Die brutale Enteignung des Ignatz NACHER und seiner Engelhardt-Brauerei 1933/1934

Die Chronologie über die Nazis, die Bank und das Bier. Und über den Glienicker Park.

Diese Rekonstruktion ist der erste Text (Kapitel) einer größeren Geschichte, bei der es um die damals zweitgrößte Brauerei-Gruppe in Deutschland geht: um die Rolle der Nazis und ihrer vielen Mitläufer sowie um die Dresdner Bank. Vor allem ist es die Geschichte des Ignatz NACHER. Es betrifft aber auch die Geschichte des Glienicker Parks, der im Südwesten die Hauptstadt Berlin von Potsdam trennt.

Diese Geschichte wird als Fortsetzung online publiziert und startet am 85. 'Jahrestag', als die Dresdner Bank 1934 voller Stolz vermeldete, dass sie nun "die Majorität der Aktien" besitze. Sie geht in Kooperation mit der Berliner Morgenpost online: "Die vergessene Geschichte des Ignatz Nacher."

Die Rekonstruktion auf ansTageslicht.de wird sich auch damit befassen, was aus den Akteuren, egal ob Nazi oder nicht, nach 1945 wurde.

Wenn Sie über die Fortsetzungen informiert werden wollen, genügt eine Email an redaktion[at]ansTageslicht.de und im Betreff: Engelhardt. Diesen Text, den Sie hier lesen, können Sie auch direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Nacher oder auch www.ansTageslicht.de/Engelhardtbrauerei

2. Februar 1933 - am dritten Tag nach der Machtergreifung

Sie sitzen in der ersten Reihe und klatschen laut Beifall: Hermann GÖRING, Joseph GOEBBELS und Adolf HITLER. Auf der Bühne des UFA-Filmpalastes am Berliner Kurfürstendamm verbeugt sich Camilla SPIRA. Es ist ihre erste Rolle - Camilla SPIRA als tapfere Frau des U-Bootfunkers Jaul in dem U-Bootfilm der UFA »Morgenrot«. Der Film hat Premiere.

Camilla SPIRA ist gerührt. Unter den tosenden Ovationen hängt man ihr einen Lobeerkranz mit grünen Banderolen um, auf denen in goldenen Lettern zu lesen ist: »Der Darstellerin der deutschen Frau

Camilla SPIRA steht am Beginn einer großen Karriere. Der Film ist zugleich das Ende ihrer Karriere: Camilla SPIRA ist Jüdin.

Unter den begeisterten Kinobesuchern im berühmten UFA-Palast sitzt auch ihr »Schwiegervater«: »Onkel Ignatz«.

»Unsere Zeit verbietet Feiern«, hatte Ignatz NACHER sechs Tage zuvor, am Samstag, dem 28. Januar 1933, im Geschäftsbericht der »Engelhardt-Brauerei Aktiengesellschaft« geschrieben. Es war Aktionärsversammlung, und der Generaldirektor Ignatz NACHER hatte - wie jedes Jahr - eine kleine Ansprache über das wirtschaftliche Jahresergebnis der Großbrauerei gehalten. Das glänzte diesesmal zwar nicht mehr mit den Erfolgszahlen der Vorjahre - aufgrund der miserablen Wirtschaftskonjunktur hatte man einen sechsprozentigen Absatzverlust verbuchen müssen. Für eine fünfprozentige Dividende reichte es trotzdem. Schließlich hat die Aktionärsversammlung auch einen besonderen Anlaß: die bekannte Brauerei feiert ihr 25jähriges Jubiläum als Aktiengesellschaft.

Ignatz NACHER war 1901 eingestiegen. Und hatte die kleine Berliner Brauerei aus der Chausseestraße zum zweitgrößten Brauereikonzern Deutschlands gemacht: mit durchschlagenden Innovationen und cleverer Geschäftspolitik (mehr unter Der Aufstieg der Engelhardt-Brauerei und das alkoholfreie Malzbier von Groterjan). Jetzt freut sich der 64-jährige "Onkel Ignatz" über den Erfolg seiner Schwiegertochter Camilla SPIRA.

Doch die Zeiten sind unübersichtlich und "in Berlin herrscht dicke Luft" wie sich Dr. Joseph GOEBBELS, 36 Jahre, in seinem Tagebuch notiert.


Kleine Rückblende

Angriff 28. Januar 1933: Anklicken öffnet Artikel

"Die Geißel der Arbeitslosigkeit die Elendsflut schwillt weiter an" hatte es einen Tag vor der Engelhardt'schen Aktionärsversammlung im "Angriff", dem Kampfblatt der Nationalsozialisten, geheißen. "Nur Hitler schafft Arbeit und Brot." Und in einem größeren Absatz hatte sich der Journalist mit dem Zusammenhang zwischen "Arbeitslosigkeit und verjudeter Hochfinanz" beschäftigt.

Und jeder weiß, daß der Parteivorsitzende der NSDAP, Adolf HITLER, schon die ganzen Wochen im (genau der Reichskanzlei gegenüberliegenden) Hotel Kaiserhof logiert und nur darauf wartet, eben dieses Gebäude mit seiner noblen Hotelherberge tauschen zu können.

Kaum war die Aktionärsversammlung am 28. Januar zu Ende gegangen, ging am Nachmittag die Nachricht durch die Stadt: »Schleicher zurückgetreten.« Der Reichskanzler hatte das Handtuch geworfen, weil er vom Reichspräsidenten HINDENBURG keine Vollmachten zur Auflösung des Reichstages erhielt, um Neuwahlen auszuschreiben - für HINDENBURG völlig überflüssig. Stattdessen beauftragte er den Vorgänger, der erst vor zweieinhalb Monaten zurückgetreten war, Franz von PAPEN, mit der Regierungsbildung. Es ist jetzt die einundzwanzigste seit Bestehen der (Weimarer) Republik.

PAPEN verhandelt. Mit Adolf HITLER. Das Arrangement, das am 30. Januar zustande kommt: HITLER wird Reichskanzler und er Vize.

"Die Wilhelmstrasse gehört uns", hält GOBBELS in seiner Chronik "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" fest. "Das ist der Aufbruch der Nation. Deutschland ist erwacht." Und weiter notiert er sich: "Nun aber wird ausgeräuchert." Und tags drauf heißt es: "Wir gehen gleich an die Arbeit."


Nach dem 2. Februar

Der aktuelle Präsident des Reichstags, Hermann GÖRING, zugleich "Minister ohne Geschäftsbereich" und zusätzlich kommissarischer Innenminister von Preußen, beauftragt seinen Polizei-Spezi Rudolf DIELS mit der namentlichen "Erfassung aller Kommunisten und Sozialdemokraten". Die ersten Verhaftungen durch die SA beginnen. Und die Zeit der wilden Konzentrationslager hier, da und dort, in Kellern, leerstehenden Fabrikgebäuden und sonstwo. Überall.

"In einem Film wird das Wort gesprochen: 'Zu leben verstehen wir Deutschen vielleicht nicht; aber sterben, das können wir fabelhaft'. Wie mancher SA-Mann hat dieses Wort wahrmachen müssen", notiert sich Dr. Joseph GOEBBELS in seinem Tagebuch zwei Tage nach der Filmpremiere von "Morgenrot".


ab Mitte Februar

Nur eine Woche später werden der "Vorwärts", die Zeitung der SPD, aber auch das "8-Uhr-Abendblatt" verboten. GÖRING setzt im Reich 13 missliebige Polizeipräsidenten ab, darunter den Chef der Berliner Polizei und ersetzt sie durch bewährte "Kämpfer".

"Göring mistet aus", notiert sich GOEBBELS. "Wir nisten uns allmählich schon in der Verwaltung fest."

Auf der Straße kommt es zu Protesten und Demonstrationen - Blut fließt. GÖRING befiehlt der Polizei, zu den »nationalen Verbänden (SA, SS und Stahlhelm) das beste Einvernehmen herzustellen«, und »wenn nötig, rücksichtslos von der Kugel Gebrauch zu machen«. Um die Macht vollständig auch auf der Straße zu besitzen, ernennt der kommissarische Innenminister die rund 50000 Mann starken SA- und SS-Verbände zu »Hilfspolizisten« - "zur Entlastung der ordentlichen Polizei in Sonderfällen". Zeitgleich befördert er seinen Polizei-Spezi Rudolf DIELS zum "Leiter der Politischen Polizei im Polizeipräsidium Berlin" am Alexanderplatz. Es ist die Geburtsstunde der Gestapo.


zeitgleich

Inzwischen hat Adolf HITLER Industrielle und Bankiers um sich geschart, um ihnen das Wirtschaftsprogramm der NSDAP zu erläutern. Ohne die Wirtschaft und ihr Geld läuft auch bei den Nazis nichts.

Am Abend des 20. Februar trifft sich die erlauchte Runde, zu der u. a. auch die Herren FLICK und KRUPP eigens aus dem Ruhrgebiet in die Hauptstadt eilen, im Palais des Reichstagspräsidenten. Über die Gefahr der kommunistischen Unterwanderung braucht der dynamische Kanzler und Spitzenkandidat der NSDAP keine allzu großen Worte zu verlieren. Das leuchtet ein. Auch daß ein Wahlkampf Geld kostet. Der ebenfalls anwesende GÖRING versucht den Herren des Wirtschaftslebens die nötige Zahlungsbereitschaft mit dem Hinweis zu erleichtern, "daß die Wahl am 5. März die letzte sicherlich innerhalb zehn Jahren, voraussichtlich aber in hundert Jahren"sei. Auch das leuchtet ein. "Und nun, meine Herren, an die Kasse", bittet der ehemalige Reichsbankdirektor Hjalmar SCHACHT, der Adolf HITLER mit seinen Verbindungen in der Finanzwelt auch dort salonfähig machen möchte. 

Adolf HITLER wird sich später revanchieren: SCHACHT wird in wenigen Tagen erneut Chef der Reichsbank und ein Jahr später auch noch Wirtschaftminister werden.

Einer solch freundlichen Aufforderung eines international anerkannten Bankers können sich auch die Industriellen nicht verschließen: sie spenden drei Millionen Mark. "Wir treiben für die Wahl eine ganz große Summe auf, die uns mit einem Schlage aller Geldsorgen enthebt", jubelt Joseph GOEBBELS in seinen Aufzeichnungen.


Die Nacht des 27. auf den 28. Februar

Foto: National Archives USA

So hektisch wie der Februar begonnen hatte, so endet er auch. In der Nacht des 27. auf den 28. Februar brennt der Reichstag. Eine der größten Verhaftungswellen beginnt: 4000 Funktionäre der KPD sowie Schriftsteller und Journalisten. Carl von OSSIETZKY, Erich MÜHSAM und Egon Erwin KISCH sind darunter. Bertolt BRECHT kann sich nach Prag absetzen.

SA-Männer besetzen Parteibüros und Zeitungsredaktionen. Der steinalte Reichspräsident HINDENBURG unterschreibt mal wieder eine Notverordnung. Dieses Mal »zum Schutz von Volk und Staat«. So gut wie alle Grundrechte werden außer Kraft gesetzt. Die Nazis haben, was sie brauchen. Jetzt dürfen sie - ganz legal - Telefonleitungen anzapfen, Briefe öffnen, Wohnungen durchsuchen, Zeitungen verbieten, Menschen ohne richterliche Anordnung und Nachprüfung verhaften. "Wenn Widerstand geleistet wird, dann Straße frei für die SA", hält Joseph GOEBBELS noch am Abend in seinem Tagebuch fest.

"Ich habe keine Gerechtigkeit zu üben, sondern zu vernichten und auszurotten", verkündet Hermann Göring auf einer öffentlichen Versammlung zwei Tage vor der großen Wahl ganz ungeniert. "In Zukunft kommt nur in den Staat hinein, wer aus diesen nationalen Kreisen stammt. Wer sich zum Staat bekennt, zu dem bekennt sich auch der Staat. Wer ihn aber vernichten will, den vernichtet er!"


danach

»PR« und Politpropaganda sind das Metier von Joseph GOEBBELS. Am Vorabend zum "Tag der erwachenden Nation", dem Wahltag am 5. März 1933, wird die Ansprache des Kanzlers über alle Radiostationen in ganz Deutschland übertragen. Die Rede endet mit dem Niederländischen Dankgebet; dazu läuten - mediengerecht - die Glocken des Königsberger Doms.

Das Wahlergebnis - knapp 46 Prozent für die Nationalsozialisten - kommentiert GOEBBELS in seinem Tagebuch: "Eine lange Arbeit wird mit Erfolg gekrönt. Deutschland ist erwacht!"

An den deutschen Börsen steigen die Aktienkurse. Auch die der Engelhardt AG: von 88 auf über 94 Reichsmark.

Jetzt geht man aufs Ganze. "Das häufige Wählen zu rund fünfzig verschiedenen Körperschaften im deutschen Reich" hat man satt. Jetzt sollen auch die Landtage und Gemeindeparlamente den neuen Verhältnissen Rechnung tragen und "Kommissare" die Kontrolle für die Durchführung des neuen Zeitgeistes übernehmen. "Gleichschaltung" heißt die neue politische Losung, für die sich die große Mehrheit der Deutschen entschieden hat.


Gleichschaltung in Bayern

Dort ernennt nach ergebnislosen Verhandlungen mit der bayerischen Regierung Reichsinnenminister FRICK einen neuen "Reichskommissar" bei der Polizei. Abends besetzen SA und SS alle öffentlichen Gebäude in München. Der amtierende Ministerpräsident erklärt seinen Rücktritt und der neue "Reichskommissar" beruft seinerseits einen "Staatskommissar" für das Innenministerium und gleichzeitig einen neuen Polizeipräsidenten für München: Heinrich HIMMLER.

Der wiederum bestellt einen seiner fähigsten Mitarbeiter zum Leiter des politischen Referats der Abt. VI der Münchner Kripo: Reinhard HEYDRICH.

"In Bayern ist alles ruhig von statten gegangen. Jetzt haben wir das ganze Reich in unserer Hand", lautet der Tagebucheintrag von Dr. Joseph GOEBBELS, der vier Tage später als "Minister für Volksaufklärung und Propaganda" vereidigt werden wird.

In Bayern sind die Berliner Engelhardt-Brauerei bzw. Ignatz NACHER mit mehreren Brauereien vertreten: mit Anteilen an der Hofbräu und Henninger Reifbräu in Kulmbach, der Bürgerbräu Weiden in der Oberpfalz, der Bayerischen Bierbrauerei Lichtenfels.


12. März 1933

Deutschlandweit finden Kommunalwahlen statt. Auch in Berlin. Dort werden die Nationalsozialisten mit 38,5% stärkste Fraktion. Die NSDAP wählt einen "Alten Kämpfer" zu ihrem neuen Fraktionsvorsitzenden: Dr. Julius LIPPERT.

LIPPERT, 38 Jahre, ist Chefredakteur des NSDAP-Kampfblattes »Der Angriff«. Herausgeber: Dr. Joseph GOEBBELS. Über ihren beruflichen Umgang hinaus verbindet beide eine herzliche Freundschaft. LIPPERT ist ein Kämpfer im wahrsten Sinne des Wortes. X-mal hat er vor Gericht gestanden, mußte sich presserechtlich verantworten; vor allem für Schmäh- und Beleidigungsartikel im »Angriff«.

LIPPERT befand sich stets in bester Gesellschaft. Noch vor einem Jahr saß er auf der Anklagebank im Schwurgerichtssaal 403 des Land- und Kriminalgerichtes in Berlin-Moabit: er als Chefredakteur des »Angriff«, Adolf HITLER als Herausgeber des »Völkischen Beobachter«. HITLER wurde freigesprochen - er war nur Herausgeber und kann nicht alles lesen, was gedruckt wird; LIPPERT verurteilt. Da er die Geldstrafe aus Prinzip nicht entrichten wollte, mußte er für einige Tage ins Gefängnis.

Jetzt kann man darüber herzhaft lachen, als sie am Abend des 12. März - nach den Kommunalwahlen - in der Redaktionsstube  des »Angriff« in der Wilhelmstraße 106 gemütlich beim Bier zusammensitzen. Natürlich sind GOEBBELS und LIPPERT - wie die meisten Deutschen - Biertrinker. Bier wird schließlich immer und zu allen Zeiten getrunken.

Allerdings: Bier ist nicht gleich Bier. Das »Judenbier« von »Engelhardt« und »Groterjan« wird von »Pgs« (Parteigenossen), die welche sind, schon aus Prinzip boykottiert. Die jüdischen Brauereien in der Reichshauptstadt sind Julius LIPPERT ein Dorn im Auge.'

Bis in das Morgengrauen sitzen der Gründer des »Angriff«, Joseph GOEBBELS, sein Chefredakteur LIPPERT und vertraute Pgs zusammen, derweil die Rotationsmaschinen im Keller auf Hochtouren laufen. "Diese Stadt werden wir neu gestalten. Es wird unser ganzer Ehrgeiz sein, ihr wieder ein deutsches Gesicht aufzuprägen", resümiert GOEBBELS noch an diesem frühen Morgen."Ich delegiere Dr. Lippert zum vorläufigen Beauftragten."


14. März - nach der Kommunalwahl in Berlin

"Pg. Dr. Lippert Staatskommissar", meldet am 14. März der "Angriff" auf der ersten Seite. Schon am Montagvormittag hatten sich der nationalsozialistische Fraktionsführer Dr. LIPPERT und der SA-Gruppenführer Graf HELLDORFF im Auftrage des Preußischen Innenministeriums zum Oberbürgermeister begeben, um ihm die nationalsozialistischen Forderungen zu überbringen. Pg. LIPPERT ist inzwischen von Hermann GÖRING zum "Kommissar zur besonderen Verwendung des Oberbürgermeisters der Stadt Berlin" ernannt. Seine Aufgabe: "Die Reichshauptstadt von jüdischen und korrupten Elementen zu säubern."


danach

Nachdem seit Dienstag, den 14. März im Rathaus bereits vier sozialdemokratische Magistratsbeamte »beurlaubt« sind, kommt es auf den Straßen immer wieder zu Aktionen gegen jüdische Geschäfte; Ladenbesitzer werden entweder bedroht, man schlägt ihnen die Scheiben ein oder »Hilfspolizisten« in SA-Uniform blockieren den Eingang. Das US-Generalkonsulat setzt zum erstenmal einen Bericht über die Ausschreitungen an das State Department ab.

"Die Säuberung Berlins - Staatskommissar Pg. Dr. Lippert an der Arbeit" - weiß der »Angriff« einen Tag später, Mittwoch, den 15. März, über die Arbeitsbelastung des neuen »Staatskommissars« zu berichten. J

Jetzt sind die Direktoren der Betriebskrankenkasse und der Müllabfuhr, der Wannseebad-Direktor, mehrere Schulräte und alle sozialdemokratischen Stadträte in den Bezirksämtern an der Reihe. Die »Säuberung« auf kommunalpolitischer Ebene in dieser Woche läuft auf Hochtouren. Auf dem Polizeipräsidium werden reihenweise jüdische Industrielle zu »Gesprächen« vorgeführt; man will die »jüdische Hochfinanz« ein wenig in Unruhe versetzen.

Zum Beispiel den Generaldirektor der Speditionsgesellschaft Schenker & Co, Marcus HOLZER, der gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner Hafen- und Lagergesellschaft AG - BEHALA ist, weil er dort Anteile hält. Die Stadt Berlin ist nur mit 25% an der BEHALA beteiligt und musste ihre vier Häfen (Spandau, Westhafen, Neukölln, Osthafen), die für die Versorgung der Stadt lebenwichtig sind, vor vielen Jahren aufgrund der schlechten finanziellen Haushaltslage verpachten. Dieser BEHALA-Vertrag steht schon seit Jahren in der öffentlichen Kritik und LIPPERT lässt jetzt Recherchen anstellen: Ist alles mit rechten Dingen zugegangen? Hat sich irgendwer bereichert? Etwa Juden?


Auch Ignatz NACHER wird eines morgens um sechs Uhr früh von zwei Heren in Zivil aus dem Bett geholt und zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz gefahren.

NACHER, der nach der "Morgenrot"-Premiere seiner Schwiegertochter Camilla SPIRA in den Urlaub nach Meran gefahren war, dorthin, wo er immer Urlaub machte, hatte das Treiben bisher nur aus der Ferne beobachtet. Mit zunehmendem Missfallen. Zwar hatte sich die nationalsozialistische Betriebszellenorganisation bei Engelhardt mit einer eigenen Zelle noch nicht etablieren, aber die Einstellung eines "Kommissars der NSDAP für die Engelhardt-Brauerei" erzwingen können. Der wiederum hatte die Entlassungen mehrerer jüdischer Angestellter durchgesetzt.

NACHER, jetzt wieder in Berlin, merkt, dass er sich getäuscht hat: Seine Ernennung eines aktiven NSDAP-Mitglieds, Pg. Rudolf LUEDTKE, als weiteres Vorstandsmitglied in die Engelhardt-Geschäftsführung, hat die Hetze gegen das "Judenbier" nicht vermindern können. Ebensowenig seine noch aus Meran angekündigte Bereitschaft, aus dem Vorstand auszuscheiden.

Jetzt muss NACHER seinen Pass abgeben.


21. März 1933

Tag von Potsdam. Foto: Bundesarchiv Bild 183-S38324

Da das neu gewählte Parlament nicht im Reichstag tagen kann, werden die Feierlichkeiten im Rahmen eines Staatsakts - mediengerecht - in die Potsdamer Garnisonskirche verlegt. Der Kronprinz der HOHENZOLLERN, Wilhelm Prinz von Preußen und Mitglied des "Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten", spielt dabei eine zentrale Figur: als medialer Handlanger Adolf HITLER's.

Um das geplante Ermächtigungsgesetz durchzusetzen, braucht HITLER eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Anders gesagt: die konservativen Stimmen, die immer noch der 'verratenen' Monarchie nachhängen. Ein würdiger Staatsakt vor der Kulisse der 900-jährigen Geschichte und des ehemaligen Glanzes von "Preußen" kommt da gerade recht. So sind auch alle Würdenträger präsent und Adolf HITLER gibt sich als Staatsmann - er verneigt sich respektvoll vor dem greisen Reichspräsidenten Paul von HINDENBURG.

Der staatstragende Festakt, nach allen Regeln der PR-Kunst organisiert, wird als "Tag von Potsdam" in die Annalen eingehen. Und den Weg zur endgültigen Machtergreifung ebnen: übermorgen in Berlin, 23. März.


23. März 1933

Mit diesem Tag sichern sich die Nazis endgültig die Macht. Mit dem Ermächtigungsgesetz werden jetzt alle (Grund)Rechte der Menschen außer Kraft gesetzt: nicht mittels einer "Notverordnung" und dies vorübergehend, sondern jetzt als reguläres Gesetz und auf unbestimmte Zeit. Es kommt mit den Stimmen der NSDAP, des Zentrums, der Bayerischen Volkspartei und der Deutschen Staatspartei zustande - alle konservativen Kräfte machen mit, der "Tag von Potsdam" hat gewirkt. Und man hat es eilig. Das neue Gesetz tritt bereits tags drauf in Kraft:

Titelseite des "Angriff" v. 23. März 1933

Vor dem großen Boykott

Die "Säuberung von jüdischen und korrupten Elementen" ist in vollem Gange. Rechte für die Betroffenen gibt es nicht mehr.

So gibt LIPPERT die Weisung aus, in allen Krankenhäusern die jüdische Ärzte schnellstmöglichst zu entlassen. Die Entlassung von acht Ministerialdirektoren aus dem Ministerium für Justiz praktiziert der neue Justizminister "Pg. KERRL", der - vom Rundfunk deutschlandweit übertragen - in den überfüllten Räumen des Kriegervereinshauses vor den (arischen) Berliner Staatsanwälten, Richtern und Justizbeamten sowie kleinen Angestellten "die Säuberung des Gerichtswesens von dem verderblichen Einfluss des Judentums" ankündigt. Frei gewordene Stellen wecken bei vielen Deutschen, die dem Treiben tatenlos zunehmen, konkrete Erwartungen: selbst den Job zu bekommen. Man muss sich nur der neuen Bewegung möglichst schnell anschließen.

Reichsjustizminister KERRL beruft auch gleich einen neuen Mann aus Kassel an die Spitze seiner "Abteilung I", die in Zukunft für Korruptionsangelegenheiten zuständig sein wird: Dr. Roland FREISLER.

Während im "Angriff" über die "Säuberung der Handelskammern" im Reich berichtet wird und insbesondere über die Berliner Handelskammer, die "vollkommen verjudet" sei, gehen viele Berliner seelenruhig ins Konzert. Wilhelm FURTWÄNGLER, Deutschlands Stardirigent, dirigiert am 27. März sein neuntes Konzert mit den Berliner Philharmonikern - wenige Tage vor dem großen Boykott: u.a. die 4. Sinfonie von Robert SCHUMANN, Ludwig van BEETHOVEN's Klavierkonzert in G-Dur und von Richard STRAUSS: "Till Eulenspiegels lustige Streiche".

LIPPERT's "Angriff" rüstet derweil auch publizistisch auf. Am Freitag, den 31. März steht auf der Titelseite: "Die Stunde ist da!"


1. April - der Boykott in Berlin

Die organisierten Massendemonstrationen beginnen um 3:30 früh auf dem Tempelhofer Feld: mit einer Fahnenweihe der NS-Beamtenabteilung. Rund 20.000 Staatsdiener machen mit. Von dort verteilen sich die Massen in die Stadtteile, sekundiert von SA und SS und diversen Schlägertrupps. Immer mehr "Deutsche" schließen sich an. Ziehen durch die Stadt, kleistern die Schaufenster jüdischer Geschäfte zu, schüchtern andere ein, die dort trotzdem einkaufen gehen wollen.

LIPPERT's "Angriff" jubelt: "14 Tage Staatskommissariat - Die Säuberung Berlins von unsauberen Elementen wird fortgesetzt."

Und so geschieht es auch. Die "arischen" Deutschen schauen willenlos und tatenlos zu - solange sie selbst nicht davon betroffen sind. Und immer mehr Menschen nutzen die Gunst der Stunde: alte Rechnungen zu begleichen; mit Rückenwind der neuen Bewegung. 


danach

Das weiß auch Staatskommissar Julius LIPPERT. Bereits vor 1933 bekam die 'Bürgerliche Presse', aber auch der "Angriff" regelmäßig Informationen über dieses & jenes zugespielt, aus denen nicht nur Berichte, sondern manchmal auch Skandale wurden. Jetzt sind sein Kampfblatt ebenso wie der "Völkische Beobachter" quasi Staatsorgane und die Hinweise aus der Bevölkerung mehren sich. LIPPERT hat entsprechende Aufrufe getätigt. Folge: Die Journalisten beider Blätter, aber erst recht die neu eingesetzten Anti-Korruptions-Beamten in den Behörden kommen nicht mehr hinterher. Bald muss der Justizminister einschreiten, der noch im Mai eine Gesetzesänderung verkündet: Nach § 164 des Reichsstrafgesetzbuches wird derjenige bestraft, der falsche Anschuldigungen über einen anderen bei den Behörden erhebt. Eine Vorschrift, die heute noch im aktuellen Strafgesetzbuch steht ("Falsche Verdächtigung").

Keine "falsche Verdächtigung" ist ersteinmal das, was Richard KÖSTER, ein ehemaliger Vertrauter von Ignatz NACHER weiß. KÖSTER, vormals Finanzchef in der Engelhardt-Brauerei in Berlin, hatte sich mit dem Konzernchef überworfen und wurde als Vorstand der Engelhardt-Brauerei in Halle sozusagen strafversetzt. Halle ist zwar auch ein schönes Städtchen, aber in der Reichshauptstadt ist eben alles ein wenig bunter und aufregender. Auch für den 41jährigen KÖSTER, der sein Leben nicht in einer mittleren Großstadt abzuschließen gedenkt.

Richard KÖSTER erzählt LIPPERT, bei dem er ganz schnell einen Termin bekam, eine Geschichte, die sich im Jahre 1929 zugetragen hatte, also vier Jahre zuvor. Und die den amtierenden Generaldirektor Ignatz NACHER betrifft.


Kleine Rückblende ins Jahr 1929

Vier Jahre zuvor residierte die Konzernzentrale der Engelhardt-Brauerei nicht in der Kurfürstenstraße 131, sondern in einem schönen alten Geschäftshaus direkt am Alexanderplatz, gegenüber dem Kaufhaus Hermann Tietz, dem damaligen »Engelhardt-Haus« am »Alex«. Der Alex, wie der berühmte Platz schon damals hieß, war nach Ansicht der Stadträte viel zu klein und der Verkehr zu dicht. Berlin wollte nicht nur den Platz vergrößern, sondern gleichzeitig eine neue U-Bahnlinie bauen. Beiden Vorhaben allerdings stand das »Engelhardt«-Haus im wahrsten Sinne des Wortes im Weg: Das Haus »ragte wie eine Nase in den Platz hinein«, wie der Direktor der Berliner Verkehrsbetriebe Gesellschaft (BVG), Hermann ZANGEMEISTER, immer wieder feststellen mußte. ZANGEMEISTER gebot nicht nur über die Berliner U-Bahn, sondern war zugleich Aufsichtsratschef der »Berolina Grundstücks AG«, die sich im Besitz der Stadt Berlin befand. Einziger Zweck der Berolina: die Grundstücke am Alex aufzukaufen, ohne daß sich Immobilienspekulanten daran bereichern könnten, indem sie die Preise unnötigerweise in die Höhe trieben.

Mehrere Grundstücke und Häuser hatte man bereits gekauft, es fehlte nur noch die Alexanderstr. 46-48/Neue Königstrasse 44-45: das Engelhardt-Haus.

NACHER wollte nicht verkaufen. Zu zentral war die Location. Im Erdgeschoss befand sich der größte Engelhardt-Bierausschank in ganz Berlin. 

Die Verhandlungen liefen zäh. Als der Vorstandschef der Berolina mit Zwangsenteignung drohte, kamen die Gespräche wieder in Fluß. NACHER wollte mindestens 9 Millionen Reichsmark, der Berolina-Mann maximal 8,5 Millionen zahlen. Eine Einigung kam dann doch mit einer "9" zustande und NACHER musste dafür die Abfindungen für vorzeitige Kündigungen anderer Mieter im Engelhardt-Haus übernehmen.

Doch dann wollte der Berolina-Vorstandschef mit dem sinnigen Nachnamen GOLDE noch etwas: Es wäre besser, wenn beim Kaufpreis eine "8" an erster Stelle stünde. NACHER hatte damit keine Probleme und man einigte sich letztlich auf 8.990.000 Reichsmark. Beim zweiten Anliegen zögerte NACHER: GOLDE wollte eine Spende: 120.000 Mark "für politische Zwecke", sprich "Parteien, deren Kassen leer" wären.

NACHER, für Spenden an gemeinnützige Organisationen bekannt, gab sich erst zögerlich, willigte aber dann doch auf das Begehren ein und vergaß die ganze Geschichte (ausführlich im Zusammenhang mit dem Umbau des Alexanderplatzes beschrieben unter Der Alexanderplatz früher und heute. Und das ehemalige Engelhardt-Haus - noch nicht online!).


Termin bei Julius LIPPERT

Nicht vergessen hat diese Geschichte Richard KÖSTER, damals oberster Finanzchef bei Engelhardt. Er musste die 120.000 Mark "zu Lasten Nachers Privatkonto" abbuchen und in 1000-Mark-Scheinen auszahlen:

Jetzt sieht der Ex-Finanzchef seine Chance, sich an NACHER für erlittenes Unrecht zu rächen und zumindest auf seinen alten Platz zurückzukehren. Dr. Julius LIPPERT bekommt lange Ohren. Belege hat Köster für seine Geschichte im Augenblick nicht zur Hand; das könne er aber ändern, denn als ehemaliger Finanzchef von Engelhardt in Berlin wisse er ganz genau, wo und wie diese Unterlagen heute noch zu finden seien.

LIPPERT hat diesen indirekten Hinweis verstanden. Und auch einen weiteren Tip nimmt der Staatskommissar dankend entgegen. Er, KÖSTER, wisse auch jemanden, der ebenfalls reichlich Groll auf den jüdischen Konzernchef hege: eine Dame in Breslau, Ex-Inhaberin eines Engelhardt-Ausschankes und von Schulden gedrückt, gerade geschieden und daher nicht nur mit ihrem Ex-Mann, sondern überhaupt mit Gott und der Welt auf Kriegsfuß stehend.


Breslau, 3. Mai 1933

Zwei Tage nach dem "Tag der Arbeit", den die Nationalsozialisten gerade zum arbeitsfreien Feiertag erklärt haben, und an dem viele Deutsche gleich scharenweise in die NSDAP eingetreten sind, erscheint auf dem Polizeipräsidium in Breslau eine Dame, die sich als Maria SAGASSER vorstellt. Sie möchte eine Anzeige zu Protokoll geben. Die Beamten notieren dies:

"Ich unterbreite hiermit folgenden Sachverhalt zur Weiterverfolgung:

Mir ist bekannt, dass die Direktion der Engelhardt-Brauerei in Berlin, insbesondere des jetzt nach Pressemitteilungen in der Schweiz lebenden Generaldirektors Ignatz Nacher, Schmiergelder an die Stadtgemeinde Berlin dafür gezahlt hat, dass das Direktionsgebäude der Engelhardt-Brauerei am Alexanderplatz/Ecke Königstrasse zu einem möglichst hohen Betrag von der Stadt Berlin erworben wurde. Der Kaufpreis betrug 10 Millionen Mark."

Die Anzeige wird am 6. Mai an das Polizeipräsidium Berlin geschickt. Das zuständige Dezernat "Abt. K VI, 1" schickt den Vorgang weiter an die Generalstaatsanwaltschaft beim Landgericht Turmstrasse in Berlin-Moabit.


danach

Am 10. Mai 1933 treffen sich Parteigenossen, junge und ältere Menschen, darunter auch Studenten sowie Schaulustige und andere, um sich einem größeren Spektakel hinzugeben: Im "Land der Dichter und Denker" werden auf dem Opernplatz in Berlin Bücher verbrannt. Etwa 20.000 hat man gesammelt und übergibt die "Schundbücher" nun den Flammen. GOEEBELS ist ganz aufgeregt, hält eine flammende Ansprache.

In den Flammen gehen auf Werke von Heinrich HEINE, Erich KÄSTNER, Heinrich MANN und Thomas MANN, Erich Maria REMARQUE, Kurt TUCHOLSKY, Carl von OSSIETZKY und viele andere:

Foto: Bundesarchiv Bild 102-14597

Inzwischen hat der neue "Leiter des Korruptionsdezernats" im Justiziministerium dem "Angriff" ein Interview gegeben, das am 13. Mai erscheint. Ministerialdirektor Dr. Roland FREISLER: Wir werden "das legalisierte Raubrittertum und moderne Freibeutertum, das man allenthalben fast unter ausdrücklichem Schutz der Gesetze beobachten kann, ausrotten".

Wenige Tage später, am 19. Mai, berichtet der "Angriff" von einem Gerichtsurteil gegen einen "Schädling der Wirtschaft", einen jüdischen Bankier, der wegen "fortgesetzter Bilanzverschleierung und fortgesetzter Untreue" zu 4 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.


Termin bei Julius LIPPERT

LIPPERT hat erneut Besuch. Diesesmal kein Überraschungsbesuch.

Vor ihm sitzt Ignatz NACHER.

Der Staatskommissar erzählt ihm genüßlich eine Geschichte. Eine Geschichte aus dem Jahre 1929. Von wem er diese Informationen hat, sagt LIPPERT nicht. Dafür erinnert er Ignatz NACHER an jemand anderen: "Denken Sie an Holzer! Der sitzt immer noch!"

Wen LIPPERT meint, ist NACHER bekannt: Marcus HOLZER, den Generaldirektor des Speditionsunternehmens Schenker & Co. Seine Firma hatte einen Vertrag mit der Hafengesellschaft BEHALA, an der HOLZER - neben der Stadt Berlin - ebenfalls beteiligt ist. Bei der BEHALA hat LIPPERT bereits "aufgeräumt" - unter anderem mit Hilfe seines Obermagistratsbeamten Ludwig STEEG der für "Verkehr" zuständig und gleichzeitig als LIPPERT's Stellvertreter fungiert.

Gegen Marcus HOLZER hat sogar die Staatsanwaltschaft gründlich ermittelt. Herausgekommen ist dabei nichts, und für eine Anklage vor Gericht hat es nicht gereicht. Jetzt sitzt HOLZER im KZ in Oranienburg. Ignatz NACHER hat schlechte Karten: LIPPERT will Entschädigung für den (angeblich) überhöhten Kaufpreis.

Konkret:

  • NACHER soll 2,5 Millionen Stammaktien seiner Engelhardt-Brauerei AG auf ein Sperrkonto mit der Bezeichnung "Julius Lippert" bei der Preussischen Staatsbank übereignen.
  • Und: NACHER muss sich schriftlich verpflichten, die Engelhardt-Brauerei an eine "wirtschaftlich einwandfrei arische Übernehmergruppe" zu veräußern

LIPPERT informiert noch am selben Tag die restlichen Vorstände von Engelhardt. Denn die Aktien, die NACHER übereignen soll, sind im Besitz einer seiner Holdingunternehmen, der "Borussia AG für Brauereibeteiligungen." Die Mehrheit dieser AG hält mit 51% Ignatz NACHER, 49% gehören der Engelhardt-Brauerei. Somit betrifft diese Entschädigungszahlung beide. Aber im Besonderen natürlich NACHER, weil er auch mit seinen sonstigen Aktienanteilen insgesamt die Mehrheit an der Engelhardt AG besitzt. Noch. Denn jetzt schwindet seine Majorität dahin.


danach im Mai 1933

Anklicken öffnet das "Abkommen"

Das schriftliche Abkommen zwischen LIPPERT und NACHER bzw. seiner Holding Borussia datiert vom 19. Mai, einem Freitag. Eine zusammengewürfelte Runde aus der Engelhardt-Zentrale, erweitert um einige Aufsichtsratsmitglieder, die auf die Schnelle verfügbar waren, sowie Richard KÖSTER, erklären sich noch am selben Tag bei LIPPERT damit einverstanden. Die Runde beschließt, den Forderungen nachzugeben, um den anhaltenden Boykott beenden zu können. Der macht sich inzwischen als Umsatzrückgang bemerkbar, was auf mittlere Sicht wiederum viele Gastwirte in Bedrängnis bringen würden, die gegenüber der Brauerei verschuldet sind. Auch Engelhardt finanziert - wie das in der Branche üblich ist - Gaststätten, wenn sie Engelhardt-Bier ausschenken, die gesamte Ausstattung auf Kreditbasis.

Und nur einen Tag später, Pfingstsamstag meldet der "Angriff": "Die Alexanderplatz-Grundstücksgeschäfte. Staatskommissar Dr. Lippert rettet für Berlin 3 Millionen Mark". Tenor: Die Stadt komme in den Besitz werthaltiger Aktien, die etwa 3 Millionen wert seien, die die Stadt beleihen könne, um mit diesem Geld Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu finanzieren. Die Abmachung sei für die Stadt "vollkommen ohne Risiko". Denn es habe keinerlei Gegenleistung seitens der Stadt gegeben.

Und noch am selben Tag unmittelbar vor Pfingsten gibt es ein Stühlerücken in der Brauereizentrale: Richard KÖSTER wird (wieder) zum Vorstandsmitglied ernannt. Wenige Tage später steigt Prokurist Lothar SCHÜTT zum stellvertretenden Vorstandsmitglied auf.

NACHER kehrt nicht mehr an seinen vertrauten Schreibtisch zurück. Er ist entmachtet. Die Stimmung in seinem Unternehmen hat sich um 180 Grad gedreht.


Anfang Juni 1933

Doch LIPPERT ist noch nicht am Ziel. NACHER hat er ersteinmal ausgeschaltet. Aber NACHER verfügt noch immer über die restlichen Aktienanteile, die er an eine "wirtschaftlich einwandfrei arische Übernehmergruppe" abtreten muss. Aber soweit ist es noch nicht. Und im Aufsichtsrat sitzen immer noch jüdische Vertreter.

Deshalb meldet sich LIPPERT beim Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Joseph KOETH, der diesen Job schon lange innehat. KOETH hatte vor zehn Jahren insgesamt sieben Wochen lang in der 10. Weimarer Regierung als Wirtschaftsminister gedient. Mit NACHER verband ihn ein langjähriges inniges und freundschaftliches Verhältnis. Stets konnten sich beide auf gegenseitige Unterstützung verlassen, auch wenn es hier und da mal fachliche Differenzen gab. Das gemeinsame Ziel des unternehmerischen Erfolgs war stärker.

Aber jetzt sieht KOETH, dass sich die Zeiten geändert haben. Wer weiter kommen will, muss sich anpassen. Zwar könne er nicht mit allem einverstanden sein, was an Veränderungen und Entlassungen die letzten Wochen geschehen sei. Aber "er selbst und der Vorstand haben sich von dem Gedanken leiten lassen, das Geschäft in Gang zu halten." So sein Statement vor der Finanzkommission der Engelhardt-Brauerei vor wenigen Tagen.

LIPPERT's Begehren: Er "halte es für notwendig, in Ihrem Aufsichtsrat vertreten zu sein, und zwar nicht nur im Interesse der Stadt, sondern gleichzeitig im Interesse der in der Wirtschaft durchzuführenden Gleichschaltung."

KOETH gibt sich überrascht. Das war nicht Teil der Abmachungen mit LIPPERT. Und KOETH realisiert, dass LIPPERT mehr möchte als nur Zugeständnisse. LIPPERT will die Gleichschaltung. Und das hätte auch Folgen für ihn: als ehemaligen Minister aus der Zeit der (Weimarer) Republik.


8. Juni 1933

Jetzt steht mehr auf dem Spiel. Es müssen grundsätzliche Entscheidungen fallen.

KOETH ruft das wichtigste Leitungsgremium zusammen: nicht den Aufsichtsrat, sondern das Finanzkommittee des Aufsichtsrats. KOETH lädt daher LIPPERT's angekündigten Stellvertreter, den Obermagistratsbeamten STEEG, nicht ein. Auch nicht als "Gast". Aber NACHER ist anwesend.

KOETH schlägt zwei Dinge vor:

  • Zum einen solle man LIPPERT gegenüber weiteren Forderungen, die über die vertraglichen Abmachungen hinausgehen, nicht nachgeben.
  • Und zweitens solle man von NACHER Schadensersatz verlangen.

Weil die 2,5 Millionenen Nennwert-Aktienanteile an der Engelhardt AG, die NACHER an LIPPERT übergeben soll, von der Holding "Borussia" gehalten werden, an der NACHER mit 51% und die Engelhardt selbst mit 49% beteiligt ist, hat auch sie, die Engelhardt AG, einen Schaden: nämlich 49% von 2,5 Millionen, sprich 1,225 Millionen Mark (Nennwert) verloren - NACHER soll das Geld ersetzen.

NACHER wehrt sich. Denn im Falle der Liquidation der Holding würden ihm - anteilig - 51% der Aktien, die er dann garnicht mehr haben wird, vom Finanzamt als Vermögenswert zugerechnet. Und darauf müsste er dann rund 1 Million Steuern nachzahlen. Und man könne wohl "nicht verlangen, dass er sich gewissermaßen selbst den Strick um den Hals lege."

KOETH, ehemals NACHER's Unterstützer, gibt sich unnachgiebig. Wenn sich NACHER weigere, der Engelhardt den Schaden zu ersetzen, würde er, KOETH, von seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender zurücktreten und auch aus dem Gremium ganz ausscheiden.

Entscheidungen kommen an diesem Tag im Gebäude der Engelhardt-Verwaltung nicht zustande.


danach

Vorlage für Hermann GÖRING: Vertragstext LIPPERT-NACHER

Derweil ermitteln fünf Instanzen unter fünf verschiedenen Aktenzeichen gegen Ignatz NACHER.

»11 KM 2/33« lautet die Akte bei der Staatsanwaltschaft. Unter "0 1729/971 (870/33 B)" interessiert sich jetzt die Zollfahndung für den Ex-Konzernchef. Die Gestapo, die offiziell seit 26. April 1933 existiert, führt ihre Akte unter dem bisherigen Zeichen »Stapo D 2 Engelhardt-Brauerei« weiter; »Tgb.Nr. 2488« ist die Registrierung der »Sonderabteilung Daluege«, die das schriftliche »Abkommen« Lippert-Nacher »dem Herrn Ministerpräsidenten durch Herrn Staatssekretär« ergebenst vorlegt»  mit der Bitte um Kenntnisnahme« (siehe Faksimile), und »K.J.VI 1« als Stellenzeichen notieren sich die Kripobeamten, die am 19. Juni mit ihren Verhören beginnen - just an dem Tag, an dem die »Sonderabteilung Daluege« das schriftliche Abkommen zwischen LIPPERT und NACHER Ministerpräsident GÖRING vorlegt.

Die befragten Mitarbeiter von Engelhardt können nicht viel beisteuern; von einer »Bestechung« wissen sie nichts.

Als am Nachmittag Ignatz NACHER "zur Vernehmung herbeigeholt wird", kann er den Beamten nur die Geschichte erzählen, wie sie sich seinerzeit zugetragen hatte. Und zum Punkt »120000 Mark« an den Berolina-Chef GOLDE gibt NACHER dies zu Protokoll:

"Ich lehnte dies zunächst ab, weil ich mit politischen Dingen nichts zu tun haben wollte, erklärte mich aber bereit, diese Summe für humanitäre Zwecke zu geben. Da GOLDE aber darauf beharrte und sagte, es handele sich um verschiedene Parteien, deren Kasse leer seien, ging ich schließlich darauf ein. Auf meine Frage, um welche Parteien es sich denn eigentlich handele, sagte GOLDE: 'um fast alle'."

Und weiter: "Aus der Kenntnis heraus, daß GOLDE Reserveoffizier bei den Hirschberger Jägern war, war ich davon überzeugt, daß es sich um bürgerliche Parteien handelte. Ich habe die 120000 dem GOLDE aus meiner eigenen Tasche gegeben; die Engelhardt-Brauerei oder die Hotelgesellschaft Alexanderplatz sind damit nicht belastet worden. Zur Glaubhaftmachung dieser Aussage führe ich an, daß ich auch für verschiedene humanitäre Zwecke in den letzten Jahren ca. 700.000 Mark gestiftet habe, weil ich vermögend und kinderlos bin. Beispiele: für einen 'Ignatz-Nacher-Fonds zur Unterstützung von Witwen und Waisen der Engelhardt-Brauerei' 150.000,-, zur Errichtung des 'Ignatz- und Olga-Nacher-Altenheimes' in Gleiwitz ca. 300.000-, für arme  Studenten des Ledigenheimes in Charlottenburg 50.000-, für wissenschaftliche Zwecke bei der Versuchs- und Lehrbrauerei 50.000,-, zur Begründung einer 'Ignatz-Nacher-Stiftung' bei der Hofbräu AG in Bamberg 25.000 Mark."

Um das Gerücht zu widerlegen, er wolle sich ins Ausland absetzen, überreicht Ignatz NACHER seinen Paß, den er inzwischen wiedererhalten hatte, freiwillig "zu den Akten".

Die Kripobeamten sind ratlos: von Bestechung oder "Schmiergeldern" keine Spur. Der zuständige Kriminalkommissar im Polizeipräsidium schreibt an LIPPERT und bittet ihn um einen Gesprächstermin - um ihm Mitteilung von den ergebnislosen Verhören zu machen.

Auch Ludwig STEEG, LIPPERT' Stellvertreter, macht einen Termin: Er möchte sich unbedingt von der Staatsanwaltschaft am Landgericht Moabit vernehmen lassen. Dort gibt es einen aufstrebenden Gerichtsassessor, der Karriere machen will: Ullrich KANTHACK.


Juli 1933

Nicht nur der Druck von LIPPERT auf die immer noch jüdische Brauerei nimmt zu. Auch der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates bei Engelhardt beginnt zu maulen: Immer noch gäbe es jüdische Angestellte und immer noch wäre der Boykott zu spüren. Aus "Kreisen der Kundschaft" sei zu hören, dass erst dann wieder Engelhardt-Bier geordert würde, wenn "die Verhältnisse bei der Engelhardt-Brauerei ... im Sinne der Bewegung lägen".

NACHER weiß inzwischen, dass gegen ihn ermittelt wird. Er nimmt sich einen Anwalt: Dr. Albrecht ASCHOFF. ASCHOFF ist seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP und mit LIPPERT persönlich bekannt. NACHER setzt darauf, dass er bei ihm gut aufgehoben ist.

Weil ein Rechtsgutachten zu der Frage, ob man NACHER wegen der Übergabe von 2,5 Millionen Aktienanteile an LIPPERT durch die gemeinsame Holding von NACHER und der Engelhardt AG schadensersatzpflichtig machen kann, positiv für NACHER ausfällt, legt Aufsichtsratsvorsitzender KOETH, der nun endgültig die Seiten gewechselt hat, dieses Amt nieder - der Aufsichtsrat hatte dieses Gutachten selbst vor kurzem erst in Auftrag gegeben. Um den Druck zu erhöhen, schließen sich weitere Aufsichtsratsmitglieder an und verlassen das Gremium.

Nun ergreift jemand anderes die Initiative, um das Machtvakuum zu füllen: die Dresdner Bank. Sie kann als Hausbank von Engelhardt immer ein Wörtchen mitreden. Außerdem: Auch in der Bank hat der neue Zeitgeist längst Einzug gehalten. Und viele Positionen sind inzwischen mit Männern der neuen Bewegung besetzt. Sie haben beste Verbindungen zur regierenden Partei und zu wichtigen Vertretern des neuen Staatsapparats.

Am 1. August 1933 wird NACHER ganz offiziell als Generaldirektor des Vorstands ausgebootet. Der ebenfalls vor kurzem installierte "Arbeitsausschuss", in dem auch hier Männer der neuen Bewegung sitzen, hat es so beschlossen. Die letzten beiden Juden, die in der Verwaltung arbeiten, werden ebenfalls zum Teufel gejagt. Die Engelhardt-Verwaltung ist ab sofort "arisch".

Nur das Kapital noch nicht.


4. August 1933

Der fleißige und vielbeschäftigte Gerichtsassessor bei der Staatsanwaltschaft Ulrich KANTHACK findet jetzt Zeit, den eigentlichen Hauptbeschuldigten zu verhören: den Ex-Berolina-Chef Walter GOLDE. GOLDE bestätigt den Ablauf der Geschichte, so wie ihn der eifrige Justizdiener längst von den Kripobeamten aus dem Polizeipräsidium kennt.

Den Namen des Spendenempfängers, an den er die von NACHER erhaltenen 120.000 Mark weitergeleitet hatte, möchte GOLDE jedoch nicht preisgeben. Dies habe er ihm versprechen müssen und zweitens sei der Mann inzwischen tot. Über Tote spricht man nicht. Er könne nur sagen, daß die betreffende »Persönlichkeit ... ein scharfer Antisemit« gewesen wäre. Und damit die Staatsanwaltschaft nicht denke, es wäre mit krummen Dingen zugegangen: Er habe den Betrag auch längst bei seinem Finanzamt nachversteuert.

KANTHACK ermittelt weiter. Das Aktenzeichen ist immer noch das gleiche und auf dem Außenumschlag steht: "Strafsache gegen Nacher und Genossen wegen Betruges."

Rechtlich sei es so, begründen NACHER's Anwälte Hans ROTH und Albrecht ASCHOFF (beides Arier selbstverständlich, denn jüdischen Anwälten ist der Zutritt zu deutschen Gerichten längst verwehrt) in ihren Schutzschriften, daß NACHER als Hauptbeschuldigter ohnehin nicht in Frage kommen könne. Allenfalls könnte man über den Tatbestand der »Beihilfe zur Untreue« nach § 12 des Handelsgesetzbuches nachdenken. Die »Beihilfe« zur Untreue setze aber erst einmal die »Untreue« voraus, und die wiederum könne sich nur an einer »Vermögensbenachteiligung« bei einer der Firmen festmachen. Habe eine der Firmen einen solchen Schaden erlitten?

NACHER habe das Geld »zulasten seines laufenden Kontos« aus eigener Tasche bezahlt. Selbst wenn sein eigenes Unternehmen das Geld herausgegeben hätte, so könne der maßgeblicher Besitzer einer Firma bezahlen oder spendieren, was und an wen er wolle.

Und was die Berolina anbeträfe: War denn GOLDE, der das Geld »für politische Zwecke« wollte, verpflichtet, dies an die Berolina AG abzuführen, die ja sonst gar keine solche »Vermögensbenachteiligung« reklamieren könne? Die Berolina habe weder Strafantrag gestellt noch ihr entgangene Gelder reklamiert!

Justizdiener KANTHACK läßt sich nicht beirren. Und ermittelt weiter: »Wegen Betruges.« »Gegen Nacher und Genossen.«


danach

Bisher hat die Dresdner Bank nur als Kreditgeber an der Engelhardt-Brauerei verdient. Jetzt eröffnen sich neue Möglichkeiten, weil LIPPERT mit der Übertragung von 2,5 Millionen Aktienanteilen auf sein Sperrkonto außer den Dividenden nicht viel anderes anfangen kann. LIPPERT will Geld sehen, um dies politisch einsetzen zu können.

So treffen sich Vertreter der Dresdner Bank mit dem Staatskommissar und handeln neue Arrangements aus:

Die Bank entsendet eigene Leute in den Aufsichtsrat, akzeptiert LIPPERT's Stellvertreter STEEG in diesem Gremium, wird die Entjudung auch der Tochterbrauereien in den Provinzen energisch vorantreiben und sagt dem Staatskommissar eine (Lombard)Kredit in Höhe des Wertes der 2,5 Millionen Engelhardt-Aktien zu.

Im Gegenzug akzeptiert LIPPERT, dass der zurückgetretene KOETH wieder als Aufsichtsratsvorsitzender agieren kann, obwohl er als Vertreter des 'alten Systems' betrachtet wird.

Ebenfalls besteht Einigung darüber, dass NACHER's an Kindes statt 'adoptierter' Sohn unf engster Vertrauter im Engelhardt-Vorstand, Dr. Hermann EISNER und gleichzeitig NACHER's 'Schwiegersohn', der mit Camilla SPIRA verheiratet ist, von der Bildfläche verschwinden muss. EISNER wird vorerst "beurlaubt".

Ignatz NACHER's Generaldirektorenstuhl nimmt nun ein anderer ein: Richard KÖSTER. Er hängt sich, kaum dass er das Direktorenzimmer bezogen hat, ein Bild vom "Führer" auf.


Oktober und November 1933

Derweil hat der emsige Gerichtsassessor KANTHACK seine Klageschrift in Sachen "Nacher und Genossen wegen Betruges" fertig gestellt. Er baut die Klageschrift auf 2 Vorwürfen auf:

  • Der Verkaufspreis für das Alexanderhaus der Engelhardt-Brauerei sei überhöht gewesen.
  • Und nur wegen Bestechung zustande gekommen.

NACHER erfährt davon über seinen Anwalt ASCHOFF. NACHER erleidet einen Nervenzusammenbruch. Seine Ärzte raten ihm zu einem Sanatorium in Bayern.

Währenddessen bittet KANTHACK die zuständige Strafkammer um Haftbefehle. Für GOLDE sagt die Kammer ja, und GOLDE wird noch am selben Tag festgesetzt. Einen Haftbefehl gegen NACHER lehnt die Kammer ab: zu wenig Substanz. Assessor KANTHACK geht eine Etage höher: zum Generalstaatsanwalt. Der gibt den Richtern einen Wink und nun beschließen sie doch: "Nacher ist zur Untersuchungshaft zu bringen."

KANTHACK zögert nicht, setzt am Freitag, den 17. November um 16 Uhr ein Telegramm an die Polizeiverwaltung in Garmisch-Patenkirchen ab: "Generaldirekror Ignatz Nacher, z.Zt. Sanatorium Wiggen, ist sofort in Haft zu nehmen."

Gegen 18 Uhr wird NACHER verhaftet und um 19:15 in das Gefängnis des Amtsgerichts von Garmisch-Patenkirchen eingeliefert. NACHER ist nun völlig am Ende - Herz und Kreislauf spielen verrückt.

Tags drauf muss er gegen 12 Uhr ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der diensthabende Arzt stellt ein Attest aus: "Hochgradiger Erregungszustand. ... Zittern am ganzen Körper, Patient war nicht im Stande vor Aufregung zusammenhängend zu sprechen." Und: Reisefähigkeit vor nächsten Mittwoch unmöglich.

Der Mittwoch kommt und NACHER wird in Begleitung zweier Polizeibeamter im Nachtzug nach Berlin transportiert.

Um12:30 steht NACHER im Saal 403 des Landgerichts Moabit zwecks "Haftprüfung".

"Der Haftbefehl wird aufgehoben, da der Angeschuldigte haftunfähig ist«, verkündet der Haftrichter. NACHER begibt sich sofort wieder in ein Krankenhaus.


danach

Assessor KANTHACK lässt sich ein Taxi kommen. KANTHACK lässt sich zum Reichsjustizministerium fahren - er ist dort zum "Vortrag" einbestellt. Der interessierte Zuhörer: Dr. Roland FREISLER, Leiter des Korruptionsdezernat.

Julius LIPPERT dauert das alles viel zu lange. Bereits in einem Brief vom 16. November 1933 an die neue Engelhardt-Geschäftsleitung hatte er sich beschwert, daß die »Gleichschaltung« bei »Groterjan & Co AG« noch immer nicht erfolgt sei. Groterjan ärgert Pg. LIPPERT um so mehr, als viele stillende Mütter sich sehr gern am  schmackhaften und alkoholfreien Malzbier von Groterjan gütlich tun. Jüdisches Malzbier in der Kehle einer deutschen und arischen Frau? Dieser Gedanke läßt LIPPERT keine Ruhe.

Engelhardt gibt sich schuldbewußt und beordert den inzwischen vom Mitglied des »Arbeitsausschusses« zum Mitglied des Aufsichtsrates avancierten »Industrieberater der Dresdner Bank«, Dr. Hilar GIEBEL, ein neuer Mann des neuen Zeitgeistes in der Bank, jetzt auch noch in den Vorstand des Engelhardt-Konzerns.

Aktienrechtlich ist das eigentlich nicht möglich: ein Aufsichtsrat, der sich gleichzeitig in seiner Tätigkeit als zu kontrollierender geschäftsführender Vorstand selbst kontrolliert. Die Dresdner Bank stört das nicht. Sie trägt sich vielmehr in der Hoffnung, nun endlich zum Zuge zu kommen. NACHER hatte es - nach seinem »Gespräch« bei der Stapo und nach dem »Abkommen« mit Dr. Julius LIPPERT - bisher stets abgelehnt, seine restlichen Aktien an die Großbank zu verkaufen. Aber jetzt hat die Bank ihren Mann direkt im Vorstand.


2. Januar 1934: Prozesstermin

Die Hauptverhandlung vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Moabit steht für NACHER unter einem günstigen Stern. Ein gerichtlich bestellter Gutachter hat die Kaufpreise am Alexanderplatz durch die Stadt bzw. ihrer Tochtergesellschaft Berolina aus den Jahren 1928 und 1929 miteinander verglichen. Der Kaufpreis für das Alexanderhaus der Engelhardt-Brauerei war nicht überhöht. Er lag im Rahmen des Üblichen. Gleiches sagt auch der Chef der Berliner Verkehrsbetriebe ZANGEMEISTER aus: Der Preis sei sogar "ausgeprochen günstig für die Stadt Berlin" gewesen.

NACHER schöpft wieder Hoffnung. Aber die Staatsanwaltschaft, insbesondere Gerichtsassessor KANTHACK,  gibt sich nicht zufrieden. KANTHACK will ja Karriere machen, hat bei Roland FREISLER vorgetragen, und nun das. KANTHACK bringt die Staatsanwaltschaft dazu, die Vertagung des Verfahrens zu beantragen - man müsse weiter ermitteln.


Die Wochen vor der HV der Engelhardt AG

NACHER kann zwar etwas aufatmen, aber jetzt steht Ende Februar die Generalversammlung an. Wer wird die meisten Stimmen auf sich ziehen können? Wie reagieren die kleinen Aktionäre, wenn - wie von der Dresdner Bank inzwischen als Antrag eingebracht - zum ersten Mal die Dividende ausfallen soll?

Zwar ist NACHER nicht mehr Mehrheitsaktionär, weil inzwischen die Dresdner Bank die 2,5 Millionen Aktien als Sicherheit für den Kredit an Staatskommissar LIPPERT im Depot hat, aber er verfügt über seine Borussia-Holding immer noch über ein größeres Aktienpaket mit den entsprechenden Stimmen.

NACHER spricht viele seiner Aktionäre an, die er persönlich kennt.

NACHER mache "seine Streitkräfte mobil", warnt KOETH den Aufsichtsrat. Kontaktaufnahmen seitens NACHER zwecks Gesprächen mit den Dresdner Bank-Vertretern, Alfred HÖLLING und Dr. Hilarius GIEBEL, den "Industrievertreter der Dresdner Bank", scheitern. GIEBEL ist sich sicher, dass NACHER auf der Aktionärsversammlung mit seinen Anträgen unterliegen wird.

Und die Presse für NACHER ist schlecht. Die Journalisten sinnieren über die von der neuen Engelhardt-Verwaltung beabsichtigte Regressklage. Das wiederum trübt die Stimmung an der Börse. Der Aktienkurs gbt nach. Sehr zum Missfallen vieler Aktionäre.

Deutsche Allgemeine Zeitung vom 6. Februar 1934

28. Februar 1934: Hauptversammlung der Engelhardt AG

Die neue Geschäftsleitung hat sich einiges einfallen lassen.

"Ordner" sollen einen geordneten Ablauf garantieren. So stehen links und rechts an den Gängen des Vestibüls SA-Männer in braunen Hemden. Engelhardt hat Freibier verteilt. Vor der Versammlung.

Die Stimmung ist aufgeheizt.

Ein mit NACHER befreundeter Rechtsanwalt kritisiert die Dividendenpolitik der neuen Geschäftsleitung. Und insbesondere die hohe Abschreibung der sogenannten Wirte-Darlehen. Hintergrund: Auch Engelhardt finanziert, im Wettbewerb mit anderen Biermarken, die Neueröffnung und Inneneinrichtung von Kneipen und Restaurants durch großzügige Darlehen an die selbständigen Wirte, die im Lauf der Zeit ihre Schulden zurückbezahlen. Allerdings nicht immer und/oder nicht in voller Höhe. Geht einer pleite, schreibt die Brauerei die ausstehenden Forderungen ab. Das schmälert natürlich den Gewinn. Andererseits darf man auch dann solche Darlehen abschreiben, wenn man einfach annimmt, das Darlehen würde nicht zurückbezahlt.

Von dieser kulanten Bilanzierungsregel hat nun die neue Engelhardt-Geschäftsleitung großzügig Gebrauch gemacht, um mit einem niedrigeren Gewinnausweis die bisher stets gewährten Dividendenzahlungen diesmal ausfallen lassen zu können.

Die Abstimmung über diesen Tagesordnungspunkt geht negativ für NACHER aus. NACHER ist nicht mehr Mehrheitsaktionär.

Jetzt ergreift "Reichsminister a. D." Dr. Joseph KOETH, der alte und wieder neue Aufsichtsratsvorsitzende, als Versammlungsleiter, das Wort:

Früher habe er NACHER immer unterstützt, aber jetzt sei ihm "die Gefährlichkeit dieses Mannes" klar geworden. "Kein Mensch streite dem früheren Generaldirektor großen Fleiß und ausgeprägten Geschäftssinn ab, aber er dürfe die Aufbauarbeit nicht behindern",  betont  der  Versammlungsleiter. "Unser Führer habe sich für den Aufbau vier Jahre ausbedungen. Aufbau bedeutet aber keinen sofortigen Aufstieg. Die Zeit ist abgeschlossen, in der geschickte Männer Zeiten der Scheinblüte geschäftig ausnutzen konnten!"

Entweder sei man heute für oder gegen die neue Direktion! Ihn selbst habe es dauernd "angewidert, welche Schleichwege begangen worden sind". Grund all dieses Übels, von dem man jetzt Schadensersatz verlange: Ignatz NACHER, "der es vor allem immer versteht, andere ins Unrecht zu setzen und sich selbst im Hintergrund zu halten!"

Die Versammlung der Aktionäre, unter denen auch mehrere Braunhemden mit Aktien-Zertifikaten lauthals winken, während die auf beiden Seiten des Saales aufmarschierten SA-Männer ihrer Belustigung durch reichliche Zwischenrufe Ausdruck verleihen, geht einfach zum nächsten Tagesordnungspunkt über: "Beschlußfassung über die Erteilung der Entlastung an die Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrats".

Die neu installierten Vorständler und Aufsichtsräte werden mehrheitlich entlastet. Die Entlastung des früheren Generaldirektors und Konzerngründers geht mit 44456 zu 57245 Stimmen ebenfalls zuungunsten von Ignatz NACHER aus.

Jetzt ergreift Wirtschaftsprüfer Dr. Waldemar KOCH, der ebenfalls anwesend ist, für seinen Freund das Wort. Als KOCH vom "sterbenden Löwen" spricht, bricht das totale Chaos aus: Unter lautem Gejohle und Krakele der Braunhemden und SA-Männer wird Waldemar KOCH vor aller Öffentlichkeit verprügelt. Versammlungsleiter KOETH kann gerade noch verhindern, daß KOCH aus dem Fenster geworfen wird.

Ein Höhepunkt im deutschen Aktienwesen.


danach

Die Verhandlungsposition von Ignatz NACHER ist damit empfindlich geschwächt. Auch im Kontext seiner Verhandlungen mit der neuen Geschäftsleitung über seinen Pensionsanspruch. Engelhardt kündigt das vor einem Jahr geschlossene Pensionsabkommen fristlos. NACHER versucht es über einen Vergleich mit dem neuen Großaktionär. Die Dresdner Bank in Gestalt ihres neuen "Industrieberaters" Hilarius GIEBEL lässt ihn zappeln.

Wenigstens vor der Zivilkammer des Landgerichts obsiegt Ignatz NACHER. Und so scheint sein Pensionsanspruch gesichert. Scheint ...


19. März 1934: Groterjan-Brauerei

In der Berliner Prinzenallee 77-80 findet um 12 Uhr eine Aufsichtsratsitzung der Groterjan & Co AG statt. Der neue Chef dieses Aufsichtsrates, der "Industrieberater der Dresdner Bank", Dr. Hilar GIEBEL, feuert den jüdischen Direktor JACOBSSOHN: "Herr Jacobssohn sei ein naher Verwandter des Herrn Nacher und angesichts der allen Anwesenden bekannten schweren Auseinandersetzungen, in denen sich die Engelhardt-Brauerei mit Herrn Nacher befände, und der überaus gehässigen Kampfweise, deren Herr Nacher sich in diesem Kampfe bediene, könne es der Engelhardt-Brauerei nicht zugemutet werden, einen nahen Verwandten Nachers in leitender Stellung einer Konzerngesellschaft noch länger zu dulden", vermerkt das Protokoll. "Weitere Punkte wurden nicht besprochen. Herr Dr. Giebel schloß die Sitzung um 12.55 Uhr".


danach

Weil NACHER so schnell nicht aufgeben will, lässt er seine Holding BORUSSIA, an der er mit 51% mehrheitsbeteiligt ist, einige Beschlüsse der Generalversammlung vor Gericht anfechten. Es kommt zu einem mürben Stellungskrieg zwischen den neuen Herren in der Engelhardt-Brauerei und NACHER. Die Dresdner Bank ist verärgert. So schreibt ihr "Industrieberater" GIEBEL an KOETH:

"Ich bin der festen Überzeugung, dass, wenn wir aufgrund des nunmehr vorgefundenen Materials rücksichtslos gegen Nacher vorgehen und wenn er weiter auf eine geschlossene Front stößt, die ihm alle hinterlistigen Mannöver unmöglich macht, er schließlich doch mürbe wird und einen Vergleich schließen wird. Nur auf diesem Wege werden wir m.E. zu einer befriedigenden Gestaltung der Verhältnisse kommen."

Inzwischen hat die neue Führung der Engelhardt-Brauerei auch das letztes Jahr mit NACHER vereinbarte Pensionsabkommen gekündigt. Auch dagegen klagt NACHER vor Gericht.

Der "Industrieberater der Dresdner Bank" ist außer sich. "Ich werde Nacher 20 Prozesse anhängen und dafür sorgen, dass er das Land am Bettelstab verlässt", kommuniziert GIEBEL jetzt in alle Richtungen.


26. April 1934

Den einen Prozeß kann Nacher für sich entscheiden, der andere geht verloren - der neue Zeitgeist sickert immer tiefer auch in die Justiz ein.

Veränderungen auch bei der Geheimen Staatspolizei: am 20. April 1934, am Tag des Geburtstages des "Führers", wird Heinrich HIMMLER mit 34 Jahren »Inspekteur« und Reinhard HEYDRICH, 30 Jahre alt, neuer Gestapochef.

Sechs Tage später, Donnerstag, der 26. April 1934. Neun Uhr früh:

Im Saal 403 im Landgericht Moabit tagt die 6. Große Strafkammer "gegen Nacher und Genossen wegen Betruges". Neue Zeugen werden einvernommen und um 19.55 Uhr das Urteil verkündet:

"Das vorliegende Strafverfahren hat einen der Korruptionsfälle zum Gegenstande, die nach der nationalsozialistischen Revolution bei der Nachprüfung der Grundstücksgeschäfte der Stadt Berlin oder ihr nahestehender Gesellschaften aufgedeckt wurden", heißt es gleich zu Anfang in der Urteilsbegründung.

Urteilsspruch "Im Namen des deutschen Volkes" (Az (506) 11.K.M.2.33 (567.33):

  • Ex-Berolina-Chef Walter GOLDE wird mit Gefängnis von einem Jahr und 10000 Mark Strafe wegen "aktienrechtlicher Untreue" verurteilt
  • Ignatz NACHER zu 4 Monaten und 10000 Mark wegen "Beihilfe".

Ignatz NACHER ist fix und fertig. Für alle Fälle hat der inzwischen 65jährige sein Testament gemacht. Die anhaltende Prozeßflut Engelhardt / NACHER und neuerliche Gegenanträge NACHER / Engelhardt zermürben den Ex-Konzernherrn weiter - der passende Augenblick für die Dresdner Bank, ihren Druck auf Nacher zu verstärken.


NACHER's Vertrauter Waldemar KOCH

Der "Industrieberater der Dresdner Bank" als neue treibende Kraft in der Engelhardt-Geschäftsleitung will NACHER weiter unter Druck setzen. Insbesondere liebäugelt die Dresdner Bank mit den restlichen Aktienanteilen an der Brauerei, die sich immer noch in der Verfügungsgewalt von NACHER befinden.

Doch dazu muss der Mann weg, der von NACHER mit Generalvollmacht ausgestattet ist: Wirtschaftsprüfer Dr. Waldemar KOCH - jener, der sich in der Hauptversammlung für NACHER eingesetzt hatte.

GIEBEL fädelt eine Intrige ein und schreibt an einen ihm gut bekannten Kriminalbeamten; einen, der sch ebenfalls dem neuen Zeitgeist verschworen hat:

"Unter Bezugnahme auf die heutige Rücksprache bestätige ich folgendes: ... Nacher hat in unglaublicher Weise mit den Interessen der Gesellschaften gewirtschaftet. Es handelt sich um stinkende jüdische Interessen allerschlimmster Art, die Koch jetzt vertritt. ... Ich weiß nicht, ob es sich mit dem Ansehen der Technischen Universität vereinbart, wenn ein dort dozierender Lehrer in solcher Weise auftritt, öffentlich verprügelt wird und als Interessenvertreter einer Persönlichkeit wie die des Herrn Nacher handelt, ... über die ich Ihnen Akten beifüge. ... Ich stelle Ihnen anheim, von diesem Schreiben jeden Gebrauch zu machen.

Mit deutschem Gruß, gez. Giebel.
Delegierter Aufsichtsrat der Engelhardt-Brauerei AG u. industrieller Berater der Dresdner Bank."


Der Polizeibeamte tut, wie ihm befohlen, und schreibt seinerseits an den Rektor der Technischen Universität Berlin: KOCH solle unverzüglich entlassen werden, denn KOCH sei obendrein mit einer Jüdin verheiratet, also auch noch jüdisch versippt!


Juni 1934

Auch wenn NACHER gesundheitlich fix und fertig ist: So schnell lässt er nicht sein Lebenswerk fahren. Er weiß, dass er nach dem Abkommen mit LIPPERT von vor einem Jahr grundsätzlich ein Rückkaufsrecht besitzt, auch wenn er die Anteile dann an eine "wirtschaftlich arisch einwandfreie Übernehmergruppe" weitergeben muss. Mit einem neuen Aktionär, den er sich selbst aussuchen kann, gibt es wieder Hoffnung, die ganzen Auseinandersetzungen zu beenden.

NACHER findet einen Interessenten: ein Konsortium unter der Führung des kleinen Bankhauses Witzig & Co, das den neuen Zeitgeist schon aufgesogen hat. Vorteil: Das Konsortium arbeitet eng zusammen mit einem Rechtsanwalt aus Kassel: Oswald FREISLER. Er ist der Bruder von Roland FREISLER. Roland FREISLER wiederum ist derzeit Chef der Korruptionsabteilung im Reichsjustizministerium. Später wird er Vorsitzender des "Volksgerichtshofes" werden.

Dass NACHER eine Kleinbank ins Spiel bringen will, gefällt der Dresdner Bank ganz und gar nicht. Sie schmiedet einen anderen Plan, nimmt Kontakt mit Staatskommissar LIPPERT auf und lässt erkennen, dass sie dieses bei ihm auf einem Sperrkonto liegende und bereits mit einem Lombardkredit versehene Aktienpaket selbst übernehmen möchte. Sie hat auch etwas anzubieten, was LIPPERT gefallen muss ...


Besuch aus München

Jetzt melden sich bei Ignatz NACHER mehrere Herren aus München, die als »Eidenschink-Konsortium« vorstellig werden: Georg EIDENSCHINK und Dr. Adolf FISCHER. Mit im Gefolge ein Konsul Dr. Wilhelm SCHMIDHUBER sowie ein Grundstücksmakler namens Anton KARL. Alle Herren sind in Hitlers politischer Heimatstadt München zu Hause.

Die beiden Wortführer des »Konsortiums«, Georg EIDENSCHINK, 33 Jahre und Dr. Adolf FISCHER, 37, sind Bankiers. Privatbankiers. Seit mehreren Jahren Parteimitglieder, haben sich die früheren Börsenhändler in Erwartung der »nationalen Erhebung« und aussichtsreicher neuer Geschäftszweige bereits 1931 selbständig gemacht. Man hatte den richtigen Riecher: Geschäftsverkäufe jüdischer Besitzer versprechen eine konjunkturträchtige Branche zu werden.

»Bankhaus Georg Eidenschink« nennt sich das kleine, aber feine Bankinstitut in der Perusastraße. EIDENSCHINK ist Inhaber und Dr. Adolf FISCHER stiller Teilhaber. Die Bank ist klein. Das macht nichts. Die Bank ist auch nicht die eigentliche geschäftliche Ebene. Das »Bankhaus Georg Eidenschink« hat für die Herren "im wesentlichen die Bedeutung einer Visitenkarte in der Geschäftswelt", wird dreizehn Jahre später, 1947, wenn das "Tausendjährige Reich" zu Ende gegangen sein wird, eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft urteilen.

Soeben (im Frühjahr 1934) hat man ein Geschäft erfolgreich über die Bühne gebracht. Die Mehrheitsaktionäre der Münchner Export-Malzfabrik AG, Max Weisenfeld und sein Sohn Justus, Geschäftsfreunde von Ignatz NACHER, haben ihre Aktien »unter dem Druck der aktuellen Verhältnisse« verkaufen müssen.Der Wirtschaftsstab des Stellvertreters des Führers in München und dessen Mitarbeiter, Baron Markus Freiherr von Freyberg-Schütz, hat es so gewollt, und da seine Barschaft trotz adligen Titels und günstigen Kaufpreises nicht ausreichte, hat der Baron - alles und immer nur im Auftrag der »nationalen Bewegung« -die in Parteikreisen gut eingeführte Eidenschink-Bank um finanzielle Hilfestellung angegangen. Damit konnte das »Bankhaus Georg Eidenschink« dienen. Weniger mit Kapital als mit Beziehungen: Beziehungen zum jüdischen Bankhaus H. Aufhäuser in München, denn der stille Teilhaber, der sich mit seiner lautstarken Stimme und ob seines  Draufgängertums die eigentliche Sprecherrolle in dem Konsortium gesichert hatte, war ehemals für ein anderes jüdisches Bankgeschäft als Börsenhändler tätig und hatte für jüdische Probleme ein ausgesprochenes »Einfühlungsvermögen«.

Das jüdische Bankhaus Aufhäuser finanzierte - vermittelt durch Dr. FISCHER - dem Herrn Baron Markus Freiherr von Freyberg den Kaufpreis, auf daß dieser endlich eine verdienstvolle Einnahmequelle besitze, und zahlte an EIDENSCHINK eine adäquate Provision. Die Ex-Inhaber WEISENFELD konnten ins Ausland. So war allen gedient und der Vermögensstatus der Herren EIDENSCHINK und FISCHER hatte sich ein wenig gemehrt.


Die ersten Verhandlungen

Natürlich haben EIDENSCHINK und FISCHER über die Unbillen NACHER'sgehört, und Brauereien sind interessante Objekte. Schließlich wird Bier immer und zu allen Zeiten getrunken. Also kommt es zur Kontaktaufnahme und zu ersten »Verhandlungen« auf NACHER's Gut Sauersberg bei Bad Tölz, wo sich NACHER gerade aufhält.

Die Herren aus Hitlers politischer Heimatstadt machen Ignatz NACHER Angst. Dezente Hinweise auf ihre exzellenten Kontakte zu Adolf HITLER, Heinrich HIMMLER und Reinhard HEYDRICH, alles Parteigenossen aus München, hinterlassen bei dem 65jährigen und gesundheitlich ziemlich angeschlagenen NACHER den gewünschten Eindruck.

Verkaufen will NACHER sein Lebenswerk nicht. Aber er muß verkaufen!

Die »Verhandlungen« gestalten sich zäh. NACHER hat andere Preisvorstellungen über die Aktienanteile als die vergleichsweise jungen und gewandten Konsorten aus München, die vor allem auf eine schnelle Mark aus sind. Einen Vorvertrag bzw. eine »Kaufoption« haben sie Ignatz NACHER schon abringen können -jetzt fehlt nur noch der endgültige Vertrag.

Auch dieser Vertragstext ist schon längst und mit allem Kleingedruckten schriftlich ausgearbeitet; die Privatbankiers und Konsorten haben einen tüchtigen Rechtsanwalt zur Hand, der ihnen in derlei gechäftlichen Angelegenheiten regelmäßig zur Hand geht und dem nach ihrer Meinung noch eine große Karriere bevorsteht: den 36jährigen Rechtsanwalt Dr. Josef MÜLLER, der spätere »Ochsensepp«.

So wie Dr. Josef MÜLLER bereits vorgearbeitet hat, fehlen jetzt nur noch die Festlegung der Aktienkurse und der endgültigen Zahlungsmodalitäten in dem Vertragswerk. Und natürlich NACHER's Unterschrift.


Der Beginn des Show-down

Jetzt wird die Dresdner Bank richtig aktiv. Ihr Interesse richtet sich vor allem auf die Engelhardt-Aktien. An den vielen Beteiligungen von Engelhardt an mehreren süddeutschen Brauereien ist sie nicht interessiert. Aber sie muss verhindern, dass 'kleine Banker' aus München, die wegen ihrer politischen Verbindungen ganz offenbar die Reichskreditgesellschaft hinter sich haben, ihr die Engelhardt-Aktien vor der Nase wegschnappen.

Auch die Dresdner Bank in Berlin hat längst ihre Netzwerke in der Reichshauptstadt aufgebaut.


Montag, 27. August 1934

An diesem Tag wird NACHER von seinem Gut Sauersberg nach München ins Hotel Vierjahreszeiten gebeten. So betont höflich, wie sich die Herren bisher gaben, sind sie heute nicht; das ständige Feilschen um Kurse und Zahlungsmodalitäten zehrt an den Nerven.

Um zwölf Uhr, als die Herren Hunger bekommen, stellen sie Ignatz NACHER ein Ultimatum: wenn er nach der Mittagspause um 14 Uhr nicht endlich unterschreibe, müsse er mit »Schwierigkeiten« rechnen.

Während die Herren zu Mittag speisen, geht NACHER im Hofgarten spazieren. Er ist niedergeschlagen, gibt aber nicht auf. Die Verhandlungen platzen erneut. NACHER fährt zurück auf sein Gut Sauersberg.


Dienstag, 28. August 1934

Ausschlafen kann er nicht. Um sechs Uhr morgens steht die Polizei vor der Tür: NACHER wird verhaftet und nach München transportiert.

Bei der Gestapo München liegt eine Nachricht der Gestapo Berlin: »Stapo 7K 555/34 Seh« ist das Aktenzeichen, unter dem die Geheime Staatspolizei in Berlin die Verhaftung erbittet.

Verhört wird NACHER nicht. Statt dessen bringen ihn zwei Beamte zum Bahnhof. Als NACHER, in Begleitung zweier Herren in Zivil, gerade im Begriff ist, in den Schnellzug nach Berlin einzusteigen, kommt auf dem Bahnhof seine Privatsekretärin auf ihn zugelaufen. Die war mit der Familie nach Bad Tölz gereist, was die Polizisten, die NACHER verhafteten, nicht wußten, und möchte ihrem Chef nach Berlin hinterherfahren.

Die Gestapobeamten, ganz überrascht über ihren unerwarteten Fang, verhaften auch sie auf der Stelle und nehmen sie gleich mit.


unmittelbar danach

In Berlin am Dienstag Abend angekommen, werden beide über Nacht im Gestapo-Hauptquartier, der Prinz-Albrecht-Str. 8, inhaftiert und am nächsten Morgen in eine Gefängniszelle des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz überführt. Dort wird in der Gestapo-Leitstelle Berlin nicht nur die Akte »Stapo D2 Engelhardt-Brauerei« bearbeitet, dort sitzt inzwischen auch der Wirtschaftsprüfer und NACHER-Vertraute Dr. Waldemar KOCH hinter Gittern, der als einziger über eine Generalvollmacht von Ignatz NACHER  verfügt und als einziger Verträge und Geschäfte in NACHER's Namen abschließen könnte.

Als erstes wird noch am gleichen Tag die Privatsekretärin NACHER's verhört. Was dieser denn mit seinen verbliebenen Engelhardt-Aktien vorhabe, will der Gestapobeamte, Regierungsrat Dr. Alexander von STEINMEISTER, wissen. Die Sekretärin antwortet wahrheitsgemäß: verkaufen will NACHER eigentlich nicht.

Am Donnerstag, den 30. August, spielt sich das Gleiche nochmals ab. Der Regierungsrat versucht, die Sekretärin einzuschüchtern: "Wenn Sie nicht alles sagen, was Sie wissen, wird es Weihnachten, bis Sie wieder hier rauskommen!"


zeitgleich

Ignatz NACHER schmort inzwischen in seiner trostlosen Gefängnis­zelle. Er ist müde und abgeschlafft. Außerdem leidet er unter Diabetes. Insulin, das er braucht, bekommt er nicht.


Freitag, 31. August 1934

Am Freitag, den 31. August, erhält der Häftling NACHER Besuch: Sein Anwalt und Notar Dr. Hans ROTH sowie sein Strafvertreidiger, Dr. Albrecht ASCHOFF, stehen unter der Zellentür. NACHER seufzt erleichtert auf, wähnt er sich doch in dem Glauben, seine Entlas­sung stehe unmittelbar bevor.

"Herr Nacher, wir haben nur fünf Minuten von der Gefängnislei­tung bekommen", beginnt der mit LIPPERT persönlich bekannte ASCHOFF seine Erklärung. "Wenn Sie die vorbereitete Vollmacht nicht unterschreiben, können wir Ih­nen nicht mehr helfen!"


Die Vollmacht

Die »Vollmacht«, die Nacher unterschreiben muß, besteht aus fünf Seiten: Sie wird an Ort und Stelle notariell beurkundet; Notar und Rechtsanwalt Dr. Hans ROTH setzt noch in der Zelle seine Unterschrift und sein Notarsiegel unter die Urkunde "Nr. 278 des Notariatsregisters für 1934":

Anklicken öffent die erpresste Vollmacht

"Verhandelt zu Berlin, am 31. August 1934. Vor dem unterzeich­neten Notar im Bezirke des Kammergerichts zu Berlin, Dr. Hans Roth, erschien heute im Hause des Polizeipräsidiums in Berlin, Alexanderstraße 10, wohin sich der Notar auf Ersuchen begeben hatte", beginnt der Standardtext der Urkunde..., "der frühere Generaldirektor Ignatz Nacher. Der Erschienene erklärte: Hier­durch widerrufe ich diejenige Generalvollmacht, welche ich am 25. Oktober 1933 Herrn Privatdozenten Dr. Waldemar Koch erteilt habe. Weiterhin erteile ich Herrn Rechtsanwalt Dr. Albrecht Aschoff Vollmacht, für mich eine vergleichsweise Ausglei­chung aller Differenzen herbeizuführen, welche zwischen mir und den mir nahestehenden Gesellschaften einerseits, der Engelhardt-Brauerei AG und ihren Tochtergesellschaften andererseits bestehen."

So unerwartet die beiden Juristen aufgetaucht waren, so schnell sind sie auch wieder verschwunden.


Samstag, 1. September 1934

Kurfürstenstrasse 56 im Jahr 2019

Kurfürstenstraße 56 in Berlin-Tiergarten. Sitz der Firma »Borussia AG für Brauereibeteiligungen«, Berlin. Vor­mittags um 11.15 Uhr.

Die Borussia AG, eine der Holdingfirmen, über die Ignatz NACHER ein weiteres großes Paket Aktien an der Engelhardt hält und die ihm inzwischen vollständig gehört, hat auf Wunsch des derzeitigen "alleini­gen Aktionärs" eine "außerordentliche Generalsversammlung" einberufen. Es gibt nur einen einzigen Tagesordnungspunkt: "Neu- bzw. Zuwahl des Aufsichtsrates." Die Sitzung dauert ganze dreizehn Minuten.

Nachdem der »alleinige Aktionär« Dr. Albrecht ASCHOFF dem anwesenden Notar eine Million in Aktien auf den Tisch geblät­tert hat - als Nachweis, "daß das gesamte 1.000.000- Reichsmark betragende Kapital der Gesellschaft vertreten ist" -, wählt der derzeitige Alleinbesitzer der Borussia AG namens ASCHOFF den alten Aufsichtsratsvor­sitzenden ab und sich auch gleich selbst zum Nachfolger: Albrecht ASCHOFF.

"Weiter war nichts zu verhandeln" protokolliert der anwesende Notar.


Die kleine Bank

Der Samstag ist für ASCHOFF mit Streß verbunden, denn bereits am Nachmittag hat er einen weiteren Termin: Er trifft sich im Hotel Eden in der Budapester Straße mit einem gewissen Dr. Adolf FISCHER aus München. Der Privatbankier aus dem Hause Georg Eidenschink, der von NCHER's Frau von dessen Verhaf­tung erfahren hat und sogleich nach Berlin geflogen ist, und inzwischen von der neuen Generalvollmacht auf ASCHOFF weiß, ist wütend über die Dresdner Bank.


Die große Bank

Umgekehrt ist die Dresdner Bank völlig entrüstet, wie sich ein kleines Privatinstitut - aus München auch noch - erdreisten kann, der zweitgrößten Bank im Lande und mit Sitz in der Reichshauptstadt, einen solchen Braten vor der Nase wegzu­schnappen.

Zum Glück hat man von den Münchner Verhandlungen noch rechtzeitig erfahren. Alles andere ist dann Sache von Fritz KRANEFUß

Fritz KRANEFUß, mit 34 Jahren bereits Hauptsturmführer bei der SS, ist eine sehr nützliche und vielseitige Adresse. KRANEFUß ist Sekretär des sogenannten Kepplerkreises - benannt nach HITLER's Wirtschaftsberater Wilhelm KEPPLER, der in dieser Runde Indu­strielle und Bankiers an die Partei binden möchte. KRANEFUß hat als »Sekretär« in dieser Funktion auch unmittelbaren Zugang zu Heinrich HIMMLER, dem obersten Gestapo-Mann: KRANEFUß wiederum ist als gelernter Banker Heinrich HIMMLER's Berater in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten.

Den Kontakt zu KRANEFUß hält die große Bank direk: KRANEFUß ist der Neffe von Wilhelm KEPPLER. Und dessen Schwager wiederum sitzt direkt im Hause: Prof. Dr. Emil Heinrich MEYER, Vorstandsmitglied der Dresdner Bank und Chef der Herren Alfred HÖLLING und auch des "Industrieberaters der Dresdner Bank", Dr. Hilar GIEBEL.

Den ersten Zug hat die Dresdner Bank für sich entschieden. Jetzt kommt es darauf an, die aufmüpfigen Privatbankiers zu beruhi­gen, die eigentlich einen rechtsgültigen Vorvertrag bzw. eine Kaufoption in Händen halten, denn der Anwalt, der den Münch­ner Privatbankiers deren Verträge ausfeilt, Dr. Josef MÜLLER, ist gewieft.

ASCHOFF versucht den stillen Teilhaber und lautstarken Wortfüh­rer des »Eidenschink-Konsortiums«, Dr. Adolf FISCHER, erst einmal hinzuhalten.

"Sehr geehrter Herr Doktor", beginnt die um­schmeichelnde Anrede, mit der ASCHOFF sein Schreiben vom 4. September beginnt. "Unter Bezugnahme auf die mit Ihnen geführten Verhandlungen über den etwaigen Erwerb des im Be­sitz des Herrn Generaldirektor Nacher befindlichen Aktienpake­tes der Engelhardt-Brauerei AG beehre ich mich Ihnen folgen­des mitzuteilen: Es ist mir bisher entgegen meiner Annahme noch nicht möglich gewesen, eine Klärung darüber zu erreichen, ob und unter welchen Voraussetzungen... die Dresdner Bank bereit ist, den auch in unserer Unterredung vom Sonnabend als Voraussetzung für alles Übrige besprochenen Ausgleich mit Herrn Nacher herbeizuführen."

Er werde sich aber demnächst wieder melden, verabschiedet sich ASCHOFF schriftlich. Das Schreiben datiert von Dienstag, 4. September 1934.


Mittwoch, 5. September 1934

Die Herren ASCHOFF und Notar ROTH begeben sich zur Dresdner Bank. Dort werden wie bereits erwartet. Notar ROTH hält alles in einem Protokoll "Nr. 279 des Notariats-Registers für 1934" fest:

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"Namens meines Vollmachtgebers mache ich der Engelhardt-Brauerei im Interesse einer völligen Bereinigung der Beziehun­gen meines Vollmachtgebers folgendes Vertragsangebot":

  • Die Engelhardt-Brauerei verkauft ihre 49prozentige Beteiligung an der Nacher'schen Holding 'Gesellschaft für Brauereiinteres­sen', deren wesentlicher Besitz die an Julius LIPPERT rausgerück­ten 2,5 Millionen Engelhardt-Aktion waren, an NACHER bzw. seine Holding zurück. Im Gegenzug für diese 149.000,- betra­gende nominale Beteiligung zahlt die Holding bzw. NACHER an Engelhardt rund 1,6 Millionen Mark. "Die Interessen Engelhardt / Nacher sind damit auseinanderdividiert."
  • Die Engelhardt-Aktien, die NACHER über seine andere Holding "Borussia" hält, ist NACHER ebenfalls bereit zu verkaufen.
  • NACHER beendet auch alle gerichtlichen Prozesse gegen Engel­hardt, und Engelhardt macht das Gleiche
  • Gleichzeitig verzichtet jeder auf alle Ansprüche gegen den anderen.
  • Der Pensionsver­trag, den NACHER mit Erfolg vor Gericht einklagen konnte, er­lischt.
  • Und als Bonbon: "Mein Auftraggeber verpflichtet sich", alle Engelhardt-Aktion "an die Dresdner Bank zu verkaufen."

So endet das acht Punkte umfassende »Angebot«. Um das komplizierte Vertragswerk termingerecht und formal korrekt über die Bühne zu bringen, benötigt man einige Tage.


die nächsten 2 Wochen

Zwei Wochen sind knapp, aber sie reichen: Da die Dresdner Bank für die Engelhardt-Aktien nicht mehr als 85 Mark pro Aktie zahlen möchte, wird erst einmal der Kurs gedrückt:

Hilar GIEBEL, der "Industrieberater" der Großbank, lanciert eine passende Pressemeldung: die Brauerei gibt bekannt, daß zu den bisherigen Streitigkeiten mit dem früheren Generaldi­rektor noch weitere "nicht unerhebliche Prozeßrisiken" hinzukä­men. "Der Ausgang dieser Risiken läßt sich noch nicht überse­hen. Er kann unter Umständen die Ergebnisse der nächsten Zeit entscheidend beeinflussen."

Der Kurs der Engelhardt-Aktie pur­zelt erwartungsgemäß von 90,25 auf 86. 

Am Samstag, den 8. September, tagen die Gesellschafter der "Gesellschaft für Brauereiinteressen"-Holding: ASCHOFF für Ignatz NACHER und sein Nachfolger Richard KÖSTER für Engelhardt stellen die Weichen, fassen die formal notwendigen Beschlüsse und geben entsprechende Anweisungen an die Geschäftsführer.

Am Sonntag muß ASCHOFF Briefe schreiben: an Engelhardt, die Dresdner Bank, wo diverse Konten eröffnet werden müssen, und an NACHER's zweite Holding "Borussia".

Montags holt sich ASCHOFF die aus Banktresoren herbeigeschaff­ten Engelhardt-Aktien bei der "Borussia" ab, Dienstag bringt ASCHOFF sie zur Dresdner Bank, und am Mittwoch bestätigt die Großbank, die Aktien erhalten und die entsprechenden finanziellen Gegen­werte auf ein "gemeinsames Ander-Konto der Herren Rechts­anwälte Dr. Aschoff und Dr. Roth" überwiesen zu haben. Noch am gleichen Tag gibt Engelhardt eine Presse-Erklärung heraus, die am nächsten Tag, Mittwoch, den 12. September, in den Zeitungen zu lesen ist:

"Die Differenzen zwischen der Gesellschaft und ihrem früheren Generaldirektor Nacher sind nunmehr durch einen günstigen Vergleich beseitigt worden. ...  Der gesamte Besitz Nachers an Engelhardt-Aktien ist in andere Hände übergegangen."

Die Dresdner Bank ist am Ziel; in einem internen Sitzungsproto­koll würdigen die Dresdner Bankiers Carl GOETZ, der alleroberste Chef, sowie die restliche Führungscrew das Ergebnis ihrer Ma­chenschaften:

"Wir besitzen... die Majorität der stimmberech­tigten Aktien."


14. September 1934: Staatskommissariat

Für Staatskommissar LIPPERT schaut es an diesem Freitag vor dem Wochenende ebenfalls gut aus: die Marke "Engelhardt" ist nicht mehr jüdisch, NACHER vollkommen entmachtet und die Aktienmehrheit bei der Dresdner Bank. Jetzt will er nur noch einen für die Stadt Berlin nutzbaren Gegenwert für die Aktien, die er NACHER abgepresst hatte. Darüber verhandelt er derzeit mit der Dresdner Bank, die ja inzwischen auch über beste Beziehungen zur "SS" verfügt.

So informiert er den stellvertretenden Gauleiter von Berlin:

"Falls meine Aktien-Angelegenheit mit Nacher endgültig in Ordnung kommt, was binnen einer Woche zu erwarten sein dürfte, werde ich Ihnen eine Erklärung zuleiten, daß, soweit Interessen der Stadt Berlin oder meiner Behörde berührt werden, ich an einer weiteren Inhaftierung Nachers kein Interesse habe."


Hans RATTENHUBER

Am Freitag, den 14. September, öffnet sich erneut die Zellentür. Vor dem 65jährigen, der keine Ahnung hat, was draußen passiert ist, steht ein Hüne von Mensch in schwarzer SS-Uniform und stellt sich als Hans RATTENHUBER vor.

RATTENHUBER, 37 Jahre, aus München, Polizeihauptmann; er wird später persönlicher Leibwächter von Adolf HiTLER werden.

"Am 10. 3. 33 berief mich der Reichsführer SS als Adjudant. Nachdem ich bereits im Mai 1933 das Kdo. z. b. V. für den Führer und Reichskanz. aufzustellen hatte, wurde ich anläßlich der Übernahme der Geheimen Staatspolizei durch den Reichsführer SS nach Berlin berufen und am 1. 6. 34 mit der Bildung des Reichssicherheitsdienstes beauftragt", heißt es in dem handgeschriebenen Lebenslauf des späteren SS-Gruppenführers Hans RATTENHUBER.


14. September 1934: Polizeipräsidium

Hans RATTENHUBER kommt nicht ohne Grund: Er ist ein Vetter des Münchner Privatbankiers Georg EIDENSCHINK.

RATTENHUBER legt NACHER drei Papiere zur Unterschrift vor. Das eine ist eine verbindliche Erklärung zum Verkauf aller Braue­reien - Engelhardt ausgenommen; die gehört NACHER nicht mehr. Dafür legt RATTENHUBER ein zweites vorbereitetetes und maschinenge­schriebenes Blatt Papier vor: »An das Bankhaus Georg Eidenschink.

"Sehr geehrte Herren, unter Bezugnahme auf die heute mit Ihnen gehabte Rücksprache bestätige ich Ihnen unsere Vereinbarung wie folgt:

Zum Ausgleich aller mittelbaren und unmittelbaren Ansprüche, insbesondere auch als Aufwandsentschädigung für die monate­lange Tätigkeit in meinem Interesse bei der Unterbringung mei­ner Beteiligung an der Engelhardt-Brauerei AG, Berlin, die in Ihrer Firma bzw. den Herren Dr. Schmidhuber, Dr. Fischer persönlich oder dem von Ihnen geführten Konsortium zustehen, zahle ich Ihnen

RM 150000-(in Worten Einhundertundfünfzigtausend)."

150.000.- als 'Entschädigung' sozusagen, dass es nicht geklappt hat.

Die dritte Unterschrift leistet NACHER für ein Versprechen, 100.00 Mark ohne Quittung und außerhalb aller geschäftlichen Verträge zu löhnen - als 'Lösegeld' sozusagen.

Der Freitag am 14. September 1934 ist der Freitag genau zwei Wochen nach dem Freitag des 31. Augusts, als in NACHER's Ge­fängniszelle die Anwälte Dr. ROTH und Dr. ASCHOFF erschienen waren, um NACHER's Vollmacht zu erpressen.

RATTENHUBER, der sich mit einem Fläschchen Insulin verabschiedet, spricht NACHER Mut zu: heute nachmittag könne er nach Hause.

Als am Nachmittag die Herren Rechtsanwalt Albrecht ASCHOFF, der stille Eidenschink-Teilhaber Adolf FISCHER und der Gestapo-Spitzel Anton KARL sowohl Ignatz NACHER als auch seinen be­freundeten Wirtschaftsprüfer Waldemar KOCH aus dem Polizei­gefängnis abholen und NACHER mit dem Auto nach Hause fahren, setzen sie NACHER solange in seiner Wohnung fest, bis einer seiner Holding-Geschäftsführer 100.000 Reichsmark von der Bank für die »Lösegeld-Zahlung« herbeigebracht hat.


danach

NACHER, zweieinhalb Wochen ohne das lebenswichtige Insulin in einer Zelle inhaftiert, hat 15 Kilo an Gewicht verloren. Gesund­heitlich ist der 65jährige, den seine Freunde nur als ein Bündel von Energie, Fleiß und Temperament kennen, am Ende und psychisch völlig gebrochen. Der richtige Zeitpunkt für die Münchner Eidenschink-Konsorten, mit NACHER weiter zu »verhandeln«.

Freigelassen wurde NACHER am Freitagnachmittag. Am Samstag­morgen, 15. September. wird in München der 36jährige Rechtsanwalt Dr. Josef MÜLLER in die Eidenschink-Bank in der Perusastraße gerufen. Das Flugticket ist bereits ausgestellt. Mit Georg EiIDENSCHINK zusam­men fliegt Josef MÜLLER nach Berlin, um an Ort und Stelle für die Eidenschink-Konsorten nochmals deren Vertragstexte zu überar­beiten. Kollege FISCHER und Anton KARL sind schon in Berlin.

Jetzt wird NACHER auch seine restlichen Aktienwerte und Brauereibe­teiligungen endgültig los:

  • sein "bestes Pferd im Stall", die Malz­bierbrauerei Groterjan & Co,
  • die bayerischen Brauereien Hof­bräu und Henninger Reifbräu
  • die Bürgerbräu Weiden
  • die Bayerische Bierbrauerei Lichtenfels
  • und alle Aktien an der Dort­munder Stiftsbrauerei in Dortmund.

Rechtsanwalt Albrecht ASCHOFF, der Nacher als Strafverteidiger auch in der Revisionsinstanz vertreten sollte, gibt sein Mandat zurück. Vorher schreibt er noch schnell seine Kostennote: 58.750 Mark.

Rechtsanwalt und Notar Hans ROTH macht das Gleiche: 90.824 Mark.

Die Liquidierung dieser stattlichen Summen ist einfach. Kontoinhaber des bei der Dresdner Bank in diesem Zusammen­hang eingerichteten Notar-Anderkontos sind die Herren ASCHOFF und ROTH und ASCHOFF besitzt "Vollmacht".


19. September 1934: der Tausch

An diesem Tag ist sozusagen alles besiegelt. Die Dresdner Bank hält in ihrem internen Protokoll für die "Ausschusssitzung" alles fest, was jetzt endgültig in trockenen Tüchern ist:

Interner Vermerk der Dresdner Bank v. 19.9.1934. Anklicken öffnet das gesamte Dokument

Die Engelhardt-Brauerei gehört jetzt mehrheitlich der Dresdner Bank - man hatte NACHER gezwungen, seine verbliebenen Aktien zu verkaufen.

Um dafür auch über die 2,5 Millionen Engelhardt-Aktien verfügen zu können, die der "Staatskommissar" Ignatz NACHER abgepresst hatte, hatte man LIPPERT ein attraktives Angebot gemacht:

Interner Vermerk der Dresdner Bank v. 19.9.1934. Anklicken öffnet das gesamte Dokument.

Engelhardt-Aktien im Tausch gegen den Glienicker Park.

Den hatte die Bank sicherheitshalber in ihrem Besitz - als Pfand für unbediente Schulden des Friedrich Leopold Prinz von Preussen, einer "Königlichen Hoheit" aus dem weniger vermögenden Hohenzollern-Geschlecht (mehr unter Der Glienicker Park: Wie er in "städtisches Eigentum" überging - NOCH NICHT ONLINE).

LIPPERT wird den Park für die deutschen Volksgenossen öffnen, den direkt am Wasser liegenden "Jägerhof" auf Steuerzahlers Kosten renovieren lassen und dort seinen Privatwohnsitz nehmen.


Nachtrag / Hinweis

Wie Ignatz NACHER die nächsten Jahre mental und gesundheitlich verbracht hat und was mit seiner Familie passiert, ist dokumentiert unter 9. November 1938: das Progrom, Ignatz NACHER, seine Familie und die der Schauspielerin Camilla SPIRA. Dieses Datum markiert einen Wendepunkt für viele Beteiligte.

Wenn Sie über die weiteren Fortsetzungen informiert werden wollen, genügt eine Email an redaktion[at]ansTageslicht.de und im Betreff: "Engelhardt". Oder auch "Nacher".

Die ganze Geschichte können Sie auch direkt aufrufen und verlinken alternativ unter www.ansTageslicht.de/Engelhardtbrauerei oder www.ansTageslicht.de/Nacher.


(JL)