Ignatz NACHER und sein Landgut Sauersberg: seine letzte "Arisierung"

Vorbemerkung

Dieses Kapitel aus der Geschichte "Die Nazis, die Bank und das Bier: Ignatz NACHER und seine Engelhardt-Brauerei. Die Geschichte einer Arisierung" geht online, obwohl sie noch nicht zu Ende geschrieben ist. Grund: Das Grundbuchamt bzw. die Direktorin des zuständigen Amtsgerichts Wolfratshausen (Bayern) verweigert die Einsichtnahme in die Akten, um die Umstände der damaligen Transaktion 1935 zu klären. Ignatz NACHER, der 1933/1934 schon mit seinen Brauereien enteignet wurde, hatte sein bayerisches Landgut abgegeben, mit allergrößter Wahrscheinlichkeit abgeben, sprich verkaufen müssen. Genau das wollen wir klären, denn es wäre ein weiterer Fall einer Arisierung seines Besitzes gewesen. Jetzt müssen wir die Justiz verklagen: auf Einhalten der Rechtsstaatlichkeit, denn bei "berechtigtem Interesse" ist eine Einsichtnahme in das Grundbuch möglich. Für die Presse gilt das allemal.

Dieses Geschichte bzw. dieses Kapitel lässt sich direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Sauersberg.


Das "Tölzer Land" gehört zu den schönsten Regionen Bayerns, direkt zu den Füßen der Alpen gelegen und dennoch nicht allzuweit von der bayerischen Hauptstadtmetropole München gelegen:

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Bad Tölz als Mittelpunkt der Region ist zugleich ein bedeutender Kurort, wo schon Leute wie Thomas MANN sich zur Kur und Erhohlung begaben.

Auch Ignatz NACHER, Mehrheitsaktionär und Generaldirektor des zweitgrößten Brauereikonzerns bis zur sogenannten Machtübernahme der Nationalsozialisten, pflegte sich hier vom Managerstress eines Brauereibesitzers und Konzernlenkers zu erholen, bis er im Jahr 1928 - im Alter von 60 Jahren - unmittelbar vor den Toren von Bad Tölz einen eigenen Ort zum Entspannen erwarb: Gut Sauersberg in der Gemeinde Wackersberg. Die medizinische Betreuung war - falls notwendig - nur knappe 10 Autominuten entfernt.

Das "Gut Sauersberg": ein großes landwirtschaftlich geprägtes Anwesen mit riesigem Haupthaus, Nebengebäuden und Stallungen, alles auf einem prächtigen Hügel thronend - mit Blick auf die etwas tiefer gelegenen Gehöfte:

Haupthaus mit Spitztürmchen um 1930
Haupthaus von unten gesehen um 1930
Stallung im Hintergrund um 1930

Von Berlin nach München gelangte man mit der Bahn in überschaubarer Zeit und von da nach Bad Tölz ging es schnell. Die restlichen 6 Kilometer dann mit einer Taxe und schon konnte Ignatz NACHER 'abschalten'. Der Blick über die hügeligen Wiesen und Felder und die frische Voralpenluft taten ein Übriges.

Und so fand auf seinem Gut Sauersberg nicht nur ein großer Teil seines Familienlebens statt, sondern hier tafelte Ignatz NACHER auch mit Freunden, Bekannten und gelegentlich auch mit seinen bayerischen Geschäftspartnern, an deren Brauereien er bzw. die Engelhardt-Brauerei in Berlin beteiligt war:

Ignatz NACHER dritter von rechts, Aufnahme um 1930
hier NACHER (links) mit einem uns Unbekannten, Aufnahme um 1930

Das betraf zum Beispiel das Bürgerbräu in Weiden (Oberpfalz), die Bayerische Bierbrauerei Lichtenfels, die Henninger Reifbräu oder auch die Hofbräu in Bamberg. Dort hieß sein Geschäftspartner Wilhelm LESSING, gleichzeitig Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde. Mit ihm war NACHER eng befreundet.

Einer seiner regelmäßigen Gäste auf Gut Sauersberg: Albert SÜDEKUM. Der hatte erst als Journalist gearbeitet,  wurde dann Chefredakteur der Fränkischen Tagespost in Nürnberg und der Sächsischen Arbeiterzeitung in Dresden und saß für die SPD im Reichstag. Nach der Revolution 1918 wurde er zum preußischen Finanzminister ernannt. In der Engelhardt-Brauerei war er im Aufsichtsrat vertreten. Mit ihm hatte NACHER oft diskutiert und Gedanken ausgetauscht: NACHER war Mitglied der "Gesellschaft der Freunde" in Berlin, einer Vereinigung, die es seit 1792 gab und ein informelles Forum vieler jüdischer Unternehmer war, denen die öffentliche Akzeptanz und das Verständnis der jüdischen Kultur am Herzen lag. SÜDEKUM war in der "Deutschen Gesellschaft 1914" engagiert, die Vertreter unterschiedlicher Weltanschauungen zusammenbringen wollte. Die politisch und wirtschaftlich bewegten Jahre der "Weimarer Republik" und die Vorboten der nationalsozialistischen Umtriebe gaben genügend Diskussionsstoff.

So war "Berlin" für Ignatz NACHER sein Lebenselixier "Arbeit" und "Brauerei", das "Gut Sauersberg" verband er mit "Familie" und "Freunde".

Ein unerwarteter Besucher aus Berlin auf Gut Sauersberg

Dass das Gut Sauersberg für NACHER als eine Art zweiter Wohnsitz stand, war nicht unbekannt. Und so tauchten - ab und an - auch unerwartete bzw. ungebetene Besucher auf.

Zum Beispiel am 26. Dezember 1928, dem zweiten Weihnachtsfeiertag. NACHER war zwar Jude, aber schon immer akklimatisiert und nahm sowohl die jüdischen wie christlichen Feiertage ernst. Um die Mittagszeit - NACHER war gerade im Begriff, mit seiner Familie zum Essen nach Bad Tölz zu fahren - stand der Vorstandschef der Berolina AG, Walter GOLDE aus Berlin, vor der Tür und begehrte Einlass: um "geschäftlich" mit NACHER zu reden.

Rechtes dunkles Engelhardt-Haus: "ragt wie eine Nase in den Platz hinein.". Fotoquelle unbekannt

Die Berolina AG, die GOLDE vertrat, war eine Tochter der Stadt Berlin, die dort Grundstücke am Alexanderplatz aufkaufte, einer der bekanntesten Orte der Reichshauptstadt. Die "BVG", das städtische Verkehrsunternehmen, das die Busse, Strassenbahnen und die U-Bahn betreibt, wollte eine neue U-Bahnstrecke legen und dabei den berühmten Alexanderplatz vergrößern. Denn dort brach der Verkehr immer wieder zusammen, der Platz war einfach zu eng für die vielen Autos und Menschen, die dort täglich verkehrten. Und auch deswegen sollten dort mehrere Geschäftsgebäude abgerissen werden.

Um spekulative Geschäftemacherei zu verhindern, wollte die Berolina im Auftrag der Stadt Berlin die 'störenden' Gebäude möglichst geräuschlos aufkaufen. Unter anderem das ehemalige "Alexanderhaus", das inzwischen "Engelhardt Haus" hießt, weil die Brauerei dort ihren Verwaltungssitz hatte und im Erdgeschoss eine ihrer größten Ausschankstätten betrieb.

Engelhardt Haus. Quelle: Deutsche Brauindustrie in Wort und Bild

NACHER wollte natürlich diesen exklusiven und zentralen Standort nie und nimmer aufgeben. Doch als die Stadt Berlin im Zusammenhang mit den Kaufverhandlungen durchblicken ließ, dass sie das Gebäude auch im Wege einer Zwangsenteignung erwerben könne, ließ sich NACHER auf Verhandlungen ein. Die gestalteten sich zwar etwas zäh, aber letzten Endes einigte man sich doch. Statt 10 Millionen, wie von NACHER gefordert, war man auf 9 überein gekommen. Das war am Nikolaustag 1928.

Zur Vertragsunterzeichnung indes kam es nicht mehr - der in Aussicht genommene Notar war bereits in die Weihnachtsferien entflohen und selbiges tat dann NACHER ebenfalls. Auf sein Gut Sauersberg.

Und dort stand nun der Vorstandschef der Berolina vor der Tür. Und hatte eigentlich nur zwei Bitten:

Zum einen möge NACHER den Kaufpreis nochmals um 10.000 RM reduzieren - es sähe für die Stadt Berlin einfach besser aus, wenn an der ersten Stelle eine "8" statt einer "9" stünde. Für NACHER kein Problem.

Bei der zweiten Bitte indes wurde NACHER nachdenklicher. GOLDE würde gerne eine Spende in Höhe von 120.000 RM akquirieren, und zwar "für Parteien, deren Kassen leer wären".

NACHER zögerte. Nicht weil er nicht spendabel wäre. Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Stiftungen gegründet und Waisenhäuser unterstützt. Sich freigiebig zu zeigen, war nicht das Problem. Aber GOLDE wollte einfach keine näheren Angaben zu den Parteien machen, derer es zu dieser Zeit noch viele gab.

Und so hatte die Familie NACHER den unerwarteten Gast zum Mittagessen gleich mitgenommen. Und dabei kam man ausführlicher ins Gespräch. Als der ungeplante Gast zu erkennen gab, dass er selbst Mitglied der "Gebirgsjäger" sei, einer Infanterietruppe mit leichten Waffen im Krieg, war dies für NACHER ein Zeichen, dass es sich nur um "bürgerliche Parteien" handeln konnte, wie er knapp fünf Jahre später vor einem Berliner Gericht aussagen wird.

Damit war auch dieser "geschäftliche" Besprechungspunkt abgehakt. NACHER fühlte sich im Urlaub und vergaß die ganze Angelegenheit.

Verhaftung auf Gut Sauersberg

Inzwischen hatte die Engelhardt-Brauerei ihr "Engelhardt Haus" aufgegeben und war ins Lützow-Viertel in Berlin-Schöneberg umgezogen. Längst hatten sich auch die Zeiten geändert und der Slogan der neuen Partei, die seit 1933 das Sagen hatte, nahm konkrete Gestalt an: "Das Judenbier von Engelhardt muss weg!".

Die neuen Machthaber, die sich auf eine immer größer werdende Gefolgschaft verlassen konnte, also Menschen, die sich vom neuen Zeitgeist Vorteile versprachen, knöpften sich unmittelbar nach der Machtergreifung ihre Hassfiguren vor: jüdische Bankiers, Industrielle und Unternehmer, aber auch Richter, Rechtsanwälte und andere Berufsgruppen. Dr. Joseph GOEBBELS und der neue "Staatskommissar von Berlin", Dr. Julius LIPPERT, schrieben und sprachen von "Ausmisten" und der "Säuberung von jüdischen und korrupten Elementen."

Ignatz NACHER war einer der ersten.

Man hielt ihm "Korruption" und "Betrug" vor. Er habe im Zusammenhang mit dem Verkauf des "Engelhardt Haus" an die Stadt Berlin im Jahr 1928/1929 den Vorstandschef der Berolina AG mit 120.000 RM geschmiert. Man würde ihm deswegen den Prozess machen. Und für den "überhöhten Kaufpreis", den NACHER kassiert habe, müsse er nun den größten Teil seiner Engelhardt-Aktien an die Stadt Berlin abtreten - als "Entschädigung". Den Rest müsse er an eine "wirtschaftlich einwandfrei arische Übernehmergruppe" veräußern. Sonst würde er ins Gefängnis wandern.

Wenn eine Transaktion dieser Größenordnung auf der Tagesordnung steht, insbesondere die einer Brauerei, die keine Konjunktursorgen kennt, mehren sich die Interessenten. So lieferten sich zwei Interessenten ein Duell:

  • Auf der einen Seite das "Eidenschink-Konsortium" aus München, das vor allem zwei Männer ins Feld führen konnte: einen agilen Rechtsanwalt namens Dr. Josef MÜLLER. Der wird nach 1945 erster bayerischer Justizminister für die CSU. Der andere: SS-Gruppenführer Hans RATTENHUBER, der mit Georg EIDENSCHINK verwandt ist. RATTENHUBER wird später Chef der Leibstandarde des "Führers".
  • Auf der anderen Seite die Dresdner Bank in Berlin. Die hatte sich des größten Teils ihres jüdischen Personals bereits entledigt und nun führten überzeugte Nazis das Regiment. Die Großbank hatte die besseren, weil schnelleren Verbindungen zu den inzwischen nationalsozialistisch geführten Behörden, der NSDAP und den diversen Polizeiinstitutionen in der Reichshauptstadt.

Im Sommer 1934 hielt sich NACHER erneut auf seinem Gut Sauersberg auf - diesesmal völlig zermürbt von den politischen Attacken, der Ungewissheit, wie es mir der Engelhardt-Brauerei weitergehen könnte, die schließlich sein "Lebenswerk" war, und den Angriffen in der Presse. "Der Stürmer", eine antisemitische Wochenzeitung, die sich vom Hass auf alles Jüdische nährte, hatte ihn bereits vor einem Jahr aufs Korn genommen. "Ignatz Nacher - der Dreckjude von der polnischen Grenze ist ein König geworden" hatte es z.B. in der Ausgabe Nr. 22 geheißen. Ähnlich in der Nummer 26.

Für die beiden Engelhardt-Interessenten günstige Voraussetzungen, wenn der Verkäufer unter massivem Druck steht, selbst wenn er bis zum Letzten kämpft.

Am 28. August 1934, 6 Uhr früh, dann die Polizei von Bad Tölz vor seiner Tür auf Gut Sauersberg. Die Polizisten verhafteten Ignatz NACHER und transportierten ihn nach München. Von da wurde er in Begleitung zweier Kripobeamter im Nachtzug nach Berlin verfrachtet. Dort begann der endgültige Showdown seiner (ersten) Arisierung, in der er alle Brauereien verlor.

Wie es dort weiterging, ist detailliert rekonstruiert im Kapitel Die brutale Enteignung des Ignatz NACHER und seiner Engelhardt-Brauerei.

Gut Sauersberg heute

Runde drei Kilometer würde eine Umrundung des gesamten Geländes ausmachen. Mehr als die Hälfte ist von dichtem Wald umgeben, der Rest vielfach mit hohem Gebüsch eingefriedet - eine Art von natürlicher Festung. Nur zwei Zuwegungen gibt es, die weiträumig jeden anderen Menschen von einem Besuch abhalten:

Ein Miniblick auf Gut Sauersberg von weitem
Das Gelände: weitgehend durch die Natur abgeschirmt
Hauptgebäude von unten nur teilweise einsehbar
Hauptgebäude von hinten nur durchs Gebüsch erkennbar

Besitzerin heute: Alexandra FLICK, Enkelin des Groß-Unternehmers Friedrich FLICK und Tochter von dessen Sohn Friedrich Karl FLICK.

Letzterer ist seit 2006 tot und bekannt als Namensgeber des bundesweit größten Parteispendenskandals in den 70er Jahren: die FLICK-Affäre, nachzulesen unter www.ansTageslicht.de/Flick. Friedrich Karl hatte jahrzehntelang das gemacht, was man aus Italien kannte: Um ihm und seinem milliardenschweren Flick-Konzern genehme politische Entscheidungen zu garantieren, hatte er mit großen Summen an Geldern in die "politische Landschaftspflege" investiert, wie er das nannte. Damit die Parteien und er selbst alles verschleiern und an der Steuer vorbei schummeln konnten, hatten seine Berater sich ungewöhnliche Konstruktionen ausgedacht: eine anonyme Stiftung im Fürstentum Liechtenstein und ein Kloster in St. Augustin. Profiteure: alle drei (damals existierenden) Parteien, konkret: CDU/CSU, SPD und FDP.

Sein Vater Friedrich - bzw. der Großvater der heutigen Besitzerin - hatte das nicht anders gemacht. Er hatte seine Firmen zu einem Rüstungskonzern zusammengeschweißt und vor 1933 alle ihm genehmen Parteien bezuschusst, vor allem die sogenannten "Bürgerlichen". Nach 1933 profitierte nur noch die NSDAP von seinem Geld, die sich umgekehrt mit Rüstungsaufträgen revanchierte. Als Parteimitglied in allen relevanten NSDAP-Gruppierungen und Verbänden war er auch Auserwählter im "Freundeskreis Reichsführer SS". Zu seinem Schaden war das nicht und der Krieg bewirkte ungeahntes Wachstum seines Konzern, seiner Gewinne und seines Vermögens. Um die 100.000 Zwangsarbeiter aus dem Osten mussten für billigstes Entgelt in seinen Fabriken schuften. Man schätzt, dass an die 10.000 davon aufgrund von Unterernährung und/oder qualvollen Arbeitsbedingungen zu Tode kamen.

Als das Ende des "Tausendjährigen Reiches" absehbar war, die sowjetischen Truppen sich vom Osten her der Reichshauptstadt näherten und im Westen US- und britische Soldaten Kurs auf das Ruhrgebiet nahmen, setzte sich Friedrich FLICK auf sein Gut Sauersberg ab - in der Hoffnung, dass man ihn dort nicht suchen und finden würde.

Es kam anders, er wurde dort am 13. Juni 1945 verhaftet und musste sich im Rahmen der Nürnberger Prozesse in einem eigenen Verfahren rechtfertigen. 1947 wurde er als "Kriegsverbrecher" zu 7 Jahren Haft verurteilt. 1950 kam er vorzeitig frei. Und nur ein Teil der von ihm arisierten Betriebe und Unternehmen wurden den früheren Eigentümern zurückerstattet.

Das Gut Sauersberg blieb in seinem Besitz.

Die Rekonstruktion der Arisierung. Und das Amtsgericht Wolfratshausen

Was nach der Arisierung von Ignatz NACHER und seiner Engelhardt-Brauerei in Berlin und seinen anderen Brauereibeteiligungen geschah, wissen wir nur ansatzweise. Wie sein Gut Sauersberg in den Besitz von Friedrich FLICK geriet, wissen wir noch nicht. Bekannt ist nur, dass FLICK im Aufsichtsrat der Dresdner Bank saß und diese ehemalige Hausbank von Ignatz NACHER sich inzwischen die Mehrheit der Engelhardt-Aktien einverleibt hatte - in einem ungewöhnlichen Dreiecksgeschäft mit der Stadt Berlin: Aktien gegen Glienicker Park.

Die Dresdner Bank, die nach 1933 zur Hausbank der SS avancierte und die Konzentrationslager mit ihren Krediten finanzierte, hatte ein weiteres Geschäftsfeld erschlossen an dem sie prächtig verdiente: Arisierungen jüdischer Unternehmen und Vermögenswerte. Vermutlich hat sie auch beim Landgut Sauersberg Hilfestellung geleistet. Zumindest wusste Friedrich FLICK in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied von den Nöten und Sorgen von Ignatz NACHER, nachdem ihm fast alles weggenommen worden war.

Weil wir die Umstände dieser Transaktion klären wollen, schreiben wir das Grundbuchamt an, das für die Gemeinde Wackersberg zuständig ist: das Grundbuchamt im Amtsgericht Wolfratshausen.

Nach einem Urteil des Bunderverfassungsgerichts aus dem Jahr 2000 (Az: 1 BvR 1307/91) haben Journalisten bei "berechtigtem Interesse" ein Einsichtsrecht in das Grundbuch. Da Deutschlands höchstes Gericht die Pressefreiheit seit jeher garantiert, hat es auch klipp und klargestellt, dass das "Zugangsrecht der Presse regelmäßig Vorang hat", etwa gegenüber den Interessen eines Eigentümers, "wenn es um Fragen geht, die die Öffentlichkeit wesentlich angehen und wenn die Recherche der Aufbereitung einer ernsthaften und sachbezogenen Auseinandersetzung dient." Soweit, so gut.

Wir schreiben also an das zuständige Grundbuchamt, begründen unser Anliegen, weisen auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hin und kündigen an, dass wir die Geschichte über das Landgut Sauersberg in der zweiten Septemberhälfte 2020 veröffentlichen wollen - in ca. acht Wochen also.

Eine (erste) Antwort kommt nach drei Wochen. Die Direktorin des AG Wolfratshausen, Adelinde GESSERT-POHLE, teilt darin mit, dass "seitens d. Eigentümers/der Eigentümerin kein Einverständnis mit der Erteilung von Auskünften aus dem Grundbuch und den Grundakten besteht und diese daher nicht erteilt werden können." Und weiter: Das von uns "geltend gemachte allgemeine Informationsinteresse der Öffentlichkeit an zeitgeschichtlichen Vorgängen genügt hierfür indes nicht, zumal das Grundbuch keine Aussage über die Rechtsmäßigkeit eines Eigentumsübergangs enthält." Und im übrigen stünde unserem Ansinnen das "allgemeine Persönlichkeitsrecht auf informationelle Selbstbestimmung" bzw. das diesem "zuzurechnende konkrete Geheimhaltungsinteresse" gegenüber.

Nimmt die Direktorin des Amtsgerichts Wolfratshausen die einschlägige Rechtsprechung des Bunderverfassungsgerichts nicht zur Kenntnis? Gilt etwa das gängige Verfassungsrecht in ihrem Amtsgerichtsbezirk nicht? Oder soll die Aufklärung ungeklärter Arisierungsvorgänge aus der NS-Zeit ausgebremst werden?

Wir schreiben zurück. Empfehlen, sich den genauen Wortlaut des wegweisenden Bundesverfassungsgerichtsurteils zur Gemüte zu führen. Und dass es uns nicht um Überprüfung der "Rechtmäßigkeit" des offenkundigen Eigentumsübergangs ginge, sondern dass wir die "Umstände", sprich die Fakten der Transaktion klären wollten. Und lassen durchblicken, dass sich das "öffentliche Interesse" auch erweitern könne: um die Frage nach den Gründen und Motiven, "solche geschichtliche Aufarbeitung 75 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft zu unterlaufen."

Recht und Gesetz im Amtsgerichtsbezirk Wolfratshausen? Die NS-Zeit kein Thema?

Eine (zweite) Antwort geht am 30. September ein - zu einer Zeit, zu der wir längst veröffentlichen wollten. "Nach wie vor besteht von Eigentümerseite kein Einverständnis mit der Auskunftserteilung", lässt man uns wissen. Und:

"Neben der Befürchtung einer etwaigen Gefährdung durch eine Veröffentlichung und der Berufung auf Persönlichkeitsrechte d. derzeitigen und nicht früherer Eigentümer/in werden auch noch folgende Einwendungen erhoben bzw. wiederholt, die ich Ihnen auszugsweise wiedergebe:" schreibt Adelinde GESSERT-POHLE, Direktorin des Amtsgerichts Wolfratshausen und zuständig auch für das Grundbuchamt.

Was nun folgt, sind Auszüge aus dem Schreiben des Rechtsanwalts von Alexandra FLICK: Es wäre z.B. kein Presseausweis vorgelegt worden. Denn "ansonsten wäre jedermann über das schlichte Betreiben einer Website die Möglichkeit eröffnet, Ausforschungen in Grundbüchern zu betreiben." Und wir hätten auch "nicht substantiiert dargelegt, was der Eigentumsübergang an dem Grundstück und die daran beteiligten Personen mit der ... geplanten Veröffentlichung über 'Ignatz Nacher und die Engelhardt-Brauerei' zu tun haben soll."

Als ob es darauf ankäme, dass Journalisten "substantiiert" das "öffentliche Interesse" begründen müssten, verweisen wir mit einem dritten Schreiben

  1. die Juristin GESSERT-POHLE auf einen weiteren höchstrichterlichen "Beschluss" des Bundesgerichtshofs aus dem Jahre 2011 hin (Az: V ZB 47/11), der das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 11 Jahre zuvor klar bestätigt hat: "Das Interesse der Presse an der Kenntnisnahme des Grundbuchinhalts erweist sich als gegenüber dem Persönlichkeitsrecht der Eingetragenen vorrangig, wenn es sich um eine Frage handelt, die die Öffentlichkeit wesentlich angeht .... , und wenn die Recherche der Aufbereitung einer ernsthaften und sachbezogenen Auseinandersetzung dient."
  2. Und wir bitten um eine "unverzügliche Entscheidung", damit wir klären können, "ob im Amtsgerichtsbezirk Wolfratshausen a) gängiges Verfassungsrecht gilt und angewandt wird und b) wie es von offizieller Seite um die Aufklärung von nationalsozialistischem Unrecht bestellt ist."

Bis heute, 9. Oktober 2020 bzw. knapp 12 Wochen seit dem ersten Schreiben in Sachen Auskunftserteilung ist keine Antwort eingegangen.

Wir werden jetzt das Amtsgericht verklagen (müssen).

Und werden die Geschichte des Landguts Sauersberg zu Ende schreiben.

(JL)


Letzter Hinweis:

Dieser Text lässt sich direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Sauersberg. Und ist Bestandteil (Kapitel) des gesamten Dramas "Die Nazis, die Bank und das Bier: Ignatz NACHER und seine Engelhardt-Brauerei. Die Geschichte einer "Arisierung'", aufrufbar unter www.ansTageslicht.de/Nacher