So entstand die Geschichte



Am 19. September 2004 feiert die NPD bei der Landtagswahl in Sachsen ein überraschend hohes Ergebnis: Mit 9,2 Prozent der Stimmen und 12 Mandaten, nur 0,6 Prozentpunkte und ein Mandat weniger als die SPD, wird sie nach CDU, PDS und SPD die viertstärkste Kraft, noch vor der FDP und den Grünen. Auch wenn die Wahlbeteiligung mit 59,6% nicht sehr hoch ausfällt, macht sich die NPD nun auch Hoffnung auf den Einzug in das schleswig-holsteinische Landesparlament am 20. Februar 2005.

Um sich selbst in möglichst gutem Licht zu präsentieren, will die NPD an den Beginn ihres Wahlkampfes eine Veranstaltung stellen, die den Medien einen ‚unverfälschten Einblick’ ermöglichen soll. Die Einladung zu dieser Veranstaltung erreicht die Medienvertreter via Fax am 30.11.2004: bei Interesse solle man sich beim Pressesprecher melden, ”um den Sammelpunkt zu erfahren”.

Volker Steinhoff von panorama recherchiert und berichtet regelmäßig über die rechte Szene. Auch aus diesem Grund hat er sich schon lange vorher auf den entsprechenden Verteiler setzen lassen und erhält dieses Fax.

Hier finden Sie weitere Berichte, die Volker Steinhoff über den rechten Rand gemacht hat.

Ungewöhnlich mag der nur indirekt erfahrbare Veranstaltungsort scheinen, den man - nach Anmeldung - erst im Nachhinein genannt bekommt. Doch bei der NPD und anderen rechten Institutionen wird dies häufiger praktiziert, um gewisse Menschen ausschließen zu können, die nicht erwünscht sind. So werden beispielsweise auch Skin-Konzerte und ähnliches arrangiert.

Im konkreten Fall will man neben den Mitgliedern und Sympathisanten auch Medienvertreter dabei haben, auf die man für die geplante positive Außendarstellung nicht verzichten kann.

Als Sammelpunkt wird der kleine Ort Tornesch, nordwestlich von Hamburg ausgewählt. Dort wird die eigentliche Adresse bekannt gegeben: das Hotel ”Zur Steinburg” an der Bundesstraße 5 in Steinburg bei Itzehoe.

Der Hinweis ”Geschlossene Gesellschaft” lässt erahnen, dass hier nicht jeder willkommen ist und dass auf zuviel Aufmerksamkeit kein Wert gelegt wird - Medienvertreter ausgenommen.

Der Saal ist vollbesetzt, der Medientisch ebenso: die lokalen Zeitungen aus Schleswig-Holstein, Redakteure von der taz und vom Hamburger Abendblatt aus Hamburg sowie Volker Steinhoff vom NDR haben sich angemeldet.

Nun beginnt der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt seine Rede …

Bis hierhin entspricht der Verlauf sicherlich den Planungen der NPD. Schließlich hat man die Anfahrt quasi generalstabsmäßig und ‚konspirativ’ organisiert und sogar die Polizei in die Planungen miteinbezogen. Diese ist nämlich, in Absprache mit dem Veranstalter, nur durch einige zivile Beamte, die das Lokal bewachen sollen, vor Ort vertreten, damit der Veranstaltungsort möglichst nicht bekannt wird.

Doch die Planung der NPD geht nicht auf. Gegen 15 Uhr tauchen unvermittelt etwa 50 teilweise vermummte Angehörige der ”Linken Szene” auf und beginnen mit Steinen und Flaschen gegen das Veranstaltungsgebäude zu werfen, woraufhin etliche der etwa 80 NPD-Getreuen aus dem Lokal stürmen und sich mit Stühlen und Tabletts bewaffnet auf die vermummte Gruppe stürzen. Angeblich, um die Angreifer festzunehmen und sie wegen Störung den amtlichen Ordnungskräften zu übergeben. Dazu indes kommt es nicht. Es kommt vielmehr zu tumultartigen Szenen, wie die aufgenommenen panorama-Bilder dokumentieren …

panorama-Redakteur Volker Steinhoff hatte sozusagen Reporterglück - er war nicht alleine vor Ort, sondern hatte einen Kameramann dabei, der jetzt die Bilder einfangen konnte. Damit war der erste Teil des späteren panorama-Beitrags ‚im Kasten’, wie es in der Reportersprache heißt.

Während die Polizei sich damit zu beschäftigen hatte, Anzeigen wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung zu erstellen, waren auch die in Steinburg anwesenden Journalisten bei der Arbeit, was für die meisten hieß: beim Schreiben. Volker Steinhoff befand sich in einer besonderen Situation, denn er hatte bewegte Bilder der Geschehnisse, die er mit Inhalt und weiteren Recherchen unterlegen wollte.

Den Grund, sich nicht auf die mediengerechten Krawall-Bilder zu beschränken, sondern zusätzliche Recherchen anzustellen, beschreibt Volker Steinhoff so: ”Weil die Bilder wenig Argumente für seriöse Sachkritik bieten, die Fakten zu den anderen hingegen schon. Ein Beitrag muß nicht nur ’wirken’, sondern auch kritischen Nachfragen standhalten”. Also nicht nur Bilder zeigen, sondern Inhalte in den Vordergrund stellen.

Die nächste panorama-Sendung ist für den 6. Januar angesetzt. So gibt es genug Zeit für die Recherche. Die lohnt sich dann auch. Denn neben den NPD-Politikern, die gewaltausübend auf den Bildern zu erkennen sind, gibt es weitere Kandidaten und Funktionsträger, die angeblich friedliche Politik machen wollen, aber eine dem widersprechende Vergangenheit besitzen:
  • 7 Jahre Gefängnis
  • mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung
  • Gefängnis
  • Anklage wegen versuchten Mordes an Asylbewerbern und 4 Jahre Gefängnis

Der panorama-Beitrag wirkt daher nicht nur durch die Bilder, sondern auch durch die Recherche.