PFT - Berichte der WamS, 26.11.2015

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Trinkwasser mit PFT

Welt am Sonntag (WamS) , 26.11.2006 von David SCHRAVEN

Einer der größten Umweltskandale in NRW zieht weiter Kreise. Auch Monate nach Bekanntwerden der Belastung der Ruhr und ihrer Zuflüsse mit dem krebserregenden PFT kann die Industriechemikalie immer noch in das Trinkwasser von über einer Million Menschen im Ruhrgebiet gelangen, wie aus Unterlagen hervorgeht, die der Welt am Sonntag vorliegen.


Besonders die Möhnetalsperre als einer der wichtigsten Trinkwasserspeicher in NRW ist mit PFT belastet. Nach Auskunft des Leiters der Bodenschutzbehörde im Hochsauerlandkreis (HSK), Reinhard Pape, sind in der Talsperre bis zu 45 Kilogramm reines PFT gelöst. Das Umweltministerium spricht von "circa 30 Kilogramm". Nach Untersuchungen des Bundesinstituts für Risikobewertungen sind die Fische in der Talsperre mit PFT belastet und dürfen nach einem Beschluss des NRW-Umweltministeriums nicht "als Lebensmittel" in Verkehr kommen. Aus Messdaten des staatlichen Umweltamtes Lippstadt (StUA) geht hervor, dass die PFT-Belastung in der Möhne unterhalb der Talsperre um rund 280 Gramm täglich ansteigt.
Das Wasser gelangt von dort ungefiltert in die Ruhr und über die örtlichen Wasserwerke in das Trinkwasser von über einer Millionen Menschen. Mit PFT bezeichnet man Tenside, die aufgrund ihrer wasserabweisenden Eigenschaften vor allem in der Papier- und Kunststoffindustrie eingesetzt werden.

Bereits 0,0000003 Gramm je Liter Wasser sind nach Meinung der deutschen Trinkwasserkommission "bedenklich", wenn sie dauerhaft konsumiert werden. Der Zielwert, nach dem ein Konsum des Giftes laut Kommission "unbedenklich" ist, liegt bei 0,0000001 Gramm. Aus einer Untersuchung der Wasserwerke geht hervor, dass der obere Grenzwert an keiner Entnahmestelle überschritten wurde. Der untere Grenzwert, den die Kommission für unbedenklich hält, wurde dagegen nach den Unterlagen bis in den September regelmäßig überschritten. Trotzdem sind die Wasserwerke zufrieden. Ein Sprecher sagte: "Wir liegen deutlich unter dem Grenzwert."


Auch der Wasserexperte des BUND, Paul Körfges, sieht keinen unmittelbaren Handlungsbedarf: "Wir müssen erst prüfen, ob sich der Aufwand lohnt." Allerdings sagt Körfges auch: "Wenn es nicht gelingt, den unteren Zielwert sehr bald zu unterschreiten, müssen die Wasserwerke an der Ruhr nachgerüstet werden." Zurzeit säubern viele Trinkwasserversorger an der Ruhr ihr Wasser nach der herkömmlichen Sandfiltrationsmethode. Dabei wird das Ruhrwasser durch Sandbecken gepresst, bevor es weiter mit Chemikalien versetzt und in die Versorgungsleitungen gepumpt wird. Diese Methode ist nicht geeignet, die PFT sicher aus dem Wasser zu entfernen. Das gelingt aber bei Aktivkohlefiltern oder Ozonanlagen, wie Erfahrungen in Arnsberg zeigen.


Wie wichtig eine Modernisierung der Anlagen werden kann, zeigt eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasserforschung in Mülheim (IWW). In der Studie gingen Forscher der Frage nach, wie gefährlich Medikamente in der Ruhr sein können, die nicht sicher mit der traditionellen Sandmethode aus dem Trinkwasser entfernt werden. Zumindest einen Stoff, bei dem die Forscher ein "erhöhtes Umweltrisiko" ausmachten, wird demnach nicht ausreichend abgefiltert: Der Medikamentenwirkstoff Sulfamethoxazol. Der Stoff kann Hautexeme, Leberschäden und Depressionen auslösen.


Insgesamt können laut Studie mit der Sandmethode mindestens sechs Wirkstoffe nicht ausreichend eliminiert werden, die moderne Verfahren problemlos herausfiltern. Die IWW-Studie beweist damit, dass neben den PFT weitere gefährliche Stoffe durch die bestehenden Anlagen ins Trinkwasser gelangen können.


Unterdessen wurden PFT auch in anderen Regionen gefunden. Im Kreis Borken ist der Rheder Bach mit dem Gift belastet. Laut Umweltministerium sind zwei Betriebe für Textilveredelung und Filmrecycling als Verursacher festgestellt worden. Eine Gefährdung des Trinkwassers bestehe allerdings nicht, heißt es. Auch im Umfeld der Kläranlagen Stolberg und Düren wurde PFT in der Inde und in der Rur gefunden.
Bei der Beprobung wurden Werte festgestellt, die bis zum Zehnfachen über dem Richtwert für Trinkwasser liegen. Ein Sprecher des Umweltministeriums sagte, die neuen Fälle seien mit den Fällen im Sauerland nicht zu vergleichen. Um dort die Grenzwerte zu unterschreiten, setzt das Umweltministerium auf eine Wasser-Misch-Methode. Deren Kniff: Die 30 bis 40 Kilogramm reines PFT gelangen im Laufe der Zeit in das Trinkwassersystem des Reviers - allerdings verdünnt bis weit unter die zu-lässige Höchstgrenze.