Warum es so lange gedauert hat, bis Asbest verboten wurde - die ersten 70 Jahre

Asbest-Chronologie, Teil I

Der Asbest-Krimi beginnt in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Da konnte allerdings noch niemand ahnen, dass daraus eine der größten Tragödien der Industriegeschichte werden würde. Als klar wurde, dass der Wunderstoff Asbest schädliche Folgen für jene zeitigt, die ihn industriell verarbeiten oder ihn später benutzen, wird aus dem Desaster gleichzeitig eine Art "Krimi".

"Krimi" steht für Kriminalgeschichte. Und eine solche Erzählung handelt von "kriminellen" Vorgehensweisen. In diesem Fall leider reale: im Bereich der Wissenschaft, in der Industrie und auf der Ebene der Versicherungen, die diese Schäden versichern bzw. deren Folgen auffangen soll(t)en. Besser: verhindern soll(t)en.  

Beim "Asbestkrimi" gibt es einen weiteren Unterschied zu fiktionalen Krimis: Die Geschichte geht nicht gut aus und die Täter werden nie zur Rechenschaft gezogen.

1871 und danach

Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs und die Krönung des 1. Deutschen Kaisers im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles - als symbolische Show für den gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg vom Reichskanzler Otto von BISMARCK inszeniert - fällt in die Ära der sog. Hochindustrialisierung weltweit. In den USA hat gerade John D. ROCKEFELLER die Standard Oil gegründet, die zu einem der international größten Mineralölkonzerne weltweit werden wird. Wenige Jahre zuvor wurde das erste funktionierende Transatlantik-Telefonkabel (1866) verlegt und kurz zuvor entstanden auf deutschem Boden große chemische Fabriken: BASF, Hoechst und Bayer. Über die Auswirkungen dieser Entwicklungen für die Menschen, konkret über die Zusammenhänge zwischen Kapital und Arbeit und über die Lage der arbeitenden Klasse hatten zuvor Friedrich ENGELS und Karl MARX räsoniert.

In diesem Jahr wird in Frankfurt/Main die erste Fabrik gegründet, die in Kürze auch Asbestwaren produziert: die Louis Wertheim GmbH & Co. Wenige Jahre darauf (1878) entsteht das erste Sächsische Asbestunternehmen, die Fa. G. und A. Thoenen in Radebeul vor den Toren Dresdens. 

Weil Otto von BISMARCK den "Sozialisten" in Gestalt der Sozialdemokratischen Partei politisch das Wasser abgraben will, führt er völlig neuartige Reformen durch: Er installiert soziale Sicherungssysteme für die Arbeiterklasse: "Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte", wird er später schreiben.

Konkret erlässt er 1884 das "Unfallversicherungsgesetz", nachdem er zuvor das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" durchgesetzt hatte. Mit dem Unfallversicherungsgesetz installiert BISMARCK das System der Gesetzlichen Unfallversicherung. Danach sind alle Arbeiter versichert, wenn sie im Rahmen ihrer Arbeit einen "Arbeitsunfall" erleiden. Als Kostenträger dieser Versicherung müssen die Unternehmen sog. Berufsgenossenschaften gründen, die die Haftung für die Unternehmen übernehmen und die deshalb von diesen auch finanziert werden. Es ist dies weltweit eine einzigartige soziale Neuerung


1880

Im "Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland" stellt die erste Textilfabrik in Rochdale, nahe Manchester ihre Produktion um. Und gleichzeitig auch den Produktionsprozess, der jetzt maschinengetrieben läuft und deshalb effizienter ist. Das neue Produkt: Textilien, die nicht mehr aus Baumwolle, sondern aus Asbestfasern bestehen. Asbest ist billiger als Baumwolle - obwohl er aus Canada importiert werden muss. Die Firma ändert auch gleich ihren Namen, um die neue Produktlinie besser kommunizieren zu können: Aus Turner Brothers wird Turner Brothers Asbestos Company.

Dass mit Asbest für die Beschäftigten erhebliche Gesundheitsgefahren importiert werden, ist nicht bekannt. Asbest hat eine Latenzzeit von etwa 20 Jahren, manchmal auch länger. Bedeutet: Erst dann kommen die gesundheitlichen Schäden zum Vorschein. Zum Beispiel Asbestose, eine Krankheit, die nicht heilbar ist, weil die kleinen und feinen Asbestnadeln nach und nach die Lunge vernarben, die dadurch immer härter wird und ihre Funktion immer weniger ausüben kann: Asbestose ist ein langsamer, aber qualvoller Erstickungsprozess.

Manchmal wird der qualvolle Tod vorzeitig abgekürzt: dann, wenn die permanente Kraftanstrengung beim kaum-mehr-atmen-können das Herz überbeansprucht. Dann stirbt man vorher an Herzinsuffizienz - nicht minder qualvoll


1899 - neunzehn Jahre später

Auch in Großbritannien gibt es zu dieser Zeit eine Frauenbewegung, die sich für das weibliche Stimmrecht einsetzt. Eine der Vertreterinnen: Lucy DEANE STREATFEILD. Im Hauptberuf ist sie Angestellte der Gewerbeaufsicht, ein "female factory inspector" im Auftrag ihrer Majestät, Königin Victoria.

Achtzehn Jahre nach der Produkt- und Produktionsumstellung bei Turner Asbestos in Rochdale landen bei ihr die ersten Beschwerden von Beschäftigten aus dieser Fabrik.

Lucy DEANE lebt ihren Job mit Empathie. In diesem Fall sowieso, weil in der Turner-Asbest-Fabrik vor allem Frauen arbeiten. Sie gibt die Informationen über die "evil effects of asbestos" weiter. Und ein Jahr später, 1899, finden sie ihren Niederschlag in einem offiziellen Bericht, dem "Annual Report of the Chief Inspector of Factories and Workshops": 

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Die wichtigste Passage der "evil effects of asbestos" übersetzt:

„Eine mikroskopische Untersuchung offenbart die scharfe, glasartige, zackige Natur der Partikel. Dort, wo sie sich in der Raumluft befinden, egal in welchem Ausmaß, sind die nachgewiesenen Folgen schädlich.“ 

Im selben Jahr wird in London Dr. Montague MURRAY, Arzt am Charing Cross Hospital, auf das Problem aufmerksam. Als bei ihm ein 33jähriger Arbeiter, von dem wir nicht wissen, wo er gearbeitet hat, mit erheblichen Atemproblemen in der Ambulanz erscheint, vermutet MURRAY zunächst eine schwere Bronchitis. Als der junge Mann allerdings erwähnt, dass neun seiner Kollegen, die alle die gleichen Probleme hatten und alle in der selben Spinnerei mit dem neuen Wunderstoff Asbest zu tun hatten, gestorben sind, wird er stutzig. Als auch der junge Mann selbst wenige Monate später tot ist, geht MURRAY der Sache nach. Er seziert die Lunge: Sie ist gespickt von unzählig vielen kleinen Asbestnädelchen.

Auch MURRAY meldet seine Erkenntnisse weiter - an "His Majesty's Principal Lady Inspector of Factories", einer Frau, Adelaide ANDERSON. Sie - ebenfalls wie Lucy DEANE politisch engagiert, aber in der Arbeiterbewegung - kämpft unter anderem gegen Kinderarbeit. Offiziell ist sie zuständig für Sicherheit und Gesundheit, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen in den Fabriken. ANDERSON wird "Asbest" in eine Liste der Stoffe aufnehmen, die ganz offenbar gefährliche Folgen zeigen


Anderswo 1889

Worauf die eben genannten Personen im Vereinigten Königreich aufmerksam werden, ist - soweit wir das heute wissen - auch aus zwei weiteren Ländern belegt.

In Frankreich sterben in diesem Jahr (mindestens) 50 Textilarbeiterinnen, die mit Asbest zu tun hatten. Fabrikinspektor M. AURIBAULT wird dies dokumentieren: „Sur l’hygiène et la securité des ouvriers dans la filature et tissage d’amiante“ - im offiziellen Jahresbericht 1906. In Italien ist es Dr. L. SCARPA, der die Erkenntnisse aus der Behandlung von 30 inzwischen toten Arbeitern einer kleinen Asbestmine in den Jahren 1894 - 1906 öffentlich macht: in seinem Aufsatz "Industria Dell'amianto e tuberculosi", aber auch auf dem 18. "International Medical Congress" im Dezember 1908, neun Jahre später


1900

In Österreich entwickelt der Besitzer einer Papierfabrik, deren Produktion auf der Basis von Alttextilien beruht, ein neues Verfahren, mit dem man aus Zement, Wasser und Asbest leichte Zementfaser-Platten herstellen kann und dies besonders preiswert. Er lässt sich darauf ein Patent mit der Nummer "DRP 126 329" eintragen und gibt dem Werkstoff den Namen "Eternit". Der Wortstamm ("aeternitas") ist dem Lateinischen entlehnt und steht für "ewig". 

Das neue Produkt und das Patent des Unternehmers Ludwig HATSCHEK werden sich ab sofort und dann für viele Jahrzehnte zu einem besonders lukrativen Geschäftsmodell entwickeln


1906

Im Vereinigten Königreich führen die Informationen von Lucy DEANE an Adelaide ANDERSON zu einer Anhörung der britischen Regierung, konkret des Departmental Committee on Compensation for Industrial Deseases. Dr. MURRAY, der geladen ist, hat zwar konkrete pathologische Erfahrungen aufgrund seiner Untersuchungen an asbeststaubverseuchten Lungen gemacht. Aber er gibt eine fatale Einschätzung ab: "One hears, generally speaking, that considerable trouble is now taken to prevent the inhalation of the dust, so that the desease is not likeley to occur as heretofore." 

Das mag seitens des positiv denkenden Dr. MURRAY möglicherweise gut gemeint sein, signalisiert aber den Regierungsvertretern, dass weder Untersuchungen der lebenden Asbestarbeiter notwendig sind noch dass man mittels Statistiken eine möglicherweise höhere Sterblichkeit überprüfen sollte, wie von Lucy DEANE vorgeschlagen. Und deswegen geschieht auch nichts 


danach

Auch wenn sich die britische Behörde nicht zum Handeln veranlasst sieht, fühlen sich andere zum Handeln im Sinne weiterer Forschung berufen. So führt E. COLLIS im "Annual Report of Her Majesty's Chief Inspector of Factories" für das Jahr 1910 weitere Beispiele an, ein Jahr später werden Versuchsergebnisse mit Ratten dokumentiert, die gleichfalls die Schädlichkeit von Asbest belegen. 

In Deutschland veröffentlicht der "Königliche Gewerbeinspector" in Berlin, Dr. Richard FISCHER, sein Buch: "Die industrielle Herstellung und Verwendung der Chromverbindung, die dabei entstehenden Gesundheitsgefahren für die Arbeiter und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung". Chromfarben und Chromverschalungen sind gerade 'in', denn in den Chromfabriken sterben viele Arbeiter an Krebs. 

Besonders intensiv befassen sich US-amerikanische Forscher mit den Gesundheitsgefahren von Arbeitern. Der Röntgenologe Henry PANCOAST, nach dem später ein spezieller Tumor benannt wird ("Pancoast Tumor") und der in den USA die erste Professur für Röntgenologie an der University of Pennsylvania in Philadelphia erhalten hat, beschreibt im "American Journal of Roentgenology", dass und wie Asbest zu einer Vernarbung der Lunge ("Lungenfibrose") führt. 

Aber PANCOAST lässt sich 'kaufen'. Wenn es 1933 zu einem der größten Schadensersatzprozesse gegen das Unternehmen Union Carbide kommt, das bei einem Tunnelbau Hunderte von Arbeitern 'verheizt', die alle an einer Staublunge (Silikose) sterben, wird er vor Gericht bei der Beurteilung von Röntgenbildern das Gegenteil dessen sagen, was alle anderen diagnostiziert hatten. Aufgrund seiner Bekanntheit und seines 'standings' in der Branche glaubten die Richter nur ihm. "His price for testifying is $ 1000 for the first day and $ 250 for ervery other", schreibt jener, der ihn vermittelt hat, an einen anderen Interessenten, der sich nach PANCOAST als Gutachter erkundigt hat. Umgerechnet beträgt dieser Preis heute 10.000 $ für den ersten Tag und 2.500 für jeden weiteren (mehr unter Asbest in den USA: Fake Science und ein Whistlenlower). 

Anklicken öffnet das komplette HOFFMAN-Buch: 458 Seiten

Aber nicht jeder lässt sich wie Henry PANCOAST kaufen. 

Frederick L. HOFFMAN, der aus Deutschland in die USA eingewandert war und dort inzwischen einer der bekanntesten Statistiker ist, hat u.a. jahrelang für die Prudential Insurance gearbeitet. Er kann mit einer Fülle statistischer Daten aus allen Wirtschaftsbranchen die besondere Gefährlichkeit nicht nur der Asbestproduktion, sondern auch der Asbestverarbeitung belegen. HOFFMAN beschäftigt sich mit Themen, die wir heute mit dem Begriff "Public Health" umschreiben. Sein 458-seitiges Buch aus dem Jahr 1918 "Mortality from Respiratory Diseases in Dusty Trades" gibt es online (siehe Abbildung). Zuvor hat er andere Bücher geschrieben: "Mortality from Cancer Throughout the World  (1915), "Fatal Accidents in Coal Mining" (1910).

Erste Folge von HOFFMAN's Veröffentlichung: Die Prudential Insurance versichert ab sofort keine Unternehmen mehr, die mit Asbest arbeiten.

Ganz im Gegensatz zur größten aller US-amerikanischen Versicherungen, der Metropolitan Life Insurance Company, kurz MetLife.

Sie entwickelt einen Mehrstufenplan, um auf der einen Seite Industriekunden zu aquirieren oder von Prudential zu übernehmen, auf der anderen möglichst selten für Entschädigungen in Anspruch genommen zu werden:

Stufe 1 besteht im Aufbau des eigenen Image als relevante Autorität in Sachen Gesundheitsfragen. In einer Stufe 2 sichert sie sich die Unterstützung bekannter Mediziner in einem losen Netzwerk; sie sollen dann in Gerichtsverfahren als Zeugen bzw. Gutachter für MetLife aussagen. Beispielsweise wird der Röntgenologe PANCOAST dazu gehören. Als Stufe 3 will man eigene wissenschaftliche Studien durchgeführen, um mit allen drei Strategien zusammen letztlich - Stufe 4 - Einfluss nehmen zu können auf die politischen Entscheidungsprozesse. 

Das ist der Plan. Und so wird er auch ab 1924 umgesetzt (ausführlich unter Asbest in den USA: Fake Science und ein Whistleblower).


1924

Im Reich des britischen Empire erfährt das Problem Asbest eine größere Öffentlichkeit, als in diesem Jahr eine junge Textilarbeiterin der Fa. Turner aus Rochdale, die inzwischen zu Turner & Newall fusioniert hat, im Alter von 33 Jahren stirbt: Nellie KERSHAW, Mutter zweier Kinder. Sie hatte seit ihrem 15. Lebensjahr in der Asbestmühle von Turner gearbeitet, wurde 1922 krank, konnte kaum noch atmen und nicht mehr zur Arbeit gehen, hatte ihren Arbeitgeber wegen Lohnfortzahlung angeschrieben - wegen "asbestos poisoning".

Das Unternehmen Turner & Newall weist alle Schuld von sich, obwohl KERSHAW's Hausarzt klipp und klar diagnostiziert hatte, weshalb sie krank geworden ist. Selbst das Begräbnis zu bezahlen, weigert sich die Firma. Begründung: "We repudiate the term 'asbestos poisoning'" - Asbest sei nicht gefährlich, denn für das Gegenteil gäbe es keinerlei Beweise und nirgendwo sei Asbest als Berufskrankheit aufgeführt.

Für KERSHAW reicht es nur zu einem Armenbegräbnis - ihr Leichnam wird verbrannt, ihre Asche in einem namenlosen Sammelgrab verbuddelt. Die National Health Insurance, die es im Vereinigten Königreich bereits zu dieser Zeit gibt, wollte ebenfalls keinerlei Entschädigung zahlen, weil Asbesterkrankungen bei ihr noch nicht als berufsbedingt gelten - im Gegensatz zur US-amerikanischen Prudential Insurance, die keine Asbestarbeiter mehr versichert.

Typische Vorgänge, wie man sie seit Jahrhunderten beobachten kann: Die zuständigen Institutionen lassen die durch ihre Arbeit geschädigten Menschen im Regen stehen, wenn man sich aus der Verantwortung stehlen kann - egal mit welchen Begründungen. 

Weil Nellie KERSHAW den Mumm hatte, ihren Arbeitgeber anzuschreiben, und der Firmenmanager daraufhin KERSHAW's Arzt gedroht hatte, er solle Turner & Newall mitteilen, was er seiner Patientin über die Schädlichkeit von Asbest ("asbestos poisoning") erzählt hatte, und der Manager auch noch die lokale Gesundheitsaufsicht anschreibt, um mit aller Entschiedenheit den Vorwurf des "asbestos poisoning" zurückzuweisen, wird der Fall öffentlich.

Folge: Es gibt eine offizielle Todesuntersuchung durch einen unabhängigen "Coroner". In diesem Zusammenhang wird der Bakteriologe und Pathologe Dr. William Edmund COOKE beauftragt, der konstatiert, dass "mineral particles in the lungs originated from asbestos and were, beyond reasonable doubt, the primary cause of the fibrosis of the lungs and therefore of death."

Anklicken öffnet die erste Veröffentlichung von COOKE und den fotographischen Belegen

COOKE veröffentlicht seine Ergebnisse noch im selben Jahr im "British Medical Journal". Eine ausführlichere wissenschaftliche Darstellung folgt drei Jahre später ebenfalls dort - unter Hinweis, dass er jährlich 10 bis 12 solcher Fälle habe. Und er gibt der Krankheit einen Namen: "pulmonary asbestosis". 

Der Fall Nellie KERSHAW ist sehr gut rekonstruiert. In einer kürzeren Fassung im englischen WIKIPEDIA, etwas ausführlicher und im Zusammenhang mit der wachsenden Erkenntnis um die Gesundheitsschäden am Beispiel des Unternehmens Turner & Newall von David J. JEREMY, einem Geschichtswissenschaftler: Corporate Responses to the Emergent Recognition of a Health Hazard in the UK Asbestos Industry: The Case of Turner & Newall, 1920-1960 


1926

Immer gezielter sehen sich nun bestimmte Mediziner veranlasst, die Gesundheitsprobleme von Arbeitern aufzugreifen. Dass beispielsweise viele Bergarbeiter nach 10 bis 20 Jahren an Krebs erkranken, halten in Deutschland die Mediziner Kurt ROSTOSKI, Georg SCHMORL sowie der Röntgenfachmann Erich SAUPE in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung in der "Zeitschrift für Krebsforschung" 1926 fest: "Die Bergkrankheit der Erzbergleute in Schneeberg in Sachsen".

1926 ist das Jahr, in dem in Deutschland das Unfallversicherungsgesetz ergänzt wird. Ursprünglich war es nur als Kompensation für Arbeitsunfälle, also für den Typus klassischer Akut-Ereignisse installiert. Jetzt sollen jedoch deren Beweisanforderungen auch für jene Langzeitfolgen in Gestalt sog. Berufskrankheiten gelten soweit sie am oder durch den Arbeitsplatz verursacht wurden.

Formaljuristisch ist diese Neuerung (sehr) schlecht gemacht, wie man das auch heute ab und an beobachten kann: durch Einfügen eines lapidaren Satzes: Als Arbeitsunfall gilt auch eine Berufskrankheit.

Das Problem: Bei einem Arbeitsunfall ist der kausale Zusammenhang zwischen Ursache und Folgewirkung (Sturz von der Leiter, dadurch Beinbruch) schnell geklärt und nicht wegzudiskutieren. Bei einem beruflich verursachten Gesundheitsschaden, insbesondere wenn die schädlichen Folgen erst nach Latenzzeiten von mehreren Jahren oder Jahrzehnten auftreten, ist das ungleich schwieriger, den "Vollbeweis" zwischen Ursache und Wirkung beizubringen. Genau das aber wird in den nächsten neunzig Jahre nicht nur die Auseinandersetzungen vor den Gerichten bestimmen, sondern gleichzeitig als "Schutzschild" für die Unternehmen gegenüber ihren geschädigten Beschäftigten wirken.

Als "Schutzschild für die Industrie" wird das neunzig Jahre später der Arbeitsmediziner Prof. Dr. med. Hans-Joachim WOITOWITZ bezeichnen, der im zweiten Teil dieser chronologischen Rekonstruktion die Hauptrolle in der Auseinandersetzung unabhängiger Arbeitsmediziner gegen das System der Berufsgenossenschaften übernehmen wird.


immer noch 1926

In den USA funktioniert dieser Schutzschild völlig anders. Dort gibt es keine Gesetzliche Unfallversicherung (GUV), deren Beiträge die Unternehmen aufbringen müssen. Und wo die GUV dann entschädigen muss, wenn die Firmen nicht ausreichend Vorsorge treffen, um Arbeitsunfälle und Gesundheitsgefährdungen ihrer Arbeiter zu verhindern. Es gibt auch keine allgemeine gesetzliche Krankenversicherung, die erkrankte Arbeitnehmer auffangen würde, wenn die gesetzlich vorgeschriebene Haftung der Unternehmen nicht zu zahlen bereit ist. In den USA übernehmen dieses Geschäft private Versicherungsgesellschaften, die Policen an Firmen und Unternehmen verkaufen. Allen voran die Größte: Die Metropolitan Life Insurance Company, abgekürzt MetLife.

MetLife ist gerade dabei, sich zum weltgrößten Versicherer zu entwickeln. Und 40% ihrer Gewinne stammen aus dem Verkauf von Industriepolicen. Und das kommt nicht von ungefähr. 

In Deutschland sind die Beiträge der Unternehmen für die auf die GUV übertragene Haftung ziemlich gering. Denn die notwendigen Aufwendungen für Entschädigungen verteilen sich auf viele Unternehmen. In den USA kann eine Entschädigungsklage ein ganzes Unternehmen in die Pleite reiten. Entsprechend höher müssen die Versicherungspolicen ausfallen und die dafür notwendigen Beiträge. Ausreichend Grund für beide Seiten, die Anzahl der Klagen möglichst gering zu halten. Inbesondere in jenen Branchen und jenen Firmen, bei denen die Arbeitnehmer am Arbeitsplatz in großen Zahlen erkranken. Eine dieser Branchen: die Asbestverarbeitung.

Bevor überhaupt die ersten Publikationen über die tödlichen Asbestgefährdungen und/oder die Staublungenkrankheit ("Silikose") in den medizinischen Fachzeitschriften erschienen waren, wussten die Mediziner etwa bei MetLife längst Bescheid. Sie haben Zugang zu allen gesundheitlichen Daten der versicherten Arbeitnehmer. Und hatten deswegen schon seit längerem begonnen, unterschiedliche Ausschlusskriterien gerade bei Asbest zu entwickeln. Beispielsweise durch entsprechende Ausschlussklauseln und Kleingedrucktes in den Versicherungspolicen, die kein normaler Mensch versteht.

Dieses subtile System hinter den Kulissen wird erst Ende des Jahrhunderts bekannt, also erst in mehr als 7 Jahrzehnten. Dann wenn in über 700.000 Asbest-Schadensersatzklagen in den USA Zeugen aussagen und die Unternehmen Dokumente auf den Richtertisch legen müssen (mehr dazu unter Asbest in den USA). Doch noch ist es nicht soweit.

Zur 4-Stufen-Strategie, konkret zum Schritt 3, mit eigenen Studien den allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt zu unterminieren, gehört auch das Nicht-Publizieren von Erkenntnissen, die man selbst gewonnen hat.    

1926 gründet die MetLife, die in den USA - aufgrund ihrer effektiven Öffentlichkeitsarbeit (Stufe 1) - längst als fürsorgevolle Versicherungsinstitution anerkannt wird, die "Industrial Health Clinic" an der McGill Universität im kanadischen Toronto. Canada gehört zu den führenden Asbestabbauländern. An dieser "Industrial Health Clinic" lässt MetLife mehrere von ihr finanzierte Asbest-Untersuchungen durchführen. So entdeckt beispielsweise Dr. Frank PEDLEY bei 54 Minenarbeitern 24 Asbestosekranke.

Das darf Dr. Frank PEDLEY natürlich so nicht veröffentlichen. Aber es ist ihm erlaubt, das Folgende zu publizieren und zwar vier Jahre später in der medizinischen Fachzeitschrift "Canadian Public Health" auf S. 254, indem er das 'Wording' auf den Fokus Weberinnen und Spinnerinnen in der Asbestverarbeitung legt: "Since the reported cases of this disease have occurred largely among weavers and spinners it is possible that the mining and crushing of asbestos does not present a hazard.

Hier lässt sich die zweiseitige Publikation nachlesen: Asbestosis. Fake Science?


danach

Vergrößerung mit dem Mikroskop auf S. 29. Anklicken öffnet die vollständige Dissertation von GRIEVE aus dem Jahr 1927

Im englischen Leeds, in einem der vielen Zweigwerke von Turner & Newall, melden sich auffallend viele Asbestarbeiter bei ihrem zuständigen Arzt Ian Martin Donaldson GRIEVE, dass er 1927 an der Universität Edinburgh eine Dissertation zwecks Erlangung des Titels "M.D." einreicht: "Asbestosis. An Investigation into the Chronic Pulmonary Disease of Asbestos Workers in this Country." Darin erklärt er nicht nur die typischen Kennzeichen des Minerals Asbest. Er analysiert vor allem viele Todesfälle, deren Anamnese er ausführlich mit mikroskopischen Fotoaufnahmen und Röntgenbildern ergänzt. Und er setzt sich mit der gesamten bisher erschienenen Literatur zum Asbestproblem auseinander - auf insgesamt 117 Seiten (siehe Link bzw. Abbildung). Die Promotionsarbeit ist zu diesem Zeitpunkt die umfangreichste Dokumentation.

Und immer mehr setzt sich gerade im Vereinigten Königreich die Erkenntnis durch, dass der schnelle Einsatz des feuer- und hitzebeständigen Asbests etwa beim Bau von Schiffen und den ersten U-Booten sowie an anderen Arbeitsplätzen, besonders auch der schnellen Kriegsproduktion in den Jahren 1914 - 1918 geschuldet war. Und dass man dabei die Gefahren für die Gesundheit der Arbeiter aus den Augen verloren hatte.

Die hatte in Deutschland der Gewerbehygieniker und Arbeitsmediziner Ernst Wilhelm BAADER im Visier, der beispielsweise 1929 - vier Jahre, nachdem eine arbeitsplatzbedingte Arsenvergiftung als Berufskrankheit anerkannt wurde - die Chemische Industrie aufforderte, einen Ersatz für Arsen als Pestizid für den Weinbau zu finden. Nicht nur dort, auch in der Glas- und Stahlindustrie wurde Arsen eingesetzt und viele Beschäftigte hatten sich dabei - ohne es zu wissen - körperlich beschädigt, manche vergiftet. Seine Warnung: Arsen könne bereits in kleinsten Dosen Krebs verursachen


1927 - 1932

Zeitgleich veranlassen COOKE's Veröffentlichungen und nicht zuletzt seine umfangreiche Publikation im "British Medical Journal" das Britische Parlament, eine offizielle Untersuchung über die gesundheitlichen Auswirkungen von Asbest in Gang zu setzen. Beauftragt wird  Dr. Edward R.A. MEREWETHER, dem "Medical Inspector of Factories" seit 1927, gemeinsam mit C.W. PRICE, dem eigentlichen "Factory Inspector". Aufgrund ihrer amtlichen Funktion verfügen sie über nahezu unbegrenzten Zugang zu den erforderlichen Unterlagen, sie können daher alle bekannten Fälle zusammentragen. 363 Asbestarbeiter werden gründlich untersucht. Ergebnis: 26,2 % sind asbestgeschädigt. Und sie betonen klipp und klar den Zusammenhang zwischen der Asbestexposition in den Werkshallen und der Asbestkrankheit - Lungenfibrose bzw. Asbestose. Sie betonen auch den Zusammenhang zwischen Stärke der Exposition (Dichte des Asbeststaubs) und Dauer der Asbestbelastung. 

Edward Rowland Alworth MEREWETHER. Quelle: Occupational Medicine, Vol. 20, Issue 2, 1 January 1970, p. 73

MEREWETHER verfasst den ersten Teil des offiziellen Berichts, der sich auf die medizinischen Erkenntnisse konzentriert, PRICE stellt eine Liste von Vorschlägen zusammen, wie man die Arbeiter in den Fabriken besser schätzen kann, z.B. mit Ventilatoren, mehr Einsatz von Maschinen statt Handarbeiten, Verbot von Asbestarbeiten bei Jugendlichen u.ä. 

Ihr "Report on effects of asbestos dust on the lungs anddust suppression in the asbestos industry" wird 1930 veröffentlicht.

Und bringt das Parlament ein Jahr später dazu, erste gesetzliche Regelungen zu erlassen, die 1932 in Kraft  treten: ärztliche Kontrolluntersuchungen und (dezent vorgegebene) Entschädigungspflichten der Unternehmen. Sie werden die nächsten 35 Jahre, konkret bis zum Jahr 1969 unverändert bleiben.

Grund: MEREWETHER ist der Meinung, dass sich mit der Reduzierung der Staubbelastung das Problem lösen lässt. Aus diesem Grund stellt der zweite Teil des Report auf eben solche Vorschläge ab. Als die oberste medizinische 'Kapazität' des Arbeitslebens im Vereinigten Königreich, der Gewerbehygieniker Donald HUNTER, diese Einschätzung übernimmt und die ergriffenen staatlichen Maßnahmen in höchsten Tönen lobt, stimmen weitere Wissenschaftler in das Lied der effizienten Beherrschung des technischen Fortschritts mit ein. Dass vor zwanzig Jahren die bis dahin größte Ingenieursleistung des Schiffbaus, die "Titanic" - angeblich unsinkbar - beim Untergang über 1.500 Menschen mit in den Tod gerissen hatte, ist längst aus dem Gedächtnis entschwunden - Folge einer unkritischen Fortschrittsgläubigkeit.

Donald HUNTER wird noch Jahrzehnte lang die Diskussionen bestimmen. 1955 wird er den fachlichen Bestseller "The Diseases of Occupations" veröffentlichen - die Schilderung aller bekannten Berufskrankheiten auf 1.100 Seiten 


1932

Bisher blieb das fachliche und öffentliche Augenmerk bei Asbest auf jene Krankheit fokussiert, die man Asbestose nennt. Das Krankheitsbild: langsames und qualvolles Ersticken, weil die zunehmende Vernarbung des Lungengewebes die erforderliche Sauerstoffversorgung des Körpers nicht mehr gewährleisten kann.

Dass Asbestfaserstaub auch Krebs, konkret Lungenkrebs verursachen kann, darauf macht erst jetzt Ronald TAGE in einem Report für den Trades Union Congress (TUC), dem Dachverband der britischen Gewerkschaften, aufmerksam. Er hat einige Lungenkrebsfälle aus der Asbest verarbeitenden Fabrik Cape Asbestos Company in Barking, wenige Kilometer vom Londoner Stadtzentrum entfernt untersucht. Vermutlich jenem Unternehmen, aus dem auch die im Jahr 1899 von Dr. MURRAY am Londoner Charing Cross Hospital analysierten Krankheitsbefunde stammen.

Aufgeschreckt durch diese neue These, wonach auch Lungenkrebs in Zusammenhang mit Asbeststaub stehen könne, machen sich andere medizinische Forscher an die Arbeit. In den nächsten Jahren werden immer mehr Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. Und immer stärker erhärtet sich erst der Verdacht, dann die Erkenntnis, dass es zwei Krankheitsbilder von Asbest gibt. Und dass ganz generell der sog. Industriestaub, egal ob durch die Verarbeitung von Quarz oder Asbest, also egal, ob in der Keramikindustrie, in Glashütten, Ziegeleien, Stahlgießereien oder sonstwo, mehr als nur gesundheitsschädlich ist. 


1934

Im Deutschen Reich beginnt die industrielle Produktion für den Eigenbedarf erst jetzt wieder Tritt zu fassen. Bisher mussten die Unternehmen vor allem im Rahmen der Reparationszahlungen nahezu alles an das Ausland abliefern. Und erst zwei Jahre zuvor war es der Reichsregierung gelungen, sich vertraglich und gegen eine Restzahlung von den ökonomischen Fesseln des Versailler Vertrages zu befreien. Die vorausgegangene Hyperinflation und der Schock der Weltwirtschaftskrise hatten ein übriges getan, das ganze Land in eine Schockstarre und Unzufriedenheit zu versetzen, aus der herauszuführen ein Österreicher angetreten war, der jetzt offiziell Reichskanzler ist, sich aber bevorzugt als "Führer" anreden lässt.

Weil sich das ungebändigte Gewinnstreben der Unternehmen jetzt politischen Zielen unterordnen muss - der "Sozialismus" soll schließlich der ganzen "Nation" dienen, so die Ideologie - und die arische Arbeitskraft für die heimliche Vorbereitung der großdeutschen Gebietserweiterung benötigt wird, setzt das Reichsministerium für Arbeit eine ganze Reihe von Präventionsmaßnahmen durch. Bei der Berufsgenossenschaft, zuständig für die Steinbrüche beispielsweise, wird eine koordinierende "Staubbekämpfungsstelle" eingerichtet, um alle notwendigen Maßnahmen zu standardisieren. In dieser indirekt industrieeigenen Institution wird aber auch experimentiert und geforscht, wie man mit neuen Konstruktionen von Schutzglocken und Vakuum-Einrichtungen die Staubbelastung drastisch verringern, besser gleich verhindern kann. Neue Filtertechniken werden ausprobiert und neuartige Ventilationsanlagen. Das, was bisher unter dem Aspekt der Gesundheit, sprich Verhinderung von beruflich verursachten Staublungenerkrankungen, nie gemacht wurde, geschieht jetzt. 

Was im Deutschen Reich geschieht, wird auch im Ausland wahrgenommen. Thomas LEGGE, ehemaliger "Chief Medical Inspector of Factories" im Vereinigten Königreich, wird noch im selben Jahr in seinem Buch "Industrial Maladies" konstatieren: "Looking back in the light of present knowledge, it is impossible not to feel that opportunities for discovery and prevention of asbestos disease were badly missed."


1935

In diesem Jahr erscheint in den USA und zwar in der amtlichen Publikation des U.S. Health Service, ein Artikel mit dem Titel "The effects of inhalation of asbestos dust on the lungs of asbestos workers." Autor u.a.: Dr. Anthony J. LANZA.

LANZA fungiert als "Assistant Medical Director" bei der MetLife. Und berät Unternehmen. Insbesondere, die Asbest verarbeiten.

LANZA hat aber noch andere Jobs. So berät er die australische Regierung in Sachen Arbeitsmedizin ("industrial hygiene"), er gehört dem "International Health Board" der Rockefeller-Stiftung an, ist "executice director" des "National Health Council", Mitglied des "Industrial Hygiene Committee of the American Medical Association" sowie der "US Chamber of Commerce und anderer Institutionen mehr.

Unter seinem Management hat MetLife die vorangegangenen Jahre Untersuchungen von Arbeitnehmern in 5 verschiedenen Textilfabriken durchgeführt: medizinische Untersuchungen und Röntgenaufnahmen. Zweck: herauszufinden, ab welcher Staubbelastungskonzentration die Gefährdung beginnt. Um dann gegebenenfalls Empfehlungen auszusprechen.

Ergebnis: Mehr als die Hälfte der 126 Untersuchten, die länger als 3 Jahre beschäftigt waren, litten an einer Asbestose, bei 39 war die Diagnose noch nicht ganz sicher. Neun der Asbestosekranken kamen aus der Abteilung Spinnerei, in der die Asbeststaubkonzentration "relativ gering" war, wie LANZA meinte, konkret "5 mppcf" (5 million particels per cubic foot). Umgerechnet sind das 175 Millionen Fasern pro Kubikmeter eingeatmeter Luft. 

LANZA's Resümee: Asbest führt sehr viel leichter zu einer Staublunge als Quarzstaub wie er in der Keramik-, Glas-, Porzellan- und Zementindustrie vorkommt oder beim Bohren in Tunnelröhren. 

Quelle: public domain / WIKIMEDIA

Eine Zusammenfassung schickt LANZA auch an einen der Auftraggeber, mit dem MetLife eng zusammenarbeitet, den größten Asbestverarbeiter in den USA, Johns-Manville. Johns-Manville betreibt im kanadischen Quebec die größten Asbestminen. Den Asbestkonzern und das Versicherungsunternehmen verbindet das gleiche Interesse, Schadensersatzklagen gering zu halten.

Dr. Anthony LANZA betont in seinem Begleitschreiben, dass die Studie selbstverständlich vertraulich sei und - wie vereinbart - in dieser Form nicht veröffentlicht würde. LANZA empfiehlt, die Staubkonzentration, also den Grenzwert von Asbest jener der Quarzstaubbelastung gleichzusetzen.

Dafür erntet LANZA Widersprich von Johns-Manville. Man sei doch übereingekommen, dass sich beide Gefährdungen deutlich unterschieden bzw. Asbest das geringere Übel sei. Und dass man bei den Bemühungen auf politischer Ebene dafür sorgen wolle, dass die Asbestose eben nicht in die Liste potenziell entschädigungspflichtiger Krankheiten aufgenommen werden solle. 

Und obwohl LANZA und sein Arbeitgeber MetLife inzwischen wissen, dass eine Belastung bzw. Staubkonzentration von "5 mppcf"  - umgerechnet 175 Millionen Asbestfasern pro Kubikmeter eingeatmeter Luft - Asbestose verursachen können, lässt Anthony LANZA in seiner 12seitigen Veröffentlichung die entsprechenden Zahlen und Ergebnisse einfach weg. Resümee auf Seite 11: Die Asbestarbeiter sollten spätestens alle 2 Jahre untersucht werden. Und ansonsten solle die Industrie sich einfach des Problems gewahr sein (mehr Detail unter Asbest in den USA).

Fake Science?


die Jahre danach

Weil in Deutschland das Problem nicht ausgesessen oder bewusst verheimlicht wird wie in den USA, entstehen hierzulande weitere Erkenntnisse: über die gesundheitlichen Schädigungen als auch über Maßnahmen, eben diese zu verhindern, soweit dies möglich ist.

Weil nicht immer alles möglich ist und vieles zu spät kommt, schon weil die Latenzzeit bei Asbest zwischen 20 und 40 Jahren beträgt und jetzt die größeren Schadenswellen des Asbesteinsatzes des Weltkrieges, der zu dieser Zeit noch nicht mit einer Nummer belegt ist, zum Vorschein kommen, wird in Deutschland 1936 die erste durch Asbestfaserstaub verursachte Berufskrankheit anerkannt, konkret in dieser regierungsamtlichen Liste der Berufskrankheiten aufgenommen: die schwere Asbestose. Nur was in dieser amtlichen Verordnung gelistet ist, kann eine entschädigungsrechtliche Wirkung entfalten. Das Deutsche Reich ist damit das erste Land weltweit, in dem ein Asbestschaden, entstanden am Arbeitsplatz, anerkannt und mit einer Entschädigungsrente kompensiert wird - allerdings mit der medizinischen Eingrenzung auf schwere Asbestosen.

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Ein erster Schritt.

Der zweite wird von Prof. Martin NORDMANN vorbereitet. Er hat in einer Studie herausgefunden, deren Ergebnisse er 1938 in der "Zeitschrift für Krebsforschung" unter dem Titel "Der Berufskrebs der Asbestarbeiter" (siehe Abbildung) veröffentlicht: 12% der Untersuchten hatten Lungenkrebs. Und weitere, ebenfalls in diesem Jahr publizierten Untersuchungen anderer Mediziner kommen zu den gleichen Schlussfolgerungen: Asbestfasern können Lungenkrebs auslösen.

Was in Deutschland - staatlicherseits erwünscht - gelingt, gestaltet sich in den USA schwieriger. Dort soll Waldemar C. DREESSEN im Auftrag des US Public Health Service erstmals eine epidemiologische, also breit angelegte Querschnitts- und Zeitreihenuntersuchung durchführen. Sie will die rund 700 Arbeitnehmer von 4 verschiedenen Asbest-Textilplantagen mit jenen der restlichen Bevölkerung vergleichen, um damit das erhöhte Erkrankungsrisiko für die Asbestarbeiter abschätzen zu können.

Die ausgewählten Unternehmen versuchen, dies zu unterlaufen: Sie entlassen zuvor 150 Beschäftigte, und zwar jene, die am längsten mit Asbest in Berührung gekommen waren. So muss die "Study of Asbestosis in the Asbestos Textile Industry" konzedieren: Das Ergebnis "did not represent the true incidence because some 150 employees had been discharged 15 months before the study was made." 

Dagegen unternehmen kann der Public Health Service nichts - er verfügt nicht über ausreichende Durchsetzungsbefugnisse. Sondern muss sich mit den Erkenntnissen zufrieden geben, die Dr. Anthony LANZA von der MetLife erst kürzlich unter diesem offiziellen Label veröffentlichen konnte.

DREESEN kann lediglich eine Obergrenze für die Asbestfaserbelastung vorschlagen. Und stützt sich auf das, was man ihm zugerufen hat: "5 mppcf". Entspricht 175 Millionen Fasern pro Kubikmeter eingeatmeter Luft. 

Wenn in 4 Jahrzehnten in Deutschland die Grenzwertdiskussion beginnt, wird man mit dem obersten Wert, der etappenweise heruntergefahren wird, bei 2.000.000 Fasern beginnen. Enden wird schließlich alles bei 15.000. Bzw. einem totalen Verbot.

Doch noch ist es nicht soweit. Deutschland wird ersteinmal einen "totalen Krieg" führen wollen


zeitgleich

Im Deutschen Reich soll ein neues Mikroskop weitere Erkenntnisse zutage fördern. Die Fa. Siemens hat ein Übermikroskop entwickelt, das elektronisch funktioniert und bis zu 40.000 fache Vergrößerungen zustande bringt. Initiiert hat es das Ministerium für Arbeit zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz, die einen neuen Arbeitskreis "Asbest" gegründet haben. Ziel: Man möchte beobachten und wissen, ob die Asbestose durch chemische Prozesse oder bio-mechanische Irritationen entsteht


während des neuen Weltkriegs

Deutschland ist weltweit führend in der Asbestforschung. Und in der politischen Bekämpfung des Asbest - auch in Zeiten des Krieges. Und so kommt es, dass 1943 auch der asbestverursachte Lungenkrebs in die vorhandene Berufskrankheitenverordnung aufgenommen wird. Allerdings grundsätzlich nur anerkannt in Verbindung mit einer Asbestose

Pearl Habor nach dem japanischen Angriff 1941. Quelle: National Archives

Während in Deutschland die medizinische Wissenschaft, zu der auch der Bereich der Euthanasie gehört, fleißig weiter arbeitet und die deutschen Soldaten "neuen Lebensraum" erobern wollen, greifen die Japaner in einer tollkühnen Militäraktion die US-Pazifik-Flotte in Pearl Harbor an, zerstören alle dort liegenden Flugzeugträger, Schlachtschiffe sowie sämtliche Jagdbomber auf den Rollfeldern.

Die USA erklären Japan den Krieg, und damit auch dem Deutschen Reich, das mit dem Kaiserreich in Fernost verbündet ist.

Um zum großen Schlag auszuholen, installiert die US-Regierung das Projekt "Manhattan", an dessen Ende die beiden ersten Atombomben stehen werden. Parallel dazu ordert das Verteidigungsministerium den Neubau von Kriegsschiffen - die USA müssen sich auf den "D-Day" in Europa vorbereiten und dazu muss alles ganz schnell gehen. Die neugebauten Schiffe sollen außerdem gegen Feuerbrand und Hitze gewappnet sein. So entsteht an der Ostküste auf die Schnelle eine neue Werftindustrie. Das Thema Asbest spielt ab sofort keine Rolle mehr. Es gilt, dem Treiben des "Größten Führer aller Zeiten" und seinem "Tausendjährigen Reich", das vor allem auf der widerspruchslosen Gefolgschaft von Tausenden von Mitläufern fußt, ein Ende zu bereiten.

Für mehrere Industriezweige, darunter der Schiffsbau und die Zulieferbranchen, bricht eine Phase der Hochkonjunktur an. Zugleich eine willkommene Ablenkung von einigen kritischen Asbest-Diskussionen - ein außenpolitischer Feind lenkt immer ab von anderen Problemen


Wie es weitergeht, bis in Deutschland 1993 - nach weiteren knapp 50 Jahren - Asbest verboten wird, lesen Sie im zweiten Teil: Warum es so lange gedauert hat, bis Asbest verboten wurde: die darauffolgenden 50 Jahre. Was danach geschieht, um die zahlenmäßigen Entschädigungsansprüche von Asbestgeschädigten klein zu halten, ist im dritten Teil der Asbestchronologie dokumentiert: Warum um Asbest immer noch geschachert wird: der Showdown bis heute.


(JL)

Online am: 17.01.2019
Aktualisiert am: 16.03.2019


Inhalt:

Asbest - ein Krimi mit Millionen von Toten. Seit 120 Jahren. Bis heute.


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