Raketen für Gaddafi - die Reportage

Nie zuvor und nie danach hat eine süddeutsche Firma die Außenpolitik der Bundesrepublik derart in Bedrängnis gebracht wie die Orbital Transport und Raketen AG, deren Raketentests bei den Diktatoren Mobuto und Gaddafi internationale Beben auslösten. Vor 25 Jahren stürzte das schwäbische Himmelfahrtskommando unternehmerisch ab. Bis heute sehen sich die Macher als Opfer der Weltpolitik.
Von Michael OHNEWALD, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12. September 2010


Der Countdown läuft nach Plan. Drei, zwei, eins, null. Um 10.15 Uhr Ortszeit bohrt sich am 17. Mai 1977 die erste Otrag-Rakete fast 15 Kilometer in den blauen Himmel über Zaire. Das Ding ist zwölf Meter hoch, achtzig Zentimeter dick und sieht aus wie ein Ofenrohr. Der Probeschuss erweist sich als Volltreffer. Nach kurzem Flug zerschellt die Rakete planmäßig auf afrikanischem Boden. Frank Wukasch und Lutz Kayser, zwei Stuttgarter Ingenieure, fallen sich in die Arme. Es ist ein großer Schritt getan für die Firma, und wenn es nach ihnen geht, dann wird es auch ein großer Schritt für die Menschheit. Sie meinen das ernst. Die schwäbischen Raketenbauer verstehen sich als Weltraumspediteure, sie wollen für wenig Geld Satelliten in den Orbit schicken. Nach dem geglückten Test im Land des Diktators Mobuto glauben sie mehr denn je an sich, an ihre Vision und das Milliardenvermögen, das mit ihr einhergeht.

Mehr als dreißig Jahre später sitzt Frank Wukasch in seinem Münchner Haus und erzählt von dem Mann, der er einmal war. Früher ist er ein verrückter Hund gewesen. Wukasch wurde von Geheimdiensten wie dem Mossad beobachtet, von Diktatoren wie Gaddafi verehrt und von deutschen Politikern wie Helmut Schmidt verflucht. Wukaschs Firma stand im Verdacht, eine militärische Tarnorganisation zu sein. Lange her. Jetzt baut er keine Raketen mehr, sondern hält als Privatier nur noch gelegentlich Vorträge über die Orbital Transport und Raketen AG, kurz Otrag. Es gibt viel zu erzählen von jener Firma, welche die Außenpolitik der Bundesrepublik derart in Bedrängnis brachte, dass Kanzler Schmidt die Raketenbauer nicht nur „zum Teufel“ wünschte, sondern auch wenig schmeichelhaftes über den Firmenboss Lutz Kayser zu sagen wusste: „Ich könnte dem Kerl den Hals herumdrehen.“

Dabei fängt alles ganz harmlos an, damals in Stuttgart. Lutz Kayser interessiert sich schon als Gymnasiast für Hochfliegendes. An der Stuttgarter Uni hebt er als 17-Jähriger die „Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt“ aus der Taufe. Zu seinen Lehrern gehört Eugen Sänger, der im Krieg an der Entwicklung geheimer Langstreckenraketen beteiligt war, Vorläufer der modernen US-Cruise-Missiles.

Nach seinem Ingenieur-Examen gründet Kayser 1970 in Stuttgart die „Technologieforschungs GmbH“, laut Handelsregister auf Raumfahrttechnik spezialisiert. Ein Jahr später bewilligt ihm das Bonner Forschungsministerium 3,5 Millionen Mark für die Entwicklung eines neuartigen Triebwerks. Auf dem Prüfstand der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt wird es getestet. Sein Konzept sei „grundsätzlich durchführbar“, attestieren Gutachter. Das verleiht Raketenbauer Kayser den nötigen Schub.Umgehend gründet der Nachwuchs-Konstrukteur die Otrag. Als Aufsichtsratsvorsitzenden gewinnt er einen berühmten Mann: Kurt Debus, bis 1974 Chef des amerikanischen John-F-Kennedy-Raumfahrt-Zentrums der Nasa in Cape Caneveral.

Debus öffnet die Türen zum Kapital. Um ans nötige Geld zu kommen, lockt das Unternehmen mit einer Abschreibungsgesellschaft. In der FAZ schaltet die Otrag eine Anzeige, in der es heißt: „Die bisherigen Raketenentwicklungen beweisen immer wieder aufs Neue, dass Hunderte von Millionen Mark deutscher Steuergelder vom Staats vergebens in Projekte gepumpt werden. Bei der Otrag können Sie in ein Trägerraketenprojekt investieren, das privatwirtschaftlich finanziert wird und Ihnen Verlustzuweisungen von 240 Prozent für dieses Jahr erbringt.“

Auf eine solche Gelegenheit warten viele. In Stuttgart und München gehen schon bald Schecks von steuermüden Bundesbürgern ein, die das schwäbische Raketenprojekt hoch- und sich selbst finanziell weiterbringen wollen. Darunter sind auch Prominente wie der Mühlheimer Talkmaster Wim Thoelke, der Frankfurter Spediteur Carl Eberhard Press und der Stuttgarter Verleger Ernst Klett. Nachdem das Kapital fließt, ist der Weg für die beiden Ingenieure frei, vorausgesetzt, sie finden ein Gelände für ihre Tests. Zu Hause ist daran in Zeiten des Eisernen Vorhangs nicht zu denken. Deutschland wird auf internationaler Bühne misstraut. Nach den Deutschland-Verträgen von 1955 ist es verboten, im Gebiet der Bundesrepublik militärisch verwendbare Raketen und Triebwerke herzustellen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Testgelände fliegen Wukasch und Kayser nach Indonesien, Südamerika und Argentinien. Eher zufällig begegnet ihnen dabei ein global tätiger Finanzmann, der sich bester Kontakte zum afrikanischen Potentaten Mobutu rühmt. Der Finanzmann hatte das Boxspektakel zwischen Ali und Foreman in Kinshasa mitorganisiert, berühmt geworden als "rumble in the jungle". Über ihn gelangen die Ingenieure im November 1975 zum Diktator in Zaire, der sie zum Gespräch in seiner Villa empfängt. Es dauert nicht lange, bis sie den eitlen Mobutu vom "afrikanischen Cape Kennedy" begeistert haben und davon, mit Hilfe modernen Satelliten in jeden Winkel seiner Grenzen blicken zu können. Die beiden Schwaben schließen einen Vertrag mit dem Staatschef, der ihnen das uneingeschränkte Nutzungsrecht eines Versuchsgelände sichert, das fast so groß ist wie die DDR. Mobutu lässt sich für das riesige Gebiet, das vier Prozent seiner Landesfläche umfasst, eine Pachtgebühr von rund 60 Millionen Mark pro Jahr zusichern, zinslos gestundet, bis die kommerzielle Rakete einsatzfähig ist.

Den Süddeutschen kommt der Kolonialvertrag mit dem wohlhabenden Diktator Mobutu Sese Soko aus mehreren Gründen zupass. Das Areal liegt strategisch günstig, und außerdem in einem armen Land, was einen unschätzbaren Vorteil mit sich bringt. Das zuständige Finanzamt Offenbach-Land entscheidet, dass die Kayser-Miete für das Gelände, obwohl von Mobutu zinslos gestundet, den Otrag-Geldgebern mit 58 Millionen Mark jährlich als steuerlicher Verlust gutgeschrieben werden könne. Die Investoren dürfen die fiktiven Pachtzinsen beim Fiskus zu ihren Gunsten geltend machen, wovon sie reichlich Gebrauch machen.

Mit dem Pachtvertrag in der Tasche und dem hilfreichen Finanzamtsdekret im Rücken, machen sich die Raumfahrer ans Werk. Ihr Startgelände liegt auf einem entlegenen Plateau am Luvua-Fluss und muss erst mit einer Landebahn für Transportflugzeuge versehen werden. „Wir haben uns beim ersten Besuch vom Hubschrauber abgeseilt“, erzählt Wukasch. Mit Macheten holzen die Studienkollegen eine Schneise frei. Es ist erst der Anfang. Wenig später kaufen Kayser und Wukasch eine belgische Baufirma aus einer Konkursmasse sowie ausrangierte Transportmaschinen des britischen Militärs. Um das Ganze möglichst angenehm zu gestalten, erwerben sie in Lubumbashi auch noch ein kleines Hotel.

Alles, was zum Bau ihrer Raketen nötig ist, von Motoren bis zu Salpetersäure, wird von jetzt an eingeflogen. Am 17. Mai 1977 folgt der erste Raketentest, zu dem die Stuttgarter auch Vertreter internationaler Medien einladen. Die Gastgeber schwelgen in Superlativen. Sie berühren nicht nur das Monopol der Supermächte, sondern brüsten sich auch damit, im Erfolgsfall mit ihrer gegenüber der staatlichen Konkurrenz deutlich günstigeren Rakete führend in der Welt zu sein.

Was sie nicht ahnen: Die Aktivitäten ihrer Firma sorgen für erhebliche Turbulenzen in den auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland. Anrainer wie Angola, wo sich die Russen eingerichtet haben, befürchten, Kaysers Geschosse seien mehr auf sie als ins All gerichtet. Nicht nur die Sowjetunion wittert dahinter geheime, durch internationale Verträge streng verbotene Raketenexperimente der Bundesrepublik. „Otrag – Deckfirma für BRD-Rüstungsexporte“, titelt das SED-Organ „Neues Deutschland“.


Der angolanische Ministerpräsident Lopo Fortunato do Nascimento bezeichnet die Rakete in einer Rede vor den Vereinten Nationen als „Gewehrlauf, der auf die Länder Afrikas zielt“. Es geht hoch her. "Die Otrag treibt einen nuklearen Pfeil in das Herz der friedliebenden Völker Afrikas", heißt es in der russischen Zeitung "Iswestija". Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist höchst beunruhigt: „Der außenpolitische Schaden ist so groß, dass in jedem Fall etwas unternommen werden muss.“ Die Bundesregierung sieht sich mit heftigen Protesten afrikanischer Staaten konfrontiert und Leonid Breschnew spricht das politisch heikle Thema bei einem Staatsbesuch im April 1978 persönlich an.

Die schwäbische Firma feuert ihre Billig-Raketen weiter unbeeindruckt in den Himmel. Die hemdsärmeligen Ingenieure, die nicht geübt sind im Umgang mit der höheren Diplomatie, werden am Telefon anonym bedroht. Ihre Namen tauchen auf den Überwachungslisten ausländischer Geheimdienste auf. Hinter den Kulissen glühen die diplomatischen Drähte. Im Schulterschluss mit dem französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d’Estaing drängt die Bundesregierung das verschuldete Zaire, die deutsche Firma Otrag aus dem Land zu werfen. Die Otrag-Manager glauben bis heute, Kanzler Schmidt habe dem Afrikaner millionenschwere Entwicklungshilfe in Aussicht gestellt, wenn er den Vertrag mit ihrer Firma kündigt.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Binnen weniger Wochen müssen die Schwaben das Gelände räumen. Dabei kommt es zu einem tragischen Zwischenfall. Kurz vor dem Abzug unternehmen die deutschen Techniker noch einen Ausflug mit dem Boot auf dem reißenden Luvua-Fluß. Aus ungeklärter Ursache kentern sie. Sieben Otrag-Mitarbeiter ertrinken.

Firmenchef Kayser ist nach dem Unglück auf dem Luvua geschockt, nicht nur über den Unfall selbst, sondern vor allem über seine Regierung, die ihn aus Zaire vertrieben hat. Er will sich sein Lebenswerk nicht zerstören lassen und sucht fieberhaft nach einem anderen Startgelände, egal wo. Bei der Auswahl seiner Gesprächspartner ist er nicht wählerisch. Lutz Kayser wird schnell fündig, 600 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis entfernt, in Tauwiwa. Dort richtet Muammar al-Gaddafi den deutschen Ingenieuren ein als Obstplantage getarntes Testgelände ein, in dem es an nichts mangelt. Sogar ein See wird im Wüstenstaat künstlich angelegt, damit sich die Deutschen im Raketencamp beim Planschen entspannen können. Wie der Vertrag mit den Libyern zu Stande gekommen ist, bleibt Kaysers Geheimnis. Rekonstruieren lassen sich nur die Folgen. Jetzt nämlich ist, weltpolitisch betrachtet, die andere Seite in heller Aufruhr. Der amerikanische Geheimdienst CIA sieht Gaddafi mit Raketen auf den Westen zielen. Es gibt Todesdrohungen gegen Wukasch und Kayser. "Eine ernste Gefahr für den Frieden" fürchtet der ägyptische Außenminister Kamal Hassan Ali. Der „Stern“-Reporter Karl Günther Barth berichtet von „Gaddafis geheimer Raketen-Oase“ und zitiert einen deutschen Otrag-Techniker mit den Worten: „Damit könnten die Libyer auch Atomsprengköpfe abfeuern.“

So sehr die Stuttgarter Ingenieure versichern, dass ihre Rakete nicht für militärische Zwecke tauge, weil sie nur für den Weltraumtransport entwickelt worden sei, so wenig überzeugend klingen ihre Argumente in den Ohren der Regierenden. Die Zweifel werden genährt durch Geheimdienstbilder, worauf Militärs am Rande der Raketenversuche zu sehen sind. Gaddafis Streitkräfte beschlagnahmen Geräte der Firma. Sie wollen die Rakete für ihre Zwecke weiterentwickeln.

In Deutschland sind die Investoren durch die internationalen Verwicklungen verunsichert und durch neue Gesetze zu Verlustgesellschaften eingeschränkt. Kurt Debus, der große Mann der Raumfahrt, macht nicht mehr mit. Er zieht sich aus dem Aufsichtsrat zurück. Das ist das Ende von Kaysers hochfliegenden Plänen. Der Firmengründer scheidet als Vorstand aus und taucht ab. Frank Wukasch tritt im Unternehmen an seine Stelle. Der neue Chef beeilt sich, aus Libyen wegzukommen und siedelt mit der Otrag nach München-Garching um. Franz Josef Strauß hat ihm den Wechsel ins Technologieland Bayern nahe gelegt.

"Wir sind zwischen die Fronten des Kalten Krieges geraten", sagt Wukasch in seinem Münchner Haus und dreht dabei an einem alten Globus, den er schon damals hatte, als ihre Träume noch flogen. „Unsere Gegenspieler waren die Spitzen der deutschen Politik.“ Nach dem Libyendesaster hat es Wukasch in Deutschland noch mit wissenschaftlicher Höhenforschung versucht, aber die Otrag war gebrandmarkt, sie konnte sich nicht mehr erholen. Mitte der achtziger Jahre hat er die Konten der 1400 stillen Gesellschafter aufgelöst. 173 Millionen Mark sind laut Abschlussbilanz verpufft. Der Aufschrei hielt sich unter den Anlegern in Grenzen. „Es gab nur ein paar wenige Prozesse“, sagt Wukasch, der es pragmatisch sieht: „Alle, die sich früh beteiligt hatten, sparten letztlich mehr Steuern, als sie für die Otrag ausgegeben haben.“

Weniger Abstand hat sein Freund aus der Studentenzeit. Lutz Kayser war nach dem Libyenabenteuer noch zehn Jahre in Tripolis. Offiziell arbeitete er dort als Professor am Institut für technische Erziehung und beschäftigte sich mit Seewasserentsalzung. Gaddafi selbst habe ihm eine Entschädigung versprochen, aber nie gezahlt, sagt er. Auch auf die Politik in seinem Vaterland ist Kayser nicht gut zu sprechen. "Hätte der arrogante Kanzler Schmidt die Otrag nicht politisch abgewürgt, wären wir heute erfolgreich im Markt mit einem jährlichen Milliardenumsatz."

Kayser ist jetzt über 70 und zu alt, um ein Neuer zu werden. Anders als früher, meidet er die Öffentlichkeit. Ansonsten blieb er sich treu. Unverdrossen wirbt er für seine Vision vom wirtschaftlichen Weltraumtransport. In Amerika, wo er zwischenzeitlich lebte, hat er eine Firma gegründet, die "von Braun, Debus, Kayser Rocket Science LLC" heißt. Vor zwei Jahren trat er dem amerikanischen Unternehmen „Interorbital Systems“ bei. Es hat seinen Sitz im kalifornischen Mojawe und verwendet das Konzept der Otrag-Triebwerke. „Es geht um eine komplett privatfinanzierte Mond-Mission“, schreibt Kayser gewohnt bescheiden auf der Homepage. „Das deutsche Raketenteam lebt wieder.“


Wie die Geschichte im Original auf einer ganzen Seite in der Zeitung abgedruckt und mit Bildern und Überschriften ge-layoutet war, können Sie hier als pdf-Datei anschauen: Zwischen den Fronten des Kalten Krieges.

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