Betroffene kontaminierter Kabinenluft bzw. Fume Events

Fünf exemplarische Beispiele in Kurzform, die für viele andere stehen

Bei der "Berufsgenossenschaft Verkehr", die für die Folgen beruflich bedingter Unfälle im Verkehrsbereich u.a.m. zuständig ist, wurden im Jahr 2016 fast 1.000 Meldungen im Zusammenhang mit Fume-Event-Vorfällen eingereicht. Das sind im Schnitt pro Tag fast 3. 

Es gibt also viele Betroffene. Bzw. gesundheitlich Geschädigte. Die allermeisten sind und bleiben einer größeren Öffentlichkeit unbekannt, denn die meisten dieser Vorfälle werden noch nicht einmal offiziell gemeldet. In der Wissenschaft spricht man deshalb von "underreporting". Dazu haben wir ein eigenes Kapitel aufgesetzt: "Incidents": Vorfälle, die meistens nicht in den offiziellen Statistiken auftauchen.

Um zu zeigen, wie solche "Fume Events", die nach einem Vorschlag des Hamburger Flugzeugexperten Prof. Dr.-Ing. Dieter SCHOLZ zutreffender "Cabin Air Contamination Events" heißen sollten, das Leben von Menschen verändern kann, haben wir hier 5 Fälle in kürzerer Form skizziert. Die Realität stellt sich für die Betroffenen selbst weitaus dramatischer dar. 

"Schaden vom deutschen Volke abwenden", so lautet der Amtseid, den jeder Bundesminister und auch jene Person, die als Bundeskanzlerin die politische Geschicke führt, schwören muss.  Die 'Hohe Politik' in Deutschland weiß spätestens seit 2011 um das Problem - da gab es erst eine Anhörung im Tourismusausschuss des Deutschen Bundestags und dann eine etwa 30-minütige Abschlussdebatte im Parlament (siehe dazu die Chronologie des "aerotoxischen Syndroms"). Die Regierungsmehrheit von CDU/CSU und FDP hatten Anträge der SPD und der GRÜNEN abgelehnt, "kontaminierte Kabinenluft in Flugzeugen zu unterbinden".

Bis heute versucht man, das Problem auszusitzen: zuletzt durch CDU/CSU und SPD.

Diese Site bzw. diese Beispiele lassen sich direkt aufrufen und verlinken unter dem kurzen (Perma)Link www.ansTageslicht.de/Betroffene-Fume-Event.

Was ein Fume-Event-Vorfall für Piloten bedeuten kann und damit für die Sicherheit der Passagiere, haben wir an anderer Stelle dokumentiert: anhand von vier "Flight Reports", die Flugzeugführer nach einem solchen drastischen Ereignis machen müssen. Wir können diese Lektüre nur empfehlen unter www.ansTageslicht.de/Flight-Report-Cockpit.

1993

Angel BRAIN / Gulf Air

Angel BRAIN bewirbt sich bei GULF-AIR als Stewardess. Bis dahin leitet sie einen SPA in London. Die meisten ihrer Kunden kommen aus dem Orient. Die Arbeit als Stewardess bei einer orientalischen Fluggesellschaft sieht sie als Chance das Land, die Menschen und die Kultur des Orients besser kennenzulernen. GULF-AIR entscheidet sich für BRAIN und erfüllt ihr somit ihren Kindheitstraum: Stewardess. 

BRAIN zieht nach Manama, der Hauptstadt Bahrains, und beginnt zu arbeiten. Ein halbes Jahr geht alles gut.

Sie fliegt meist Langstrecken in Maschinen der Boeing 767.

Ab und zu bemerkt sie und ihre Kollegin einen beißenden Geruch, vergleichbar mit dem Geruch nach nassem Hund. Manchmal auch in Begleitung eines leichten Dunstes in der Kabine. 

Wenn solche Vorfälle eintreffen, sind Passagiere oft sehr müde, Crew-Mitglieder schlafen sogar plötzlich ein. Auch BRAIN ist teilweise an Board so müde, dass sie ihre Arbeit nicht weiter fortsetzen kann.

Rückblickend, seit sie weiß, dass es sich bei solchen Vorfällen um Fume-Events gehandelt hat, kann sie sicher sagen, dass sie häufig solcher Fume-Events erlebt hat.

Im eigenen Krankenhaus der Fluggesellschaft (Bahrain Specialist Hospital) wird sie mit Medikamenten behandelt. BRAIN geht es schlecht, sie wird depressiv. Die behandelnden Ärzte fordern BRAIN auf, Eisentabletten zu nehmen. Sie glauben,  dass BRAIN anämisch und dem Druck der Arbeit nicht gewachsen sei. BRAIN ist sich heute sicher, dass ihr Körper einfach nur genug von den giftigen Dämpfen hatte, die sie ganz oft eingeatmet hatte. Mit BRAINS Krankheit entzieht ihr GULF-AIR die Fluglizenz.

Rückkehr nach England

1995 zieht BRAIN nach England zurück. Dabei macht sie sich Sorgen, weil sie nicht mehr dieselbe ist, die sie vor Antritt ihrer Tätigkeit als Stewardess war: physisch, mental und gefühlsmäßig.

Sich selbst helfen

2013 besucht BRAIN in London eine von der GCAQE (Global Cabin Air Qualitiy Executive) organisierten Konferenz über kontaminierte Kabinenluft mit zahlreichen internationalen Experten. Britische Ärzte können ihr nicht helfen, deshalb will sie sich selbst informieren. 

Dort spricht sie auch mit Prof. Dr. ABOU-DONIA aus den USA. Da BRAIN nur von einer kleinen Sozialrente lebt, kann sie sich teure Arztbesuche und spezielle Untersuchungen nicht leisten. ABOU-DONIA bietet BRAIN an ihr Blut kostenlos zu untersuchen. BRAIN lässt sich in einem speziellen Labor Blut entnehmen. Dort wird es speziell aufbereitet. Jetzt hat sie Gewissheit: Sie leidet an einer Vergiftung, die auf eine Vergiftung durch Organophosphate zurückzuführen ist. Organophosphate wie sie bei Fume Events aus dem verdampften Motoröl der Turbine in die Kabine gelangen.

Ein Anwalt rät ihr von einer Klage ab. Grund: sie hat nicht in England, sondern in den Arabischen Staaten gearbeitet.

Treffen mit Tim van BEVEREN

Angel BRAIN trifft sich 2014 erneut mit Tim van Beveren. Dieser hat bei GULF-AIR um Stellungnahme gebeten: keine Reaktion.

Da BRAIN nur eine kleine Invalidenrente erhält, kann sie sich bis heute keine spezielle medizinische Hilfe holen


1998

Bearnairdine BAUMANN bzw. BEAUMONT / Lufthansa

Bearnairdine BAUMANN/BEAUMONT flog seit 1977 bis 1997 - ganze 20 Jahre lang. Zuletzt als Chef-Stewardess bei der Deutschen Lufthansa (LH). Ursprünglich war sie auf Boeing-Fliegern eingesetzt, die letzten Jahre dann auf den Airbus-Typen A 319 und 320. Regelmäßig die langen Strecken, oft hin und zurück aus Asien, Afrika und Australien. Um nicht irgendwelche Bakterien und/oder kleine krabbelnde oder fliegende Tierchen einzuschleppen, wurden die Flieger im Innenraum kurz vor der Landung in den jeweiligen Ländern mit Insektiziden 'gesäubert'.

Der schleichende Prozess

Das betraf Stoffe wie Permethrin, DDT oder auch das giftige Lindan. Letzteres ist schon länger aus dem Handel, seit 2015 wurde es von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als "krebserregend" eingestuft. Bereits sechs Jahre zuvor hatten viele Länder Lindan, aber auch DDT in die Liste unerwünschter, weil gefährlicher, Chemikalien des sog. Stockholmer Abkommens aufgenommen. Zwar wurde die Problematik von Lindan bereits in dem Holzschutzmittel-Prozess Anfang der 90er Jahre bekannt. Das hinderte aber Hersteller oder Anwender nicht, den Stoff für ihre Zwecke einzusetzen. Leidtragende sind - wie üblich - die normalen Sterblichen.

So auch bei Bearnairdine BAUMANN. Bei ihr begann alles nach und nach: durch kumulative Wirkung der Expositionseffekte. Erst stellten sich Allergien ein, mit denen sie zuvor nie Probleme hatte, dann tauchte ein plötzlicher Tinnitus auf, dazu kamen kognitive Probleme, dann Gleichgewichtsstörungen, regelmäßige heftige Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Herzklopfen und schwankender Blutdruck, erste Schwerhörigkeitserscheinungen, Muskelschmerzen - das 'ganze Programm'. Immer öfters musste sie bei Ankunft irgendwo auf der Welt aussteigen, sich krank melden, um es dann wieder zu probieren. Bis es nicht mehr ging - beim besten Willen nicht mehr ging, denn alle, deren Beruf das Fliegen ist, lieben ihren Job, identifizieren sich mit ihrer Aufgabe, egal ob im Cockpit oder der Kabine.

1997 war es dann soweit: Sie wurde fluguntauglich geschrieben.

Bearnairdine wechselte Land und Klima, übersiedelte nach Irland, ließ sich im ländlichen Raum nieder. Nach drei Jahren ließen die ersten Symptome nach, ihr Gesundheits- bzw. Krankheitszustand verbesserte sich.

Der konkrete Vorfall

Ende Oktober 2010 dann ein Flug von Dublin nach Frankfurt mit einer Lufthansa-Maschine, diesesmal als Passagierin. Und dann geschah es: ein Fume Event; nicht in der Luft, sondern auf dem Boden: Die Piloten hatten während des Rollens bzw. Wartens auf die Parkposition die Triebwerke ihres Airbus auf Hochtouren geschaltet, um den Zapfdruck aufrecht zu erhalten. Da die Dichtungen ganz offenbar nicht einwandfrei funktionierten, gelangten die bei der Pyrolyse des Turbinenöls entstehenden Stoffe in die Kabinenluft - wo wie das immer geschieht, wenn es zu einem solchen Vorfall kommt.

Ihr Körper reagierte auf der Stelle. Bearnairdine BAUMANN überfielen Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Herzklopfen. Sie schafft es trotzdem nach Hause.

Dort machten sich am Tag drauf ihre 'alten' Symptome wieder bemerkbar, aber viel schlimer als früher. Der Tinnitus, der vormals nur lästig war, begann jetzt zu dröhnen, die Kopfschmerzen und der Schwindel wurden fast unerträglich, der Hörverlust wurde massiv. Sie konnte kaum noch 2 Treppenstufen gehen ohne zu pausieren. Volle drei Jahre hielten die Symptome ohne Besserung an.

Die Experten

Und erst jetzt begann Bearnairdine BAUMANN sich Gedanken darüber zu machen, wie das alles zusammenhängen konnte und was da in ihrem Körper vor sich gehen mochte. Sie geht zu Ärzten, zu ausgewiesenen Experten:

  • Prof. Mohamed ABOU-DONIA an der Duke-University in den USA, ein internationaler Experte auf dem Gebiet toxischer Effekte auf die Nervenzellen, diagnostiziert eine schwere Verletzung des Zentralnervensystems. Auslöser: gespeicherte toxische Stoffe, z.B. die Reste sogenannter Tricresylphosphate, die im Turbinenöl enthalten sind. Aber auch andere chemische Verbindungen aus der chemischen Gruppe der Organophosphate, zu denen auch mehrere Insektizide und Pestizide gehören. Was da im menschlichen Organismus geschieht, haben wir in einer dreistufigen grafischen Darstellung erklärt.
  • Dr. Holger von STETTEN aus Deutschland konstatierte eine chemische Sensitivität sowie Abnahme der Reflexe und des Hörvermögens.
  • Prof. Dr. Jeremy RAMSDEN aus England, Spezialist für Nanotechnologie (z.B. an der University Cranfield) und Chefredakteur des Journal of Biological Physics and Chemistry, bescheinigt ihr in seinem Gutachten eine "Organophosphorus ester-induced delayed neurotoxicity", kurz OPIDN.

Jetzt half nur noch eines: frische Luft, und das rund um die Uhr, für Bearnairdine BAUMANN. Da sie sowohl einen britischen wie schweizerischen Pass hat (in der Schweiz ist sie aufgewachsen), begab sie sich wieder in ihre zweite Heimat, denn Berge, auf denen man in einer Höhe von 1.500 Meter gleichzeitig einem spezifischen Luftdruck und einer leicht reduzierten Sauerstoffsättigung ausgesetzt ist, gibt es genügend.

Das Abkommen von Montreal

Verschiedene Gesetze in Deutschland verpflichten die Arbeitgeber dazu, ihren Mitarbeitern einen „sicheren“ Arbeitsplatz anzubieten, der frei von Gefahren und/oder Schadstoffen ist. Wie das bei Fume Events ausgeht, haben wir an vielen Beispielen dokumentiert. Und auch, warum das so ist: Worin das technische Problem besteht (Was beim Fliegen in 10 Km Höhe alles anders ist) und wieso die „Gesetzliche Unfallversicherung“ hier nicht einspringt (Das Schattenreich: ein Monopol organisiert ein Verschweigekartell). Auch Bearnairdine BEAUMONT hat damit ihre Erfahrungen gemacht.

Jetzt ist es ihr wieder passiert, diesesmal als Fluggast. Für solche Schadensfälle haben alle Airlines 1999 das „Montrealer Übereinkommen“ unterzeichnet, das die Haftung von „Luftfahrtunternehmen“ regelt, wenn Reisegepäck oder Reisende selbst zu Schaden kommen. Bis zu 120.000 Euro sind in solchen Fällen vorgesehen. Auch die Lufthansa hat dieses Abkommen unterschrieben.

Bearnairdine BAUMANN will klagen. Auf Schadensersatz ihrer Krankheitskosten.

Das irische Justizsystem

BB sanmmelte Belege und Unterlagen, beauftragte eine junge Rechtsanwältin, die sich engagiert gab, führte sie in die Problematik ein und beauftragte selbst, auf Anraten ihrer Anwältin, mehrere Gutachter, die sie gesundheitlich untersuchten, um die neuen Gesundheitsprobleme zu dokumentieren. Und medizinisch-toxikologisch erklären bzw. diagnostizieren. Rund 15.000 Euro hat das gekostet – ohne Anwalts- und „Barrister“-Kosten.

„Barrister“ sind in Irland - so wie in England - sogenannte Senioranwälte, die die Gerichtsverhandlung führen und von Junioranwälten hinzugezogen werden, die selbst nur die Recherche- und juristische Schreibarbeit (Schriftsätze, Klageschrift usw.) machen. Die jungen haben in der Regel keine Erfahrung im Auftreten vor Gericht und es ist auch nicht jedermanns Sache, vor Richtern mit Gegnern den juristischen Schlagabtausch zu führen.

Der nicht (mehr) vorhandene Richter

Der (erste) beauftragte Barrister steigt aus, aus Krankheitsgründen. Jetzt wird Bearnairdine BAUMANN selbst krank, bittet um eine Verschiebung der Verhandlung.

Die Richterin lehnt ab. Die Anwältin zuckt mit ihren Achseln, ein neuer Barrister lässt sich nicht finden. Als es vier Wochen vor Verhandlungsbeginn zu einem offiziellen Austausch mit der Gegenpartei, der Lufthansa, kommt, versagt die junge Anwältin völlig: Sie kann auf Nachfragen nicht antworten, hat offenbar die von ihre angeregten Gutachten nicht gelesen und ebensowenig die gegnerischen Stellungnahmen. Weil die Zeit drängt, bittet Bearnairdine BAUMANN die Kanzlei, der jungen Anwältin einen erfahrenen Rechtsberater als Barrister zur Seite zu stellen, aber das funktioniert mehr schlecht als recht. Vielmehr signalisiert ihr die Kanzlei, dass es besser wäre, wenn BAUMANN ihre Klage zurückziehen würde.

Für Bearnairdine BAUMANN kommt das nicht in Frage.

Jetzt ein Anruf der Kanzlei, dass sich die Gegenseite an den Runden Tisch setzen wolle. Hoffnung keimt auf. Doch das Angebot stellt sich als Irrtum heraus - eine Methode, um die Klägerin mürbe zu machen?

Ein dritter Barrister kommt. Und geht auch gleich wieder. Ohne Begründung. BAUMANN wartet derweil dringend auf ein Dokument der Lufthansa, das technische Worksheet. Sie wartet schon lange. Dann kommt es: ein leeres Blatt Papier, eingescannt und ergänzt mit der Bemerkung: "... es ist nichts eingetragen."

Die Anwältin zuckt erneut mit den Schultern, sie könne nichts machen - zwei Wochen vor dem Gerichtsprozess. Wenigstens gelingt es BAUMANN, einen neuen (den vierten) Barrister zu engagieren.

BAUMANN fliegt erneut nach Dublin, ebenso ihre drei Experten aus den USA, Großbritannien und Deutschland, die sie beauftragt hatte (s.o.). Alle sind pünktlich um 10 Uhr im Gericht. Der neue (vierte) Barrister eilt ihr entgegen, es gäbe ein Problem: "Wir haben keinen Richter!"

Es hilft nichts, es lässt sich kein Richter finden, der dieses Verfahren auf seinem Zettel hätte. Sie sollten alle zurück ins Hotel gehen, man würde sehen ...

So geht es hin und her, der neue Barrister tauscht sich mit dem gegnerischen Anwalt der Lufthansa aus, inzwischen ist es der zweite Tag und diesesmal scheint ein Hinweis dabei zu sein, dass man sich vielleicht außergerichtlich einigen könne, dann wieder nicht und dann wieder doch, aber ohne konkrete Zahl, die dann immer kleiner wird, bis ihr Barrister signalisiert, "es wird nicht so viel sein wie angedeutet."

Am Tag 3 eines immer noch nicht vorhandenen Richters das gleiche Spiel. Kein Richter. Die Diskussion geht hin und her und dann kommt das spektakuläre und letzte Angebot: „Sie werden den Fall auf jeden Fall verlieren, aber wir werden grosszügig sein. Wir werden Ihnen unsere entstandenen Kosten nicht in Rechnung stellen, wir werden aber auch keine Leistung erbringen und Sie legen den Fall nieder." Und weiter: „Wenn Sie dieses grosszügige Angebot nicht annehmen, werden wir Ihnen unsere volle Rechnung schicken, die sich auf etwa 120.000 Euro beläuft und Sie dafür einklagen falls notwendig.“

Bearnairdine BAUMANN sagt Nein. Ihre Experten, die jetzt schon mehrere Tage da sind, müssen unverrichteter Dinge wieder abreisen. 

Einige Wochen dann ein neuer Termin - mit Richter. Weil Bearnairdine BAUMANN bisher erhebliche Auslagen u.a. für die angereisten Gutachter hatte, rund 12.000 Euro, bittet sie darum, wenigstens die Experten mittels einer Videokonferenz zu Wort kommen zu lassen. Die neue Richterin lehnt ab. Wenn die Experten nicht höchstpersönlich erscheinen würden, würde der Termin nicht stattfinden. Sie würde das als Missachtung des Gerichts ansehen.

Bearnairdine BAUMANN hat schlaflose Nächte, überlegt hin und her, aber sie hat das Geld nicht, nochmals alles zu finanzieren. Der Barrister, der den Fall weiter bertreut hätte, hatte ihr die Honorarsumme für sich und einen Junioranwalt genannt: rund 60.000 Euro

BAUMANN muss aufgeben. Und gibt der - jetzt inzwischen vorhandenen - Richterin bekannt, dass sie ihre Klage zurückziehen würde.

Und so geschieht es.

Wenn Bearnairdine BAUMANN doch noch mal fliegen müsste, was sie nicht mehr macht, würde sie es  nur mit einer Aktivkohlemaske tun - wohl wissend, dass dies in einem Ernstfall nicht wirklich hilft. Das Foto hier ist im Rahmen des Dokumentarfilms "Ungefiltert eingeatmet" entstanden (s.o.), als sie selbst und das Kamerateam zum Gerichtstermin nach Dublin geflogen waren: in einer Lufthansa-Maschine. Mehr zu diesem Film, wie das Konzept entstand und was daraus letztlich wurde, ist beschrieben unter Tim van BEVEREN und die WDR-Dokumentation "Nervengift im Flugzeug": Chronik eines Drehs, aus dem 2 verschiedene Filme wurden.

Bearnairdine BAUMANN fliegt nur noch mit einer Aktivkohlemaske. Aus dem Film "Ungefiltert eingeatmet" von Tim van Beveren.

Die Netzwerkerin

Inzwischen hatte Bearnairdine BAUMANN gelernt: Von nichts kommt nichts. Wenn man sich gegen eine Übermacht zur Wehr setzen will, muss man etwas unternehmen. Sonst geschieht nichts. Da es in der Regel immer nur einzelne sind, die von Gesundheitsschäden betroffen sind und meistens erst dann verstehen, wieso so etwas passieren konnte, ist es wichtig, sich untereinander zu vernetzen. Zum Beispiel zum Erfahrungs- und Informationsaustausch. Denn nur dann macht es Sinn, sich über weitere Aktivitäten Gedanken zu machen.

So hat BAUMANN 2011 ehrenamtlich ein Netzwerk für Betroffene von kontaminierter Kabinenluft aufgebaut, das sie über das Internet managt: www.aerotoxicteam.com. Und sie dokumentiert auf ihrer Facebook-Seite "Global Aerotoxic Team" Fume-Events und teilt Informationen: www.facebook.com/aerotoxicglobalnetwork

In dem Dokumentarfilm von Tim van BEVEREN "Ungefiltert Eingeatmet" ist sie eine der Protagonistinnen (siehe Screenshot). Sie erhält Zuschriften von tausenden Leuten weltweit. Aktuell hat sie Kontakt zu 500 Betroffenen. Heute lebt sie in den Schweizer Alpen, da ihrem Körper die klare Bergluft gut tut. Allerdings ist sie körperlich so beeinträchtigt, dass sie am Stock gehen muss.

Unter dem Namen Bernairdine BEAUMONT veröffentlichte BAUMANN 2015 das Buch "The Air I Breathe - It's Classified". Seit 2016 gibt es auch eine deutsche Fassung: Höhenluft-Tagebuch einer Stewardess


2002

Sandy VERMEER, Flugkapitän im Lufthansa-Konzern

Es ist das Jahr, in dem der Lufthansa-Kapitän Sandy VERMEER (Name geändert) insgesamt 9 Male bei seiner Arbeit, also beim Steuern in der Kanzel, von Fume Events überrascht wird. Im Januar 2002 gleich zwei Male an einem Tag. Der Captain und sein Co fliegen eine BAe 146 Avroliner. Dieses Flugzeug hat sich schon in Australien als besonders anfällig für das Problem kontaminierter Luft im Flugzeug erwiesen.

Während des Fluges von Katovice nach Frankfurt entwickelt sich im Cockpit ein Gestank, der „alten Socken“ gleicht, wie DER SPIEGEL rapportiert.

Der Geruch ist kaum auszuhalten. Sandy VERMEER dröhnt der Kopf und seinen Co-Piloten überkommt ein Würgereiz. Beide fühlen sich so schlecht, dass sie sich die Sauerstoffmasken aufsetzen. Erst jetzt bemerken sie, wie schlecht es ihnen vor dem Aufsetzen der Maske tatsächlich ging.  VERMEER beschreibt das Aufsetzen der Sauerstoffmaske „als würde ein Schleier über ihm und seinem Co-Piloten weggezogen“. Sie können die Maschine aber sicher landen und übergeben das Flugzeug an die Techniker.

Mit derlei Vorfälle wird VERMEER die nächsten Jahre noch öfter konfrontiert. Nach und nach bemerkt er gesundheitliche Veränderungen an sich, wie z. B. Abgeschlagenheit, Erschöpfung, drei Tage hintereinander Schluckauf. Es folgen Herzrhythmusstörungen. Auf Anraten seiner Ärzte absolviert er eine Psychotherapie.

Ein paar Monate setzt er sich noch hinter das Steuer eines Flugzeugs. Der Gestank und die Beschwerden tauchen allerdings immer wieder auf. Folge: er leidet immer mehr an Angststörungen, konkret: ein Angsttrauma mit Panikattacken, wie ein Psychiater diagnostiziert. 2008 wird er flugunfähig geschrieben. Aus der Traum. Und aus der Beruf.

Und Ende mit Gehaltszahlungen seitens seines Arbeitgebers. Die Lufthansa bzw. deren Tocher Cityline lässt ihn auflaufen. Wohl als Strafe, denn VERMEER hat innnerhalb des Unternehmens regelmäßig auf das Problem aufmerksam gemacht, Antworten und Lösungen eingefordert. Und auch nach außen hin hat der Kapitän kein Blatt vor den Mund genommen. Mehrfach hatte er Journalisten Rede und Antwort gestanden und die Meinung vertreten: das aerotoxische Problem ist ein Gesundheitsproblem. Nicht nur für die fliegende Crew, sondern auch für die Passagiere. 

  • Doch derlei Engagement mag die Deutsche Lufthansa AG offenbar gar nicht. Sie lässt den fluguntauglichen Piloten schmoren.:
    Gehalt zahlt sie ihm nicht, denn er kann ja keine vertragliche Arbeitsleistung anbieten.
  • Kündigen tut sie ebenfalls nicht, denn dann würde er mit eine Kündigungsschutzklage reagieren und dann käme der Sachverhalt vors Arbeitsgericht. Und erneut an die Öffentlichkeit.
  • Eine Arbeit am Boden bietet die Lufthansa, etwa aus Gründen der Fürsorgepflicht, ihrem gewissenhaften Piloten ebenfalls nicht an – Strafe muss sein!

Jetzt lebt VERMEER - zunächst - von seiner Lost-Licence-Versicherung. Die garantiert ein Mindesteinkommen. Aber nur für einige Jahre. Als die Absicherung 2015 ausläuft, muss VERMEER gegen seinen Ex-Arbeitgeber klagen. Es kommt zu einem Vergleich vor dem Arbeitsgericht: Der ehemalige LH-Kapitän bekommt eine (sehr) bescheidene Abfindung. Im Gegenzug muss er sich einer Verschwiegenheitserklärung unterwerfen:

Der Kläger wird insbesondere keinen Kontakt zu Medien aufnehmen oder unterhalten, um dort unter Nennung des Namens der Beklagten oder einer anderen Konzerngesellschaft über durch Öldämpfe kontaminierte Kabinenluft Äußerungen zu tätigen. Dem Kläger ist bewusst, dass er damit gegen das im Sinne dieser Vereinbarung festgelegte Wohlverhalten verstoßen würde. Für jeden Fall des Verstoßes verpflichtet sich der Kläger eine Vertragsstrafe in Höhe eines letzten Bruttomonatsgehalts von EUR 11.054 zu zahlen.“


ab 2011

Richard WESTGATE / British Airways

WESTGATE, der 1969 in Sailsbury in England geboren wurde seit 1996 als  Pilot arbeitet, verliert seine medizinische Flugtauglichkeit, die Voraussetzung seiner Piloten-Lizenz. Er hat ständig Schmerzen und sucht Hilfe bei Ärzten in seiner Heimatstadt. Die Karriere im Cockpit ist schlagartig beendet. Er braucht also juristische und medizinische Hilfe. Mit WESTGATE geht es immer weiter bergab. Laut seinem Anwalt Frank CANNON (ehemaliger Pilot und früherer Besitzer einer kleinen Fluggesellschaft aus Schottland) hat er starke Schmerzen, versucht diese aber zu verbergen.

Der ehemalige Pilot Richard WESTGATE. Foto: Tim van Beveren.

Nach eigenen Recherchen von WESTGATE hängen seine Leiden mit der Zapfluft in Flugzeugen zusammen.

WESTGATE verliert seine Fluglizenz. Seine Ärzte können ihm ebenfalls nicht helfen, keiner weiß wie: insgesamt 22 Ärzte, die mit seinen Symptomen nichts anfangen können. Der letzte überweist ihn in eine Psychiatrische Klinik, was Ärzte gerne tun, wenn sie nicht mehr weiterwissen. In der Psychiatrie verabreicht man WESTGATE Psychopharmaka. Darauf hin entlässt er sich selbst und reist nach Amsterdam.

Er besucht Dr. Michael MULDER in Holland, einen Arzt und ehemaligen KLM-Piloten, der sich mit dem aerotoxischen Syndrom beschäftigt. MULDER war 18 Jahre lang für die KLM geflogen, bis er merkwürdige Veränderungen an sich feststellte: Konzentrationsstörungen, Nachlassen des Gedächtnis. MULDER kündigte. Und wurde Mediziner. Jetzt forscht er an dem, was er auch selbst erlebt hat.

Laut MULDER hat WESTGATE große Schmerzen und seinen Körper schlecht unter Kontrolle. Außerdem leidet er an seiner eingeschränkten Gehirntätigkeit. MULDER stellt für WESTGATE ein Therapie-Team zusammen. Mit MULDER fliegt WESTGATE noch ein letztes Mal in MULDER's privaten Maschine (einem Zweisitzer).

Die Symptome bleiben nach wie vor und es tritt trotz Behandlung keine Besserung ein. In England diagnostizierte man WESTGATE sogar das Münchhausen Syndrom (er würde sich seine Schmerzen nur einbilden).

WESTGATE begibt sich jetzt endgültig nach Holland in medizinisch-therapeutische Behandlung zu Dr. MULDER, da man ihm in Großbritannien nicht helfen kann.

Im April sucht WESTGATE den auf Luftfahrt spezialisierten Anwalt Frank CANNON auf, weil er aus medizinischen Gründen flugdienstuntauglich geschrieben wurde. Während seiner Zeit als Pilot flog er u.a. den Airbus A319 und A920 (die Kurzstreckenflotte für europäische Routen).

WESTGATE hinterließ bei CANNON einen bleibenden Eindruck. Der beschrieb WESTGATE als umgänglich und beeindruckend. WESTGATE war ein leidenschaftlicher Paraglider. Für sein Hobby reiste er um die ganze Welt. Er hatte sogar einen Eintrag im Guinnes Buch der Rekorde.

Als CANNON im April 2012 auf WESTGATE traf, war er laut CANNON eindeutig nicht mehr in der Verfassung eines leidenschaftlichen Extremsportlers und Pilotens. CANNON beschreibt ihn als kranken und veränderten Menschen.

WESTGATE verbringt den Winter in einem Hotel in Amsterdam, ganz in der Nähe von MULDERS Praxis. Er ist sehr einsam und hat weder Freunde noch Familie um sich herum. WESTGATE will nicht, dass ihn seine Familie in seinem Zustand sieht. Er hat den festen Willen wieder gesund zu werden.

WESTGATE verbringt den Abend des 11.12.2012 in der Hotel-Lobby vor dem Computer. Er sucht Kontakt zu weiteren Betroffenen. Er surft bis zum frühen Morgen im Internet und zieht sich gegen 2 Uhr morgens in sein Hotelzimmer im Erdgeschoss zurück. Das ist das letzte Mal, dass man ihn lebend gesehen hat.

2017 wird sich es einen weiteren Bericht des Coroner Dr. Simon FOX geben. Der nimmt keine nochmalige Autopsie vor, sondern liest nur alle bisherigen Berichte und prüft die Proben ein weiteres Mal. Zu neuen Erkenntnissen kommt er nicht. Er bestätigt nur das, was bereits bekannt war. Dass WESTGATE in der fraglichen Nacht - versehentlich oder bewusst - eine Überdosis des Schmerzmittels Pentobarbital genommen hatte. Ein Container, aus dem die Arznei stammte, konnte allerdings nie gefunden werden.

Das Vermächtnis

WESTGATE hat seinen Körper der Wissenschaft vermacht, damit das aerotoxische Syndrom besser erforscht werden kann. Deswegen wird jetzt seine Leiche beschlagnahmt. 

Das Besondere an diesem  Fall: es können zum ersten Mal Zusammenhänge zwischen kontaminierter Kabinenluft und einer schweren Erkrankung hergestellt und wissenschaftlich belegt werden.

Am 17.12.2012 findet die Untersuchung der Leiche von Dr. MULDER und Dr. Frank VAN DE GOOT (forensischer Pathologe im Westgate Research Team). Befund: entzündete Nervenzellen im ganzen Körper.

Forensisch-pathologische Analysen an Gewebeproben aus dem Gehirn, dem Rückenmark und Nerven des Verstorbenen werden durchgeführt.

Professor Mohamed B. ABOU-DONIA von der Duke-Universität in den USA und sein Team untersuchen ebenfalls neun Monate lang Zellproben von Richard Westgate. Die Ergebnisse veröffentlicht der Spezialist gemeinsam mit Dr. Michel MULDER (letzter behandelnder Arzt von WESTGATE).

Vor Veröffentlichung werden die Ergebnisse nochmals von sechs weiteren Fachleuten geprüft.

Die Veröffentlichung zu den Ergebnissen lässt sich hier einsehen.

Ergebnis: WESTGATE litt an Symptomen, die man mit dem gleichzeitigen Auftreten folgender Krankheiten vergleichen kann: Herzmuskelentzündung, Leukämie, multipler Sklerose und zusätzlich einer Arsen- und Insektizidvergiftung. Alle Krankheiten wurden zu Lebzeiten ausgeschlossen. Und krank oder schwächlich war WESTGATE nicht. IM Gegenteil: er war eine sportliche Natur, war leidenschaftlicher Paraglider und liebte schnelle Autos.

Am 18.01.2013 wird WESTGATE in seiner Heimatstadt der Provinz Dorset im Südwesten Englands.

Nach der Beerdigung werden die sichergestellten Proben und Organe von den Behörden freigegeben. Wunsch WESTGATES: die Untersuchung mit einer Kamera begleiten. Ein Team von mehreren Wissenschaftlern beginnt mit der Untersuchung von Herz, Gehirn und Nerven. Die Proben werden aufgeteilt und an unterschiedliche Labore für Analysen versendet. 

An der Duke University in North Caroliner untersucht Prof. Dr. ABOU-DONIA die Proben. Er sucht nach Markern im Blut, die für die Hirnschäden verantwortlich sind. Die Marker WESTGATES waren die höchsten, die er je gesehen hat. Die Untersuchung bestätigt außerdem, dass WESTGATES Erkrankung mit einer Organophosphat-Exposition im Zusammenhang steht. Dem Hirn und den Nerven wurden also durch giftige Stoffe irreversible Schäden zugefügt. Außerdem zeigt es auch, dass viele der Symptome des aerotoxischen Syndroms direkt mit den Teilen des Gehirns und Körpers zusammenhängen, die eingeschränkt sind.

Bemerkenswert ist auch, dass WESTGATE zu seiner Zeit als Pilot nicht viele offensichtliche Fume-Events erlebt hat. Seine Schäden stammen eher von regelmäßigen, niedrigen Organophosphaten, die er während seiner Flüge eingeatmet hat.

Der Chef-Gerichtsmediziner von Dorset Stanhope PAINE kommt zu dem Entschluss, dass Handlungsbedarf besteht und zukünftige Fume Events und dadurch mögliche Todesfälle, verhindert werden müssen. Er veröffentlicht eine amtliche Mitteilung, adressiert an British Airways sowie an die britische Zivililluftfahrtbehörde. Mit dieser Mitteilung wird das Problem der toxischen Stoffe in der Kabinenluft und die damit verbundenen Gafahren erstmals amtlich festgestellt


22.März 2013

Freya von der ROPP, ehemals Condor

"Wir lieben Fliegen", so das Motto der Fluggesellschaft.

Das machen auch die Stewardessen, denn sonst hätten sie diesen Beruf nicht gewählt - die Bezahlung ist mau. Flugbegleiterin zu sein begreifen Mitglieder des fliegenden Personals als zentralen Lebensinhalt; sie machen es aus Überzeugung und mit Hingabe.

Darunter: Freya von der ROPP, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.

Condor / Flug 5944 / eine Boeing 757 von Hamburg auf dem Weg nach Las Palmas auf Gran Canaria. An Bord eine 8-köpfige Crew sowie 242 Passagiere.

Stewardess Freya von der ROPP bemerkt während des Anflugs auf Las Palmas (Gran Canaria) einen seltsamen Geruch in der Kabine. Auch ihre Kollegin riecht es. Der Geruch wird immer stärker und Freya von der ROPP und ihrer Kollegin geht es ganz plötzlich schlecht. Beide überfällt Übelkeit, Kopfschmerzen und sie fühlen sich wie betäubt. Auch der Copilot im Cockpit hat urplötzlich Probleme: Er fühlt sich schlecht, kann aber - im Gegensatz zu allen anderen im Flugzeug - seine Sauerstoffmaske aufsetzen.

Die Flugbegleiter und die Passagiere haben keinerlei Zugang zu reiner Luft bzw.  Sauerstoff. Aus den sogenannten "Sauerstoffmasken", die den Passagieren vor dem take-off gezeigt und erklärt werden, wie sie im Notfall aus der Halterung oben herunterfallen, kommt die selbe Luft wie in der Kabine. Sie sind vor allem für einen etwaigen Druckausgleich gedacht. Nicht für Sauerstoffzufuhr. Bei keinem Flugzeug. Echte Sauerstoffmasken und -flaschen gibt es nur im Cockpit.

Ausschnitt aus einer "Safety Card" für die Boeing 737

Das Flugzeug kann trotz der Probleme im Cockpit und bei 2 Flugbegleitern sicher in Las Palmas landen.

Auf Anweisung der Condor-Wartung in Frankfurt, wird das Flugzeug vom spanischen Bodentechnikern auf dem Flughafen untersucht. Dabei kann kein Mangel festgestellt werden. Der Captain entscheidet sich für einen Testlauf der Triebwerke und der APU - bzw. ob irgendetwas aus der Klimaanlage kommt.

Von der ROPP und ihre Kollegin haben Angst, dass der Geruch wieder auftritt. Um sicherzugehen, dass der Geruch aus den Drüsen kommt, stellt sich von der ROPP auf Anweisung des Kapitäns direkt unter eine Düse und atmet ein. Der Geruch kommt tatsächlich aus der Düse. Von der ROPP möchte dies den Piloten mitteilen, geht nach vorne zum Cockpit. Nach zwei Reihen bricht sie zusammen, wird fast ohnmächtig. Ihr Körper versagt. Und sie wird in Trance von dem Gedanken erfasst, dass es sich so anfühlen muss, wenn man vergast wird. Ihren Körper kann sie nicht mehr fühlen, er ist taub und trotzdem kribbelt es, sie hat wahnsinnige Kopfschmerzen und ihr ist sehr übel. Außerdem rast ihr Herz.

Sofort leisten ihre Kolleginnen Erste Hilfe, legen sie in eine Sitzreihe. Jetzt kreisen ihre Gedanken nur noch um ihre Kinder. Sie fühlt sich so müde, dass sie nur schlafen möchte. Dann beginnt

die Odyssee:

Die Odyssee mit dem Krankenwagen führt durch mehrere Krankenhäuser und dortigen Ärzten, die alle mehr oder weniger ratlos sind. Von kontaminierter Kabinenluft haben sie noch nie gehört. Und haben deshalb auch keinerlei Vorstellung, was zu tun wäre. Die Mediziner sind genauso hilflos wie die beiden Flugbegleiterinnen von Condor.

Erst im dritten Hospital kommt man auf die Idee, eine Blutprobe zu entnehmen, in der man aber nichts finden kann - einfach deswegen, weil man nicht weiß, wonach man - außer den üblichen Markern - eigentlich suchen soll. Außerdem werden ihre Reflexe getestet und sie wird geröntgt. Von der ROPP hat keine Reflexe mehr im Knie - dias Knie reagiert nicht (mehr).

Spät nachts erreichen die beiden Flugbegleiterinnen ihr Hotel. Besser geht es ihnen aber noch nicht. Freya von der ROPP ist alleine auf ihrem Zimmer, ist ängstlich und kann nur wackelig laufen. Aus Angst darüber, was mit ihr weiter passieren könnte, schließt sie ihre Zimmertür nicht ab. Sie hat Angst, dass sie nicht mehr aufwacht.

Rückkehr nach Hamburg bzw. Berlin: keine Besserung

36 Stunden nach dem Fume-Event-Vorfall ist Freya von der ROPP wieder in Hamburg. Und erst jetzt wird ihr dort eine Blutprobe entnommen. Sie wird eingefroren. Und fast ein halbes Jahr tiefgefroren eingelagert. Über Human-Bio-Monitoring (HBM), ein Verfahren mit dem man toxische Stoffe im Blut und Urin nachweisen kann, wird zu dieser Zeit noch nicht diskutiert. Es wäre eh' zu spät, denn viele der giftigen Substanzen, die bei einem Fume Event entstehen können und dann in den menschlichen Organismus geraten, verflüchtigen sich schnell und/oder werden ausgeschieden. Einige lassen sich praktisch garnicht mehr nachweisen bzw. nur mit hohem Aufwand (z.B. Tricresylphosphate, mehr dazu unter www.ansTageslicht.de/TCP). Und so lassen sich nach einem weiteren halben Jahr praktisch keine Fremdstoffe im Blut mehr ausmachen.

Toxische Substanzen sind sogenannte hit-and-run-Verbindungen, wie Toxikologen das nennen: Einmal in den Körper gelangt, richten sie ihren Schaden an und sind danach praktisch kaum mehr nachweisbar. Vor allem, wenn Zeit vergangen ist.

Als von der ROPP  wieder zurück an ihrem Wohnort Berlin ist, begibt sie sich in das berühmte Krankenhaus "Charité" zur weiteren Behandlung. Doch da kann man ihr nicht helfen. Die Symptome der zweifachen Mutter bleiben unverändert: spätestens nachmittags wird sie sehr müde, so dass sie nichts mehr machen kann. Sie fühlt sich dadurch in ihrem Leben und ihrem Alltag sehr eingeschränkt. Auch die Ungewissheit wie es denn weitergeht, macht ihr sehr zu schaffen. 

Dreimal in der Woche geht sie zur Physiotherapie. Sie ist täglich damit beschäftigt, alle Termine wahrzunehmen, die ihr bei ihrer Genesung helfen sollen. Das ist aktuell ihr heutiger 'Job' - ihre Arbeitsstelle im Flugzeug hat sie verloren: sie ist ja fluguntauglich.

Ihr Antrag auf Berufsunfähigkeit und Rentenzahlung bei der Berufsgenossenschaft Verkehr (die u,a, von den Airlines finanziert wird) hat keinen Erfolg - er wird abgelehnt. Begründung: ihre Symptome sind das Ergebnis einer Hyperventilation. Oder, wenn doch noch ein anderer Grund: dann wäre es Enteisungsflüssigkeit, die als Auslöser dieses Vorfalls in Frage käme. Tatsächlich hat man Enteisungsflüssigkeit bei der technischen Untersuchung gefunden. Aber Enteisungsflüssigkeit ist per se nicht giftig. Man riecht sie nur. Allerdings: wird sie heiß bzw. gerät sie in die Hitze einer Turbine oder Hilfsturbine (APU), dann wird das enthaltene Glykol ebenfalls heiß. Gerät es nun in die Klimaanlage, könnte es als Lösungsmittel wirken: All die in dem verzweigten Röhrensystem abgelagerten chemischen (teils toxischen) Stoffe würden sich lösen und in die Kabinenluft geraten. Nichts genaues weiß man bis heute nicht.  

Das Flugzeug mit der Kennung "D-ABOC"

Als die spanische Untersuchungsbehörde das betroffene Flugzeug wieder freigibt, fliegt die Maschine nach Deutschland zurück - leer und ohne Passagiere. Auf dem Rückflug:  zwei weitere Fume-Events. Die Besatzung muss mehrmals die Sauerstoffmasken aufsetzen.

Die in Deutschland zuständige BFU hilft ihren spanischen Kollegen, die unter Druck mit ihrem Untersuchungsbericht stehen und deshalb veröffentlichen, bevor die deutsche Seite alles ausermittelt hat. Dabei stellt sich heraus, dass die Maschine "D-ABOC" in den vier Jahrren zuvor insgesamt 25 solcher Fume-Event-Vorfälle hatte. "25", die offiziell gemeldet wurden, was aber nicht die Regel ist (mehr unter "Incidents": Vorfälle, die meistens nicht in den offiziellen Statistiken auftauchen).

Und im selben Jahr (2013) wird es noch 5 weitere solche Vorfälle geben: offiziell gemeldete.

Die Auseinandersetzung mit der Berufsgenossenschaft BG Verkehr

Im Oktober 2015, drei Jahre nach dem Vorfall, wird der Antrag auf Entschädigung von der Berufsgenossenschaft (BG-Verkehr) abgelehnt. Freya von der ROPP muss jetzt klagen: vor dem Berliner Sozialgericht, Az: S 68 U 281/16.

Im September 2020, also im Jahr Nr. 7, kommt es zu einer Verhandlung. Erstmals tritt ein offizieller Zeuge auf: der "Untersuchungsführer" des Vorfalls von vor 7 Jahren von der BFU. Er bestätigt den Vorfall und kann erklären, dass Fume Events bis heute ein ungelöstes Problem darstellen: ein ungelöstes technisches Problem und ein ungelöstes rechtliches Problem für die Geschädigten. Denn die müssen jetzt im "Vollbeweis" nachweisen, dass das, was auf der Hand liegt, auch juristisch vor einem Sozialgericht mit einhundertprozentiger Kausalität belegt werden kann.

In Deutschland ist dies so gut wie unmöglich.

Das Verfahren geht weiter: Die Richterin entscheidet sich für ein neues Gutachten, das jetzt die neu aufgetretenen gesundheitlichen Schäden untersuchen und bewerten soll.

Mehr zum aktuellen Fortgang dieses Verfahrens im Aerotoxischen Logbuch unter dem tag "Justiz und Fume Event" sowie im ABC-Fume-Event im Kapitel Fume Events: Urteile und Gerichte (NOCH NICHT ONLINE).


Hinweis:

Einige dieser Darstellungen basieren inhaltlich auf einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015, der erstmals die Problematik auf die Kinoleinwand gebracht hatte: Tim van BEVEREN's Doku "Ungefiltert eingeatmet". Informationen zu diesem Film und wie er entstanden ist, gibt es unter www.ansTageslicht.de/WDR.

Die Fallbeispiele auf dieser Site lassen sich direkt aufrufen und verlinken unter dem kurzen (Perma)Link www.ansTageslicht.de/Betroffene-Fume-Event.

Ein weiteres, diesesmal sehr ausführliches Beispiel eines Airbus-Piloten finden Sie unter www.ansTageslicht.de/NiewiederPilot


(JL)