.
PUTIN's Russland reagiert prompt:
  • Russlands oberster Verfassungsrichter, Valery SORKIN, will russischen Bürgern Klagen in Straßburg erschweren
  • die Moskauer Staatsanwaltschaft setzt die Menschenrechtsorganisation Memorial unter Druck: Sie ermittelt wegen der Herausgabe eines 475-Seiten starken Ratgebers, den Memorial mithilfe eines Zuschusses der EU-Kommission in Brüssel veröffentlicht hat. Inhalt des Ratgebers: wie man vor dem Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg klagen kann.
26.Juli 2007
Der Europäsiche Menschengerichtshof in Straßburg verurteilt die russische Regierung wegen eines Massakers an Tschetschenien, das einem Kriegsverbrechen gleiche, zu Schadensersatz. Geklagt hatten die wenigen Überlebenden der tschetschenischen Familie MUSAJEV und drei weiterer Familien.
Im Februar 2000 waren Truppen des russischen Innenministeriums in den südlichen Bezirk "Novye Aldy" von Grozny eingefallen, um die kleine Vorstadt zu "säubern": sie mordeten, vergewaltigten und plünderten. 56 Menschen fanden dabei den Tod. Mithilfe der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial und unterstützt durch Schützenhilfe mehrerer russischer und ausländischer Journalisten wagten es die wenigen Überlebenden, den Gang vor das höchste europäische Gericht anzutreten. Die Richter gaben der russischen Regierung auf, nicht nur finanziellen Schadensersatz zu leisten, sondern neu nach den Befehlsgebern zu ermitteln.
Dies war seinerzeit nicht geschehen, weshalb die internationalen Richter den russischen Behörden stillschweigende Zustimmung zu diesem Massaker vorhielten.
PUTIN's Russland reagiert prompt:
  • Russlands oberster Verfassungsrichter, Valery SORKIN, will russischen Bürgern Klagen in Straßburg erschweren
  • die Moskauer Staatsanwaltschaft setzt die Menschenrechtsorganisation Memorial unter Druck: Sie ermittelt wegen der Herausgabe eines 475-Seiten starken Ratgebers, den Memorial mithilfe eines Zuschusses der EU-Kommission in Brüssel veröffentlicht hat. Inhalt des Ratgebers: wie man vor dem Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg klagen kann.
Dezember 2007
Bei der Wahl zur Duma gewinnt PUTIN's Partei Einiges Russland erwartungsgemäß die Zweidrittelmehrheit aller Sitze. Aus Tschetschenien wird amtlicherseits folgendes Wahlergebnis gemeldet: Wahlbeteiligung 99,5%, Stimmenanteil für die Partei PUTIN's: 99,36%.
Die OSZE hatte in ganz Russland keine Wahlbeobachter entsandt - die Organisation sah darin keinen Sinn, weil sie bereits im Vorfeld massiv behindert wurde.
Zu seinem Nachfolger kürt PUTIN einen seiner engsten Vertrauten: Dmitri A. MEDVEDEV. Beide kennen sich aus PUTIN's Amtszeit in St. Petersburg. Während PUTIN's Präsidentschaft war MEDVEDEV erst wichtigster Referent und Zuarbeiter, dann wurde er von seinem Förderer zum 1. stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt. Um auch die wirtschaftlichen Geschicke besser unter Kontrolle zu halten, wurde MEDVEDEV zusätzlich Vorsitzender des Aufsichtsrats von Gazprom.

August 2008
Erneut Krieg im Kaukasus, diesesmal in Georgien. Die Auseinandersetzungen gehen vom georgischen Staatspräsidenten aus. Russland und die ehemalige Sowjetrepublik streiten sich um Südossetien und Abchasien. DER SPIEGEL berichtet in seiner Ausgabe Nr. 34 ausführlich: "Putins Kalter Krieg". Eine Ausgabennummer später fragt das Nachrichtenmagazin nach der Schuld an diesem Krieg: "Chronik einer Tragödie"
19.01.2009
Stanislav MARKELOV, russischer Rechtsanwalt aus Moskau, der russische, aber auch tschetschenische Bürger nicht nur vor russischen Gerichten, sondern auch vor dem Europäischen Menschengerichtshof in Straßbourg vertritt und bereits 2004 in der Moskauer U-Bahn zusammengeschlagen worden war, wird in Moksau auf offener Straße erschossen. Ebenfalls die ihn begleitende Anastassija BABUROVA, Journalistik-Studentin an der staatlichen Lomonossov-Universität und gleichzeitig Journalistin für die Novaja Gazeta
19.02.2009
Der Moskauer Prozess gegen die angeklagten Beschuldigten im Ermordungsfall Anna POLITKOVSKAJA, werden freigesprochen. Der Oberste Russische Gerichtshof hebt dieses Urteil am 25.Juni wieder auf - wegen Verfahrensfehlern. Seit 5. August wird der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter wieder neu aufgerollt
15.07.2009
Die Bürgerrechtlerin und Journalistin Natalja ESTEMIROVA, eine (ehemalige) Freundin von Anna POLITKOVSKAJA, die u.a. in Tschetschenien für die Bürgerrechtsorganisation memorial Schicksale von misshandelten, gefolterten und verschwundenen Menschen und Familien aufklärt und veröffentlicht, wird vor ihrem Wohnhaus in Grozny entführt und später erschossen aufgefunden. Einer ihrer bekanntesten und schärfsten persönlichen Kritiker: der tschetschenische Präsident KADYROV. Er bezeichnet die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin wenig später in einem Interview mit Radio Svoboda als eine Frau "ohne Ehre, Würde und Gewissen".
Der Moskauer Journalist Moritz GATHMANN hat ihr im Berliner Tagesspiegel einen Nachruf gewidmet: "Nichts als die Wahrheit"
12.08.2009
Sadema SADULAJEVA, Leiterin des Kinder- und Jugendhilfswerks "Wir retten eine Generation" sowie ihr Ehemann Alik DSCHABRAINLOV, werden im Kofferraum eines Kleinwagens in Grozny tot aufgefunden: erschossen. Das Hilfswerk organisiert seit 2001 medizinische und psychologische Hilfe für Kinder und Jugendliche, die an den traumatischen Folgen der Tschetschenienkriege leiden