Das System Smiley: in Dänemark und in Deutschland

Wie unterschiedlich Politiker Verbraucherinteressen berücksichtigen

2000

In Dänemark wird entschieden, dass der Staat die Verantwortung für die Kontrollen der Kommunen in den Bereichen Gastronomie, Lebensmittelverarbeitung und –handel übernehmen soll


2001

Einige Ministeriumsmitarbeiter, u.a. der Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium, Poul OTTOSEN, beschließen die Einführung eines Smiley-Systems zum 01. Oktober. Die Ergebnisse der letzten Kontrollen sollen für die Bevölkerung sichtbar sein. Konkret: Alle Bäckereien, Restaurants und lebensmittelbezogene Unternehmen, wie Molkerein und Schlachthöfe, Gaststätten, Fleischereien und Supermärkte müssen in Zukunft die letzten Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung gut einsehbar aushängen. Zudem werden diese Ergebnisse auf der Seite www.findsmiley.dk veröffentlicht. Die Bedeutung der smileys sieht so aus:

Kontrollen finden normalerweise mindestens zwei Mal im Jahr statt. Allerdings sollen Betriebe, die lachende Smileys erhalten haben, seltener kontrolliert werden. Betriebe, die mit einem traurigen Gesicht bewertet wurden, haben ein Recht auf eine erneute Kontrolle innerhalb der nächsten sechs Monate. Falls das Unternehmen eine frühere Kontrolle wünscht, muss es diese selbst bezahlen.
Ein paar Jahre später werden die kontrollierten Betriebe zudem dazu aufgefordert, die Ergebnisse auf der eigenen Homepage zu veröffentlichen.
Der Lebensmitteleinzelhandel, sowie Gaststätten- und Restaurantbesitzer reagieren besorgt auf diesen Vorschlag - sie befürchten, dass die Prangerwirkung das „Aus“ für einige Unternehmen bedeuten könnte


2002

Das Smiley-System wird dennoch eingeführt. Auch in Dänemark geht alle Macht vom Volke aus und nicht von Unternehmen. Insbesondere nicht von jenen, die schlecht dastehen.
70 Prozent der Betriebe erhalten auf Anhieb einen fröhlichen Smiley.


2008

Die Dänen führen den Elite-Smiley ein: Unternehmen, die in den letzten 4 Kontrollen mit einem lächelnden Smiley abgeschnitten haben und in den letzten 12 Monaten nicht kritisiert wurden, dürfen diesen für ihr Marketing nutzen.

 

Mittlerweile werden bereits 83 Prozent der Betriebe mit einem fröhlichen Smiley bewertet. Das System funktioniert.


2009

Der Anteil der „sauberen Betriebe“ erhöht sich von 70% (2002) auf nunmehr 86%.
Die Fa. Nielsen Media Research führt eine Untersuchung durch, derzufolge 88% der Einzelhandelsunternehmer, Restaurantbesitzer u.a. das Smiley-System als eine „gute“ oder „sehr gute“ Idee ansehen. Außerdem sind 86% der Meinung,
dass sie fair bewertet wurden. Und so hat sich das Ganze entwickelt:


Seit März 2009

Während in Dänemark das Bewertungssystem längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist – für Unternehmen und die Verbraucher - , veröffentlicht in Deutschland der Berliner Bezirk Pankow erstmals eine „Ekelliste“. Diese zeigt Fotos von stark verunreinigten Gastrobetrieben im Netz, z.B. diese:

Copyright: Lebensmittelaufsicht Berlin-Pankow

August 2009

Der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf führt den „Berliner Bär“ ein: Restaurants können sich freiwillig für eine Positivliste bewerben.


07.12.2009

Katrin LOMPSCHER (Die Linke), Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, stellt die Ergebnisse des ersten Berliner Verbrauchermonitors vor. Die Ergebnisse aus der Befragung von über 700 Berlinern durch die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) (Auftraggeber war die Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz) zeigen: 78% wollen, dass Ergebnisse der amtlichen Lebensmittelkontrollen für die gesamte Stadt in einer Positiv- und Negativliste ins Internet gestellt werden. Außerdem besteht bei knapp 50% der Wunsch nach der besseren Kennzeichnung von Lebensmitteln.


März 2010

Das Pankower Modellprojekt wird per Senatsbeschluss für ganz Berlin eingeführt.


Mai 2010

Das bestehende bundesweite Verbraucherinformationsgesetz wird ausgewertet.


19. Mai 2011

Eine Sonderkonferenz der Verbraucherschutzminister in Bremen beschließt einen Plan, ein bundesweites Hygienebarometer einzuführen. Dieses soll zunächst nur in Restaurants, später aber auch in Metzgereien, Bäckereien, Großküchen und im Lebensmitteleinzelhandel zum Einsatz kommen. Die „Restaurant-Ampel“ soll fortan an der Eingangstür eines jeden Restaurants aushängen und Auskunft über die letzten drei Kontrollen geben. Die drei Farben bedeuten hierbei folgendes:

  • grün = Anforderungen erfüllt oder nur geringfügige Mängel

  • gelb = Anforderungen teilweise erfüllt

  • rot = größere Mängel

Der Gaststättenverband Dehoga reagiert kritisch, da es sich immer um eine Momentaufnahme handele und sich die negativen Ergebnisse nach einer Veröffentlichung nicht mehr entfernen ließen.


Anfang Juni 2011

Was die Verbraucherschutzminister im Mai beschlossen haben, wird von der bundesweiten Wirtschaftsministerkonferenz abgelehnt: die Einführung des Hygienebarometers. Die Wirtschaftsminister bzw. ‚Wirtschaftsvertreter’ befürchten eine Prangerwirkung.


Sommer 2011

Auf Vorschlag von Katrin LOMPSCHER, Berlin, sollen alle Bezirke Berlins die Ergebnisse der Lebensmittelkontrollen in Betrieben im Onlineportal des Senats veröffentlichen. Dem Vorschlag stimmen alle Bezirke zu. Allerdings liegt die Anzahl der tatsächlich teilnehmenden Bezirke nur bei neun- Die Berliner Bezirke

  • Mitte

  • Friedrichshain-Kreuzberg

  • und Spandau

veröffentlichen ihre Ergebnisse aufgrund von rechtlichen Bedenken nicht.


16. September 2011

Die Minister der Verbraucherschutzministerkonferenz in Bremerhaven wollen nicht aufgeben. Sie beschließen die Gründung einer Arbeitsgruppe mit Vertretern beider Seiten: Verbraucherschutzminister und Wirtschaftsminister. Beide sollen bis Ende Januar 2012 nach Lösungen suchen.
Neben der Debatte um das Symbol, das für die Ergebnisse stehen soll (zur Auswahl stehen u.a. Kochlöffel, Sternchen, Smileys und eine Farbskala), sollen wichtige Fragen geklärt werden, z.B.

  • Soll die Kennzeichnung Pflicht sein?
  • Soll es für die Gastronomen die Möglichkeit einer zeitnahen Nachkontrolle geben?
  • Wer trägt die Kosten?

Die einheitliche Lösung soll Ende 2012 oder Anfang 2013 umgesetzt werden


Der Berliner Bezirk Pankow veröffentlicht ab nun eine eigene Liste, auf der nicht nur Minuspunkte vergeben werden, sondern Mängel in elf Bereichen konkret benannt werden, z.B. bei

  • Produktionshygiene

  • Einhaltung der Temperaturen

  • Reinigung

  • Desinfektion usw.

Künftig sollen nicht nur die Ergebnisse der Kontrollen in Gastronomiebetrieben, sondern auch die Kontrollergebnisse von Fleischern, Bäckern und Kiosken veröffentlicht werden.


(JSCH)

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