Eissporthalle Bad Reichenhall: Chronologie der Versäumnisse in 35 Jahren

1967-1969

Der Kurort Bad Reichenhall möchte mit anderen Kurstädten mithalten und plant eine Eislauf- und Schwimmhalle


16.02.1971

Der Stadtrat von Bad Reichenhall hat sich nach vielen Diskussionen entschieden: Die Kurstadt wird eine Eislaufhalle bauen. Der Auftrag wird für knapp 11 Millionen an ein Baugeschäft aus Bad Reichenhall vergeben. Für Ausführung bzw. Überwachung ist das Architekturbüro Rolf R. zuständig, das auch den Entwurf und die Planung entwickelt hat


kurz danach

Das örtliche Bauunternehmen schaltet für den Bau der Holzkonstruktion des Daches ein Subunternehmen aus Augsburg ein, das auch die Statikberechnung übernimmt: die Fa. Deuter Industriewerke AG. 

Für die Herstellung der Hauptträger aus Holz beauftragt die Fa. Deuter Industriewerke wiederum eine Holzbaufirma aus Weilheim.
Die Verleimung der Träger und Hölzer wird der Zimmermeister Johann G. übernehmen


Frühjahr 1971

  • Das Dach aus Holz wird 75 Meter lang und 48 Meter breit sein. Die Augsburger Firma produziert nach den Plänen des Architekten das hölzerne Dachtragwerk, dessen Hauptträger aus 2,87 Meter hohen Holz-Werkstoffplatten bestehen, die innen hohl sind. Mit diesem Geflecht soll die gesamte Eisfläche überdacht werden.
    Allerdings: baurechtlich zugelassen waren solche Hauptträger aus Sicherheitsgründen nur bis zu einer Höhe von 1,20 Meter. 
  • Für diese Sonderkonstruktion (so genannte Kämpf-Träger-Bauweise, jetzt aber 2,87 m hoch) beantragt die damit beauftragte Holzbaufirma aus Weilheim eine Zulassung beim Institut für Bautechnik in Berlin. Diese wird nicht erteilt. 
    Normalerweise würde jetzt als nächste Instanz die Oberste Baubehörde in Bayern um eine "Zustimmung im Einzelfall" gefragt werden. Dies geschieht nicht. Statt dessen erstellt die Weilheimer Holzbaufirma die Dachkonstruktion ohne baurechtliche Zulassung und ohne Sondergenehmigung
  • Die Statik der gesamten Konstruktion berechnet der Bauleiter Walter G. von den Augsburger Deuter Industriewerken fehlerhaft.
    Da eine firmeninterne Überprüfung der Planung und Ausführung nicht üblich ist, ist die unternehmensinterne Statikberechnung falsch
  • Die Bauaufsichtsbehörde von Bad Reichenhall überprüft die Statiken selbst nicht. Sie übergibt den Auftrag zur Überprüfung der Beton-Statik und der Dach-Statik an ein heimisches Ingenieurbüro. Die Überprüfung der Beton-Statik übernimmt dieses Büro selbst, den Auftrag zur Überprüfung der Dachkonstruktion jedoch reicht sie an ein einen anderen Ingenieur weiter. 
    Ob diese letztere Prüfung überhaupt durchgeführt wird bzw. wurde, ist bis heute strittig - es lässt sich mangels Unterlagen nicht mehr nachweisen. Beide damit beauftragten Ingenieur sind inzwischen verstorben. 
    Hätte es diese Prüfung gegeben, wäre sie fehlerhaft gewesen, weil sie die bisher aufgelaufenen Fehler (falsche Statik, keine Genehmigung für die viel zu hohen Hauptlastträger) nicht erkannt hätte. 
  • Die gesamte Konstruktion des Daches aus Holz wird zum Schluss verleimt. Der Rosenheimer Zimmermeister benutzt dazu einen 'falschen' Leim aus Harnstoff (statt Resorcinharzleim), von dem bekannt ist, dass er bei Feuchtigkeit durch Mikroorganismen zerstört wird und deshalb nicht dem Stand der Technik entspricht.
    Aufgrund fehlender Nachkontrollen fällt dies ebenfalls nicht auf
  • Die zuständige Bauaufsicht verlässt sich auf den beauftragten Prüfingenieur. Sie ist zudem in Personalunion identisch mit der Baugenehmigungsbehörde

04.10.1973

Nach Abschluss der Bauarbeiten ist die Stadt Bad Reichenhall stolze Besitzerin der Halle und in dieser Eigenschaft auch zuständig für die Wartung.
Die Eishalle wird Anfang Oktober feierlich eröffnet 


1974-1976

Die nächsten Fehler:
Es kommt zu einem Briefwechsel zwischen dem Ingenieurbüro, das die Statik der Betonbauteile der Halle berechnet hatte, und der Augsburger Fa. Deuter Industriewerke, die für das Dach zustäündig war. Bei dieser Gelegenheit wird nochmals klar, dass für die benutzte Sonderkonstruktion

  • keine Genehmigung
  • keine geprüfte Statik

vorhanden ist.
Weder eines der beiden beteiligten Unternehmen noch das Bauamt reagieren. Auch anonym gibt niemand Hinweise z.B. an die übergeordnete Oberste Baubehörde, an den Bürgermeister oder an die Presse. Statt dessen geschieht nichts


1975

Und wieder ein Fehler:
Die Eishalle ist vorne und hinten offen. Da es den Eisläufern oft zu windig und den Anwohnern zu laut ist, wird die Halle rundum verglast. Zuständig: der Architekt Hans-Jürgen Sch.-Sch..
Auch dafür wird keine Baugenehmigung eingeholt. Der Architekt holt auch keine Erfahrungswerte bei anderen Objekten ein, ob sich durch die Totalverglasung möglicherweise Feuchtigkeitsprobleme ergeben bzw. verstärken könnten. Er kommt auch nicht auf die Idee, dies die nächsten Monate oder Jahre zu untersuchen. Allerdings wird man später der Ansicht sein, dass die Verglasung keinen Einfluss auf das spätere Unglück hatte


1977

Ein tonnenschwerer Lüfter wird auf dem Hallendach eingebaut, um die Feuchtigkeit zu mindern


die nächsten 25 Jahre

Die Eishalle ist beliebt und wird gut genutzt. Gewartet wird sie weniger gut. Nach und nach sucht sich das Wasser auf dem Dach seinen Weg nach unten - unter anderem durch die Holzkonstruktion, die falsch berechnet und deren Spannbreite viel zu hoch und deswegen auch nicht genehmigt ist. Nach und nach wird es mit dem Wasser immer mehr. Man behilft sich, z.B. indem man auf dem Boden Töpfe aufstellt, wenn nötig, undsoweiter. Niemand macht sich Gedanken und macht diese Gedanken auch öffentlich. Es ist ja eine städtische Einrichtung und da wird man sich schon drum kümmern. Zumindest hätte man einen, der 'verantwortlich' ist 


1992

Das Ingenieurbüro Rüdiger S. , das u.a. für die Prüfung der Statik zuständig war, wird von der Stadt beauftragt, eine Olympiabewerbung Bad Reichenhalls zu prüfen - u.a. durch eine wesentliche Erweiterung der Eissporthalle


2003

Erneutes Fehlverhalten

Der seinerseit als "Prüfingenieur" beauftragte Ingenieur Rüdiger S. erhält erneut einen Auftrag. Da sich die Klagen seit Jahren gemehrt haben, dass es regelmäßig zu Wassereinbrüchen durch das Dach kommt und dies auch in der Öffentlichkeit diskutiert wird, soll Rüdiger S. die Halle, insbesondere das Dach untersuchen.
Ingenieur Rüdiger S. begutachtet nur 1 (einzigen) Hauptträger des Daches aus der Nähe. Alle anderen Hauptlastträger kontrolliert er vom Boden aus: durch das 300-Millimeter-Objektiv seiner Kamera.
Er stellt dem Bauwerk eine passable Note aus und regt keine weitere vertiefende Untersuchung an: 
"Die Tragkonstruktionen befinden sich in einem allgemein als gut zu bezeichnenden Zustand". ... Und die sichtbaren Wasserflecken hätten "weder auf die Qualität noch die Tragfähigkeit des Tragwerks Einfluss."
Das Honorar für diesen Auftrag beträgt 3.000 €


April 2005

In der Eishalle findet ein "Flohmarkt" statt. Es regnet.
Franz ZAUNER, ein Bürger von Bad Reichenhall, stattet dem Ereignis einen Besuch ab. Dazu muss er eine etwa 10 qm große Pfütze überwinden, die fast 10 cm tief ist. Und überall stehen Wannen, Eimer und Bottiche, mit denen man das vom Dach heruntertropfende Wasser aufzufangen versucht. Norbert WUTH, der Veranstalter des Schnäppchenmarkts, meldet dem Hausmeister, dass allein in der Nacht etwa 750 Liter Wasser heruntergekommen sind. 


Juni 2005

In der Stadt streitet man sich darüber, ob die Eishalle saniert werden soll oder muss. Oder ob man sie lieber abreißt und gleich eine neue baut. Oberbürgermeister Wolfgang HEITMEIER ist gegen eine Sanierung und will lieber neu bauen


02.01.2006

Es ist tiefer Winter und ganz Bad Reichenhall ist im Schnee versunken. Geschneit hat es schon seit Wochen.

  • 11:00 - Der Hausmeister misst die Schneelast auf dem Dach und teilt sie dem Bauamt mit. Die zulässigen Werte sind nicht überschritten
  • 15:05 - Helmut J., Planer der Halle, feiert seinen 85. Geburtstag. Oberbürgermeister HEITMEIER gratuliert ihm auf seiner Feier im Hotel "Steigenberger Axelmannstein"
  • 15:30 - Thomas RUMPELTES, Taxifahrer von Beruf und Vorstand des Eishockeyvereins, erhält auf seinem Handy einen Anruf von der Stadtverwaltung: man solle das für 16:30 angesetzte Training ausfallen lassen - wegen Einsturzgefahr der Halle. Erst müsse der Schnee vom Dach herunter.
    Petra RUMPELTES, dritte Vereinsvorsitzende, nimmt diesen Hinweis ernst und informiert alle Spieler per Telefonkette. Sie erreicht alle - bis auf einen: einen Freund von Thomas RUMPELTES, Andreas - der läuft sich bereits beim allgemeinen Publikumslauf warm
  • kurz danach - Hans B. , der ebenfalls am Publikumslauf teilnimmt, verlässt die Halle mit seiner Famile auf der Stelle, nachdem ihm zwei so genannte Kabelbinder von der Decke direkt vor seine Füße gefallen sind. Er gibt sie vorher noch vier Männern in blauem Overall, die zum Hallenpersonal gehören: "Das komme schon mal vor", erhält er zur Antwort
  • nochmals danach - Einige Eisläufer hören einen lauten Knall - das Geräusch kommt offenbar von der Decke
  • kurz vor 15:55 - kurz vor Ende des Publikumslauf um 16:00 Uhr schickt der alarmierte Hausmeister die letzten Besucher vom Eis. Es ist zu spät:
  • 15:55 - der erste Hauptlastträger bricht. Physikalisch und statisch absehbar bei der nicht genehmigten Art dieser Dachkonstruktion kommt es zu einer so genannten Lastumlagerung auf die benachbarten Träger, deren Statik auch noch falsch berechnet ist. Der erste gebrochene Träger reißt die Nachbarträger mit, es entsteht ein Lawineneffekt, das gesamte Dach bricht zusammen - in wenigen Sekunden. Die Menschen haben keine Chance

Unter den Trümmern sterben 15 Menschen: 12 Kinder und Jugendliche, 3 Mütter.

Die Chronologie der Ereignisse danach unter Nach dem Einsturz



(JL)