SPIEGEL-Affäre 1962: das Vorspiel seit 1957 im Detail

Die beiden Kontrahenten:

Die sogenannte SPIEGEL-Affäre, die mit dem Einmarsch der "Sicherungsgruppe Bonn", einer Abteilung des Bundeskriminalamts (BKA), dem "Militärischen Abschirmdienst" der Bundeswehr (MAD) und Hamburger Kriminalbeamten begann und zunächst eine vierwöchige Blockade des SPIEGEL bedeutete, der aber trotzdem weiter erscheinen konnte, weil es zu einer beispiellosen Journalistischen Solidaritäts-Aktion kam, war letztlich das Ergebnis einer längeren Fehde zweier hoch intelligenter Männer, die sich nicht ausstehen konnten. 

Auf der einen Seite der grobschlächtige CSU-Politiker Franz Josef STRAUSS (FJS) aus dem Süden,

  • der für die bayerische CSU von Anfang an im Bundestag saß
  • um jeden Preis nach politischer Macht gierte
  • zu verbalen Kraftausdrücken neigte und dabei auch schnell ordinär werden konnte und so beispielsweise ihm unliebsame Journalisten als "Ratten und Schmeißfliegen" bezeichnete
  • und für den die Verquickung von Amt und Amigowirtschaft das Selbstverständlichste vom Selbstverständlichen war.

Sein Gegenpart: der um 8 Jahre jüngere Intellektuelle und SPIEGEL-Gründer sowie Herausgeber Rudolf AUGSTEIN aus dem Norden,

  • der liberal dachte und scharfsinnig schrieb
  • deshalb gegen die eigenständige und unkontrollierbaren Atompläne des Franz Josef STRAUSS eingestellt war und Franz Josef STRAUSS ausbremsen wollte
  • und dazu alle journalistischen Register ziehen konnte, die ein kritisches Nachrichtenmaagazin zu bieten hatte: (langatmige) Meinungsbilder über den politischen Kontrahenten, aber auch präzis und detailliert recherchierte Skandalgeschichten.

Die Fehde zwischen beiden begann 1956, als Franz Josef STRAUSS (FJS) im Zusammenhang mit einer Kabinettsreform unter Konrad ADENAUER 1956 das Amt des Bundesverteidigungsministers übernehmen durfte. Auf der Stelle setzte er alles daran, seine eigenen militärpolitischen Ansichten durchzuboxen. Es war das Jahr 2 des Bestehens der gerade eben gegründeten Bundeswehr. Und weil sich FJS als bekennender Antikommunist nicht sicher war, ob sich die USA im Zweifel wirklich für die Sicherheitsbelange der Bundesrepublik einsetzen würde, wollte er die eigene Nuklearisierung der Bundeswehr, konkret eigene Atomwaffen, was allerdings der Nato-Vertrag ausdrücklich ausschloss.

Da inzwischen auch die Sowjetunion über Atomwaffen verfügte, war nicht nur Atomwaffengegnern, sondern auch Rudolf AUGSTEIN klar: Wenn der Westen nicht (mehr) über ausreichende konventionelle Verteidigungskraft verfügen würde und im Angriffsfall auf A-Bomben zurückgreifen müsste, um sich zu wehren, würde Deutschland im Krisenfall nicht mehr geben.

Wir zeichnen diese Auseinandersetzung in einer kleinen Chronologie dieses "Vorspiels" der SPIEGEL-Affäre nach. Diese Fehde zwischen beiden - Peter MERSEBURGER sprach im September 2012 auf einer vom SPIEGEL initiierten Konferenz über die Affäre sogar von einem "Kreuzzug des SPIEGEL gegen STRAUSS" - spielt sich auf der politischen Ebene ab. Auf einer anderen, der journalistischen, enthüllt DER SPIEGEL aber auch die Günstlingswirtschaft seines Kontrahenden. Eine Woche vor dem die Affäre auslösenden „Fallex 62“-Artikel am 8. Oktober 1962 schiebt DER SPIEGEL erneut einen solchen Enthüllungsartikel vor, der das selbstherrliche Wesen und die kritikresistente ‚Denke’ des Verteidigungsminister entlarvt: Bundeswehr - Onkel Aloys.

Das Vorspiel im Detail:

Januar 1957

Kaum im Amt als neuer Verteidigungsminister (seit 16. Oktober 1956) findet sich FJS bereits auf der Titelseite des SPIEGEL wieder.
Der Artikel ist freundlich gehalten, skizziert Franz Josef STRAUSS als einen militärischen Hans-Dampf-in-allen-Gassen, der rastlos um das Wohl der Sicherheit besorgt ist und jetzt endlich auf dem Thron sitzt, der ihm das auch ermöglichen wird: Der Primus. Zitat: "Wir leben in einem technischen Zeitalter, in dem die vereinigte Stärke unserer Bundesgenossen ausreicht, um das Reich der Sowjet-Union von der Landkarte zu streichen."
Die letztere Vorstellung entspricht dem Idealbild einer künftigen Weltordnung des bayerischen Vollblutpolitikers, der alles 'Linke' gleich 'Kommunismus' setzt 


9. März 1957

Dieser Tag ändert alles: Es ist der Beginn der beginnenden Fehde.

FJS ist - selten genug - auf Polit-Tour in der nördlichen Hansestadt zwecks Unterstützung seiner in jeder Hinsicht entfernteren Parteigenossen im anstehenden Bundestagswahlkampf. SPIEGEL-Redakteur Hans SCHMELZ, der den ersten Artikel über FJS mit verfasst hatte und 5 Jahre später zusammen mit Conrad AHLERS auch den "Fallex 62"-Artikel recherchieren wird, gelingt es, den Bajuwaren zu einem Besuch im Hause AUGSTEIN zu überreden: zu einem zwanglosen Herrenabend, wie ihn die SPIEGEL-Redakteure öfters für Personen des öffentlichen Lebens organisieren. Mit von der Partie: Hans-Detlev BECKER und einige andere.

Man diskutiert und spricht miteinander, trinkt - dem politischen Gast zuliebe - (jede Menge) Bier, aber"AUGSTEIN, der entschlossen war, ein ernsthaftes Gespräch zu führen, gab bald verzweifelt auf". So wird es später der amerikanische Wissenschaftler David SCHOENBAUM in seinem Buch "Der Abgrund von Landesverrat" (1968) rekonstruieren. STRAUSS sieht sich "umringt von professionell verbitterten, etwas steifen Leuten guter Herkunft - Norddeutschen, die im Grunde sehr konservativ waren." 

Als FJS die Sowjets mit “Sittlichkeitsverbrechern“ vergleicht und auf Einwurf lospoltert, entgleist der zwanglose Herrenabend: “ Wann's so reden wollt, ladet's euch Zuhälter oder Ganoven ein, aber nicht einen Minister der Bundesregierung".

Da es bereits spät ist und STRAUSS den letzten Zug nach Bonn erreichen möchte, ruft er am Bahnhof an, um seinen Befehl zu übermitteln: Der letzte Zug müsse warten, er komme etwas später!

Das funktioniert nicht, so dass Gastgeber AUGSTEIN Minister STRAUSS in seinem Auto zum Bahnhof fährt. Weil es dem Bayern pressiert, AUGSTEIN aber gewohnt ist, an roten Ampeln auch anzuhalten, fordert ihn der Bajuware unverblümt auf, aufs Gas zu drücken, er habe es schließlich eilig. 

AUGSTEIN weigert sich. STRAUSS merkt, sein Gegenüber pariert nicht auf Befehle. Und umgekehrt kommt AUGSTEIN ins Sinnieren, wie es denn sein könne, dass ein Minister sich über alle Regeln und gesetzliche Vorschriften hinwegsetzen könne. Und was denn werde, wenn ausgerechnet der den Stuhl des Bundeskanzlers besetzen würde, wenn der jemals frei werden würde ...

Genau das will AUGSTEIN ab sofort mit seinem Blatt verhindern: FJS als Bundeskanzler


danach im Frühjahr

DER SPIEGEL schießt sich schnell auf den neuen Militärmann ein:

  • Rudolf AUGSTEIN sinniert in der Ausgabe Nr. 16 unter seinem Pseudonym Jens DANIEL über den Atomschreck Bundesrepublik
  • Süffisant vermeldet das Nachrichtenmagazin zwei Wochen später die lange geheimgehaltene Verlobung des Verteidigungsministers (siehe Cover): Pfingsten ist Hochzeit
  • und im selben Heft greift Jens DANIEL alias Rudolf AUGSTEIN wieder zur Feder: Die Franz Josefs-Legende

 


danach im Jahre 1957

Bei den Bundestagswahlen im Herbst siegt die CD/CSU auf ganzer Linie: mit absoluter Mehrheit. STRAUSS wird erneut Verteidigungsminister. Und weil sein (einziger) 'Chef', Konrad ADENAUER, dem er sich teilweise unterzuordnen hat, im April auf einer Pressekonferenz erklärt hatte, dass "Atomwaffen nichts anderes seien als der verlängerte Arm der Artillerie", kann sich FJS seinen eigentlichen Plänen und Zielen hingeben: der atomaren Aufrüstung der Bundeswehr


Das Jahr 1958

wird zu einem Jahr der öffentlichen Auseinandersetzung um die Militärpolitik:

  • Im März tobt im Bonner Bundestag die sogenannte Atomschlacht: CDU/CSU pro, alle anderen dagegen
  • Was auf parlamentarischer Ebene die Gemüter erhitzt, setzt sich in Demonstrationen fort. In Hamburg beispielsweise gehen Hunderttausende auf die Straße, wehren sich gegen die Aufrüstung und der Hamburger Bürgermeister will einen Volksentscheid darüber erzwingen. Den lehnt das Bundesverfassungsgericht ab: keine gesetzliche Grundlage
  • STRAUSS kann aufgrund seiner komfortablen Mehrheit im Bundestag alles durchsetzen, was ihm opportun erscheint. Im November lässt er den US-amerikanischen Flugzeugbauer Lockheed wissen, dass er sich für den Kauf von "Starfightern" entschieden habe: in großen Stückzahlen und künftig in Lizenz produziert - in Unternehmen, die vorzugsweise in Bayern ansässig sind.
    Der "F 104" ist, wie Experten und auch mehrere Militärs über diesen „Starfighter“ sagen, technisch längst nicht ausgereift, was FJS aber nicht weiter stört - Mehrheit ist Mehrheit. 
    Der Starfighter wird die nächsten Jahre zum "Witwenmacher": 269 Abstürze und 116 tote Piloten
  • In Moskau regiert inzwischen ein neuer Mann: Nikita CRUSCHTSCHOW, der im November seine Muskeln spielen lässt. Er will die westlichen Alliierten aus "Westberlin" vertreiben.
    Die Westalliierten stehen zu "Berlin/West" und berufen sich auf den Viermächtestatus

3. Sept. 1958

Zwischendurch ist DER SPIEGEL mit seiner Ausgabe Nr. 36 erschienen, in der es erneut um Befehlston und Kommandomentalität geht: Kommandos am Kreuzweg. Das Nachrichtenmagazin greift einen Vorfall aus dem Monat März auf, der den Redakteuren jetzt zu Ohren gekommen ist:

Minister STRAUSS, in seinem Bonner Dienstwagen auf der Fahrt zu einer Kabinettssitzung ins Kanszleramt, wird auf einer Kreuzung von einem Hauptwachmeister namens Siegfried HAHLBOHM aufgehalten, weil der die Kreuzung für seine Richtung noch nicht freigegeben hat.

STRAUSS befiehlt seinem Fahrer, einfach durchzufahren. 

Nur mittels einer Notbremsung kann der Straßenbahnfahrer, der freie Fahrt hat, den Chrash vermeiden. STRAUSS tobt, muss aber zur Kabinettssitzung.

Wenige Stunden danach lässt er sich wieder in sein Ministerium kutschieren und lässt seinen Fahrer an der bewussten Kreuzung stoppen. Er will den kleinen Polizeibeamten zur Rede stellen. "Geben Sie mir Ihren Namen. Ich werde dafür sorgen, dass Sie von der Kreuzung verschwinden!" Der Bonner Polizeipräsident indes lehnt das ab.

So schreibt der aufgebrachte Bajuware an den nordrhein-westfälischen Innenminister (CDU): "Ich muss verlangen, dass der Beamte nicht nur gemaßregelt, sondern in Zukunft auch nicht mehr als Verkehrspolizist in Bonn verwendet wird. Ich bitte um eine scharfe Untersuchung und ein strenges Eingreifen."

Auch das fruchtet nichts. Umgekehrt wird STRAUSS'ens Fahrer mit einer Geldstrafe von 100 DM belegt, wobei sich bei diesem Blick ins Strafregister herausstellt, dass der Chauffeur mehrfach wegen Diebstahls und fahrlässiger Körperverletzung gesessen hat und vorbestraft ist.

STRAUSS, der nicht so schnell klein beigibt, unternimmt einen letzten Versuch: Strafanzeige gegen HAHLBOHM wegen "Geheimnisverrats" - er habe der Presse Informationen aus dem Strafregister seines Fahrers gegeben.

HAHLBOHM wird freigesprochen  


Februar 1959

Der "Starfighter" wird ab jetzt zu einem Dauerthema beim SPIEGEL. Zum Beispiel gleich zu Beginn des neuen Jahres in der Ausgabe Nr. 6: Kalifornische Preise


Im Jahr 1960

ändert sich in den USA die militärpolitische Doktrin. Hatte man bisher vor allem auf die Abschreckung mit eigenen Atomwaffen gesetzt, so war der große Gegner, die Sowjetunion, schon längst im Besitz eigener atomarer Waffenarsenale. Würden die zum Einsatz kommen, könnte es das Ende der gesamten Welt bedeuten. Da der Ostblock auf der anderen Seite bei seinen konventionellen Waffenkontingenten permanent am Aufrüsten ist, müsste man, um gleichzuziehen oder abschrecken zu können, ebenfalls in Panzer und traditionelles Kampfgerät investieren müssen. Die Idee einer abgestuften Abwehrstrategie, einer "flexible response" hinsichtlich konventioneller und/oder taktisch-lokaler Atomwaffen, setzt sich daher immer stärker durch.

Insbesondere der neu gewählte Präsident steht ab sofort für das neue militärpolitische Denken: John F. KENNEDY, der sich November knapp gegen den Rivalen Richard NIXON durchsetzen kann


1961

Die Welt, die es vor einem Atomkrieg zu bewahren gilt, scheint sich immer schneller zu drehen:

  • Im März wird Franz Josef STRAUSS zum 'Chef', d.h. zum Vorsitzenden der CSU gewählt - er scheint auf dem (vorläufigen) Höhepunkt seiner Macht zu sein, hat jedenfalls seine eigene Partei mehr oder weniger geschlossen hinter sich
  • der neu installierte US-Präsident KENNEDY wagt, kaum drei Monate im Amt, sein erstes militärisches Abenteuer: eine Invasion auf Kuba. In der Schweinebucht. Die Militäraktion gerät zum Desaster

Zeitgleich holt DER SPIEGEL in seiner Ausgabe Nr. 15 zu einem weiteren Schlag gegen FJS aus: Der Endkampf. Auf insgesamt 15 Seiten lässt AUGSTEIN seine Redakteure mosaikartig eine Art Portrait seines/ihres Lieblingsgegners zusammenstellen - mit Zitaten aus allen Zeitungen und Karikaturen weltweit, um den Artikel möglichst lang zu gestalten. Allerdings treibt AUGSTEIN auch die Sorge um das Wohl der Welt:

"Unter politisch denkenden Menschen gibt es keine Diskussion mehr darüber, dass der nächste Krieg am wahrscheinlichsten aus Angst vor einem Präventivschlag des Gegners ausbrechen würde, als ein Präventiv-Präventiv-Krieg sozusagen; daß es somit keine dringlichere Aufgabe gibt als die, die das Mißtrauen stückchenweise abzubauen und stückchenweise durch konkrete Sicherungen zu ersetzen. ...
... Trotz dieser weltweiten Strömung der Vernunft ist in der Bundesrepublik ein Mann groß geworden, der das Mißtrauen zwischen den Großstaaten unablässig genährt und der für die Bundesrepublik Waffen gefordert hat, die den 'Selbstmord' eines sowjetischen Angreifers und damit den Selbstmord der Menschheit auslösen könnten."

Längst hat AUGSTEIN, um sich besser zu munitionieren, für sein 'Lieblingsopfer' einen neuen Mann eingekauft: Hermann RENNER, der alle Verfehlungen des Bajuwaren verfolgen und sorgfältig recherchieren soll. RENNER enthüllt in der Ausgabe Nr. 23 eine Geschichte über Hans und Franz.

Die ersten Details dieser Amigo-Geschichte, die FJS und seinen Duzfreund, den Verleger der Passauer Nachrichten, Dr. Hans KAPFINGER (siehe SPIEGEL-Cover Nr. 11 von 1962!) betreffen, sind nur der Anfang. Alles weitere, was der Münchner Spezialist zu Tage fördern wird, wird künftig als "Fibag-Affäre" in die Annalen eingehen: Der Passauer Lokalzeitungsbesitzer will einem eigenen Günstling, einem selbsternannten "Architekten" ohne Studium, der groß ins Geschäft von Neubauwohnungen für Natosoldaten einzusteigen gedenkt, einen Gefallen erweisen, von dem auch er selbst profitieren würde, nämlich in Form eines Finanzbeteiligung an der zu diesem Behufe zu gründenden Firma Finanzbau AG (Fibag).

Dazu benötigt er indes eine schriftiche Empfehlung wiederum seines Gönners, FJS, der dieses konkrete Projekt a) gutheißen und b) das fachmännische Gespann dem Bündnispartner USA wärmstens empfehlen soll. Und so geschieht es auch - eine Enthüllungsgeschichte vom Feinsten.

Vom Feinsten sind auch andere Informationen, die der investigative Mann aus München recherchieren kann: Dass FJS und seine Frau Gemahlin geräuschlos und sehr diskret über den Kauf einer Eineinhalb-Millionen-Villa mit dem edlen Namen "Casa Rocca Vispa" oberhalb des schönen Tessiner Städtchens Ascona am Lago Maggiore verhandeln. 

Weil Heinrich RENNER weiß, dass man sensible Informationen gegenchecken sollte, um sich seiner Sache sicher sein zu können, fragt er direkt im Verteidigungsministerium nach. Immerhin kursieren zu dieser Zeit bereits die ersten Gerüchte, dass der US-amerikanische Rüstungskonzern Lockheed seine Verkäufe in vielen Ländern - in Deutschland allein 914 Starfighter - mittels Cash auf den Weg gebracht und/oder beschleunigt haben soll. Für FJS und seine CSU steht immerhin die Summe von 10 Millionen US-Dollar im Raum. Belege indes gibt es nicht.

RENNER's offizielle Anfrage im Verteidigungsministerium hat Folgen, wie DER SPIEGEL ein Jahr später berichten wird: "Das ministerielle Interesse an der Casa ... verflüchtigte sich."
Indessen dreht sich das Rad der Weltgeschichte weiter:

  • Der Staats- und Parteichef der DDR, Walter ULBRICHT, lässt, weil es Nikita CHRUSCHTSCHOW so wünscht, am 13. August, einem Sonntag, in Berlin eine 45-km lange Mauer bauen und den Westteil hermetisch abriegeln - die DDR drohte auszubluten. Allein tags zuvor kamen über 3.100 Flüchtlinge über die imaginäre Grenze. Jetzt entsteht das, was man später den "Eisernen Vorhang" nennen wird
  • In der Bundestagswahl muss die CDU/CSU Federn lassen. Viele Bundesbürger nehmen es dem "Alten" (Konrad ADENAUER) übel, dass seine einzige Reaktion auf den Mauerbau - in Berlin und inzwischen quer durch ganz Deutschland - nur in politischen Beschimpfungen des Regierenden Bürgermeisters Willy BRANDT (SPD) bestand. Kein Wort, wie es nun weitergehen könne oder solle. In Bonn müssen nun CDU und CSU mit der FDP koalieren. STRAUSS bleibt Verteidigungsminister.

In dieser Funktion streitet er sich auch mit dem SPIEGEL vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth. STRAUSS will dem Blatt über 60 Ehrenkränkungen per einstweiliger Verfügung untersagen, die ihn im Der Endkampf missfallen haben.

Parallel dazu verklagt FJS das Nachrichtenmagazin wegen des "Fibag"-Berichts - ebenfalls vor dem Landgericht in Nürnberg.

Und wieder legt DER SPIEGEL in seiner Ausgabe Nr. 43 am 18. Oktober nach - 1961 ist das Jahr des publizistischen Großangriffs gegen den "Atomminister": Niemals nie. In dieser bereits dritten Titelgeschichte 1961 über FJS geht es erneut um die Welt(politik) und wie es nach den Bundestagswahlen im eigenen Land weitergehen kann: mit oder ohne ADENAUER als Kanzler bzw. mit oder ohne Franz Josef STRAUSS als (absehbarem) Nachfolger. FJS, wie ihn der SPIEGEL zitiert: "Ich sage niemals nie."

Um Weltpolitik bzw. Sicherheitspolitik, konkret darum, wie es nun tatsächlich weitergehen könne, wenn sich weltweit zwei Großmächte bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen, geht es in einem gerade erschienenen Buch: "Verteidigung oder Vergeltung - ein deutscher Beitrag zum strategischen Problem der NATO" (siehe aktives Bild: Inhaltsverzeichnis). Verfasser: Helmut SCHMIDT.

Der knapp 43jährige SPD-Abgeordnete im Bonner Bundestag, gleichzeitig Mitglied im Verteidigungsausschuss, der später erst Bundesverteidigungsminister, dann Wirtschafts- und Finanzminister in einer Person, nochmals später Bundeskanzler werden wird, ist Spezialist für Militär- bzw. Militärstrategiefragen, in die er sich seit langem eingearbeitet hat.

Das Buch findet international schnell Anerkennung und wird sofort ins Englische übersetzt. SCHMIDT hält fachlichen Kontakt mit anderen Wehrexperten in Großbritannien und den USA, gilt selbst als einer von ihnen.

Jetzt wird er - kurz vor Jahresende - als "Polizeisenator" (spätere Bezeichnung dann "Innensenator") in seine Heimatstadt Hamburg gerufen


1962

Das Jahr 1962 wird zunächst zu einem "Fibag"-Jahr - ein publizistischer Großangriff:

  • Ausgabe Nr. 5 ist mit Kapfingers Erzählungen überschrieben
  • In Nr. 6 geht es um Pressestimmen zur Affäre: Offiziere sind entsetzt
  • In Nr. 7 zitiert DER SPIEGEL einen Kommentar der FAZ, der die Vorgänge ebenso kritisch sieht: Frankfurter Allgemeine ZEITUNG FÜR DEUTSCHLAND
  • In Nr. 8 (siehe Cover) zeigt das Nachrichtenmagazin (zum Teil), was es an Dokumenten besitzt: Untersuchung ohne Ausschuss
  • Nr. 9 berichtet über den jetzt avisierten Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag: Untersuchung ohne Ausschuss
  • In der nächsten Ausgabe werden wieder Pressestimmen zitiert: In einem anderen Land
  • Relevante Wortwechsel aus dem inzwischen angelaufenen Gerichtsprozess - FJS versus AUGSTEIN - werden in Ausgabe 11 wiedergegeben: Untersuchung ohne Ausschuss
  • In Nr. 23 vom 6. Juni greift DER SPIEGEL die Degradierung eines Oberstleutnants Siegfried BARTH, bei dem einer seiner untergebenen Piloten bei einem Übungsflug zu weit ausgeholt und über den Luftraum der "Zone" geraten war, wie konservative Kreise die "DDR" damals nannten.
    Der Jagdbomber musste in Berlin-Tegel 'notlanden'. STRAUSS gab unmittelbar die Order aus, den verdienten Oberstleutnant auf der Stelle abzulösen. Der Inspekteur der Luftwaffe, dem FJS diesen Befehl auftrug (und der schon unter Adolf HITLER als General nur seine Pflicht getan haben wollte), tat, wie ihm geheißen: Im Kreis von 35 Generälen und Kommandeuren der Luftwaffe erläuterte er die von FJS gewünschte Ablösung.
    Als einer der hohen Generale Courage zeigte und Einspruch wagte, darauf hinzuweisen, dass erstens wohl eine Untersuchung über diesen Vorfall angesagt sei, und dass es zweitens wenig Sinn mache, die Luftwaffenkommandeure kollektiv für jeden kleinen Fehler verantwortlich zu machen, reagierte STRAUSS, dem dies zu Ohren gekommen war, auf seine Weise:

    • Der aufmüpfige General wird in den einstweiligen Ruhestand versetzt
    • Oberstleutnant BARTH abgelöst und auf einen Verwaltungsposten abgeschoben.

    Titel dieser Geschichte: Rechtsstaatliche Details .

Jetzt sieht sich die SPD-Opposition im Bundestag bemüßigt, eine 'Untersuchung mit Ausschuss', konkret einen sogenannten Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) einzusetzen. Jetzt will man mehr wissen als im SPIEGEL stand.

Zu dieser Zeit begibt es sich, dass ein ranghoher Oberst der Bundeswehr, Alfred MARTIN, mit seinem Wissen und Gewissen ringt. Er denkt wie auch DER SPIEGEL denkt und schreibt. MARTIN nimmt Kontakt mit einem Bekannten auf, der wiederum den Rechtsanwalt Dr. Josef AUGSTEIN in Hannover kennt. Josef ist Rudolfs Bruder. Über diesen Weg kommt der Bundeswehroberst in Kontakt erst mit Rudolf AUGSTEIN, dann mit Conrad AHLERS, dem Chefredakteur des SPIEGEL, der viel über Militärisches und Strategiefragen schreibt 


13. Juni 1962

Im SPIEGEL Nr. 24 wartet das Blatt mit einem eher kleinen, aber ausgesprochen informationsgeladenen Bericht auf: über neue Waffen und Raketen sowie einem Vergleich der Truppenstärken in Ost und West. Stärker als 1939? ist er überschrieben.
Zur Leserschaft des SPIEGEL gehören nicht nur politisch interessierte Menschen; Professoren und Studenten; Politiker, die wissen wollen oder müssen, was über sie zu lesen ist. Zum Leserkreis zählen auch Personen, die beim Hamburger Nachrichtenmagazin "gesinnunglose Publizisten" am Werke sehen. 

Einer von ihnen: ein Professor für Staatsrecht an der Uni Würzburg, vormals im sogenannten Tausendjährigen Reich, das weniger als 14 Jahre durchgehalten hatte, ein ausgewiesenes Mitglied der NSDAP: Prof. Dr. Friedrich August von der HEYDTE. Vor 1945 ein eifriger Leser und Anhänger der Zeitschrift Totenkopf, das Magazin der "SS", übt sich der Gelehrte nach 1945 - neben seiner professoralen Tätigkeit - auch als "Oberst der Reserve" bei der Bundeswehr. Mit Ambitionen auf den höheren Rang eines "Brigadegenerals der Reserve".

Im Zweiten Weltkrieg - im Range eines Oberstleutnants - hochdekoriert, z.B. mit dem "Ritterkreuz mit Eichenlaub", kämpft von der HEYDTE nun gegen den SPIEGEL, in dem er landesverräterische Machenschaften am Werke sieht. Als DER SPIEGEL gegen eines seiner von der CDU finanzierten Pamphlete vorgeht und vor Gericht gewinnt, wächst der Groll des ehemaligen Nationalsozialisten, der nunmehr als aktives CSU-Mitglied agiert.

Noch staut sich alles in ihm. Im Oktober wird das Fass für ihn überlaufen. Jetzt winken ersteinmal die Sommerferien ...


Juli-August- September

Staats- und Parteichef der UdSSR in einer Person, Nikita CHRUSCHTSCHOW, beginnt, auf Kuba heimlich nach und nach - auf sowjetischen Frachtern transportiert und gut getarnt - Militärgerät nebst Militärtechnikner zu stationieren.

Die USA merken davon ersteinmal nichts.

Anfang August geht die CIA Agentenhinweisen nach und schickt Aufklärungsflugzeuge in die Luft. Sie entdecken neue Raketenabschussrampen.

Im September werden verdächtige sowjetische Frachter ausgemacht - die US-Regierung beobachtet nur. Was die Schiffe geladen haben, ist - derzeit noch - unbekannt. 

Heute wissen wir: Es sind die ersten Vorboten der wenig später einsetzenden Kubakrise.
Die Welt ahnt noch nicht, dass möglicherweise der Dritte (und dann wohl letzte) Weltkrieg bevorstehen könnte 


21. bis 28. September

Wie vorgesehen findet das Planspiel und gleichzeitige Nato-Manöver "Fallex 62" statt. Getestet werden soll die Leistungsfähigkeit des Bündnisses im Falle eines atomaren Erstschlags durch die UdSSR und einer anschließenden Großoffensive. Auch die erst sieben Jahre alte Bundeswehr ist dabei.

Das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Allein in Deutschland 15 Millionen Tote. Um die sowjetischen Panzertruppen aufzuhalten, müsste die Nato mit einem atomaren Gegenschlag antworten. Mitteleuropa wäre nicht nur eine Trümmerwüste, sondern atomar verseucht.

Das Protokoll und die Ergebnisse sollen deshalb geheim bleiben. Das will auch Franz Josef STRAUSS


danach

DER SPIEGEL bzw. seine beiden Militärspezialisten Conrad AHLERS und Hans SCHMELZ sowie Oberst MARTIN haben sich zwischenzeitlich mehrfach ausgetauscht. Die beiden Journalisten zapfen aber auch ihre anderen einschlägigen Quellen an, bekommen aber auch ungefragt Informationen zugespielt.

So landet das Protokoll, kaum geschrieben, beim SPIEGEL. AUGSTEIN und die Redakteure sehen sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Die atomare Strategie des amtierenden "Atomministers" FJS führt schnurstracks in den Untergang - trotz bisheriger Aufrüstungsbemühungen. Die Leistungsfähigkeit seiner Bundeswehr erhält die zweitschlechteste Note: "Bedingt abwehrbereit"

AHLERS und SCHMELZ beginnen einen umfangreichen Bericht auszuarbeiten, der Ende September veröffentlicht werden soll


26. September und danach

Doch bis zum Erscheinungstermin der Ausgabe Nr. 39 ist die Geschichte noch nicht fertig. AHLERS und SCHMELZ wollen auf Nummer sicher gehen. So erscheint ein anderer Artikel, der FJS ebenfalls nicht gefallen kann: Onkel Aloys - eine Rekonstruktion von Günstlingswirtschaft, wie sie bei der Bundeswehr gang und gäbe war: Spezl-Clans und Provisionen, Franz Josef STRAUSS und Protektion.
Während die neue Enthüllung FJS ausgesprochen missfällt, sind die beiden SPIEGEL-Journalisten AHLERS und SCHMELZ dabei, ihren Artikel weiter zu verifizieren und von anderen Experten gegenchecken zu lassen.

So bitten sie den Hamburger Polizeisenator Helmut SCHMIDT, den Artikel durchzugehen - SCHMIDT gilt wegen seines Buches auch als Strategieexperte.

SCHMIDT empfängt Conrad AHLERS, den er aus gemeinsamen Studienzeiten kennt, abends nach 22 Uhr, liest das Manuskript und markiert einige Stellen mit seinem Bleistift. "Dies und jenes sollte man vielleicht anders formulieren, dies und jenes könnte vielleicht unter Geheimnisvorschriften fallen, bitte nochmals prüfen!", lässt er AHLERS wissen.

AHLERS berücksichtigt die vorgeschlagenen Änderungen.

Um sich weiter abzusichern fertigt der Verlagsdirektor des SPIEGEL, Hans Detlev BECKER, einst selbst Redakteur beim Magazin und ein Mann mit vielseitigen Verbindungen, eine kleine Liste mit 13 Fragen: Ist dies oder jenes wirklich geheim? Empfänger: Oberst Alfred WICHT, Resident des BND in Hamburg. WICHT will die Fragen an die Zentrale in Pullach weitergeben.

Als von dort grünes Licht signalisiert wird und keine der Fragen als unter irgendwelche Geheimvorschriften fallend deklariert werden, gibt auch AUGSTEIN sein "ok": Jetzt ist der kritische Bericht über das Manöver druckreif 


8. Oktober 1962 statt 10. Oktober

Weil AUGSTEIN den Artikel zwar nicht für besonders gelungen oder spannend, aber politisch für wichtig hält, wird der Erscheinungstermin vom Mittwoch, den 10. wie auf dem Cover aufgedruckt, auf Montag, den 8. Oktober vorverlegt: Bedingt abwehrbereit lautet die Überschrift. Auf dem Cover: der ranghöchste Soldat, Bundeswehrgeneralinspekteur FOERTSCH.

"Hat wohl niemand gelesen?", fragt AUGSTEIN scherzhaft in der folgenden Redaktionssitzung.
Allerdings: So ruhig wie sonst ist die Redaktionssitzung nicht. Der BND beispielsweise hat nicht nur die erwünschten Antworten hinsichtlich der Geheimhaltung einer Informationen durchgegeben, sondern auch einen dezenten Hinweis, dass irgendetwas 'im Busche' sei.

So etwas ist man bei einem Nachrichtenmagazin, das sich nicht nur mit FJS, sondern auch mit dem Rest der Welt kritisch auseinandersetzt, gewohnt. So gibt man sich dennoch gelassen.
Tatsächlich herrscht die nächsten Tage ersteinmal die Ruhe vor dem Sturm ...

Einer, der erneut Bewegung in die Sache bringt, ist der Würzburger Staatsrechtsprofessor, der nach 1945 seine zweite Karriere feiert: Friedrich AUGUST von der HEYDTE, vormals NSDAP- , inzwischen aktives CSU-Mitglied.

Aber auch in der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wird man aktiv ...

Wie ab jetzt

  • die ersten Vorbereitungen anlaufen, ob das, was im SPIEGEL unter"Bedingt abwehrbereit" zu lesen ist, "Geheimnisverrat" oder gar "Landesverrat" sein könne, worauf Zuchthaus bis zu 15 Jahren steht,
  • und wie zweieinhalb Wochen später der SPIEGEL besetzt wird,

ist unter dem Kapitel Die Invasion am 26. Oktober rekonstruiert. Dort kommen auch Zeitzeugen zu Wort, die dies selbst erlebt haben 


danach

Für Franz Josef STRAUSS geht ersteinmal alles seinen gewohnten Gang - erfolgreich wie immer:

  • Über den "Onkel Aloys"-Artikel kann FJS nur müde lachen - er ist sich wie immer keiner Schuld bewusst
  • Die Aktivitäten der Bundesanwaltschaft, bei der inzwischen eine zweite Strafanzeige des früheren NSDAP- und heutigen CSU-Mitglieds, Prof. Dr. von der HEYDTE, eingegangen ist, stimmen ihn siegessicher
  • Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss schließt an diesem Tag mit der Stimmenmehrheit der Regierungskoalition seinen Abschlussbericht über die "Fibag"-Angelegenheit ab und kann keine wirklichen Verfehlungen des Bundesverteidigungsministers erkennen - einen Tag vor dem Einmarsch in den SPIEGEL
  • Und ebenso am selben Tag, und zwar vorher, genauer: nach mitternächtlicher Stunde bzw. frühmorgens auf einem Empfang des Bundespräsidenten Heinrich LÜBKE auf Schloss Brühl, war STRAUSS ebenfalls unter den geladenen Gästen. Siegessicher lässt der mehr als leicht angetrunkene Minister, wie Zeitzeugen berichten, in nicht mehr ganz selbstkontrolliertem Zustand mehrere Bemerkungen fallen:

    • Helmut SCHMIDT sei ein Landesverräter und gehöre eingesperrt
    • der SPD-Abgeordnete Gerhard JAHN (der im Fibag-Ausschuss die meisten Fragen gestellt hatte) verdiene, dass man ihm den Schädel einschlage
    • und dass es mit dem SPIEGEL so nicht mehr weitergehe - es sei jetzt endlich was im Busche!

    Sagts, genehmigt sich einen weiteren Schluck und kotzt anschließend ins Gebüsch ...


(JL)