Die Erlanger VALENTIN-Schule: Wie man die herrschende Meinung organisiert

Erlangen liegt bekanntlich in Bayern, Mittelfranken, knappe 20 Km von Nürnberg entfernt. Erlangen gibt es aber auch deutschlandweit, fast überall. Jedenfalls wenn es um die Philosophie der bundesdetschen Arbeitsmedizin geht. Mit drei Begriffen lässt sich diese Erlanger Medizinphilosophie umschreiben:

  • „Schicksalhafte Erkrankungen“
  • „nicht hinreichende Wahrscheinlichkeit“
  • „Rentenjäger

Zu deutsch: Wenn jemand durch seine Hände Arbeit krank wird, hängt das weniger mit dem Arbeitsplatz oder gefährlichen Stoffen wie Asbest, Quecksilber oder andere Chemikalien zusammen. Vielmehr ist dies „schicksalshaft“ bedingt. Und alle, die das nicht wahrhaben wollen und wegen einer berufsbedingten Erkrankung auf Anerkennung einer „Berufskrankheit“ klagen, um Schadensausgleich oder wegen „Minderung der Erwerbsfähigkeit“ eine Rente zu erhalten, so wie das – eigentlich – im System der Gesetzlichen Unfallversicherung vorgesehen ist, gelten aus Erlanger Sicht als „Rentenjäger“. Die Begrifflichkeiten hat Prof. Dr. med. Helmut VALENTIN (1919 – 2008) geprägt, Begründer der Erlanger VALENTIN-Schule. So hat er es auch flächendeckend kommuniziert und praktiziert.

VALENTIN hatte - 46jährig – im Jahr 1965 den allerersten Lehrstuhl für Arbeitsmedizin inne, bundesweit. Und er prägte nicht nur sein eigenes Institut für Arbeitsmedizin und seine eigene Klinik, er setzte als langjähriger Vorsitzender des Medizinischen Fakultätentags das Fach „Arbeitsmedizin“ als studierfähigen Medizinschwerpunkt durch, als Approbationsfach. Und sorgte dafür, dass seine vielen Schüler überall zu Ruhm und Ehre gelangten: ebenfalls als arbeitsmedizinische Ordinarien an den anderen Universitäten, die alle nach und nach das neue Gebiet der Arbeitsmedizin in ihre Curricula übernahmen. Und damit die Erlanger Philosophie. Und nur (sehr) wenige, die bei ihm 'gelernt' hatten, gingen einen anderen Weg - einen Weg, der sich an einer von der Industrie unabhängigen Arbeitsmedizin orientierte. 

Buchcover: Gesine ELSNER's VALENTIN-Biographie

Der schnelle Aufstieg

Und so sah seine "CV" aus: VALENTIN hatte sich bei seiner Doktorarbeit auf die Tuberkolose fokussiert, die er bei zwei gestandenen NS-Medizinern absolvierte - beide Mitglied in der NSDAP, einer zusätzlich in der SS. Krankheiten, schwere allemal, galten als erbanlagenbegründet. Die Erbanlagen wiederum hingen von der jeweiligen Rasse ab. So hat die frühere Direktorin des arbeitsmedizinischen Instituts in Frankfurt/M., Prof. Dr. Gesine ELSNER, die Vorgeschichte recherchiert, die zu den ganz wenigen Erlanger- und VALENTIN-kritischen Arbeitsmedizinern gehört. Ihr Buch über Helmut VALENTIN trägt denn auch den Titel „Konstitution und Krankheit“. 

VALENTIN war schlau genug, die nach 1945 verpönten Begrifflichkeiten der nationalsozialistischen Rasse- und Erbanlagentheorie zu vermeiden. Übertrug aber die Grundgedanken auf seine alltägliche Arbeitspraxis zunächst an der internistischen Universitätsklinik in Köln, wo er - wiederum bei einem ehemals überzeugten Nazi-Mediziner - seine Karriere begann: Assistenzarzt, Oberarzt, Habilitation. 

Sein Kölner Lehrer, Hugo Wilhelm KNIPPING, hatte schon 1938 zu Papier gebracht, wie er die medizinische Mission sah: Die Ärzte müssten sich im Klaren sein, „was denn die betriebliche Praxis in erster Linie von uns wissen will.“ Konkret: Sie muss „von uns erfahren, ob der zu Beurteilende aus gesundheitlichen Gründen noch für schwere, mittlere bzw. leichte Arbeit geeignet ist und in welchem Umfange.“ Dazu hatte KNIPPING eigenen Angaben zufolge „Tausende von Herz- und Lungenfunktionsprüfungen“ bei schwerer und leichter Arbeit durchgeführt und Statistiken zusammengestellt. Ziel: Simulanten zu entlarven. „Bei Simulanten sind die Schwankungen ungewöhnlich groß und unmotiviert, denn der zu Prüfende kann an den verschiedenen Tagen den vorgetäuschten Wert nicht so gleichmäßig reproduzieren wie ein Gesunder oder ein organisch Kranker“, so der VALENTIN-Lehrmeister.

"Helmut VALENTIN setzte diese Arbeiten in der Knipping’schen Klinik in Köln im Wesentlichen fort“, schreibt Gesine ELSNER in ihrer VALENTIN-Biographie. Und kam so „schnell zur Arbeitsmedizin und zur Untersuchung der arbeitsbedingten Leistungsfähigkeit bzw. der Arbeitsinsuffizienz“. 

Mit seinem Ruf auf den bundesweit ersten Lehrstuhl für Arbeitsmedizin an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen begann dann das eigentliche Wirken von Helmut VALENTIN. 

Der Papst der Arbeitsmedizin

Der erste, der ein Thema besetzen kann, hat immer die besten Chancen. Vor allem wenn das Umfeld günstig ausfällt. Von 1969 bis 1982 wurde die Bundesrepublik von einer sozialliberalen Koalition regiert. Aspekte wie „Humanisierung des Arbeitslebens“ und Arbeitsschutz standen auf der Agenda. Ein neu erlassenes „Arbeitssicherheitsgesetz“ regelte die Pflichten von Unternehmen, Betriebsärzte und/oder Sicherheitsingenieure einzustellen. Staatlich bestallte Gewerbeärzte sollten die Maßnahmen überprüfen usw. 

VALENTIN sah seine Chance und ergriff sie, gab 1971 zusammen mit Gleichgesinnten ein „Kurzgefasstes Lehrbuch für Ärzte und Studenten“ heraus, bevor er dann zusammen mit einem Repräsentanten der Berufsgenossenschaft Chemie, Dr. jur. Alfred SCHÖNBERGER, und einem der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege, Dr. jur. Gerhard MEHRTENS, das Standardwerk schuf, das bis heute gilt und inzwischen in 9. Auflage (2017) auf über 1.300 Seiten erschienen ist: „Arbeitsunfall und Berufskrankheit“. Bezeichnend der Untertitel: „Rechtliche und medizinische Grundlagen für Gutachter, Sozialverwaltung, Berater und Gerichte“. 

Die enge Kooperation mit den Berufsgenossenschaften bzw. den dahinter stehenden Unternehmen ist prägend für VALENTIN und seine Schule. „VALENTIN stand auf der Seite der Arbeitgeber, und er arbeitete im Interesse der Industrie“, schreibt Gesine ELSNER gleich in ihrer Einleitung. 

Das lässt sich an unzähligen Beispielen belegen. 

Beispiel Quecksilber:

In dem kleinen oberfränkischen Städtchen Marktredwitz existierte bis zur amtlichtlicherseits verfügten Schließung im Jahr 1985 die „Chemische Fabrik Marktredwitz (CFM“, die diverse Quecksilberverbindungen für unterschiedliche Endprodukte produzierte: als Fungizide gegen Pilze, Herbizide gegen Unkraut, Pestizide gegen Schädlinge. Die Produktionsmethoden waren primitiv und anachronistisch, so wie man es Jahre später von den „VEB Leunawerken Walter Ulbricht“ erfahren sollte: Quecksilberreste tropften aus allen Rohren, Boden und Wände waren vollgesogen von dem flüssigen Metall, Absauganlagen gab es keine. Die zuständige Berufsgenossenschaft Chemie hätte den Betrieb eigentlich schließen müssen, so wie es in solchen Fällen – eigentlich - ihre Aufgabe gewesen wäre. Tat sie aber nicht, beschränkte sich mit dem Verhängen von wirkungslosen Auflagen. Insgesamt 33 Mal. 

Die „Folgen der jahrzehntelangen kriminellen Verantwortungslosigkeit“, wie es DER SPIEGEL 1990 nannte, bekamen die Beschäftigten zu spüren: „Sie zahlten mit ihrer Gesundheit.“ Konkret: Von 60 Arbeitnehmern hatten 43 einen Antrag auf Anerkennung ihrer beruflich bedingten Gesundheitsschäden gestellt. Drei von ihnen konnten sich damit durchsetzen. Bis auf einen (einzigen) Fall hatte VALENTIN in seinen Gutachten einen Zusammenhang zwischen Quecksilberbelastung und gesundheitlichen Schäden abgestritten. 

Dabei war die Situation – eigentlich – völlig klar: 

  • Quecksilber ist hoch toxisch. Deshalb wurde 1971 der tolerierte Wert von Quecksilberresten im Urin von 250 Mikrogramm pro Liter auf 100 herabgesetzt. Heutzutage beträgt er 30 Mikrogramm pro Liter Urin.  
  • Bereits Ende der 70er Jahre hatten Mitarbeiter von VALENTIN, Rainer SCHIELE (später Prof. f. Arbeitsmedizin in Jena), Thomas GROBE (später Prof. f. Psychiatrie) und Chemieingenieur Karl-Heinz SCHALLER, Messungen durchgeführt und ihre Ergebnisse im Branchenblatt „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Präventivmedizin“ zum Besten gegeben: Belastungswerte von bis zu 1.800 Mikrogramm pro Liter im Urin. 

Sinnigerweise widmeten die Autoren ihre Veröffentlichung ihrem großen Meister zu dessen 60. Geburtstag im November 1979. Und kamen zu dem Ergebnis, dass die „große Zahl auffälliger Befunde“ nicht nur auf die Quecksilberexposition zurückzuführen sei, sondern dass hier die örtliche und soziale Selektion sowie andere außerberufliche Einflussfaktoren sowie Simulationstendenzen eine Rolle spielten. Und nur für das beobachtete eingeschränkte Kurzzeitgedächtnis konnte das Erlanger VALENTIN-Trio eine statistische Abhängigkeit zwischen Expositionsdauer und Belastungsdosis feststellen, die aber gleich relativiert wurde: „Die in dem Kollektiv gefundenen Minderbegabungen“ seien „anlagebedingt“.

Filmausschnitt aus "Quecksilber in Marktredwitz" von Gert MONHEIM im WDR 1988 (Anklicken öffnet den Film auf YouTube)

Insgesamt drei wissenschaftliche Publikationen gab die „kriminelle Verantwortungslosigkeit“ (SPIEGEL) für die Erlanger VALENTIN-Schule her. VALENTIN kannte die Situation vor Ort, war selber zu einem allerersten Gespräch nach Marktredwitz gereist, das der Betriebsrat angeleiert hatte.

Der Vorsitzende des Betriebsrats erinnert sich später an diese Situation so, als er 1990 vor einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag über die Betriebsschließung angehört wurde. Zuvor war der Umweltskandal aufgeflogen, der Geschäftsführer wegen „umweltgefährdender Abfallbeseitigung und fahrlässiger Gewässerverunreinigung“ zu einer (Geld)Strafe verurteilt worden.

„Der Betriebsrat hatte sich damals von Herrn Prof. Valentin sehr viel erhofft, wurde aber bitter enttäuscht. Denn es mußte schon irgendwie grotesk anmuten, wenn Herr Valentin bei der Betriebsbegehung mit Quecksilber, mit metallischem Quecksilber spielte, und meinte, es wäre doch gelacht, wenn man die Firma nicht sanieren könnte ... Das stärkste Stück aber hat sich Herr Valentin erlaubt, als er auf die Frage, wie man das große Problem der Abfallbeseitigung angehen wolle, da antwortete Herr Valentin – und das war der größte Witz -, dann suchen Sie sich im freien Gelände, also im Hof, einen großen Platz und tragen dort sämtliche Quecksilberabfälle zusammen, Schlämme, organische und anorganische Quecksilber-verbindungen,  und lassen diese dann in freier Natur verdampfen. Wir hatten natürlich, also das heißt der Betriebsrat hatte den Eindruck, ich komme nicht umhin, das so zu formulieren, daß Prof. Valentin genau das gemacht hat, was die Berufsgenossenschaft wollte.“

Bis 1981 hatte die MAK-Kommission, zuständig für „Maximale Arbeitsplatz Konzentration“-Grenzwerte die tolerierbare Quecksilber-Dosis nur in der Luft gemessen: 100 Mikrogramm pro Kubikmeter. Für Quecksilberrückstände im Urin galt bis 1970 ein Wert von 250 Mikrogramm pro ausgeschiedenem Liter. Weil Quecksilber bekanntermaßen für die Menschen gesundheitlich hoch problematisch ist, wurde dieser Wert 1971 auf 100 Mikrogramm reduziert. Dies war ein quasi inoffizieller Wert, den die Berufsgenossenschaften selbst als "Grundsatz G 9" so definiert hatten. 

Darüber gab es im Oktober 1981 nun eine Diskussion, in die sich auch VALENTIN einbrachte. Er berief sich auf die Empfehlungen seiner Mitarbeiter SCHIELE, GROBE, SCHALLER, die zwei Jahre zuvor publiziert hatten, dass "die Einhaltung der von uns vorgeschlagenen Grenzwerte ... 200 Mikrogramm/g. K. im Urin bzw. 50 Mikrogramm Hg/L Blut ... unseres Erachtens einen genügend großen Schutz und einen ausreichenden Sicherheitsbereich für die exponierten Arbeitnehmer gewährleiste."

Weil die MAK-Kommission in diesem Jahr erstmals BAT-Werte definierte ("Biologische Arbeitsplatz-Toleranzwerte", gemessen alternativ im Blut oder Urin), bestand das Ergebnis dieser Diskussion darin, dass der tolerierbare Wert - jetzt offiziell als "BAT"-Wert gekennzeichnet - ab sofort 200 Mikrogramm Quecksilber pro Liter Urin betrug. So gesehen wieder erhöht bzw. verdoppelt wurde.

Der damalige Gewerkschaftssekretär der IG Chemie-Papier-Keramik Gerd ALBRACHT (später Abteilungsleiter für Arbeitsschutz im hessischen Sozialministerium) nahm dazu im Bayerischen Landtag folgendermaßen Stellung:

„Es war eigentlich nicht erkennbar, warum dieser Wert erhöht wurde. Wenn man genau hinguckt - und dies ist auch bei einer Sitzung einmal dargelegt worden - , dann hat dies wohl den wichtigsten Grund darin gehabt, daß man eben für die Chemische Fabrik Marktredwitz Situationen schaffen wollte, daß man nicht ständig über einem Grenzwert liegt. Diese Empfehlung ist von Herrn Prof. Valentin trotz der bekannten Erkrankungsfälle von Quecksilberintoxikationen an die Berufsgenossenschaft weitergegeben worden, die für die Erstellung dieser Grundsätze federführend zuständig war."

VALENTIN, der ebenfalls als „Zeuge“ vor den U-Ausschuss geladen war, stritt diesen Zusammenhang ab – er wäre gar nicht Mitglied der MAK-Kommission gewesen. Korrekt. VALENTIN selbst war nicht Mitglied der MAK-Kommission. VALENTIN war Vorsitzender des Ärztlichen Sachverständigenbeirats Berufskrankheiten beim Bundesarbeitsministerium. Und er war Präsident der Bayerischen Akademie für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin in München. In der MAK-Kommission saß ein anderer: Dipl. Chemiker Karl-Heinz SCHALLER, Mitautor von allen drei Quecksilberpublikationen und enger Mitarbeiter von Helmut VALENTIN.

Zu diesem Umweltskandal gibt es übrigens einen preisgekrönten Film, den der Westdeutsche Rundfunk 1988, ein Jahr vor Einsetzung des Parlamentarischen U-Ausschusses in München, in der Reihe „Gesucht wird …“ ausgestrahlt hatte: „Quecksilber in Marktredwitz“ des Journalisten Gert MONHEIM (siehe Bildausschnitt). Der Abschlussbericht des Parlamentarischen U-Ausschuss im Bayerischen Landtag aus dem Jahr 1990 lässt sich hier lesen oder downloaden: Chemische Fabrik Marktredwitz (Drucksache 11/17677).

Positionierung bei Asbest und Tabak

Da VALENTIN als „Papst“ der Arbeitmedizin galt, musste er zu allem eine wissenschaftliche Meinung haben. So auch zu Asbest. 

Die Asbestose ist seit 1936 als Berufskrankheit anerkannt, seit 1943 auch asbestbedingte Lungenkrebsfälle (Bronchialkarzinome). Ein sog. Mesotheliom (Tumor des Lungen- oder Bauchfells oder des Herzbeutels) wurde erst 1975 in die Berufskrankheitsliste aufgenommen. 

Anfang der 70er Jahre, nachdem VALENTIN in Amt und Würden war, nahm der öffentliche Druck angesichts steigender asbestbedingter Krebs- und Todesraten zu. Die Industrie machte sich überhaupt keine Gedanken über gesundheitliche Folgen. „Mit Asbest schützen wir die Armen, es wäre unmoralisch, es ihnen zu verweigern“, predigte auf allen Kontinenten George McCAMMON, Präsident der „Asbestos International Association (AIA)“. Um ein „Gegengewicht gegen sogenannte Asbestoseärzte“ aufzubauen, so eine interne Notiz, hatten die Asbestproduzenten für die Gründung eines „unabhängigen wissenschaftlichen Beirats der Wirtschaftsverbände Asbest und Asbestzement“ nach einer geeigneten Koryphäe gesucht, die nach außen hin Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit vermitteln sollte. Die fand man in Helmut VALENTIN. Und VALENTIN akzeptierte. Unter seiner Leitung wurde auch eine Asbest-Studie durchgeführt. Sie wurde nie veröffentlicht.

Inzwischen ist Asbest längst verboten (in Deutschland seit 1995, europaweit seit 2005).

Inzwischen vorgeschriebene Warnhinweise auf Zigarettenschachteln

Und auch beim Thema Tabak bzw. dem umstrittenen Passivrauchen wurden die Zigarettenhersteller schnell fündig. VALENTIN, der 1977 gerade dabei war, eine umfangreiche Literaturrecherche über Tabakrauch in der Umwelt zusammenzustellen, schlug dem Verband der Cigarettenindustrie (VdC) vor, „dass – falls er finanzielle Hilfen bekäme – dies die Fertigstellung des Berichts beträchtlich beschleunigen würde, da die Mittel in deutschen Universitäten ziemlich knapp bemessen seien. … Bezüglich des behaupteten Zusammenhangs zwischen Rauchen und chronischen Atemwegserkrankungen wie Bronchitis oder Emphysem sind die Ansichten von Prof. Valentin moderat, er glaubt, dass Rauchen ein Faktor unter mehreren Ursachen ist.“ 

So der schriftliche Bericht eines US-amerikanischen Tabakvertreters an seinen Arbeitgeber RJ Reynolds. Mehr Details dazu in Gesine ELSNER’s Buch „Konstitution und Krankheit. Der Arbeitsmediziner Helmut Valentin und die Erlanger Schule“.

Theorie und Praxis

In ihrem Buch geht ELSNER davon aus, dass VALENTIN die Meinung vertrat, „dass weniger als ein Prozent aller bösartigen Erkrankungen durch Arbeit und Beruf verursacht würde.“  

Und dies ist auch der Grund, weshalb so gut wie alle Gutachten, die Berufsgenossenschaften oder Richter an den Sozialgerichten bei der Erlanger Arbeitsmedizin in Auftrag gaben, immer mit dem gleichen Tenor endeten: Zusammenhänge zwischen Exposition und Krankheitsbild sind „nicht hinreichend wahrscheinlich“ bzw. Gesundheitsschäden „schicksalhaft“. 

Und so ist es nur konsequent, dass die Erlanger VALENTIN-Schule regelmäßig Probleme und Gefahren herunterspielt, keine Zusammenhänge zwischen gefährlichen Expositionen und gesundheitlichen Folgen erkennen mag. Und diese Anschauungen bis zuletzt aufrecht erhält. Bis es nicht mehr funktioniert:

  • Asbest und Passivrauchen hatten wir hier oben angesprochen - VALENTIN war seinen Auftraggebern verbunden. 
    Zu Asbest siehe Vom Wunderstoff zum Todesbringer. Wie die herrschende Meinung ein Problem negiert (NOCH NICHT ONLINE !)
  • So war es aber auch beim Holzschutzmittelsyndrom bzw. dem Gefahrstoff "PCP" (Pentachlorphenol). Einer der Gutachter, Prof. Dr. Gerhard LEHNERT und VALENTIN-Schüler, später dessen Nachfolger in Erlangen, hatte im großen Holzschutzmittelprozess in den 90er Jahren jegliche Gefährlichkeit abgestritten. Was sich später herausstellte: Er stand auf der Pay-roll des angeklagten Konzerns (BAYER AG), kassierte Geld für einen Beratervertrag.
    Mehr dazu in einem anderen Kontext unter www.ansTageslicht.de/Holzschutzmittel.
    Der Stoff "PCP" ist inzwischen verboten
  • Prof. LEHNERT, der vor der Amtsübernahme seines Lehrers VALENTIN in Erlangen Chef der Arbeitsmedizin in Hamburg war, hatte dort das Problem Dioxin klein geredet und klein geschrieben. In Hamburg-Moorfleet war es in einem Zweigwerk von Boehringer-Ingelheim zu einem der größten Dioxin-GAU's gekommen. Mehr dazu unter Von PCP zu Dioxin: der Arbeitsmediziner Prof. Dr. Gerhard LEHNERT, "Experte für Unbedenklichkeit".
    Inzwischen dürfen Dioxine nicht mehr eingesetzt werden
  • Wenig anders beim sogenannten Lösemittelsyndrom. Da haben VALENTIN und seine Schüler ebenfalls alle Probleme negiert, Betroffenen die Unterstützung versagt. VALENTIN's Ex-Mitarbeiter und gehöriger Schüler, Prof. Dr. Gerhard TRIEBIG aus Heidelberg, schreibt noch bis heute in seinen Lehrbüchern dazu Dinge, die weltweit längst widerlegt sind.
    Mehr dazu unter "Organisierte Falschdarstellung". Organisierte Kriminalität? 
  • Wie beliebig Gutachten für die Sozialgerichte erstellt werden und wie einfach es der Arbeitsmedizin fällt, ein Gutachten auch mal wieder umzuschreiben, wenn es denn sein muss, haben wir dokumentiert unter 1 Gutachter - 2 Meinungen: Prof. Dr. med. Stephan LETZEL von der Universität Mainz. Ebenfalls Erlanger VALENTIN-Schule
  • Aktuell wird in der Arbeitsmedizin auch über das Problem der kontaminierten Kabinenluft in Flugzeugen geredet, über die Folgen sogenannter Fume Events diskutiert. Federführend die VALENTIN-Schülerin in dritter Generation, Prof. Dr. Renate WRBITZKY von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bzw. einer ihrer Mitarbeiter, Wolfgang ROSENBERGER, der sozusagen die vierte Generation vertritt. Wie man es aus der Erlanger Schule nicht anders kennt: alle Probleme, die sich in der Realität abspielen, sind für Piloten und Kabinenpersonal keine wirklichen Probleme. Jedenfalls aus der Sicht der Erlanger Schule in Hannover.
    Mehr dazu unter
    Das Aerotoxische Syndrom: zwischen Arbeitsmedizin und Gesetzlicher Unfallversicherung
    sowie
    Wer, wie, was, warum? Wer nicht forscht, bleibt dumm. "Kasuistik" beim Aerotoxischen Syndrom 

Über die Arbeitsmethoden ganz allgemein informieren wir übrigens unter Tricks, Methoden und Strategien in der Arbeitsmedizin

Der Kosmos der Erlanger VALENTIN-Schule heute in Deutschland

Wissenschaftlicher Stammbaum der Erlanger VALENTIN-Schule bis in die vierte Generation. Anklicken öffnet ein PDF

Die Erlanger Schule dominiert den arbeitsmedizinischen Mainstream heute in dritter und vierter Generation. Wir zeigen dies an einem kleinen 'Stammbaum', in den wir nur jene Namen dingfest gemacht haben, die in unserer Dokumentation auftauchen. Anklicken der Abbildung öffnet ein besser aufgelöstes PDF.

VALENTIN-Schüler in 2. Generation konnten bereits wichtige Lehrstühle besetzen. Wie beispielsweise Gerhard LEHNERT, Rainer SCHIELE, Gerhard TRIEBIG oder Dieter SZADKOWSKI fest. Aber auch Hans-Joachim WOITOWITZ hatte bei VALENTIN gelernt (siehe Abbildung). 

Allerdings hat sich Hans-Joachim WOITOWITZ nie in die Dienste von Berufsgenossenschaften oder der DGUV begeben oder gar den wirtschaftlichen Interessen der Industrie Vorschub geleistet. WOITOWITZ nahm einen Lehrstuhl an der Universität Gießen an und blieb dort bis zu seiner Emeritierung. Eines seiner Betätigungsfelder, auf denen er erhebliche Versäumnisse und Fehler der etablierten Mainstream-Arbeitsmedizin noch heute kritisiert, ist das Problem Asbest. Diesem Gefahrstoff, der immer noch jährlich über 2.000 beruflich bedingte Tote bedeutet, haben wir ein eigenes Kapitel gewidmet: Asbest: vom Wunderstoff zum Todesbringer. Wie die "herrschende Meinung" ein Problem negiert. Dieser Text ist derzeit noch nicht online.

In der Ägide von Gerhard LEHNERT als direkter Nachfolger von VALENTIN wurden nicht nur sein eigener Nachfolger ausgebildet, Hans Drexler, sondern auch andere bekannte Arbeitsmediziner, die regelmäßig auch als Gutachter fungieren und die Erlanger VALENTIN-Schule in dritter Generation repräsentieren. Michael BADER beispielsweise, der als Assistent bei Gerhard TRIEBIG in Heidelberg begann und dann zur MHH in Hannover zu Renate WBRITZKY wechselte, wurde von dort zum Chef der Arbeitsmedizin beim Chemiegiganten BASF in Ludwigshafen berufen. Er repräsentiert sozusagen die dritte und vierte Generation. Oder Horst Christoph BRODING, der zum IPA-Institut der DGUV ging und inzwischen Hochschullehrer an der Universität Oldenburg ist. 

Ein Ausnahmefall stellt der Laborant und Laborleiter Wolfgang ROSENBERGER dar, der ohne Studium und Abitur in Sachen 'Kontaminierte Kabinenluft' für die Industrieinteressen unterwegs ist. Auf ihn kommen wir - wie weiter oben erwähnt - an anderer Stelle zurück.

Das Schattenreich von Arbeitsmedizin und Gesetzlicher Unfallversicherung: VALENTIN-SCHÜLER sind hier rot markiert. CC BY-SA 3.0: www.ansTageslicht.de/Schattenreich

Das Schattenreich = die "herrschende Meinung"

Wie sich die Arbeitsmedizin hierzulande inzwischen aufgestellt und in enger Kooperation mit den Institutionen der Gesetzlichen Unfallversicherung ein absolut intransparentes Schattenreich aufgebaut hat, dokumentieren wir unter Das Schattenreich.

Das Ergebnis dieser Konstruktion im Schatten aller Öffentlichkeit: 

  • Definitionshoheit, Ermittlungskompetenz, Interpretation aller Fragen sind in einer Hand gebündelt, und zwar bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
  • die Arbeitsmedizin repräsentiert dazu den wissenschaftlichen Unterbau, nach außen hin "Objektivität"
  • und weil die Erlanger VALENTIN-Schule praktisch die gesamte Branche dominiert, ist mit diesen Tricks, Methoden und Strategien auch die (einheitliche) "herrschende Meinung" garantiert.

Wer Fortschritt und Veränderungen will, egal ob technisch, medizinisch oder gesellschaftlich, der muss andere Meinungen und den Diskurs zulassen. Die Erlanger VALENTIN-Schule steht weder für das eine, noch für das andere. 

(JL)