So entstand diese Geschichte: über die Recherchen und die Barrieren

zusammengestellt von David SCHRAVEN

Im März 2006 veröffentlichte der Umweltforscher und Trinkwasserexperte Professor Martin Exner von der Uni Bonn im Rahmen einer Fachtagung einen Bericht über PFT im Trinkwasser des Ruhrgebietes. Flächendeckend würde demnach die Bevölkerung jeden Tag den Stoff mit dem Trinkwasser zu sich nehmen.


Mich hat ein Freund nach der Tagung angerufen und mir die Geschichte erzählt. Ich kannte PFT nicht, wusste nicht, dass es um Perflourierte Tenside geht. Einem Stoff, der sich im Körper der Menschen anreichert. Ich wusste auch nicht, dass PFT krebserregend ist. Kurz: Ich wusste gar nichts.

Und ich nahm die Nummer zunächst auch nicht besonders ernst. Irgendeine kleine Kiste wird es sein, dachte ich, bei der irgendwelche Kriminellen Gift in den Fluss gekippt haben.

Und tatsächlich begann sofort die Jagd auf eine Firma, die für das Gift verantwortlich sein sollte. Kurze Zeit später identifizierte das Umweltministerium NRW ein Feld in Brilon-Scharfenberg, das besonders schlimm verseucht war und als Ursache für die Probleme in der Ruhr herhalten musste.

NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg (CDU) inszenierte kurze Zeit später mit großem Medienspektakel die Sanierung des Feldes. Damit schienen die Probleme im Griff.

Doch im Hintergrund passte nichts zusammen.

Aus einer früheren Recherche zu den Müllskandalen rund um Trienekens kannte ich einige Leute in der Umweltverwaltung in Dortmund. Wir unterhielten uns über PFT. Ich lernte, wie der Stoff wirkt, wo er eingesetzt wird. Schnell war klar, dass es duzende Emittenten an der Ruhr geben muss. Aber um wen handelte es sich? Und warum tat der Umweltminister nichts gegen die Emittenten?

Im nächsten Schritt fiel mir auf, dass in einer Nacht- und Nebelaktien der Chef der Abteilung für Abwasserwirtschaft im Umweltministerium gefeuert worden war. Nach einem Urlaub durfte er nicht mehr zurück in sein Büro.

Der Mann, Harald Friedrich, gilt als sehr fähiger Verwaltungsfachmann und Umweltexperte. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn einmal den „Kettenhund“ von Bärbel Höhn (Grüne).

Ich wusste, dass er immer wieder Konflikte mit dem Ruhrverband und der Wasserwirtschaft aushalten musste. Das erzählte man sich im Düsseldorfer Landtag.

Erstaunlich war aber vor allem, dass nach dem Rausschmiss eine Schmierenkampagne der CDU im Düsseldorfer Landtag einsetzte. Aus dem Umfeld von Uhlenberg wurde auch mir gegenüber gestreut, Friedrich habe sich der Korruption schuldig gemacht. Es werde staatsanwaltschaftliche Ermittlungen geben. Ein Untersuchungsausschuss werde nicht ausgeschlossen. Nur der politischen Hygiene wegen habe Friedrich entfernt werden müssen.

Schnell war klar, dass der Ruf des Mannes ruiniert werden sollte. Und duzende Journalisten glaubten den Vorwürfen, bis heute. Auch renommierte Kollegen.

Dass später Umweltminister Uhlenberg vor dem Arbeitsgericht Düsseldorf eine Ehrenerklärung für Friedrich abgeben musste, ging in den Vorwürfen unter, der Ruf des Umweltfachmanns im politischen Düsseldorf blieb angegriffen.

Ich beschäftigte mich mit den Hintergründen der Entlassung Friedrichs. Was war da wirklich passiert?

Die ersten Schritte: Helfer in der Höhle des Löwen. Und: wissenschaftliche Puzzlearbeit

Ich fand vier sehr gute Quellen im Umweltministerium, bis in die Hausspitze hinein. Zuerst flossen die Informationen nur wie schmale Bäche. Ich bekam Tipps, in welcher Ecke der Umweltverwaltung ich suchen sollte. Ich erhielt Hinweise, welche Fährte in die falsche Richtung führen würde. Das Vertrauen wuchs.

Nach und nach kamen die drei Fragen in einem Zusammenhang:

  • Wer sind die Emittenten?
  • Warum benennt der Umweltminister nicht die wirklichen PFT-Quellen?
  • Warum wurde Harald Friedrich entlassen?


Die Fußarbeit begann. Ich ging in die Uni, suchte mir PFT-Studien heraus. Sprach mit Wissenschaftlern über das Gefährdungspotential. Schnell hatte ich auch Quellen im Umfeld der Trinkwasserkommission. Hier wurde ich in meinen Rechercheergebnissen bestärkt. Leider wollten die Quellen hier nie offen auftreten. Sie haben mir aber mit sehr geholfen, indem sie mir wissenschaftliche Untersuchungen aus Fachpublikationen besorgt haben, die ich nie selber gefunden hätte. So kam ich zum Beispiel an Resultate amerikanischer Wissenschaftler, die schon länger zu PFT geforscht hatten.

Aber vielleicht wichtiger als die Infos war die Bestätigung der Fachleute, dass ich mich in die richtige Richtung bewegte.

Das Vertrauen wuchs weiter und aus den anfänglichen Informationsbächen wurden Flüsse.

Zwei Quellen im Umweltministerium machten sich an die Arbeit. In schwierigen Aktionen wurden ganze Aktenordner kopiert. Ich erhielt Briefe der Wasserwerke an den Umweltminister, in denen kaum verhüllt der Rausschmiss von Friedrich gefordert wurde. Weil dieser für eine bessere Wasseraufbereitung gekämpft hatte.

Ich erhielt darüber hinaus erste Messreihen aus der Ruhr.

Zudem hatte auch die Fußarbeit Erfolg. Trotz eines Maulkorberlasses des Ministers fand ich eine untergeordnete Umweltbehörde, die bereitwillig alle Karten kopierte, aus denen die Verseuchungen sichtbar wurden.

Ich konnte also schreiben.

Erste Reaktionen: Angriffe und Druck

Doch mit den Veröffentlichungen wuchs auch der Druck. Ich wurde zunächst nur hintenrum im Landtag angegriffen. Aus dem Umfeld des Umweltministers wurde ich verdächtigt eine Kampagne im politischen Auftrag anzuführen. In Journalistenkreisen wurde meine Arbeitsweise heruntergemacht. Wenn Blicke töten könnten, wäre ich wahrscheinlich schon tot.

Dazu kamen Unterlassungsforderungen und Gegendarstellungen, die wir abdrucken sollten. Ein einziger Rechtsanwalt einer der renommiertesten Kanzleien in NRW wurde nacheinander von den Wasserwerken, dem Umweltminister und dem Ruhrverband, als Betrieber der Kläranlagen an Ruhr, damit beauftragt, mich mundtot zu machen. Ich weiß nicht aus dem kopf, wieviele Verfahren es gab, sicher ein halbes duzend.

Immer wieder musste ich bis spät in die Nacht Stellungnahmen zu den einzelnen Klagen schreiben. Keine schöne Erfahrung.

Auch meine Quellen wurden unter Druck gesetzt. Manche Menschen in der Verwaltung hatten Angst mit mir nur am Telefon zu sprechen. Treffen wurden ganz abgelehnt. Einige Leute aus dem Umweltministerium wechselten die Straßeseite, wenn ich sie zufällig in Düsseldorf traf. Die Beamten hatten Angst, mit mir gesehen zu werden.

Aber irgendwie dachte ich immer an einen Spruch, den ich mal bei der Süddeutschen aufgeschnappt habe. „Wer kochen will, darf keine Angst vor heißem Wasser haben.“ Zudem hielt die Redaktion fest zu mir. Das war eine außergewöhnliche Erfahrung als freier Journalist. Vor allem der Leiter der NRW-Redaktion Willi Keinhorst vertraute meiner Arbeit, auch wenn die Kritik von außen Überhand nahm.

Ich habe bei anderen Zeitungen erlebt, wie man bei einer komplizierten Recherche auch schon mal ohne Schirm in den Regen geschickt wird.

Tja, und so ging das weiter. Nachdem meine Quellen gemerkt haben, dass ich und die Welt am Sonntag auch bei Gegenwind nicht umkippen, kam immer neues Material. Aus den Flüssen wurden Ströme.

Unerwartete Hilfestellung: Die große WAZ steigt mit ein

Nun begannen auch die anderen Zeitungen im Ruhrgebiet, allen voran die WAZ, kritisch über die PFT-Belastung der Ruhr zu berichten. Damit wuchs der öffentliche Druck.

Schließlich musste der Minister nachgeben. Nach einer Anfrage, die ich an die Bezirksregierung Arnsberg gestellt hatte, erließ Uhlenberg eine Anordnung, wonach die Wasserwerke ihre Anlagen dauerhaft PFT-fest machen mussten. Durch die Anfrage war herausgekommen, dass die Wasserwerke ihre PFT-Filter wieder abgeschaltet hatten und deswegen die Belastung im Trinkwasser anstieg.

Fast gleichzeitig setzte sich auch bei den Wasserwerken die Einsicht durch, dass sie handeln mussten. Es fielen Investitionsentscheidungen in Höhe von über 140 Mio Euro.

Damit war das Trinkwasser gesichert. Die Luft entwich aus der Geschichte. Die anderen Zeitungen stellten die Berichterstattung weitgehend ein.

Aber eine Frage blieb trotzdem noch unbeantwortet. Wo kam das PFT eigentlich her?

Immer noch behauptete der Minister vor allem die Fläche in Brilon-Scharfenberg sei für die PFT-Verschmutzung verantwortlich.

Die Presse in NRW hatte diese Behauptung als Wahrheit gefressen.

In nahezu jedem Artikel, in jeder Agenturmeldung wurde ohne zu reflektieren die These des Ministers wiederholt. Als Hintergrundinfo sollte mit dem Verweis auf Brilon-Scharfenberg möglichst kurz erklärt werden, warum es überhaupt Ärger mit PFT in der Ruhr gibt.

Nur ein Beispiel: In einer dpa-Meldung vom 24. Januar 2008 ist zu lesen: „Damals war in den Oberläufen der Flüsse Ruhr und Möhne im Sauerland eine erhöhte Konzentration der Industrie-Chemikalie PFT (perfluorierte organische Tenside) nachgewiesen worden. Später entdeckten die Behörden, dass die Schadstoffe illegal als Dünger auf einer Forst-Rekultivierungsfläche in Brilon-Scharfenberg aufgebracht worden waren.“

Nichts ist wirklich geklärt: die Recherchen gehen weiter

Der Fakt, dass aus dem Feld vor der Sanierung nur 22 Gramm PFT in die Ruhr abgingen und nach der Sanierung 7 Gramm, während die Ruhr im Schnitt 600 Gramm PFT täglich passieren, wird bei dieser Hintergrundinfo komplett ignoriert.

Ich beschaffte mir die Messdaten der Klärwerke. Dazu musste ich vor dem Verwaltungsgericht Arnsberg gegen die Bezirksregierung Arnsberg auf Auskunft klagen. Ich habe das privat getan. Als Freier Journalist. Ich hatte schlicht die Nase voll von den Vertröstungen, dürren Sprüchen und schrägen Behauptungen.

Das Umweltministerium zog den Fall auf Seiten der Bezirksregierung an sich, wie mir Quellen aus der Bezirksregierung anvertrauten. Eine renommierte Kanzlei wurde damit beauftragt, die Klage abzuwehren. Alleine der Briefkopf der Kanzlei war aufgrund der akademischen Titeln länger als ein normaler Brief.

Aber die Rechtsanwälte taten etwas Erstaunliches. Sie machten dem Minister klar, dass die Auskunft nicht verweigert werden könne.

Schließlich bekam ich die Daten. Und damit die Beweise, dass die Kläranlagen und die Indirekteinleiter aus der Industrie für die PFT-Hauptlast in der Ruhr verantwortlich sind.

Zudem konnte ich nachweisen, dass der Minister eine eigene Veröffentlichung zu den Klärwerken geschönt hatte.

Ich schrieb wieder über das Thema. Der Cheftoxikologe des Umweltbundesamtes, Hermann Dieter verglich die PFT-Belastung in der Ruhr mit den Dioxin- und DDT-Skandalen der Vergangenheit.

Danach setzte ein Wirbelwind ein.

Druck vom Minister: „objektiv nachvollziehbar Tatsachen falsch dargestellt“

Ich wurde vom Minister im Plenum des Landtag NRW persönlich attackiert. Uhlenberg warf mir vor, schlecht zu recherchieren und Daten aus seinem Haus nicht als Grundlage meiner Recherchen zu benutzen. Zudem wäre ich das Instrument einer politischen Hetzkampagne. Im gleichen Atemzug wurde die WAMS als Qualitätsblatt vom Minister diffamiert. Vor dem Landtag konstruierte der Minister eine Verschwörung von Springer-Verlag und Grüner Partei.

Wie gegen den ehemaligen Abteilungsleiter Friedrich beschränkte sich Uhlenberg auf eine Schmierenkampagne. Zu keinem Vorwurf ließ sich der Minister direkt ein. Er klärte nichts auf, wie ein Reporter des WDR in einem Bericht festhielt.

Die meisten Zeitungen verzichteten in der Folge auf eine Berichterstattung. Warum kann ich nur spekulieren. Derartige Frontalangriffe sind sicher nicht alltäglich. Ein Kollegen sagte mir zudem, dass doch sowieso kein Leser mehr diese ganze PFT-Nummer verstehen würde.

Wenn es im Trinkwasser aus der Ruhr kein PFT-Problem mehr gebe, sei es doch egal, ob das Gift noch im Fluss sei. Damit sei auch die Suche nach den Quellen der Verseuchung überflüssig.

Der Cheftoxikologe des Umweltbundesamtes, Dieter, meinte dazu: „Das Trinkwasser ist das Ende der Verschmutzungskette. Es wäre vielleicht wichtiger gewesen, sich stärker den Emissionsquellen von PFT zuzuwenden, doch ging diese sachlich begründbare Forderung im politischen Hin und Her der letzten Wochen und Monate offenbar verloren.“ Es sei eben einfacher, die Folgen einer kriminellen Handlung zu heilen, als ein System der Verunreinigung zu verändern. Obwohl die PFT nicht fettlöslich seien, zeigte sich der Toxikologe und Biochemiker überrascht, wie viel davon man weltweit im menschlichen Blut findet. „Diese Stoffe erreichen den Menschen auf bisher kaum bekannten Wegen und Umwegen. Deshalb gilt: Nur ein gesperrter Weg ist ein guter Weg.“

Ich sehe diesen Satz als Auftrag, weiter nach den Ursachen der Verseuchung zu suchen. Noch immer sind rund 30 Prozent der PFT-Emissionen in die Ruhr ungeklärt.

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