Der Anschlag am Berliner Breitscheidplatz – eine Chronologie

Foto: CC/Andreas Trojak

 

19. Dezember 2016

Gegen 20 Uhr steuert der den Behörden bekannte Tunesier Anis Amri einen LKW auf den vollen Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz und tötet bei seiner Amokfahrt 12 Menschen. Danach flüchtet Amri mit einer Handfeuerwaffe in der Hand zu seiner Wohnung, um seine Sachen zu packen und dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln die Stadt zu verlassen. Zuvor hat er den LKW und dabei den Fahrer erschossen. Diese Details kennen bisher weder Ermittler noch Presse. Früh vermuten die Medien einen terroristischen Hintergrund, doch bestätigt ist das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Früh sind Ermittler vor Ort, die LKW und Umgebung nach Spuren untersuchen. 

 

Sämtliche deutsche Leitmedien berichten in Newstickern, Sondersendungen und Livestreams von einem Lastwagen, der eine Schneise über den Berliner Weihnachtsmarkt geschlagen haben muss und dabei mindestens 11 Menschen getötet hat. 

 

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/berlin-anschlag-vermutet-mutmasslicher-taeter-naved-b-war-offenbar-polizeibekannt-a-1126641.html

 

20. Dezember 2016

Die Berliner Polizei twittert kurz nach Mitternacht: 12 Menschen sind bei dem Anschlag ums Leben gekommen, 48 wurden verletzt. 

In den frühen Morgenstunden nimmt die Polizei einen Verdächtigen fest, der zunächst mit dem Anschlag in Verbindung gebracht wird. Er heißt Naveed Baloch und ist bereits wegen Ermittlungen in einem Sexualdelikt polizeibekannt. Später stellt sich heraus: Er hat mit dem Anschlag nichts zu tun. Doch wegen der Festnahme unterlassen es die Ermittler, sämtliche islamistischen Gefährder an ihren bekannten Aufenthaltsorten aufzusuchen. Dabei würde dies eigentlich ein Konzept vorgeben.

Auf Twitter gibt die Berliner Polizei zunächst bekannt, dass sie mittlerweile von einem terroristischen Hintergrund ausgehe. Später bestätigt der damalige Innenminister, dass an dieser Annahme nunmehr kein Zweifel mehr bestehe. 

Nach erneuter Untersuchung des LKW finden die Fahnder im Fußraum eine Duldungsbescheinigung von Anis Amri. Auch Fingerabdrücke an der Tür könen ihm zugeordnet werden.

Die Terrormiliz Islamischer Staat reklamiert die Tat für sich.  

 

Die Medien geben bekannt, dass die Zahl der Todesopfer auf zwölf gestiegen ist.

Zuerst berichten Tagesspiegel und dpa unter Verweis auf Ermittlerkreise von einem Verdächtigen, der in Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen worden sein soll. Er solle Naved oder Navid B. heißen, schreiben Medien. 

Mittlerweile korrigieren die Medien die Zahl der Opfer auf 12 und sprechen nunmehr in Berufung auf de Maizière von einem „Terroranschlag“. 

 

Am Abend gibt Innenminister de Maizière der ARD ein Interview. Darin sagt er: „Diese angebliche Bekennung des sogenannten Islamischen Staates - das ist ja in Wahrheit eine Terrorbande - haben wir gerade erst bekommen. Wir sollten die Sicherheitsbehörden ihre Arbeit machen lassen. Die arbeiten mit Hochdruck. Und niemand wird ruhen, bis nicht der Täter oder die Täter gefasst sind“, sagte der Minister. 

 

Dem ZDF sagte er: „Deswegen ist es in der Tat so, dass nicht auszuschließen ist, dass der Täter flüchtig ist“.

 

https://twitter.com/PolizeiBerlin_E/status/811010642597572608 

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/berlin-lkw-spur-fuehrt-nach-polen-a-1126643.html 

https://www.handelsblatt.com/today/politics/wrong-man-doubts-over-detained-berlin-attack-suspect/23543504.html 

https://twitter.com/PolizeiBerlin_E/status/811071432667099136 

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/politik/der-falsche-mann-84275 

https://www.faz.net/aktuell/politik/nach-anschlag-in-berlin-is-reklamiert-attentat-fuer-sich-14585337.html 

https://www.tagesschau.de/inland/amri-fahndung-103.html 

 

21. Dezember 2016

NRW-Innenminister Ralf Jäger erklärt am Nachmittag, dass die gefundenen Spuren noch nicht ausreichen würden, um eine Tatbeteiligung Amris beweisen zu können.

Am Abend wird Amri vom Generalbundesanwalt zur öffentlichen Fahndung ausgeschrieben.

 

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/anis-a-tunesier-konnte-wegen-fehlender-papieren-nicht-abgeschoben-werden-a-1127016.html 

https://www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?newsid=654 

 

22. Dezember 2016

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärt, dass schon vor der Tat in Berlin ein Verfahren gegen Amri wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat eingeleitet worden war. Als Asylbewerber sei Amri zwar abgelehnt worden, doch sei die Abschiebung wegen fehlender Ausweispapiere mehrfach gescheitert.

Laut Berliner Generalstaatsanwaltschaft wurde Amri in Berlin von März bis September dieses Jahres überwacht.

 

Medien berichten unter Berufung auf de Maizière, dass Spuren von Anis Amri im Tatfahrzeug gefunden worden sind. Auch erste Kritik an den zuständigen Behörden dafür, dass Amri den Anschlag trotz zeitweiliger Behördenüberwachung begehen konnte, wird laut.

 

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/liveblog-zum-terror-in-berlin-aktuelle-nachrichten-14583476.html 

https://www.tagesspiegel.de/berlin/anschlag-auf-dem-breitscheidplatz-anis-amri-in-berlin-monatelang-ueberwacht-ohne-ergebnis/19161150.html 

 

23. Dezember 2016

Nach Stationen in den Niederlanden und Frankreich ist Amri mittlerweile in Italien eingereist. In einer Routinekontrolle bei xy eröffnet er gegen Polizisten das Feuer und wird erschossen. 

Die marrokanische Botschaft erklärt, sie habe Deutschland mehrfach davor gewarnt, dass Amri in Deutschland Terroranschläge begehen könnte.

 

Die Berliner Morgenpost berichtet von einer Berliner Gesetzeslücke, nach der Opfer des Anschlages kein Recht auf Entschädigung haben, weil die Tatwaffe ein LKW war.

Mit der Meldung vom Tod Amris werden die betroffenen Polizisten als Helden gefeiert, wie die Medien erzählen.

Dazu kommt Berichterstattung über die Opfer des Anschlages, wie beispielsweise über den von Amri getöteten LKW-Fahrer.

 

http://www.yabiladi.com/articles/details/49539/allemagne-l-ambassade-maroc-confirme-signalement.html 

https://www.morgenpost.de/berlin/article209068771/Fatale-Luecke-im-Gesetz.html 

https://rp-online.de/politik/ausland/anis-amri-erschossen-italien-feiert-die-helden-von-mailand_aid-21182871 

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/anschlag-in-berlin-die-letzten-stunden-des-lkw-fahrers-lukasz-u-a-1127003.html 

 

12. Januar 2017 

In der ZDF-Sendung „maybritt illner“ räumt Justizminister Heiko Maas Behördenfehler im Umgang mit Amri ein: „Es kann sich nach dem, was da geschehen ist und nach dem, was man mittlerweile weiß, niemand hinsetzen und sagen, es sind keine Fehler gemacht worden.“ Weiter kündigt er die Veröffentlichung eines Berichtes an, der die damit verbundenen Fragestellungen dezidiert klären soll.

 

https://www.berliner-zeitung.de/berlin/fall-anis-amri-justizminister-heiko-maas-raeumt-behoerdenfehler-ein-25530366 

 

 

10. Oktober 2017

In einem Abschlussbericht listet Sonderermittler Bruno Jost zahlreiche Fehler und Rechtsbrüche der Behörden im Falle Amri auf.

 

https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2017/10/amri-abschlussbericht-jost.file.html/abschlussbericht-bruno-jost.pdf 

 

27. Januar 2018

„Im Umfeld des AMRI wurden keine V-Leute des BfV eingesetzt“, erklärt die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag.  

1. März 2018

Einstimmig setzt der Deutsche Bundestag einen Untersuchungsausschuss zum Fall Amri ein. Der Ausschuss solle „den Anschlag und seine Hintergründe aufklären und sich ein Gesamtbild vom Handeln der zuständigen Behörden verschaffen. Aufbauend auf den Untersuchungsergebnissen soll er Empfehlungen für die Arbeit der im Untersuchungsauftrag benannten Behörden sowie für die Betreuung und Unterstützung von Hinterbliebenen und Opfern solcher Anschläge entwickeln“, heißt es in einer Erklärung.

 

https://www.bundestag.de/ausschuesse/untersuchungsausschuesse/1untersuchungsausschuss 

 

17. April 2018

Über die Fehler der Behörden berichten die Medien auch über ein Jahr nach den Anschlägen. Der RBB listet in einer Chronologie Behördenfehler auf.

 

https://www.rbb24.de/politik/hintergrund/chronologie-behoerden-pannen-widersprueche-fall-amri.html 

 

15. Mai 2018

Der Journalist Florian Flade beschreibt im ersten Teil einer Serie in der Tageszeitung „Die Welt“, wie Amri an den Tagen vor seinem Anschlag immer wieder Kontakt zu Freunden suchte. Die Recherche stellt das Bild des Bild des Einzeltäters infrage, als der Amri bisher galt.

 

„Amris Freunde“, DIE WELT, 15.05.2018

 

16. Mai 2018

Im zweiten Teil der „Welt“-Serie verfolgt Flade die Spur der Waffe, mit der Amri den LKW-Fahrer Lukasz Urban vor dem Anschlag erschießt. Die Spur führt bis nach Serbien, doch von wem Amri die Waffe erhält, bleibt bis heute unklar.

 

„Amris Waffe“, DIE WELT, 16.05.2018

 

17. Mai 2018

Wie konnte sich Amri in der Berliner Fussilet-Moschee radikalisieren, obwohl hier doch auch ein V-Mann des Verfassungsschutz ein- und ausging, fragt Flade in Teil drei der Serie. Es stellt sich die Frage nach der Richtigkeit der Aussage der Bundesregierung aus dem Januar 2017, es hätte keine V-Leute im Umfeld Amris gegeben.

 

„Amris Moschee“, DIE WELT, 17.05.2018

 

22. August 2018

Die Polizei nimmt in Berlin den russischen Staatsbürger Magomed-Ali C. fest. Er soll zusammen mit Amri Sprengstoff für einen anderen Anschlag gemischt haben, der nie in die Tat umgesetzt wurde. Bereits im Oktober 2016 standen Beamten vor der Tür in die Wohnung. Ohne Durchsuchungsbeschluss wurde ihnen der Zutritt zur Wohnung verwehrt. Zu diesem Zeitpunkt soll sich bereits Sprengstoff und eine dritte Person, die einem Trio um Amri angehören soll, in der Wohnung befunden haben.

 

https://www.zeit.de/2019/20/anis-amri-untersuchungsausschuss-komplizen-terroranschlag-breitscheidplatz-terrornetzwerk

 

30. August 2018

Das Bundesamt für Verfassungsschutz wollte verheimlichen, dass ein V-Mann im Umfeld von Amri eingesetzt wird, ergeben Recherchen von ARD-„Kontraste“, RBB und „Berliner Morgenpost“.

 

https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/08/amri-skandal-erreicht-verfassungsschutzpraesident-maassen.html 

 

9. Mai 2019

„Die Zeit“ berichtet von Magomed-Ali C. Er soll gemeinsam mit Amri und einer dritten Person einen Anschlag geplant haben. Die Behörden könnte dieser Prozess erneut in Bedrängnis bringen – denn erneut gerät die Einzeltätertheorie von Amri ins Wanken.

 

„Der dritte Mann“, DIE ZEIT 20/19, 9.5.19

 

16. Mai 2019

Der Prozess gegen Magomed-Ali C. beginnt. Der Prozess könnte auch aufdecken, dass die Anschläge am Breitscheidplatz sowie die Anschläge von Paris 2015 und Brüssel 2016 in engerem Zusammenhang stehen könnten als bisher angenommen.

 

https://www.zeit.de/2019/20/anis-amri-untersuchungsausschuss-komplizen-terroranschlag-breitscheidplatz-terrornetzwerk 

Auszeichnungen:

"Wächterpreis der Tagespresse" 2019