Die SPIEGEL-Affäre: Wie es nach der Invasion weitergeht (Chronologie Teil II)

Nochmals kurz zusammengefasst:

Nachdem

  • die Staatsmacht am Freitag, den 26. Oktober 1962 in den SPIEGEL eingezogen ist und alles stillgelegt hat
  • Rudolf Augstein am Samstag um 12 Uhr mittags sich selbst auf dem Hamburger Polizeipräsidium gestellt hat
  • die Kuba-Krise potenziell wieder am Abklingen ist, nachdem der sowjetische Staats- und Parteichef CHRUSCHTSCHOW angekündigt hat, die Raketen auf Kuba wieder abzuziehen, weil die USA ein Einlenken bei ihren Jupiter-Raketen in der Türkei signalisiert haben

beginnen in Hamburg Bundesanwalt Siegfried BUBACK und seine Mannen, die Redaktionsräume zu durchforschen und auch das sagenumwobene Archiv des SPIEGEL, die Dokumentation, in Augenschein zu nehmen. Sie suchen nach dem Leck im Verteidigungsministerium bzw. bei der Bundeswehr, durch das die (angeblich) geheimen Informationen geflossen sind. So suchen sie nach Notizen, Aufzeichnungen, Reisekostenabrechnungen, Spesenbelegen und sonstigen Unterlagen, aus denen sich a) der Landesverrat und b) die Bestechung von unredlichen Dienern des Staates zwecks Erlangung der geheimen Informationen ergeben könne.

AUGSTEIN, der ab nun jeden Tag vom Untersuchungsgefängnis in die Redaktion und abends wieder zurück verbracht wird, soll ihnen dabei 'helfen'.

In Bonn
 waren noch in derselben Nacht von Freitag auf Samstag Franz Josef STRAUSS und sein vertrauter Staatssekretär Volkmar HOPF am Wirbeln - sie wollten den verantwortlichen Redakteur des 'landesverräterischen' Artikels Bedingt abwehrbereit festsetzen lassen. AHLERS ist auf Urlaub in Spanien. Doch AHLERS zu verhaften ist nicht so einfach, denn in Spanien herrscht seit dem Staatsstreich von 1936 und dem anschließenden Bürgerkrieg ein Diktator, Francisco FRANCO, mit dem man nicht die gleichen Übereinkommen hat wie mit anderen Nachbarstaaten.

STRAUSS setzt alles dran, AHLERS, der ihn und seine gescheiterte Bundeswehrpolitik ("Bedingt abwehrbereit") bloßgestellt hat, festnehmen zu lassen. Er greift zu allen Mitteln, die sich ihm bieten. So teilt er dem Militärattacheé Oberst OSTER in der Deutschen Botschaft in Madrid in seinem nächtlichen Telefonat mit,

  • dass sich AUGSTEIN mit einem U-Boot nach Kuba abgesetzt habe
  • er, STRAUSS, gerade vom Bundeskanzler komme und
  • dass dies, was er jetzt sage, "ein dienstlicher Befehl" sei, nämlich Conrad AHLERS zu verhaften.
  • Ein richterlicher Haftbefehl sei bereits unterwegs.

Tatsächlich wird Conrad AHLERS samstags frühmorgens zwar nicht verhaftet, aber von der spanischen Polizei zur Deutschen Botschaft verfrachtet. Dort wird er gefragt, ob er bereit sei,

  • freiwillig
  • mit einer Maschine der Lufthansa ohne Zwischenlandung

nach Deutschland zurückzufliegen? AHLERS, der seinen Artikel präzise recherchiert und alle Informationen verifiziert und dafür sogar den BND eingespannt hat (vgl. Das Vorspiel), ist einverstanden.

Jetzt sind die beiden Haftbefehle umgesetzt und Franz Josef STRAUSS kann triumphieren.
Doch fast alles kommt anders:

  • Die nun folgende vierwöchige Blockade des SPIEGEL führt nicht zur wirtschaftlichen Schwächung oder gar zum Ruin des Nachrichtenmagazins. Eine beispiellose Aktion journalistischer Solidarität unter den Hamburger Verlegern ermöglicht den Redakteuren, den SPIEGEL auch weiterhin zu produzieren
  • Mit der Affäre beginnt sogar der wirtschaftliche Höhenflug des Blatts (mehr dazu unter Wie sich DER SPIEGEL rechnet - derzeit noch nicht online).
  • Und auf den Strassen und in den Universitäten machen sich Empörung und Protest in der Bevökerung und unter den Studenten breit, wie wir

    dokumentieren.

  • Weil sich jetzt auch die SPD-Opposition im Bundestag dafür interessiert, wie es denn sein könne, dass AHLERS in einem Land "verhaftet" wurde, mit dem es kein Auslieferungsabkommen gibt, und worin denn genau die Vorwürfe gegenüber dem SPIEGEL bestünden, wird ab 7. November im Bonner Bundestag eine Fragestunde beginnen. Sie wird das Ende von Franz Josef STRAUSS als Verteidigungsminister einläuten...

Wie wichtig diese Solidaritätsaktionen waren, schildern uns hier zwei Zeitzeugen, Peter SCHULZ, 1962: Rechtsanwalt; Heinz EGLEDER, ehemals Hausdokumentar beim SPIEGEL und Dieter WILD, 1962: SPIEGEL-Redakteur


Die Telefonate zwischen Bonn und Madrid sowie die Geschehnisse in der Nacht von 26. auf den 27. Oktober, und wie sich herausstellt, dass Franz Josef STRAUSS das Parlament belogen hat, sind dokumentiert unter Wie die Wahrheit scheibchenweise ans Tageslicht kommt

Im folgenden wird der weitere Fortgang der Ereignisse dokumentiert, bis fünf Jahre später die letzten Vorwürfe auch juristisch erledigt sind:

Die Chronologie (Teil II) danach:

immer noch Samstag, der 27.Oktober

In Hamburg hält Verlagsdirektor Hans Detlev BECKER eine improvisierte Pressekonferenz ab und streitet den Vorwurf des Landesverrats ab. Er hat sich in dieser Hinsicht schließlich sogar über den Bundesnachrichtendienst abgesichert. Den Vorwurf der Bestechung weist er ebenfalls entschieden zurück: "Wir pflegen unsere Informationen nicht von Beamten einzuholen. Sofern wir aber von legitimierten Presseoffizieren oder Beamten, die Informationsrecht besitzen, Informationen erhalten, zahlen wir dafür keine Honorare."

Inzwischen ist auch der für die Aktion der Bundesanwaltschaft zuständige Justizminister Wolfgang STAMMBERGER, FDP, in München aufgewacht und erklärt, dass er über diese Aktion nicht unterrichtet war.Tatsächlich hatte STRAUSS und sein Staatssekretär HOPF genau darauf geachtet, den Justizminister außen vor zu lassen. Er hätte vermutlich nicht sein 'ok' gegeben.

Außerdem: Rudolf AUGSTEIN ist nicht nur eingetragenes Mitglied der FDP, sondern auch mit mehreren hochrangigen FDP-Politikern in Bonn befreundet. Die Kommunikation in der Bundeshauptstadt und zwischen der Bundesanwaltschaft lief daher nur auf Staatssekretärebene. Und der Staatssekretär von STAMMBERGER, Walter STRAUß, 62, ist als 'Aufpasser' im Justizministerium Mitglied der CSU.

Abends kommt es in Hamburg zu einem Rollentausch: SPIEGEL-Chefredakteur ENGEL wird wieder freigelassen, dafür wird ein Haftbefehl gegen Claus JACOBI vollstreckt, der am Freitag abend noch die Produktion der aktuellen SPIEGEL-Heftes durchgesetzt hatte. Er ist der verantwortliche Chefredakteur für die "Bedingt abwehrbereit"-Geschichte und muss nun für 18 Tage ins Gefängnis


28.Oktober, Sonntag

Die meisten Teilnehmer bzw. Schriftsteller einer Tagung der damals bekannten "Gruppe 47" unter Hans Werner RICHTER solidarisieren sich sofort mit Rudolf AUGSTEIN: "In einer Zeit, die den Krieg als Mittel der Politik unbrauchbar gemacht hat, halten sie (die Unterzeichnenden) die Unterrichtung der Öffentlichkeit über sogenannte militärische Geheimnisse für eine sittliche Pflicht, die sie jederzeit erfüllen würden."
Auch der Vorstand der "Berufsvereinigung Hamburger Journalisten e.V." (später Deutscher Journalistenverband) und andere Journalistenverbände geben Protestnoten heraus.
In Stuttgart reagieren die ersten Studenten auf der Königsstrasse:

Foto: Friedrich GRIMM, Stuttgart
Foto: Friedrich GRIMM, Stuttgart

Ab jetzt setzt eine bundesweite Protest- und Demonstrationswelle ein: Protest: Die Zivilgesellschaft geht auf die Strasse 


29.Oktober, Montag

Wo montags früh das wuselige Treiben in den SPIEGEL-Räumen losgeht, geht an diesem Tag garnichts. Verlagsdirektor BECKER erklärt seinen Angestellten auf einer improvisierten Betriebsversammlung, dass sie"nicht bei Al CAPONE engagiert" seien, sondern bei Herrn AUGSTEIN. Man wolle die SPIEGEL-Ausgabe Nr. 45 "in vollem Umfang, mit unkonventionellem Umbruch, pünktlich, in erhöhter Auflage, mit Titelbild Rudolf Augstein herausbringen.". Dies geschieht - viele Hamburger Verleger praktizieren journalistische Solidarität.

In Bonn melden sich die FDP und SPD zu Wort:

  • der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang DÖRING, mit Rudolf AUGSTEIN befreundet, wundert sich, dass die Aktion erst drei Wochen nach Erscheinen des inkriminierten Artikels erfolgt
  • die SPD fordert lückenlose Aufklärung

In Düsseldorf wird ein junger Mann festgenommen, der auf der Königsalle ein Plakat hochhält:

"Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Josef auch zu Dir.
Mit dem großen Hackebeilchen macht er Büchsenfleisch aus Dir"

Später meldet die Presseagentur dpa, dass die Ermittlungen gegen den SPIEGEL auf eine Anzeige des Würzburger Staatsrechtsprofessors Dr. Friedrich August Freiherr von der HEYDTE zurückgingen.

Und DER SPIEGEL beauftragt noch am selben Tag einen renommierten Rechtsanwalt am Bundesgerichtshof mit einer Verfassungsbeschwerde: Freiherr von STACKELBERG aus München. Mit dem liegt DER SPIEGEL eigentlich juristisch im Clinch in einer ganz anderen Sache. STACKELBERG aber, der diesen Vorgang ebenfalls als Anschlag auf die Pressefreiheit empfindet, übernimmt dieses Mandat sofort


30.Oktober, Dienstag

Der neue SPIEGEL erscheint, produziert noch in der Nacht der Invasion. 
Franz Josef STRAUSS erklärt in einem Interview mit der FrankfurterAbendpost, dass er "persönlich oder die Leitung dieses Hauses mit der Ingangsetzung dieser Aktion gar nichts zu tun haben."
Und Hamburgs "Polizeisenator" Helmut SCHMIDT äußert sein Befremden darüber, dass die Aktion bereits begonnen habe, als er informiert wurde.
In Frankfurt auf der Hauptwache und in Berlin am Steinplatz kommt es zu Demonstrationen


31.Oktober, Mittwoch

Auch an diesem Tag: Demonstrationen in Berlin, Hannover, Braunschweig, Hamburg.
Bundesjustizminister STAMMBERGER, der sauer ist, erscheint bei Bundeskanzler ADENAUER. Er verlangt, auf der Stelle entlassen zu werden. ADENAUER will Bedenkzeit.

Die Nachrichtenagentur dpa meldet, dass zwei hohe Bundeswehroffiziere, ein General und ein Oberst sowie die Bundestagsabgeordneten Wolfgang DÖRUNG (FDP) und Gerhard JAHN (SPD) im Verdacht stünden, dem SPIEGEL Staatsgeheimnisse der höchsten Geheimhaltungsstufe überlassen zu haben. DÖRING weist dies zurück. JAHN erklärt, "keine Staatsgeheimnisse verraten" zu haben.

Staatssekretär HOPF will das Bauernopfer abgeben: Er übernehme gegenüber seinem Chef, Justizminister STAMMBERGER, die Verantwortung, dass er ihn nicht vorher informiert habe.

Zu dieser Zeit schmort Rudolf AUGSTEIN im Hamburger Untersuchungsgefängnis. "Neue Gesellschaft", die politische Bildungsarbeit leistet, hat für abends 20 Uhr im Hörsaal B der Hamburger Universität eine Podiumsdiskussion angesetzt: mit hochrangiger Besetzung: Hans Detlev BECKER für den SPIEGEL, Henri NANNEN für die Illustrierte stern, Axel EGGEBRECHT vom NDR, je einem Bundestagsabgeordneten von der SPD, Gustav HEINEMANN (später Justizminister und Bundespräsident) sowie von der CDU, Prof. Eugen KOGON und andere Medienvertreter.

Auch STRAUSS ist eingeladen. Kommt aber nicht.

Das Interesse an dieser Diskussionsveranstaltung ist groß. Größer als es die Veranstalter vermutet hatten. Die Podiumsdiskussion kann nicht stattfinden. Während der Hörsaal (400 Sitzplätze) mit bereits 900 Personen längst überfüllt ist, wollen weitere 500 Interessierte hinein. Es kommt zum Chaos, Scheinwerfer fallen um, die ersten kreischen, auf den Gängen unten herrscht Tumult, alles gerät außer Kontrolle. 

ie Veranstalter blasen um 20:10 alles ab. Sie setzen die Diskussion nochmals an: für morgen, und dann im Audimax. Dort finden 4.000 Personen Platz.

Kurz zuvor haben sich vor dem Hamburger Untersuchungsgefängnis mehrere Hundert Personen eingefunden. Sie rufen seit mehreren Stunden den einen Slogan:

"Nun wolln wir alle schrein:
Augstein raus und Strauss hinein!"

Den Vollzugsbeamten ist das nicht geheuer. Sie alarmieren das Polizeipräsidium und die wiederum den zuständigen Senator Helmut SCHMIDT. Der fährt zum "UG" und spricht mit den Studenten. Er könne ihre Empörung verstehen, man dürfe aber nicht das eine Unrecht mit einem anderen vergelten und Rudolf AUGSTEIN befreien. Genau das hatten die Vollzugsbeamten befürchtet.

SCHMIDT kann die Menge beruhigen. 

Beruhigen kann er auch wenig später die noch ausharrenden Studenten im Hörsaal B, die nicht weichen wollen und in Sprechchören "Hörsaalwechsel" fordern. Auch hier kann Helmut SCHMIDT die aufgebrachten Menschen beschwichtigen. Einige von ihnen gehen und ziehen jetzt vor das Untersuchungsgefängnis, wo sich die erste Ansammlung aufgelöst hat. Jetzt muss SCHMIDT erneut seine Überredungskünste unter Beweis stellen:

alle Fotos zum 31.10.: Staatsarchiv Hamburg/Sammlung ContiPress


Die Ereignisse am 31. Oktober sowie die tags drauf stattfindende Diskussionsveranstaltung im großen Audimax der Uni Hamburg sind u.a. auch mit den Aussagen von Zeitzeugen rekonstruiert im Kapitel Protest in Hamburg: der 31.Oktober

 


1.November, Donnerstag

In Hamburg findet abends die vom Vortag verschobene Diskussionsveranstaltung statt: mit etwa 2.100 Zuhörern. Jeder Platz ist besetzt und das bereits seit 18:40 Uhr, wie das Polizeiprotokoll vermerkt. Für die rund 300 Menschen draußen, die keinen Einlass mehr finden, wird alles via Lautsprecher übertragen:

Aufnahme kurz vor 20 Uhr; Foto: Staatsarchiv Hamburg/Sammlung ContiPress
Aufnahme kurz vor 20 Uhr; Foto: Staatsarchiv Hamburg/Sammlung ContiPress

Die Veranstaltung beginnt pünktlich. Sie dauert fast 2 1/2 Stunden


2.November, Freitag

BUBACK's Beamte arbeiten sich durch alle Räume. Im Schreibtisch von Hans Detlef BECKER finden sie dessen Liste mit den 13 Fragen an den BND. BECKER wird verhaftet. Er wird für 34 Tage hinter Gittern verschwinden. BND-Oberst WICHT trifft es ebenfalls. Er wird 49 Tage einsitzen. 
Jetzt sitzen - neben Oberst WICHT - im Gefängnis

  • Rudolf AUGSTEIN, der Gründer und Herausgeber
  • zwei Chefredakteure, JACOBI und AHLERS (stellvertretender CR)
  • Verlagsdirektor BECKER, der bisher seinen Freund AUGSTEIN vertreten hat
  • sowie einige andere SPIEGEL-Redakteure wie Hans SCHMELZ, der sich aus Ungarn zurückgemeldet hat.

Die SPIEGEL-Arbeit geht dennoch weiter. Die vielen Demonstrationen, Diskussionen und Stellungnahmen von Schriftstellern und Künstlern bundesweit machen den SPIEGEL-Machern Mut.
In Bonn zeichnet sich derweil eine Regierungs-, konkret eine Koalitionskrise ab


danach

STRAUSS, redselig wie eh und je, gibt tags drauf, (3. November) dem Nürnberger 8-Uhr-Blatt" ein Interview: "Es ist kein Racheakt meinerseits. Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun!"

Die erste SPIEGEL-Ausgabe, die nicht in den Räumen des SPIEGELproduziert wurde, erscheint (siehe aktives Bild) am 5. November - an Rudolf AUGSTEIN's 39. Geburtstag: mit einer Auflage von 700.000 Exemplaren, 200.000 Exemplare mehr als sonst. Titel: Sie kamen in der Nacht.

DER SPIEGEL ist im Nu ausverkauft.

Derweil raufen sich in Bonn die Koalitionäre - vorerst - zusammen. STAMMBERGER will auf seine Rücktrittsforderung verzichten. Obwohl Franz Josef STRAUSS noch am selben Tag in der Augsburger Allgemeinenerklärt: "Bundesjustizminister Stammberger ist vom Generalbundesanwalt vorher schriftlich von der Einleitung eines Ermittlungsverfaharens verständigt worden."


tags drauf

Jetzt geht Bundesanwalt Siegfried BUBACK in Stellung und lässt eine Pressekonferenz anberaumen: Es seien geheime Dokumente gefunden worden und DER SPIEGEL sei durch einen Oberst namens WICHT gewarnt worden.
Rudolf AUGSTEIN's Bruder Josef, der den Verlag als Rechtsanwalt vertritt, widerspricht. Von warnen könne keine Rede sein. Und die angesprochenen Dokumente seien zum Teil Jahre alt. So sei der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass "die Durchsuchung der Geschäftsräume und der Redaktion nicht zuletzt dazu geführt hat, einen allgemeinen Überblick über Informanten des SPIEGEL und über nicht allgemein zugängliches, unveröffentlichtes Material zu bekommen."


7. bis 9. November

Im Bonner Bundestag beginnt die von der SPD beantragte Fragestunde über die Begleitumstände der Aktion. Nach einiger Zeit meldet sich der "Alte", Bundeskanzler Konrad ADENAUER, zu Wort:

"Meine Damen und Herren, 
ist es nicht erschreckend, wenn ein Oberst der Bundeswehr, nachdem er gehört hat, dass ein Verfahren gegen Augstein und Redakteure desSPIEGEL eingeleitet sei, hingeht und denen Bescheid gibt, damit Beweismaterial beseitegeschafft wird? ...
... Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande ...


Zwischenruf der SPD: "Wer sagt das?"
ADENAUER: "Ich sage das! ...

... Gott, was ist mir schließlich Augstein! Der Mann hat Geld verdient auf seine Weise. Es gibt Kreise, die ihm dabei geholfen haben, indem sie denSPIEGEL abonniert haben und indem sie Annoncen hineingesetzt haben".(Beifall bei der CDU/CSU) "Aber er hat viel Geld verdient, er hat sehr viel Geld verdient. Das ist für meine Begriffe auch kein Maßstab für seine sittliche Größe, ich kann mir nicht helfen."

Das dreitägige Frage- und Antwortspiel und die daraus entstehenden Debatten verlaufen hitzig und turbulent, die Stimmung ist politisch aufgeheizt. STRAUSS lässt vor allem andere antworten. Justizminister STAMMBERGER ist nicht mit von der Partie - er ist urplötzlich erkrankt.

Nach und nach muss STRAUSS klein beigeben:

  • Wie das mit der Verhaftung von Conrad AHLERS in Spanien gelaufen ist und wer mit wem deswegen telefoniert hatte, nämlich er selbst
  • und dass er von den zuständigen Herren in seinem Haus darauf hingewiesen wurde, "dass diese Angelegenheit im Laufen sei. Mehr wußte ich nicht. Ich wußte nicht, was kommt; ich wu0te nicht, gegen wen es kommt, undsoweiter."

Den genauen Ablauf haben wir in seinem Kern dokumentiert unter Wie die Wahrheit scheibchenweise ans Tageslicht kommt 


danach

Konrad ADENAUER nimmt auf seinem Staatsbesuch in den USA zu den Fragen amerikanischer Journalisten Stellung: 

"Ich bin sehr für die Freiheit der Presse, und ich unterstütze sie. Aber wie jede Freiheit so wird auch sie durch die Bestimmungen der Strafgesetzgebung eingeschränkt, die für jedermann gelten. Meine Herren, es hieß, dies wäre ein Akt der Verletzung und Unterdrückung der Pressefreiheit gewesen. Lassen Sie mich dazu zwei Zahlenangaben machen. Die Auflage des SPIEGEL, in der jener Artikel erschien, betrug 500.000 Exemplare. Die nächste Ausgabe kam mit 750.000 Exemplaren heraus. Dies ist meiner Ansicht nach ein klarer Beweis, daß die Pressefreiheit nicht verletzt wurde. ... Jeder kann so viel Geld verdienen, wie er will. Aber er sollte und darf nicht gegen das Gesetz verstoßen. In einer weiteren Ausgabe desSPIEGEL können Sie übrigens sehen, wie frei die Presse in Deutschland ist. Denn während Herr AUGSTEIN im Gefängnis saß, konnte er einen Artikel im Gefängnis schreiben, der sich gegen Herrn STRAUSS richtete. Ich finde, daß das wirklich großzügige Pressefreiheit ist."

DER SPIEGEL, der immer noch nicht in den eigenen Räumen produziert werden kann, thematisiert den Justizminister und sein Verhalten (siehe aktives Bild). 
In der Bonner Koalition gärt es. Die FDP, und insbesondere Justizminister STAMMBERGER, können nicht zufrieden sein. Sie beschließen, aus der Koalition auszutreten, indem alle fünf FDP-Minister ihren Rücktritt erklären. Jetzt wollen die Freien Demokraten neue Voraussetzungen für eine weitere Zusammenarbeit mit der CDU und CSU fordern.
Die SPD besteht schon längst auf dem Rücktritt von Franz Josef STRAUSS


19.November

Der neue SPIEGEL, immer noch außerhalb seiner Geschäftsräume produziert, hebt den "Anzeiger von der HEYDTE" auf sein Titelbild. Er bringt eine längere Geschichte über die seltsame Karriere des Würzburger Staatsrechtsprofessors Dr. Friedrich August Freiherr von der HEYDTE, der zur Nazi-Zeit NSDAP-Mitglied und Protagonist der SS-Zeitschrift Totenkopfwar, und nun als engagiertes CSU-Mitglied wenig Gelegenheiten auslässt, dem SPIEGEL eines auszuwischen.

Der Inhalt des SPIEGEL-Berichts lässt sich im Jahr 2012, fünfzig Jahre danach, nicht mehr aufrufen


28.November

An diesem Tag erscheint ein neuer SPIEGEL-Titel (siehe aktives Bild), in dem die Redakteure die vielen Zitate genüsslich dokumentieren, wie sich Franz Josef STRAUSS aus seiner Verantwortung herauszuwinden versucht.

Die Redakteure können immer noch nicht an ihren vertrauten Schreibtischen arbeiten und haben noch immer keinen Zugang zu ihrem Archiv.

An diesm Tag wird auch der SPIEGEL-Informant Oberst Alfred MARTIN verhaftet. Er muss für 30 Tage in Haft.

Tags drauf ist Paul CONRAD an der Reihe. Er hat MARTIN und Rudolf AUGSTEIN's Bruder zusammengebracht. Er wird 12 Tage hinter Gittern festgehalten.

Und nochmals einen Tag später, am 30. November, erklärt Franz Josef STRAUSS seinen Rücktritt.
Rechtsanwalt Dr. Josef AUGSTEIN, der den SPIEGEL und seinen Bruder juristisch vertritt, wird am 3. Dezember wegen des Verdachts der Beihilfe zum Landesverrat verhaftet. Er muss allerdings nur 6 Tage einsitzen.

Dafür kommt kurze Zeit später Hans Detlev BECKER nach 34 Tagen U-Haft wieder frei. AUGSTEIN selbst bleibt in Haft. Er wird jetzt von Hamburg nach Koblenz verlegt.


Mitte Dezember

Der "Alte", 86 Jahre, bildet ein neues Kabinett. Er kündigt auch gleich seinen Rücktritt für Ende nächsten Jahres an. Das Aufbrechen des ADENAUER'schen Regierungsstils, der vom Chef des Bundeskanzleramts, Hans GLOBKE, dem Kommentator der Nürnberger Rassegesetze von 1936 gemanagt wurde, war eine Bedingung, die die neuen FDP-Koalitionäre gestellt hatten. 
CDU und FDP haben sich inzwischen ebenfalls neu aufgestellt:

  • in der CDU, die bis dahin vor allem katholisch und rheinisch war, kommen zum ersten Male auch Protestanten nach vorne - die Partei wird jetzt weltlicher
  • die FDP, bisher Sammelbecken für alte Nationalkonservative und ehemalige Nationalsozialisten, wird liberaler und weltoffener und will die neue Protestbewegung aufnehmen. Jetzt sind Männer und Frauen an der Reihe, die in wenigen Jahren zusammen mit der SPD eine Regierung bilden werden

bis Ende des Jahres 1962

wird Conrad AHLERS entlassen, ebenso Oberst Alfred MARTIN. Rudolf AUGSTEIN muss weiter im Gefängnis bleiben - auch über Silvester/Neujahr


Das Jahr 1963

SPIEGEL-Rechercheur und Bonner Redakteur Hans SCHMELZ wird im Januar nach 81 Tagen Haft entlassen. Nur Rudolf AUGSTEIN sitzt noch länger: 103 Tage bis zum 7. Februar. Später wird er angesichts des nunmehr einsetzenden journalistischen und wirtschaftlichen Höhenflugs seines Magazins dazu sagen: "Selten war eine Haft so gut angelegt."

Franz Josef STRAUSS, der sich derzeit auf seine Aufgaben als CSU-Parteivorsitzender konzentrieren kann, gibt am 2. Juni der israelischen Zeitung Haaretz ein Interview zu den Vorgängen um die inzwischen so bezeichnete "SPIEGEL-Affäre":

"Ich würde mich verpflichtet fühlen, genauso zu handeln, wie ich gehandelt habe. Die Frage, die auftrat, war eine neue Umschreibung der Pressefreiheit im Rahmen des Interesses der nationalen Sicherheit. Nicht ein einziges Mal hatte ich mit der ernstzunehmenden deutschen Presse irgendwelche Probleme - nur mit dem SPIEGEL. ... Sie sind die Gestapo im Deutschland unserer Tage. Sie führen Tausende persönlicher Akten. Wenn ich an die Nazi-Vergangenheit von Deutschland denke - fast jeder hat etwas zu vertuschen. Und das ermöglicht Erpressung. Ich war gezwungen, gegen sie zu handeln."


knapp ein Jahr nach der Invasion

werden etwa 80% des beim SPIEGEL beschlagnahmten Materials wieder freigegeben.

Die Bundesanwaltschaft beantragt beim Bundesgerichtshof, das strafrechtliche Hauptverfahren gegen Rudolf AUGSTEIN, Conrad AHLERS und Oberst Alfred MARTIN zu eröffnen.

So wie die Illustratorin Vanessa HARTMANN (siehe Bild sowie Portraits der Akteure) das spätere Verhältnis zwischen den beiden Widersachern zu Papier gebracht hat, wird es nie werden. STRAUSS wird den SPIEGEL nie mögen und AUGSTEIN wird regelmäßig über Franz Josef STRAUSS und seine unendlichen Eskapaden schreiben. 

Das einzige, was sich ändert: Man begegnet sich künftig mit distanziertem Respekt.
Wie letztlich alles juristisch ausgeht und wirklich alles endet, haben wir unter Das (juristische) Ende beschrieben, sozusagen in einer Chronologie letzter Teil 

(JL)