Punkband PUSSY RIOT

Feministische Punk-Gruppe - bestehend aus über 10 Frauen;
die 3 Künstlerinnen, die im März 2012 verhaftet wurden, sind von Amnesty International (AI) als „Politische Gefangene“ eingestuft

Die inzwischen bekanntesten Mitglieder der feministischen Punkband "PUSSY RIOT" sind

  • Nadezhda TOLOKONNIKOWA (Nadezhda TOLOKONNIKOVA, Надежда ТОЛОКОННИКОВА)
  • Maria ALJOCHINA (Maria ALEKHINA, Мария АЛЕХИНА)
  • Ekaterina SAMUTSEWITSCH (Ekaterina SAMUTSEVICH, Екатерина САМУЦЕВИЧ).


Sie hatten am 21. Februar 2012 in der großen traditionsverwurzelten "Christ-Erlöser-Kathedrale" mitten in Moskau eine Aktion gestartet: ein Punk-Gebet "Mutter Gottes, vertreibe PUTIN!" (s.u.)

Weitere Mitglieder sind nur unter Pseudonymen bekannt: BALAKLAWA, MANJKO, TJURJA, GARADZHA, BLONDI, POCHLEBKA, SCHLJAPA, SCHUHMACHER, SERAFIMA, VOZHZHA, KOT, SCHAIBA, SPARROW und SQUIRREL. Die Idee: Wenn alle anonym bleiben und jemand verhaftet wird, müssen bzw. können die andere sie ersetzen.

Offiziell gegründet wurde die Punkrock-Band im November 2011, als die Aktionskünstlerinnen ihr erstes Video "Oswobodi brustschatku!" ins Netz gestellt hatten (siehe aktiven screenschot). Vorbild war die westliche feministische Punk-Band aus den frühen 90er Jahren in den USA namens "Riot Grrrl", die sich dem politischen Feminismus zugehörig fühlte.

Die politischen Ziele von PUSSY RIOT:

  • Feminismus
  • Kampf gegen Strafverfolgungsbehörden
  • Schutz der Homosexuellen, Bisexuals und Transgenders
  • Dezentralisierung der staatlichen Macht
  • Schutz des Chimki-Waldes und
  • das Verlegen der Hauptstadt Russlands nach Ostsibirien.


Das Aktionsprinzip von PUSSY RIOT: nicht genehmigte und spontane Auftritte sozusagen an verbotenen Orten: in den U-Bahnhöfen, auf dem Dach einer Strassenbahn oder dem Roten Platz: 

Am 14. Dezember 2011 sie singen ihres Lied "Smert turjme, swoboda protestu" (Tod dem Gefängnis, Freiheit für Protest) auf dem Dach des Gefängnisses, wo Gefangene inhaftiert sind, die am 5. Dezember demonstriert hatten.

Am 20. Januar 2012 veranstalten sie ein Konzert auf dem Roten Platz - sie werden festgenommen wurden und müssen 500 Rubel (etwa 12 Euro) Strafe zahlen.

Der 21. Februar 2012 wird ihr (vorläufiger) Höhepunkt: Sie gehen in die riesige "Chist-Erlöser-Kathedrale", bauen ihre Instrumente auf, fangen an zu singen und zu spielen, u.a. ein Lied, das sie Punk-Gebet nennen "Mutter Gottes, vertreibe PUTIN!" bis nach etwa 40 Sekunden die ersten Ordnungskräfte einschreiten, den Strom abschalten und die drei Frauen aus der Kathedrale vertreiben (siehe aktiven Screenshot):

Das Motiv der drei Frauen: Dagegen zu protestieren, dass sich der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche im andauernden Wahlkampf öffentlich und einseitig für die Wahl von PUTIN zum (abermals) neuen Staatspräsidenten ausgesprochen hatte.

Und so lautet das

Punk-Gebet

Mutter Gottes, du Jungfrau,
vertreibe Putin, vertreibe Putin, vertreibe Putin!

Schwarzer Priesterrock, goldene Schulterklappen
Alle Pfarrkinder kriechen zur Verbeugung.
Das Gespenst der Freiheit im Himmel.
Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt.

Der KGB-Chef ist Euer oberster Heiliger.
Er steckt die Demonstranten ins Gefängnis,
um den Heiligsten nicht zu betrüben,
müssen Frauen gebären und lieben.

Göttliche Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Göttliche Scheiße, Scheiße, Scheiße!

Mutter Gottes, du Jungfrau,
werde Feministin, werde Feministin, werde Feministin!

Kirchlicher Lobgesang für die verfaulten Führer
Kreuzzug aus schwarzen Limousinen.

In die Schule kommt der Pfarrer,
geh zum Unterricht - bring ihm Geld.

Der Patriarch glaubt an Putin.
Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben.

Der Gürtel der Seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen
Die Jungfrau Maria ist bei den Protesten bei uns!

Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin,
vertreibe Putin, vertreibe Putin, vertreibe Putin!


Mehrere Tage nach dieser Aktion erhebt die Moskauer Staatsanwaltschaft Anklage: nicht wegen einer Ordnungswidrigkeit, sondern wegen "Rowdytums" und "Hoologanismus", was mit einem Höchststrafmaß von bis zu 7 Jahren Gefängnis bestraft wird. Der russische Kirchenpatriarch KIRILL setzt noch eind drauf: Aufgrund eines jahrhundertalten kanonischen Kirchengesetzes sollen die drei Frauen auch noch wegen "religiöses Hasses" verurteilt werden.

Damit dabei auch alles 'seine Odnung hat', müssen mehrere "Geschädigte" bei dem Strafprozess auftreten: die Kerzenverkäuferin in der Kathedrale, der Hausmeister und 6 Besucher.

Der Prozess findet vom 30. Juli bis 8. August im Moskauer Chamownitscheskij - Gericht statt - dort, wo Richter DANILKIN zuletzt CHODORKOWSKI zum zweiten Male zu weiteren 7 Jahren sibirisches Straflager verurteilt hatte. Er ist der Vorsitzende dieses Gerichts und auch der Richterin Marina SYROWA (Марина СЫРОВА), die die Verhandlung führt. Der mehrtätige Prozess wird. t.w.im Internet gestreamt. Die Zeitung Nowaja Gaseta hat die wichtigsten Momente festgehalten (siehe aktiven Screenshot).

Das Strafverfahren wird weltweit beobachtet - der Name PUSSY RIOT ist inzwischen vielen Menschen ein Begriff, nicht nur bei internationalen Künstlern, die sich für ihre Berufskollegen einsetzen. Wladimir PUTIN meint denn auch bei seiner Kurzvisite im Londoner Olympiastadion, die Strafe solle "milde" ausfallen. Der junge Moskauer Staatsanwalt fordert daher auch (nur) 3 Jahre Gefängnis.

Die Richterin hat 'ihr' Urteil am Freitag, den 17. August 2012 gesprochen:

  • alle haben sich des "Rowdytums aus religiösem Hass" schuldig gemacht
  • alle müssen 2 Jahre ins Gefängnis.


Rund 50 Personen, die vor dem Gerichtsgebäude demonstrieren, werden vorübergehend festgenommen.

Für Jekaterina SAMUZEWITSCH wandelt das Moskauer Stadtgericht die Gefängisstrafe in eine Bewährungsstrafe um. Begründung: Ihre geplante beleidigende Handlung sei rechtzeitig von den kirchlichen Sicherheitsleuten unterbunden worden. Die beiden anderen müssen ins Straflager.

Das gnadenlose Gerichtsverfahren und die weltweiten Proteste haben "Pussy Riot" inzwischen zu einer Art Markenzeichen gemacht - nicht nur für die Opposition in Russland. Über den Prozess hat Moritz GATHMANN im Tagesspiegel berichtet: Auf Teufel komm raus. Wie die Punk- und Rockmusik schon früher zum Protestmedium wurde, hat Fabio GHELLI nachgezeichnet: Protest-Pop. Die Ahnen von Pussy Riot: Wie Punk- und Rockmusik in Russland zum Protestmedium wurde..


Videos der Aktionskünstlerinnen von PUSSY RIOT im Internet:

Dass die Gruppe immer noch am Leben ist, zeigt das neueste Video vom 17. Juli 2013: "Как в красной тюрьме / Like a Red Prison".

War es im Punk-Gebet um die (unheilige) Allianz Kirche und politisches System in Russland gegangen, so steht hier das Zusammenspiel zwischen dem staatlichen Ölkonzern Rosneft und dem Unterdrückungsapparat im Visier (siehe aktives Bild).

Durch ein Amnestie-Gesetz, das PUTIN rechtzeitig vor Sotchi auf den Weg gebracht hat, sind auch die letzten beiden Gruppen-Mitglieder vorzeitig aus der Lagerhaft entlassen worden. 

Wo die Person ebenfalls eine Rolle spielt: