Kurze Historie dieses Preises

Keine Stiftung fällt vom Himmel. Schon garnicht das Kapital, mit dem eine Stiftung gemeinnützig arbeiten kann. So war es auch bei der "Stiftung Freiheit der Presse". Ursprünglich sollte das Geld 1967 wieder zurück in die USA fließen. Aber es blieb zu zwei Dritteln in Deutschland:


Der Willkür ausgesetzt - das Presserecht in der Weimarer Republik 

"Die Gedanken sind frei" - und die Presse auch. Ob dies immer so selbstverständlich war wie in der heutigen Zeit, wird hier pressegeschichtlich ein wenig beleuchtet.

Zu Zeiten der Weimarer Republik wurde in der Reichsverfassung von 1919 bereits die Meinungsfreiheit gewährleistet. Einen besonderen Schutz für die Pressefreiheit gab es allerdings nicht. Zudem konnte der Reichspräsident nach Artikel 48 die Grundrechte außer Kraft setzen und Behörden hatten das Recht, Zeitungen zu verbieten. 

Allein in Preußen wurden um 1932/33 rund 280 Zeitungen verboten. Seit Ende der Zwanziger kam es zunehmend zu Radikalisierungen, die sich auch in Zeitungen und Zeitschriften niederschlugen. Deutschnationale, kommunistische und nationalsozialistische Organe führten einen erbitterten Kampf gegen die erste demokratische Regierung. Persönliche Verunglimpfungen und unwahre Darstellungen gehörten zu den Mitteln der Publizistik. Auf Grund ihrer parteipolitischen, ideologischen oder wirtschaftlichen Bindung neigten viele Blätter zu einseitiger oder unzulänglicher Berichterstattung. 

Freiheit des Geistes? - Politischer Wahnsinn! 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in 1933 kam es schließlich zu einer umfassenden Umgestaltung des Pressewesens. Die Presse diente der Staatsführung als Mittel zur Umsetzung politischer Ziele und als Propaganda - Instrument. Es kam zur so genannten Gleichschaltung der Presse und schließlich am 28. Februar 1933 zur vorläufigen Aufhebung des Presserechts.

Knapp ein Jahr später, am 1. Januar 1934, trat das so genannte Schriftleitergesetz in Kraft. Danach verpflichteten sich alle Journalisten, "alles aus der Zeitung fernzuhalten, was geeignet ist, die Kraft des deutschen Reiches nach außen oder im Innern, den Gemeinschaftswillen des deutschen Volkes, die deutsche Wehrhaftigkeit , Kultur oder Wirtschaft zu schwächen". Reichsminister Goebbels bezeichnete es damals gar als politischen Wahnsinn, einzelnen Individuen die absolute Freiheit des Geistes und der Meinung zu garantieren. 

Zeitungsverleger trotzt "Führer" 

Alle Journalisten mussten sich in Berufslisten eintragen. Voraussetzung dafür war politische Korrektheit und natürlich die "arische" Abstammung. Viele namhafte Journalisten waren gezwungen, ins Exil zu gehen - nur wenige hatten die Courage und Möglichkeit, sich gegen die totalitäre Pressekontrolle des neuen Machtapparats zu stellen. Nicht "genehme" Altverleger gaben ihre dominierende Funktion auf und zogen sich ins kaufmännische Management zurück, andere wurden gefoltert oder im "KZ" weggesperrt. 

Einer der wenigen "Querulanten" war, so lange es noch möglich war, Kurt Neven DuMont in Köln. Der Verleger der liberalen "Kölnischen Zeitung" sowie des "Stadtanzeigers" trotzte für mehrere Jahre dem NS-Regime. Das NSDAP-Blatt "Westdeutscher Beobachter" versuchte den Verleger mürbe zu machen und in die Knie zu zwingen: mit Dumpingpreisen bei den eigenen Anzeigen sowie mit einem durch die NSDAP verhängten Verbot, nach dem Behörden oder staatliche Firmen nicht mehr bei den mißliebigen DuMont-Zeitungen inserieren durften. 

Ohne Erfolg. Neven DuMont lehnte jede "Zusammenarbeit" konsequent ab und nahm dazu auch in seiner eigenen Zeitung öffentlich Stellung. Auf Grund der Unerschrockenheit des Verlegers und dem überregionalen Bekanntheitsgrad der Zeitung zog die NSDAP einen Waffenstillstand der offenen Konfrontation vor. 

Diese Nachgiebigkeit nutzte Neven DuMont für seine Zwecke. Er spielte das Goebbels´sche Propagandaministerium in Berlin und die für das Lokalblatt zuständige Parteidienststelle direkt vor Ort in Köln gegeneinander aus. Für Goebbels fungierte die "Kölnische Zeitung" als eine Art Feigenblatt, um in den Augen des Auslandes den Schein der freien Presse zu wahren. Neven DuMont verstand es, die Parteidienststelle insofern zu beeinflussen, dass sie auch den "Stadtanzeiger" als ‚von Berlin abgesegnetes' Blatt anerkannten. Er vermarktete den "Stadtanzeiger" als zwingend notwendig, um durch dessen Gewinne das Erscheinen der "Kölnischen Zeitung" zu sichern. Ein kluger Schachzug, der das Erscheinen des "Stadtanzeigers" bis ins Jahr 1944 ermöglichte. Die "Kölnische Zeitung" wurde sogar erst nach dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 eingestellt. 

Auswirkungen der NS - Pressepolitik 

Da es solch couragierte Verleger nicht allzuviele gab, schrumpfte das Zeitungsaufkommen in den Jahren von 1934 bis 1943 von rund 3.000 auf rd. 1.000 Zeitungen zusammen. 1944 gab es noch 625 Zeitungen in privater Hand und 352 Zeitungen der NSDAP. Das Ausmaß der Kontrolle wird an Hand dieser Zahlen nicht deutlich - aber bei Betrachtung der Auflagenzahl umso mehr. Einer Privatauflage von 4,4 Millionen (17,5%) stand eine "Regime-Auflage" von 21 Millionen (82,5%) gegenüber. 

Kapitalismus contra Idealismus & Visionen 

1945 war das Jahr des demokratischen und wirtschaftlichen Neuaufbaus - auch in Bezug auf die Medienlandschaft. Der Aufbau entwickelte sich in drei Phasen: Schließung aller Zeitungsbetriebe, Herausgabe von Blättern der Militärregierung und Zulassung deutscher Zeitungen im Rahmen eines Lizenzverfahrens.

Zu dieser Zeit war nicht das finanzielle Kapital eines Verlegers ausschlaggebend. Vielmehr wurden Zeitungsmacher mit Idealen und Visionen gesucht: Zeitungsleute, die eine ‚reine Weste' hatten, weil sie sich nach 1933 nicht dem politischen Mainstream angepasst hatten. Zeitungen, Zeitschriften und andere Verlage waren daher geprägt von Menschen mit innovativen Ideen, die statt wirtschaftlicher vor allem publizistische Ziele anstrebten. Nicht mit dem Strom schwimmen und der Masse gerecht werden, sondern individuell berichten und unvoreingenommen zur Meinungsvielfalt beitragen - so die erklärten Ziele der "Jungverleger", die man auch als "Lizenzverleger" bezeichnete, weil nur sie zwischen 1945 und 1949 eine alliierte Zeitungslizenz hatten. 

Die meisten von ihnen kamen aus dem journalistisch-publizistischem Gewerbe. Sie engagierten sich für Gerechtigkeit und kritische Distanz gegenüber allen Autoritäten und stellten überkommene Traditionen und tradierte Routine in Frage. 

Vor der Presse sind alle gleich 

Ein Beispiel: Franz Karl Maier von der "Stuttgarter Zeitung" (der später den Berliner "Tagesspiegel" herausgeben sollte) ließ erstens, einen Artikel aus der NS-Ära des gerade installierten Kultusministers abdrucken, und hielt, zweitens, dem amtierenden baden-württenbergischen Ministerpräsidenten dessen Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz 1933 vor. Sowohl Regierung als auch Leserschaft erbosten sich über diese Dreistigkeit. Die Zeitung blieb jedoch konsequent und hielt an seiner Forderung fest, "die Großen genauso zu behandeln wie die kleinen Leute".

Derart engagierte und couragierte Verleger waren es, die von den Alliierten die Lizenz zum Aufbau einer Zeitung erhielten. Die so genannten Altverleger, die sich vormals dem NS - Regime gebeugt hatten, waren erst einmal ausgeschlossen. Das Lizensierungssystem hatte die "Umerziehung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus zur Demokratie" zum Ziel. Wer in den Augen der neuen Militärregierung dem Regime des Dritten Reiches gedient, es geduldet und von ihm profitiert hatte, war ihrer Meinung nach nicht fähig, ein öffentliches Amt zu bekleiden. In diesem Punkt waren sich alle Alliierten einig. 

Der Grundstein für überparteiliche Zeitungen 

Unterschiede gab es hingegen in der Lizenzpolitik. Die Engländer wollten ein Nebeneinander verschiedener Zeitungen mit unterschiedlichen politischen Neigungen erreichen. In der amerikanischen Besatzungszone wurden eher überparteiliche Zeitungen gefördert. Die Franzosen eiferten diesem Beispiel weitgehend nach, waren jedoch bei der Auswahl weniger streng als die Amerikaner.

Auf diese Art entstanden bis 1949 vorwiegend überparteiliche Zeitungen. Insgesamt lizensierten die Westmächte 155 neue Tageszeitungen (Amerikaner und Briten jeweils 61, Franzosen 33). Die wesentliche Problematik der Lizenznehmer bestand darin, Maschinen oder Druckereieinrichtungen zu erwerben. Die alten Druckereibesitzer waren lediglich bereit, ihre Unternehmen zu verpachten. So waren die Probleme denn eher technischer als wirtschaftlicher Natur. 

Entstehung der "Wirtschaftlichen Genossenschaft der Presse" (WIGO) 

Die amerikanische "Information Control Division" (ICD) verfügte nach 1945, dass die in der US-Zone ansässigen Verleger 20 Prozent ihrer Gewinne auf ein Sonderkonto der Militärregierung zu zahlen hatten. Diese Gelder sollten gesondert verwaltet und eines Tages der Lizenzpresse als Darlehen zur Verfügung gestellt werden - keiner der neuen Zeitungsverleger hatte ja Kapital. Das "Kapital", mit dem die Lizenzverleger arbeiteten, war ihre ‚reine Weste', ihre Engagement und ihre Visionen für ein demokratisches Deutschland.

Ansprechpartner für die Amerikaner in Sachen Darlehen war die 1947 gegründete "Wirtschaftliche Genossenschaft der Presse" (WIGO). Mit Hilfe der WIGO wollten die neuen Verleger die notwendigen Druckmaschinen anschaffen und unter den Mitgliedern verteilen. 

Bei ihrer Gründung hatte die 28-köpfige Genossenschaft ein Guthaben von 140.000 Reichsmark. 1948 belief sich das Guthaben in dem Fonds auf 36.208.864,35 Reichsmark. Eine Verwendung war ausschließlich zur Anschaffung von verlagsrelevanten Betriebsmitteln gestattet. Als Treuhänderin wurde die WIGO eingesetzt. 

Wenige Monate später, am 21.Juni 1948, sackte dieses immense Vermögen auf ein Zehntel zusammen - die Währungsreform hatte aus 36 Millionen Reichsmark 3,5 Millionen "DM" gemacht. Entsprechend schnell war die Summe aufgebraucht und in Form von Darlehen an die Lizenzverleger vergeben. 

Konkurrenz zwischen "Alt" und "Neu" 

Hinzu kam, dass ab Juni 1949 in den westlichen Besatzungszonen der Lizenzzwang aufgehoben wurde. Ab diesem Zeitpunkt konnten auch die so genannten Altverleger wieder eigene Produkte bzw. ihre früheren Zeitungstitel wieder auf den Markt bringen. In nur vier Monaten kamen allein in der US-Zone 650 Zeitungen (wieder) zum Vorschein, die nun in Konkurrenz mit den 66 lizensierten Blättern standen.

Auf Grund des allgegenwärtigen Kapitalmangels wandte sich die WIGO an den amerikanischen Hochkommissar für Deutschland. Die Genossenschaft beantragte einen Kredit aus den GARIOA - Mitteln (Government Appropiations for Relief in Occupied Areas) des Marshall-Plans. 

Unter der Voraussetzung, a) die Zuständigkeit der WIGO auf alle drei Besatzungszonen auszuweiten
und b) die Altverleger zu integrieren, bekam sie ein Darlehen in Höhe von 15 Millionen DM. 

Stiftung "Freiheit der Presse" wird verankert 

Nachdem das Darlehen aus GARIOA -Mitteln zurückgezahlt wurde, stellte sich die Frage, was mit dem Guthaben aus den Lizenzgebühren in Höhe von 3,2 Millionen passieren sollte, die zwischen 1945 und 1949 ebenfalls in den Treuhandfonds seitens der Lizenzverleger eingezahlt werden mussten. Nach langen Verhandlungen einigten sich die Vertreter der WIGO und der Amerikanischen Botschaft darauf, das Geld zu zwei Dritteln in Deutschland zu belassen. "Es ist unser Wunsch, dass so bald wie möglich ein gemeinnütziger Treuhandfonds, eine gemeinnützige Stiftung, Gesellschaft oder ähnliche Körperschaft errichtet werde ", hieß es von Seiten der Amerikaner.

Mit diesem Zeitpunkt war die Zukunft der Stiftung "Freiheit der Presse" besiegelt: Mit Wirkung vom 31.Januar 1967 gingen 2.160.000 DM auf die neu gegründete Stiftung über. Mit der Regierung der Vereinigten Staaten und der WIGO als Patin wurde die Gründerstiftung für den "Wächterpreis der Tagespresse" geboren. Seit 1998 handelt sie als rechtlich selbständige Organisation und setzt sich nach wie vor für die Belange des couragierten und vor allem freien Journalismus ein. Die WIGO ist inzwischen aufgelöst, nachdem ihr ‚Job' erledigt ist. 

Jetzt sind es der Stiftungsrat und die Jury, die die Geschicke der kleinen, aber wichtigen Stiftung lenken, die einen der anerkanntesten Journalistenpreise Deutschlands verleihen.

Der Wächterpreis

"Couragierte Reporter" auszeichnen, die in "Wahrnehmung von staatsbürgerlichen Rechten", 

  • "den Kampf um eine saubere Verwaltung aufnehmen", 
  • "Übergriffe der Bürokratie oder anderer Machtgruppen" recherchieren und 
  • darüber dann auch berichten, und zwar "ohne Rücksicht auf Namen" und bestehende Verhältnisse sowie
  • Missstände schonungslos aufdecken. 

Dies ist das Ziel des "Wächterpreis der Tagespresse". So hat es die Stiftung "Freiheit der Presse" konstitutiert, die die Auszeichnungen verleiht. Mehr ...

Die Wächterpreis-Site: