SZ-Berichte zu CIA & Guantanamo,

Der Jetset der Menschenjäger

Grausam, dubios, dilettantisch: Die Praktiken des US-Geheimdienstes im Anti-Terror-Kampf


North Carolina, im September – Eric Fain steigt in seinen wuchtigen, schwarzen Pick-up-Truck mit acht Zylindern. Er lässt sein weißes Einfamilienhaus hinter sich und die kleine Ortschaft, in der er lebt. Auf dem Highway 70 braust er durch die Felder North Carolinas, durch silbrig glänzende Baumwollfelder und Tabakplantagen. Hier im Süden der USA ist das Rauchen noch erlaubt, in Restaurants und Bars, selbst am Provinzflughafen Kinston, wo Fain sein Auto parkt. Der „Kinston Regional Jetport” wirbt mit seiner langen Startbahn, lang genug für die Boeing 737, die jetzt aus einem Hangar rollt. Hier lässt der Pilot Eric Fain die Beschaulichkeit der Südstaaten hinter sich und stößt zu den Frontlinien dessen vor, was die US-Regierung den globalen Krieg gegen den Terror nennt.

Eine dieser Dienstreisen Eric Fains beginnt im Januar 2004 und führt bis nach Afghanistan. Seine Boeing Business Jet ist für Geschäftsleute ausgelegt. Wo im Linienbetrieb Platz wäre für mehr als hundert Passagiere, bietet dieses Modell Betten, Dusche oder Konferenzraum. Fain hat meist nur ein Dutzend Amerikaner an Bord, CIA-Experten für „Überstellungen” – Kidnapper also. Sie reisen durch eine sonderbare Welt, in der sie Entführungskommandos bilden und schon wenig später in exotische Golfhotels einchecken. Lange sind sie der Jetset der Terrorabwehr gewesen, doch jetzt sind sie selbst Gejagte: Europas Staatsanwälte verfolgen die Spuren, die die Agenten bei ihren so protzigen wie skrupellosen Abenteuern hinterlassen haben.

Fains Boeing kommt am Abend des 23. Januar 2004 auf dem Rollfeld im winterlichen Skopje zum Stehen. Hier in der mazedonischen Hauptstadt zwingen die Amerikaner einen Mann in die Maschine. Er ist kräftig und hat dunkle Haut. Er ist gefesselt, seine Augen sind verbunden. Die Agenten binden ihn am Boden fest, betäuben ihn mit einer Spritze. Nach Mitternacht startet die Maschine und nimmt Kurs Richtung Osten, geht in Bagdad runter und landet schließlich in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der blinde Passagier aus Skopje wird wieder ausgeladen – wie Luftfracht. Er weiß weder, wo er ist, noch ahnt er, dass er mehrere Monate in einem Verhörgefängnis vor sich hat. Es ist Khaled el-Masri, ein unschuldiger Deutsch-Libanese aus Neu-Ulm, den die CIA verdächtig findet.


Ohne Grenzen und Gesetze

Nach dem 11. September 2001 machte die Regierung von George W. Bush die Überstellungen („renditions”) zu einer der wichtigsten Waffen im globalen Kampf gegen den Terror. Die CIA schaffte echte und vermeintliche Feinde Amerikas von einem Verlies ins andere, als gäbe es weder Grenzen noch Gesetze. Manche Verdächtige schnappte die Agency selbst, andere verlegte sie nur in die Folterkeller von Marokko oder Ägypten.
Das ursprünglich geheime Programm ist längst kein Geheimnis mehr. Beinahe lückenlos ist mittlerweile belegt, wo die Boeing 737 überall gewesen ist. Selbst die Namen der Entführer wurden ermittelt, Eric Fain zum Beispiel. Und obwohl dies ein Tarnname ist, haben Staatsanwälte und Journalisten dessen wahre Identität herausgefunden. In dieser Woche sind deutsche Ermittler nach Madrid gereist, um Belastungsmaterial gegen die Kidnapper el-Masris zu sichten. Bald könnte die Staatsanwaltschaft München Haftbefehle beantragen gegen die Greifer aus Amerika.
Lange haben die sich so auffällig benommen, als seien sie unverwundbar. Der Pilot Eric Fain etwa machte einen verhängnisvollen Fehler. Es passierte, nachdem die Boeing während einer langen Rundreise auf Ibiza aufgesetzt hatte. Fliegen für Air CIA war aufreibend, manche Tage begannen morgens um vier Uhr in Rabat, dann Kabul, von dort nach Algier. Wenn mal für eine Nacht oder ein paar Tage Pause war, quartierten sich die Entführer in Luxushotels ein wie dem „Marriott Son Antem Golf Resort & Spa” auf Mallorca oder dem „Royal Plaza” auf Ibiza. Die Balearen waren ein gediegenes Basislager, zentral gelegen zwischen Nordafrika, Europa und dem Mittleren Osten, im Schutz der massentouristischen Anonymität. An der Cocktailbar des Hotelpools, auf dem Golfplatz oder in den mediterranen Restaurants ließ sich die Mühsal des Fliegens und Fangens kurz vergessen. An einem dieser Tage Anfang 2005 auf Ibiza muss Eric Fain Heimweh überkommen haben. Vielleicht fühlte er sich allein im Hotelbett. Vielleicht wollte er nicht mehr nur die Stimme der CNN-Ansagerin im Kabelfernsehen hören. Er rief jedenfalls zu Hause an, in North Carolina. So legte er die Spur, die ihn verraten hat.

Sein Fehler wäre folgenlos geblieben, hätte die CIA ihr Programm besser getarnt. Aber die Gefangenenflüge wurden zum offenen Geheimnis, weil der Geheimdienst seine Spuren nicht verwischte und sich die Maschinen anhand ihrer Kennnummern über die ganze Welt verfolgen ließen. Einen der ersten Fäden hielten schwedische Journalisten in der Hand: Sie fanden heraus, dass bei einer Entführung von Stockholm nach Kairo ein Privatflugzeug mit der US-Kennung N379P eingesetzt wurde. Der britische Journalist Stephen Grey ermittelte, dass die elegante Gulfstream V einer Firma gehörte, die auch eine Boeing mit Kennung N313P im Besitz hatte. Grey besorgte sich Daten der Flugaufsicht und stellte fest, dass die Maschinen auffällig oft zwischen den USA, Europa und Nordafrika pendelten. Vor allem deckten sich die Routen mit den Berichten von Entführungsopfern. Als Khaled el-Masri seine Geschichte erzählte, fiel Grey auf, dass die Boeing exakt an dem Abend in Skopje war, an dem el-Masris Reise nach Afghanistan begonnen hatte. Sehr oft war die Maschine auch in Mallorca gewesen, und bald fand die örtliche Polizei in den Büchern von Flughafen und Hotels die Namen der US-Gäste, Fotokopien von Pässen sowie Rechnungen für Getränke und Massagen.

Die Tarnung der CIA war leicht zu durchschauen, der Journalist Grey wunderte sich, wie dürftig die Agency ihr System verschleiert hatte. Viele Flugrouten waren in öffentlich zugänglichen Datenbanken gespeichert. Bei der Entführung eines Imams in Italien telefonierten die Amerikaner so ausgiebig mit ihren Handys, dass italienische Ermittler den Fall minutiös rekonstruieren konnten. Die CIA-Kreditkarten, die sie benutzten, hatten fortlaufende Nummern, wie Tickets an der Kinokasse. „Renditions” entpuppten sich allmählich nicht nur als staatliche Kriminalität, sondern sind auch ein Beleg geworden für die Schlampigkeit selbst des mächtigsten Geheimdienstes der Welt. Die Terrorabwehr der Amerikaner war nicht nur illegal und grausam, sondern auch dilettantisch. Dazu kam noch der Leichtsinn der Entführer. Als Eric Fain im Februar 2005 sein Zuhause anrief, da waren schon zahlreiche Entführungsfälle bekannt geworden und selbst die Kennung der Maschine hatte schon in den Zeitungen gestanden. Als Amerikaner hätte Fain besonders vorsichtig sein müssen: Wenn es um die Preisgabe von Informationen geht, sind die USA ein besonders freies Land. Wer die Telefonnummer eines Amerikaners kennt, der kann dessen halbes Leben entschlüsseln. Das gemeine Telefonbuch im Internet bietet die Hintergrundrecherche zu jeder beliebigen Person schon für 60 Dollar.

Wo Fain lebt, standen noch bis Ende der siebziger Jahre Plakate an den Straßen mit der Aufschrift: „Willkommen in Johnston County, Heimat des Ku-Klux-Klan”. Das war keine leere Drohung, Klan-Anhänger erschossen dort 1979 fünf gegnerische Demonstranten. Fains heutige Heimat ist eine Mischung aus Südstaatenidylle mit den Weiden und den Straßenverkäufern, die in ihren Buden Äpfel und Pekan-Nüsse anbieten, sowie großzügigen Neubausiedlungen. Es hat sich herumgesprochen, dass hier CIA-Piloten leben, aber die meisten Bewohner stört das nicht. Wer hier fragt, ob es richtig sei, dass der Landkreis zu einer Basis für Entführer wurde, hört Sätze wie diese: „Sehen Sie, ich bin total gegen Terroristen. Wir müssen sie loswerden, auch wenn es Freiheitsrechte verletzt.” Oder: „Zuerst kommt meine Sicherheit, dann mein Land – ansonsten können die machen, was sie wollen.”

In dem Haus, das Eric Fain angerufen hat, wohnt tatsächlich ein Eric, er trägt nur einen anderen Nachnamen und wohnt dort mit seinen Eltern. Offenbar ist die Realität tatsächlich so banal: Ein CIA-Entführer hat sich verraten, weil er Sehnsucht nach Vater und Mutter hatte. Der echte Eric ist wie der falsche 1971 geboren. Er hat länger in Ohio gelebt, zog später nach Florida und bekam vor wenigen Jahren eine Pilotenlizenz für die Boeing 737. Gemeinsam mit einer Frau, die in seiner Nähe wohnt, besitzt er ein schneidiges Sportboot. Auch diese Frau hat er damals von Ibiza aus angerufen.


Ein wenig Mitleid

Diskretion war in den wilden Zeiten der Terrorjagd kein Anliegen mit hoher Priorität, eher schon Komfort und Klasse. Die Entführer waren keine akribischen Agenten, die jahrelang auf der ganzen Welt einer wirklich wichtigen Person nachstellten, so wie es der Mossad tat, bis er den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien aufgespürt hatte. Stattdessen lebten die Jäger islamistischer Terroristen (und vieler Randfiguren) in Saus und Braus. Auch bei der Entführung von Imam Abu Omar in Mailand wählten die Amerikaner nur beste Adressen, in Mailand etwa das „Principe di Savoia” oder das Hilton für 280 Dollar die Nacht. In sechs Wochen zahlte allein die Agentin Monica Adler mehr als 10 000 Dollar für Hotels. Am 1. Februar 2003, auch das fanden die Italiener heraus, teilte sie sich in La Spezia ein Zimmer mit einem Kollegen. Der entführte Imam übrigens wurde in Ägypten misshandelt, seine Familie in Italien weiß bis heute nicht, ob er noch am Leben ist.
Über Motive oder mögliche Gewissenskonflikte der Täter lässt sich nur spekulieren. Die Piloten jedenfalls machten sich wenige Gedanken. „Wir sind die Busfahrer im Krieg gegen den Terror. Ich hab nicht geschaut, wer hinten drin saß”, sagte ein ehemaliger Pilot der New York Times. Allem Anschein nach wussten sie genau, für wen sie arbeiteten. Nur formal waren sie Angestellte einer Firma namens Aero Contractors. Das Firmengebäude steht am Waldrand auf dem Gelände des Mini-Flughafens Johnston County Municipal Airport. In nicht allzu großer Entfernung liegt Fains Haus.

Ein früherer Angestellter von Aero Contractors hat erzählt, er habe sich auf eine Stellenanzeige der CIA hin gemeldet. Nach einem Lügendetektortest habe er in der CIA-Zentrale in Langley eine neue Identität erhalten. Als er den Arbeitsvertrag bei Aero Contractors unterschrieb, habe er Verschwiegenheit zusichern müssen. So schildert er es in dem Buch „Das Schattenreich der CIA”, das Stephen Grey jetzt veröffentlicht hat. Der Pilot berichtet, dass er ohne weiteres bei örtlichen Behörden einen neuen Führerschein mit Tarnnamen erhalten habe, ebenso Kreditkarte oder Pilotenlizenz. Es gilt als sicher, dass Aero Contractors eine reine CIA-Filiale war.
Die Piloten, die an der Entführung des Deutschen el-Masri beteiligt waren, leben offenbar alle in Fains Umgebung. Dies sind zum Beispiel der Kapitän James Fairing und der Pilot Kirk James Bird. Zu einem Entführerteam gehören meist vier Piloten und ein Arzt. Die Kidnapper reden kaum mit ihren Opfern. Nur aus einem Fall ist überliefert, dass die Amerikaner so etwas wie Mitleid gezeigt haben. Als Masris Entführer am 22. Januar 2004 einen Mann aus Großbritannien von Marokko nach Afghanistan brachten, soll eine Frau gesagt haben: „Oh mein Gott, seht euch das an!” Dann zeigte sie auf die Spuren von Rasierklingen in seiner Haut. In den Augen der maskierten CIA-Leute habe er „Schrecken und Entsetzen” gesehen, erzählte der Mann später in Guantanamo.


Die Angst wächst

Allerdings waren es auch Amerikaner, die ihn zu den marokkanischen Folterknechten geflogen hatten. Seine Peiniger nutzten offensichtlich Informationen der Behörden aus Großbritannien, wo der Mann einst gelebt hatte. Die Flüge mit der CIA schilderte er genau wie el-Masri. Schwarz gekleidete und maskierte Fremde schnitten ihm die Kleider vom Leib, dann wurde er nackt fotografiert und für den Flug angezogen. Später in Afghanistan wurden erneut Bilder von ihm gemacht. Nach seiner Darstellung erklärte ihm jemand: „Wir wollen Washington zeigen, dass es heilt.” Nachdem die Boeing den Mann nach Kabul geflogen hatte, kehrte sie nach Mallorca zurück, und Eric Fain checkte im Marriott Golfhotel ein. Vielleicht wusste er nicht, wie seine Fluggäste zugerichtet wurden. Vielleicht wollte er es auch nicht so genau wissen.

Doch seine Beteiligung an den Entführungen könnte schon bald Folgen haben. Die deutschen Ermittler, die den Fall Khaled el-Masri lösen sollen, sind am Donnerstag mit neuen Informationen aus Madrid zurückgekehrt. Obwohl sich die US-Regierung weigert, Mitarbeiter der CIA bloßzustellen oder auszuliefern, ist es europäischen Ermittlern gelungen, zahllose Details zusammenzutragen. Wenn die deutsche Justiz Haftbefehle mit den Tarnnamen erlässt, würde das zunächst nur verhindern, dass Fain und seine CIA-Kollegen künftig wieder unter diesen Decknamen in Europa landen können. Falls es der Staatsanwaltschaft aber gelingt, die Spuren bis nach North Carolina zu verfolgen, dann könnten sogar Haftbefehle gegen den echten Eric und dessen Freunde folgen. Der Mann, der sich Fain nennt, könnte selbst für harmlosere Fluglinien nicht mehr ins Cockpit steigen, um Europa anzufliegen – ein schweres Handicap in seinem Gewerbe.

Unter den Entführern breitet sich ohnehin schon Angst aus. Manche schließen Versicherungen ab, um sich vor Zivilklagen ihrer Opfer zu schützen, berichten US-Medien. Falls die Demokraten wieder die Mehrheit im Parlament erobern, könnten sie die CIA-Praxis gründlich durchleuchten, womöglich werden US-Gerichte eines Tages befinden, die Kommandoaktionen seien illegal gewesen – in Europa sind sie es ohnehin. Einige seiner Geheimgefängnisse hat Bush bereits schließen müssen, und zwar nicht nur wegen der öffentlichen Empörung. Das Personal hat sich aus Furcht vor juristischen Konsequenzen geweigert, weiter in der Grauzone zu arbeiten: Die Kidnapper streiken.

Nach der Entführung el-Masris landete die Boeing noch einmal auf Mallorca, zwei Tage lang ließen sich die Amerikaner im „Gran Melia Victoria” verwöhnen, bevor sie nach Washington zurückkehrten. Der Catering-Service am Flughafen von Palma de Mallorca lieferte der Boeing für die Heimreise 18 warme Mahlzeiten, 18 Gambas-Cocktails, vier Flaschen spanischen Wein und neun Gläser. Speisen und Getränke kosteten 1290 Euro. Auf dem Flug nach Washington wurde offenbar ein weiterer „Erfolg” im Terrorkampf gefeiert. Der unschuldige Masri trank derweil in Afghanistan gelbliches, stinkendes Wasser in seiner Zelle. Wenig später trat er in den Hungerstreik.