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Protest in Hamburg: Der 31. Oktober und der 1. November - anstageslicht.de

Protest in Hamburg: Der 31. Oktober und der 1. November

Zwei Tage in der Hansestadt

Während

  • die Kuba-Krise im Abklingen ist
  • in Hamburg DER SPIEGEL blockiert bleibt
  • und es in Stuttgart, Düsseldorf und Frankfurt/Main erste Aktionen und Demonstrationen gegeben hat, veranstaltet in Hamburg die "Neue Gesellschaft", eine freie Einrichtung für politische Bildung, die nach dem Krieg von Sozialdemokraten gegründet wirden, die im Dritten Reich im Widerstand waren, kurzfristig für abends eine Diskussionveranstaltung, zu der auch Franz Josef STRAUSS eingeladen wurde (siehe Bild).

Mittwoch, 31. Oktober, vor dem UGSpätnachmittags versammeln sich vor dem Untersuchungsgefängnis (UG) Menschen. Junge und Ältere - Solidarität mit dem einsitzenden Rudolf AUGSTEIN. Erste Sprechchöre formieren sich:

"Nun lasst uns alle schrein
Augstein raus und Strauss hinein"


Den Vollzugsbeamten hinter den Mauern wird es nach und nach unbehaglich. Sie können nicht einschätzen, ob die Demonstranten, die an Zahl immer mehr werden, vielleicht das Gefängnis stürmen wollen, um AUGSTEIN zu befreien. Die Wachleute holen Verstärkung: weitere Schutzpolizei fährt auf.
Auch der NDR hat davon erfahren und ein Kamerateam losgeschickt: Man möchte für die Tagesschau drehen. Die Szene, die sich dem NDR-Team bietet, ist eindrucksvoll. Selbstgefertigte Plakate mit Aufschriften wie "Spiegel tot - Freiheit tot"zeigen, worum es den empörten Menschen geht:

Weil der Menschenauflauf immer größer wird und die Sprechchöre immer lauter, wird der Polizeisenator verständigt: Helmut SCHMIDT (SPD). Er fährt direkt zum UG, nimmt seinen gerade zufällig in seinem Büro anwesenden Freund mit, den jungen Rechtsanwalt Peter SCHULZ, der für die SPD in der Hamburger Bürgerschaft sitzt. SCHMIDT kann die Menge beruhigen - er genießt stadtweit hohes Ansehen: als Manager einer der größten Flutkatastrophen, die je über Hamburg hereingebrochen ist. Erst vor wenigen Monaten im Februar.

Der Abend wird anstrengend. Für das Kamerateam, die aufgebrachte Menge und Helmut SCHMIDT, wie uns die Zeitzeugen berichten. Nur ein wenig zeitversetzt sammeln sich auch in und vor dem Hörsaal B der Universität Menschen, die einerseits demonstrieren, andererseits zur Diskussionsveranstaltung der "Neuen Gesellschaft" wollen.

So berichten uns die Zeitzeugen (in der Reihenfolge ihres Auftretens):

  • Gunnar von GARßEN, 1962 Kameraassistent beim NDR
  • Peter SCHULZ, 1962 Rechtsanwalt und Bürgerschaftsabgeordneter
  • Helmut SCHMIDT, 1962 Polizeisenator
  • Peter JÄGER, 1962 Demonstrant


Im Hörsaal BIm Hörsaal der Universität selbst, aber auch auf den Treppen zu den Emporen, im Vorraum und auf der Straße, wo die Eingangstüren sind, ist volles Gedränge im Gange. Die Veranstalter haben das Interesse unterschätzt.Um 19:10 ist der Hörsaal mit seinen rund 400 Sitzplätzen längst besetzt, wie der ausführliche Polizeibericht festhält. Auf der Straße stehen immer noch Menschen, die hineinwollen, während die ersten beseits wieder das Freie suchen - ihnen ist das alles zu chaotisch. Die Veranstalter und Diskutanten sind ein wenig ratlos.

Als Prof. Eugen KOGON dennoch die Versammlung eröffnen will, und auf der Stelle die Lausprecheranlage nach draußen ausfällt, überrennt die wartende Menge draußen die Polizeikette, um hineinzukommen. Jetzt geht das Chaos erst recht los, wie das Hamburger Abendblatttags drauf berichten wird:"Ordnersperren vor dem Hörsaal waren machtlos, Türen splitterten, Kamerastative drohten umzufallen, Scheinwerfer auf den Brüstungen schaukelten. Einige junge Mädchen begannen zu schreien, weil sie befürchteten, erdrückt zu werden. Als der brodelnde Hexelkessel nicht Ruhe gab, verließen die Diskussionsredner den Saal.

Die Veranstaltung wurde abgeblasen."Die wartenden Menschen geben trotzdem keine Ruhe, fordern lautstark "Hörsaalwechsel". Sie bleiben.

Jetzt muss Polizei- bzw. Innensenator Helmut SCHMIDT wieder ran, der vom UG zum Hörsaal fährt. Auch hier versucht er die Menge zu beruhigen. Die Menschen hören ihm zu, weil er sagt, dass er versteht, dass sie aufgebracht sind.

Weil die Veranstalter merken, dass heute nichts mehr zu machen ist, wird die Veranstaltung auf morgen vertagt. Diesesmal im großen Audimax. Als SCHMIDT dies ankündigen kann, beruhigt sich der Saal. Jetzt gehen alle.
Die einen nach Hause. Andere marschieren zum UG. Sie wollen dort weiter demonstrieren.
Helmut SCHMIDT ist schon wieder unterwegs. Und er kann ein drittes Mal an diesem Tag die Menschen dazu bringen, friedlich zu bleiben und - irgendwann - doch nachhause zu gehen.

Donnerstag, der 1. November, Audimax der Universität
Der große Saal mit 2.100 Sitzplätzen ist schnell gefüllt. Viele stehen an den Seiten. Die Lautsprecheranlage für weitere 300 Menschen draußen: diesesmal funktioniert sie. Und das Fernsehen (NDR) hat hier mehr Platz, so dass keine Gefahr wie am Vortag besteht, dass Scheinwerfer umfallen und Menschen in Panik geraten.
Auf dem Podium:

  • Prof. Dr. Eugen KOGON, der die Diskussion leitet
  • SPIEGEL-Verlagsdirektor Hans Detlev BECKER
  • Henri NANNEN für die Illustrierte stern
  • der Schriftsteller, Autor und Journalist Axel EGGEBRECHT vpm NDR
  • Heinrich BRAUNE, Herausgeber der Hamburger Morgenpost
  • je ein Redakteur von SPIEGEL und der ZEIT
  • ein Abgeordneter des Bundestags (SPD) und einer der Hamburger Bürgerschaft (CDU).

Die Veranstaltung beginnt pünktlich und dauert vor allem lange: fast zweieinhalb Stunden. So sehr bewegt das Thema die Gemüter:

Der handschriftliche Polizeibericht vermerkt:

  • "Diskussion sachlich"
  • "Beifallskundgebungen nicht übertrieben"
  • "schätzungsweise 90% für den Spiegel positiv eingestellt, etwa 10% dagegen" (siehe aktives Bild).

Die vorsorgehalber bereitgestellte Schutzpolizeitruppe bleibt heute arbeitslos - alles bleibt äußerlich friedlich. Nur im Inneren sind die Menschen aufgewühlt angesichts des Umstandes, dass mehrere Presseleute im Gefängnis schmoren...

Der NDR in Hamburg war auf unsere Anfrage und Bitte hin bereit, die seinerzeit mitgeschnittene Veranstaltung in vollständiger Länge zu digitalisieren und online zu stellen. So bleibt dieses zeitgeschichtliche Dokument auf der Website der panorama-Redaktion auch 50 Jahre danach und später für alle zugänglich (aktives Bild verlinkt auf die panorama-Website):

(JL/clj; alle Fotos: ContiPress)