Die beiden ZAPP-Berichte des NDR, 10.10.2007

Eigennützige Kampagne - "Bild" kämpft gegen Mindestlöhne bei Briefzustellern

Eigennützige Kampagne - "Bild" kämpft gegen Mindestlöhne bei Briefzustellern

von: Daniel HECHLER und Kuno HABERBUSCH

Sie stellt sich gerne als Anwalt des kleinen Mannes dar: die "Bild". Doch seitdem die Bundesregierung einen Mindestlohn für Postangestellte erwägt, macht das Boulevardblatt in vielen Artikeln und Kommentaren dagegen mobil. So in einem Artikel vom 19. September: "Tausende Jobs wären bedroht." Was "Bild" verschweigt: der Axel Springer Verlag ist Hauptaktionär der PIN Group, einem privaten Konkurrenten der Post. Die PIN Group wäre nach Einführung eines Mindestlohns gezwungen, die deutlich höheren Stundenlöhne der deutschen Post zu zahlen. Die Berichterstattung ist damit alles - nur nicht unabhängig. Zapp über die eigennützige "Bild"-Kampagne gegen Mindestlöhne bei Briefzustellern.

Anmoderation:

Respekt vor den mutigen Mönchen und den Kollegen in Birma. Auch wir hier müssen dranbleiben. Und wie das geht - dranbleiben - das machen uns zur Zeit einige Zeitungen vor. In solchen großformatigen Anzeigen machen sie massiv Stimmung gegen den geplanten Mindestlohn bei Postboten. Auch die "Bild", die sich gern als "Anwalt des kleinen Mannes" bezeichnet, macht mit und das sogar im redaktionellen Teil. "Mindestlohn? Dann gehen wir pleite!" Das ist nur eine von vielen Schlagzeilen, mit denen Deutschlands größte Boulevardzeitung seit Wochen gegen einen Mindestlohn bei der Post mobil macht. Unser Kollege Daniel Hechler von "Report Mainz" und Timo Grosspietsch über die Hintergründe der "Bild-Kampagne". 

Beitragstext:

Gestern in Berlin: Mitarbeiter von privaten Postdiensten demonstrieren gegen einen Mindestlohn. Statt der geplanten acht bis zehn Euro pro Stunde, lautet ihre Parole: Sechs Euro sind doch auch schon fair. Anheizer mit Megaphon: "Sechs Euro sind doch auch schon fair! Sechs Euro sind doch auch schon fair!" Und viele beschweren sich auch nicht, wenn sie noch weniger verdienen. Demonstrant: "Fünf Euro haben wir jetzt die Stunde." Reporter: "Und damit sind Sie zu Frieden?" Demonstrant: "Ja." Diese zufriedenen Mitarbeiter arbeiten bei der PIN. Die ist begeistert, dass ihre Mitarbeiter protestieren. Reporter: "Wurden sie heute für diese Demonstration von der PIN Group freigestellt von ihrer Arbeit?" Demonstrant: "Wir sind freigestellt, wir kriegen volle Bezahlung." Anderer Demonstrant: "Wir haben wenn, die Unterstützung halt von unserem Arbeitgeber bekommen - von der PIN Mail AG." Weiterer Demonstrant: "Das wurde ganz normal vom Management gemacht und damit ist gut."

Gegen Mindestlöhne wettern:

Gut für die PIN Gruppe und deren Mehrheitsaktionär. Der ist in der Medienszene bestens bekannt. Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre FH Koblenz: "Hinter der PIN Gruppe steht der Springer Verlag, und der Springer Verlag hat ein ganz zentrales strategisches Interesse an diesem Unternehmen. Denn mit diesem Unternehmen kann es dem Springer Verlag gelingen den Briefmarkt in Deutschland, nach der Freigabe im kommenden Jahr, aufzurollen." Dann tritt auch der Springer Verlag gegen die übermächtige Post AG an. Und deshalb wehrt er sich gegen die vorgesehenen Mindestlöhne. Die seien zu hoch, die grünen Postler sollen weniger verdienen. Rudolf Hickel, Professor für Wirtschaftswissenschaften Uni Bremen: "Die Kalkulation geht nicht mehr auf. Wenn ich auf Niedriglöhne, auf Billiglöhne spekuliere und durch die Politik Mindestlöhne vorgeschrieben bekomme, dann ist das Investment nicht mehr rentabel - und daraus versteht sich alles andere." Und deshalb versteht man auch, warum "Bild" heute groß über die Demo berichtet und im Kommentar über die Mindestlöhne wettert. 

Immer nur das Gegenteil geschrieben:

Lothar Daniel ist ein Mitarbeiter der PIN. Er hat eine 60-Stunden Woche. Sein Stundenlohn: 4,50 Euro brutto. Bei seiner Arbeit dürfen wir ihn nicht filmen. Mindestlöhne hält er für eine gute Sache, doch wenn er "Bild"-Zeitung liest, hat er den Eindruck, dass er mit dieser Meinung ziemlich alleine dasteht. Lothar Daniel, Postzusteller PIN: "In meinem Sinne wird absolut nicht geschrieben. Es ist so, dass im Endeffekt für uns da gar nichts drin steht." Denn "Bild" behauptet: "Mindestlöhne vernichteten Arbeitsplätze!" Angeblich "mehr als eine Million". Und als die Bundesregierung über einen Mindestlohn in der Postbranche berät, fragt "Bild" rhetorisch: "Ist das wirklich gut für die Beschäftigten?" Die erwartbare Antwort: Natürlich nein. Basta. Lothar Daniel: "Meine Position oder unsere Position wird nicht vertreten, sondern es wird immer nur das Gegenteil geschrieben. 

Ureigenes Interesse:

Bei "Bild" kommen alle zu Wort, die gegen Mindestlöhne sind. Etwa Florian Gerster, der Präsident des privaten Postverbandes oder Ex-Wirtschaftsminister Clement, der Gerster berät. Und immer wieder PIN-Chef Günther Thiel. Sie machen Stimmung in eigener Sache. Doch genau diese Interessenverquickung verschweigen "Bild" und sein Schwesterblatt "BZ" seinen Lesern. Anfragen an Springer-Chef Mathias Döpfner werden ausweichend beantwortet. Zitat: "Wenn über das Thema Mindestlöhne berichtet wird, ist das nicht ein Thema der PIN, sondern betrifft in erster Linie alle privaten Postdienstleister..." Offenbar will man den "Bild"-Lesern weiterhin verschweigen, dass der Kampf gegen die Mindestlöhne aus ureigenen Interessen erfolgt. Und dafür schickt man auch seine eigenen Mitarbeiter auf die Straße: Druck machen gegen die Pläne der Bundesregierung. Eben das erträgt Lothar Daniel nur noch schwer, dass ihm sein Arbeitgeber via "Bild" ständig erklärt, warum ein Stundenlohn von 4,50 Euro so sinnvoll sei. Lothar Daniel: "Ich sehe da irgendwie Positionen von irgendwelchen Leuten, die sich die Taschen voll machen wollen und das auf unserem Rücken im Endeffekt. Und das kann es irgendwo nicht sein."