Das Transparenzbarometer - eine aktuelle Chronik

Intransparenz wird täglich durch unzählige Recherchen und Berichte in den verschiedensten Medien, Blogs und Websites durchbrochen. Dies ist auch die Aufgabe eines freien Mediensystems: Transparenz für das demokratische Zusammenleben herzustellen, in dem sich jeder informieren, eine Meinung bilden und danach handeln kann. 

In der hiesigen aktuellen chronologischen Liste sollen vor allem strukturelle Transparenz-Entwicklungen dargestellt werden: Vorgänge, die seitens der Politik, der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft, aber auch durch Medien angestoßen werden, die nachhaltige(re) Folgen für mehr Transparenz haben. Direkt aufrufen oder verlinken lässt sich diese Site unter www.transparenzbarometer.de.

Hier geht es zurück zur Übersicht der gesamten Transparenz-Site von ansTageslicht.de, zu der auch dieses Transparenzbarometer gehört. 

21. Mai 2016

"So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein

O-Ton eines deutschen Diplomaten der deutschen Botschaft in Chile, der diese Äußerung aber nicht publik machte. Die Rede ist von der Colognia Dignidad des Sektenführers und in Argentinien wegen Kindesmissbrauchs mehrfach vorbestraften Paul SCHÄFER's, der danach innerhalb seiner chilenischen und abgesperrten Kolonie jahrelang jeden Tag einen der vielen minderjährigen Jungen zum Sex zwang. Nachzulesen im Schriftwechsel der deutschen Botschaft in Santiago de Chile mit dortigen Behörden. Die deutsche Botschaft wusste alles, was dort geschah - sie hatte das System des Paul SCHÄFER akzeptiert, egal ob es um Zwangsarbeit, Missbrauch, Folter oder andere Dinge ging. Selbst wenn es deutsche Staatsangehörige betraf.

Dies alles ist schon seit Jahrzehnten aktenkundig - in den Archiven des Auswärtigen Amtes. Dass es jetzt öffentlich wird, hängt mit 2 Dingen zusammen:

  • dem Kinofilm "Colognia Dignidad. Es gibt kein Zurück" des Regisseures Florian GALLENBERGER ("John Rabe"), der vor Ort mehrere Jahre recherchiert und seinen Film 2015 auf dem Toronto International Film Festival vorgestellt hatte (in deutschen Kinos seit Februar 2016)
  • dem Umstand, dass sich Außenminister Frank-Walter STEINMEIER (SPD) diesen Film am 26. April 2016 in seinem Dienstsitz hatte vorführen lassen und tief beeindruckt war.

Seine Reaktion: Es sei "kein Ruhmesblatt" für das AA gewesen. Und er führte Beispiele an: Der dortige deutsche Botschafter Erich STRÄTLING (1979 Bundesverdienstkreuz, später Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), hatte sich 1977 mit Ehrenwort für die Haltlosigkeit aller Vorwürfe seitens der UNO oder Amnesty International verbürgt. Und "alles ist ordentlich sauber bis hin zu den Schweinställen".

Weil noch nicht alles erforscht ist, insbesondere die Mitschuld deutscher Behörden, hat STEINMEIER jetzt alle Akten dazu freigegeben. Durch die hat sich jetzt erstmals eine Betroffene durcharbeiten können, die als Kind in der Colognia Dignidad aufgewachsen war, aber nicht sexuell missbraucht wurde, weil ihr Vater zum Führungskader des Lagers gehörte. "Warum hat uns Kinder da keiner rausgeholt?", ist das Interview mit der Frankfurter Rundschau übertitelt. Ihr Urteil zu dem Film: "Das Leider vieler war noch grausamer."

Dass diese Aufarbeitung im Auswärtigen Amt jetzt, Jahre nach der Schließung und Verurteilung Paul SCHÄFER's und seiner Kombattanten zustande kommt, erklärt STEINMEIER so: Der Film habe den "künstlerischen Anstoß" dazu gegeben.

Berichte in den Medien, Aussagen von Zeitzeugen bzw. Beteiligten, eine TV-Dokumentation u.a. mehr hat es schon sehr lange gegeben - zusätzlich zu konkreten Vorwürfen beispielsweise von ai oder der UNO. Offenbar braucht es manchmal weitere Anstöße, bevor eine umfassende Aufklärung beginnen kann. Andere Beispiele, in den Filmaufführungen der Auslöser für staatliches Handeln waren: "Der blinde Fleck" (Otoberfest-Attentat), "Meister des Todes" (Waffenfirma Heckler & Koch", vgl Eintrag vom 30. April 2016). 

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