Panorama, 12.10.2000

Makaberer Betrug

Martha Schulz starb am 7. Februar 98. Sie wurde 89 Jahre alt. Die alte Frau war oft bei einem Psychiater, der berechnete der Krankenkasse in schönstem Fachchinesisch: die "Psychiatrische Behandlung zur Reintegration eines Erwachsenen mit psychopathologisch definiertem Krankheitsbild".

Die Reintegration misslang - zwangsläufig, denn an dem Tag der angeblichen Behandlung im Pflegeheim Dahlen war die alte Frau schon sechs Wochen tot. Und auch vier weitere Heimbewohner will der Psychiater noch nach ihrem Tode verarztet haben.

Die Heimleiterin Doris Giesecke ist darüber entsetzt: "Ich kann mir das nicht vorstellen, und ich will das eigentlich auch nicht glauben. Aber die Realität beweist ja das Gegenteil. Es ist unfassbar."

Nur ein Fall von vielen, fand die Ermittlungsgruppe der AOK Brandenburg heraus. Sieben Mitarbeiter und der Leiter Frank Rudolf prüften Abrechnungen von niedergelassenen Ärzten. Die Ermittler der AOK waren selbst verblüfft, wie oft und wie schnell sie fündig wurden.

Der Leiter der AOK-"Task Force" Brandenburg, Frank Rudolf, berichtet, dass diese makaberen Fälle von Abrechnungen für längst verstorbene Versicherte keine Brandenburg-spezifische Angelegenheit seien. Auch in Niedersachsen, in Sachsen-Anhalt und in anderen Bundesländern sei dieses Phänomen aufgetreten. Allein in Brandenburg ermittele die AOK derzeit in über achtzig Fällen.

Jede Spalte ein mutmaßlicher Abrechnungsbetrug mit Verstorbenen. Und die Ermittler stellten fest, dass die meisten der betroffenen Versicherten vorher in Altenheimen lebten. Die AOK erklärt das so: Wenig Pflegepersonal, viele Heimbewohner. Da werden die Chipkarten oft zentral gesammelt und bequem im Schwesternzimmer deponiert. Eine schöne Auswahl für den Arzt, denn auch wenn er nur einen Patienten behandelt hat, könnte er in einem stillen Moment gleicht mehrere Chipkarten durch sein Lesegerät ziehen - Betrügen leicht gemacht."

Frank Rudolf erklärt: "Die Chipkarte ist wie ein Blankoscheck und kann in falschen Händen zu Missbrauch führen, was auch offensichtlich der Fall ist. Zum einen können die Daten aus den Chipkarten mehrmals verwendet werden, oder er erfolgen Überweisungen an Patienten, die die Ärzte vorher noch nie gesehen haben, oder ich habe die Möglichkeit, an mehrere Chipkarten gleichzeitig ranzukommen, wie es oftmals in Alten- oder Pflegeheimen der Fall ist."

Dass es in vielen Heimen den einladenden Sammelkasten gibt erfuhr die AOK durch die Aussage eines Augenarztes, der hier bis Juli praktizierte. Auch er zählte längst Verstorbene zu seinen Patienten.

Frank Rudolf: "Hier hat der Arzt in seiner schriftlichen Stellungnahme erklärt - mit so einer Negativformulierung, wo wir etwas schmunzeln mussten - dass er an das Holzkästchen mit den Karten im Pflegeheim gar nicht herangekommen ist. Aha, haben wir gedacht, also gibt es ja so ein Holzkästchen mit den Karten, wo offensichtlich oder wo wohl Ärzte relativ leichten Zugang haben dürften."

Gertrud Rakowski, gestorben am 30. November 97, vom Augenarzt behandelt bis weit über ihren Tod hinaus.

Ihre Tochter Christa Rakowski ist betroffen: "Das ist also eine ganz schlimme Sache, eigentlich für mich eine unvorstellbare Sache, dass also ein Arzt auch noch über den Tod hinaus Abrechnungen vornimmt oder auch schon meinetwegen in der Zeit, wo der Betreffende noch am Leben ist, aber überhaupt nicht hingeht oder gar keine Leistungen dafür vorliegen. Das ist eine ganz schlimme Sache."

Ein reines Versehen, versichert der Augenarzt. Mal war es die Motorik, da habe er eine Chipkarte zuviel gegriffen, "da sie zwischen den Karten der anderen Karten der vorzustellenden Patienten lag". Ein andermal hatte er es mit den Ohren: "Beim Nennen des Namens muss es zu einem Hörfehler meinerseits gekommen sein".

Fehler oder Betrug - beides fällt im Abrechnungssystem kaum auf. Schlangestehen in der Kassenärztlichen Vereinigung. Die Ärzte übergeben ihre Behandlungsdaten. Von dort werden sie an die Krankenkassen weitergeleitet, aber so anonymisiert, dass die Kasse nie weiß, welcher Arzt konkret welchen Patienten wie behandelt hat. Die Folge: Datendschungel. Kontrolle nur im Ausnahmefall möglich.

Eine besonders exotische Blüte im Datendschungel: der makabere Fall der Frieda Neumann. Sie wurde gleich von zwei Medizinern nach ihrem Tode verarztet, von einer Augenärztin und einem Psychiater. Rund drei Monate nach der Beerdigung rechnete Letzterer ab: "Erhebung des vollständigen psychiatrischen Status (Bewusstsein, Orientierung, Affekt, Antrieb, Wahrnehmung, Denkablauf, mnestische Funktionen)." Noch einen Monat später will er sogar ein Diaphragma eingesetzt haben. "Einlegen, Wechseln oder Entfernung eines zur Schwangerschaftsverhütung bei Frauen bis zum vollendeten zwanzigsten Lebensjahres dienenden Intrauterinpessars."

Auch die Augenärztin kassierte. Pikant dabei: Psychiater und Augenärztin leben unter einem Dach, sind ein Ehepaar. Beide, so der Verdacht der AOK, teilen sich offenbar gern die Chipkarten ihrer Patienten. Die Eheleute gaben Panorama ein Interview, dessen Ausstrahlung sie später aber verweigerten. Ihr Rechtfertigungsversuch im Zitat:

"Das ist bloß Unachtsamkeit. Wissen Sie, wir Ärzte sind doch keine Engel, und wir sind auch keine Heiligen, wie sind auch nur Menschen. Ich komme mir langsam vor wie ein Verfolgter, wie einer, der sich ständig rechtfertigen muss. Ich bin nicht mehr gerne Arzt, das macht überhaupt keinen Spaß mehr."

Aber nicht nur Ärzte verdienen an den toten Seelen. In einem Altenheim wohnte auch Dora Jänig, bis zuletzt. Noch drei Monate nach dem Tod der alten Frau will eine Physiotherapeutin ihr Massagen verabreicht haben. So rechnet sie ab, plus An- und Abfahrt zum Altenheim.

Für die Frage, wie sie Patienten behandeln konnte, die bereits gestorben seien, hatte die Therapeutin keine Zeit.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrugs und Urkundenfälschung. Denn die Behandlungen ließ sich die Masseuse stets quittieren - von einer "Toten."

Die Tochter der Verstorbenen, Evelyn Zschommler, erklärt verärgert: "Das kann ich nicht glauben, und da muss ich eben glauben, dass meine Mutti nicht tot ist. So sehe ich die Sache. Und wer so was macht, ist in meinen Augen ein Schuft, mehr wie ein Schuft." 

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