Florian Flade will sich nicht einschüchtern lassen. Weder von deutschen Beamten, die seine Arbeit blockieren, noch von Islamisten, die ihn im Internet mit dem Tod bedrohen. Seit 9/11, seit dem Anschlag auf die Twintowers in New York, ordnet Flade seinen Kalender und seine Arbeit der Beobachtung von Terrorismus unter. Für seine Recherchen für die Tageszeitung „Die Welt“ über den Terroristen Anis Amri, der im Dezember 2016 mit einem Lkw auf den Weihnachtsmarkt in Berlin raste, erhält Investigativjournalist Flade jetzt den Wächterpreis der deutschen Tagespresse. 

Von Raphael Markert

Florian Flade am Anschlagsdenkmal am Berliner Breitscheidplatz. Foto: Raphael Markert

Eigentlich hat sich Florian Flade auf diesen Abend gefreut. Daran erinnert er sich genau. Er wollte mit seiner Lebensgefährtin in ihrer Wohnung in Berlin kochen, auf dem Sofa liegen, Ruhe genießen. Tatsächlich wird dieser Abend des 19. Dezembers 2016 sein Leben für die kommenden zwei Jahre auf den Kopf stellen. Denn gegen 20 Uhr steuert der Tunesier Anis Amri einen gestohlenen LKW auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. 12 Menschen sterben, 55 werden verletzt. Ein Terroranschlag. Schnell stellt sich die Frage nach der Verantwortung für die Tat, schnell spricht Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen von einem „reinen Polizeifall“. Dieser Satz stört Flade von der ersten Sekunde an. Dieser Satz, den er dann noch Dutzende Male als Zitat hören und lesen muss.

 

Es wird ein knappes Jahr dauern, bis der Journalist ihn nicht mehr ignorieren mag. Kann das, was der Verfassungspräsident da behauptet, wirklich stimmen? Warum gilt der Fall nach dem Tod Amris als „ausermittelt“, obwohl so viele Fragen ungeklärt sind? Und so manches nicht plausibel? Kann es wirklich sein, dass der Terrorist ein Einzeltäter war? Woher hatte er die Pistole, mit der er vor seiner Todesfahrt den LKW-Fahrer Lukasz Urban erschoss? Und wieso konnten die Behörden Amri nicht von seiner Tat abhalten, obwohl sie in seinem Umfeld einen V-Mann platziert hatten? Flade beginnt zu recherchieren. Immer wieder prallt er auf Hindernisse. Es werden Monate vergehen. Um am Ende zumindest auf einige Fragen Antworten zu finden.

 

Es ist ungewöhnlich warm an diesem Tag im späten April 2019. Flade trägt Vollbart, Tattoos und schwarze Klamotten, Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Doch der Journalist wirkt nicht wie ein Getriebener, nicht wie einer, der sich hetzen lassen würde. Völlig gelassen schlendert er durch die Pankstraße im Berliner Stadtteil Wedding, die um ihn herum umso lauter zu pulsieren scheint. Der Klang schriller Martinshörner mischt sich in ein Gewühl unterschiedlicher Sprachen. Flade geht vorbei an Menschen, die rauchend vor Spätis und Pommesbuden sitzen. Er macht Halt vor einem kleinen Imbiss, der jetzt, zur Mittagszeit, belebt ist. Drinnen riecht es nach Hühnchenfleisch und frisch aufgebackenem Fladenbrot. Die Karte listet Döner, Falafelrolle und halbes Hähnchen auf Deutsch und Arabisch auf. Flade kann beide Sprachen lesen, seinen Falafelteller sogar in beiden Sprachen bestellen. „So komme ich auch mit Informanten im Milieu eher ins Gespräch“, sagt er, dessen Job es ist, Dinge ans Licht zu bringen, die in den Augen mancher nicht ans Tageslicht gehören. 

 

Hinter ihm liegen anstrengende Monate. Nächte, in denen er sich spontan mit Informanten in einer Ecke in einer Fast-Food-Kette zum Gespräch trifft. In denen er in düster beleuchteten Kneipen mit Ermittlern sechs Bier trinkt, nur um ein Geburtsdatum herauszufinden. „Verplane dir nicht den Feierabend. Das war meine Devise“, sagt er, ohne dabei so zu wirken, als habe ihn das gestört. „Sonst wäre ich nicht weitergekommen.“ Details seiner Recherche im islamistischen Milieu verrät er nicht. Es sind sensible Daten, mit denen Flade arbeitet. Er kennt den Namen des Vermieters von Amri, weiß, wo der Terrorist sich mit seinen Freunden trifft, kennt selbst exakte Uhrzeiten, Termine des Terroristen und seiner Freunde, auswendig. Manchmal sogar besser als die Behörden. „Nichts ist so schwierig wie Informanten dazu zu bringen, Dinge zu erfahren, die bisher in keiner Akte stehen“, sagt der Journalist. Zumindest nicht in den Akten, auf die Flade Zugriff hat, die er selbst mittlerweile genau kennt. „Diese Arbeit macht einen zum Nerd.“ Als er merkt, dass er bei seinen Nachforschungen auf weiße Flecken stößt, auf die bisher die offiziellen Ermittler keine Antwort haben, ist ihm klar, dass seine Zweifel wahrscheinlich stimmen. Monate sind seit dem Beginn seiner Recherche vergangen.

 

Eine Recherche gegen den Liveticker-Journalismus

Rückblende. 

Es ist der Morgen nach dem Anschlag. Flade hat wenig geschlafen. In seinem Kopf schwirren die Bilder einer chaotischen Nacht am Breitscheidplatz. Wie Menschen schreiend über den Platz liefen, wie Rettungskräfte die Leichen der Opfer mit Tüchern bedeckten. Ein Ort, der zwar von Terror und Ohnmacht erzählte, doch an diesem Abend keine Fragen beantworten konnte. Als Flade am 20. Dezember die Redaktion der „Welt“ betritt, ist es sieben Uhr morgens. An einem Morgen wie diesem sogar schon eine Stunde später als von den Chefs gewünscht. Im Büro blickt Flade in fragende Gesichter. Ob er denn nicht schon Details zum Täter kenne, ob er nicht schon eine Geschichte veröffentlichen könne, hätten ihn seine Kollegen zugleich gefragt. Doch Flade ist genau das schnelle, ungefilterte Berichten zuwider; er nennt das „Liveticker-Journalismus“.  

 

Andere Journalisten berichten bereits über einen als tatverdächtig festgenommenen „Navid B.“ oder „Naved B.“. Einem Mann, der, wie sich bald herausstellt, eigentlich Naveed Baloch heißt und unschuldig ist. Flade berichtet nur wenig. Lieber wartet er ab, beobachtet, recherchiert. Monatelang. 

 

Es waren auch eigene Fehler in seiner Berufslaufbahn, die ihn Entschleunigung gelehrt haben. Situationen, in denen er Texte zu schnell veröffentlichte, wie er sagt. Heute siegt die Erkenntnis, dass nicht aus jedem Informanten-Tipp sofort eine Geschichte, nicht aus jeder heißen Information sofort eine Nachricht werden muss. Lieber lässt er auch mal zu, dass die Konkurrenz ihm mit einer Geschichte zuvorkommt. „Aber dafür brauchen Sie Gelassenheit.“ 

 

Besser auf der zweiten als auf der ersten Welle mitschwimmen, nennt Flade seine Taktik. Genau diesem Mantra folgend recherchierte er 2013, als er über einen bis dato unbekannten deutschen Porno-Unternehmer berichtete. Der versuchte, Flade mit Unterlassungsklagen zu überziehen. Der Journalist konnte sie allesamt erfolgreich abwehren. Sein später preisgekröntes Stück war lückenlos recherchiert.  Ähnlich handelt er im Fall Amri. Es gibt keinen konkreten Punkt, der Flade dazu treibt, Monate nach dem Terroranschlag tiefer zu bohren. Nur eine vage Ahnung. In den Berichten von Kollegen anderer Medien findet er aber keine Anhaltspunkte. Und immer wieder sagen ihm Behörden am Telefon diesen einen Satz: „Nein, es gibt nichts Neues.“ Einen Satz, der Flade dann schließlich erst recht hellhörig macht.

 

Ein Einzelkämpfer gegen den Terror

Das Handydisplay zeigt gegen drei Uhr in der Nacht, als Flade erwacht. Er ist über den Akten im Fall Amri eingeschlafen. Zum ersten Mal. Er ist keiner, der mit einem Buch oder vor dem Fernseher eindöst. „Aber hier ist es mir passiert, über den verdammten Amri-Akten“, erzählt er später. Er war damals schon seit Monaten bei der „Welt“ der einzige, der im Fall des tunesischen Terroristen recherchierte; in anderen Medien, weiß er, arbeiteten teils Teams mit fünf, sechs Kollegen an dem Fall. Er wälzt sich alleine durch Ermittlungspapiere, versucht Freunde, Bekannte, Nahestehende Amris zu kontaktieren. Ein Einzelkämpfer.

 

Längst sagt er private Termine ab, sobald er in den Akten Unklarheiten findet. Vor ihm erwächst ein Bild mit vielen Details. Ein Bild, in dem Bekannte Amris sich immer tiefer in Widersprüche verstricken. Sie wollen ihn gar nicht gekannt haben, geben dann zu, seine Handynummer gelöscht zu haben. Es schält sich zudem heraus, dass der Verfassungsschutz einen V-Mann in Amris Nähe platziert hatte. Aber die Behörde bestreitet das. Und für Flade rückt die Pistole in den Fokus, mit der Amri den LKW-Fahrer Urban erschießt. Die Behörden hingegen interessiert die Waffe offenbar nicht. „Bei den NSU-Morden war die Tatwaffe entscheidend. Doch im Fall Amri schien die Pistole nun plötzlich völlig nebensächlich, auch für die Staatsanwaltschaft. Das hat mich irritiert“, sagt Flade. Er merkt: Seine Rechercheergebnisse sind brisant. Und auch wenn er weiß, dass seine Vorgesetzten endlich seine Geschichte veröffentlichen wollen, bittet er um noch mehr Zeit. Ihm geht um das Übergeordnete, die Metaebene, das große Ganze. 

 

Diese Faszination sog er schon als Kind auf, an jenem Tag, an den er sich so genau erinnert, als sei er gestern gewesen. An jenem 11. September 2001 kam er aus der Schule, aß und schaute dazu fern; er war allein, die Eltern waren arbeiten. Auf dem Bildschirm stürzten die Twin-Towers in New York ein und am Abend verkündete ein Moderator das Ende der Welt, wie man sie bis dahin gekannt habe. Der Satz beeindruckte den damals Zwölfjährigen, und auch die vielen falschen Berichte. Die Zeitung, die behauptete, es sei eine Autobombe vorm Pentagon explodiert, hat er bis heute aufgehoben. 

 

Nach dem Abitur studiert er Politik- und Islamwissenschaften in Bern, stößt als 21-Jähriger zum damals neuen Investigativteam der „Welt“, ohne klassischer Journalistenausbildung und zuständig für Terror und Islamismus. Den Satz seines Chefs hat er nicht vergessen: „Wir machen Geschichten, die um 20 Uhr in der Tagesschau laufen. Wir fragen nicht Pressesprecher um Statements, sondern Pressesprecher zittern wegen unserer Geschichten.“ Flade lernt, mit Druck und hohen Erwartungen umzugehen. Fünf Jahre später wird er Chefreporter der „Welt“-Gruppe. 

 

„Terror bedeutet für mich Arbeit“, sagt er. Seine Freunde wissen das längst. Als im November 2015 Terroristen eine Schießerei im Pariser Club Bataclan beginnen, ruft ihn ein Freund an.  Flade verlässt gerade das Haus und will zu einer Feier. „Schade, dass du heute nicht auf die Party kommen kannst“, sagt der Freund. „Warum?“, fragt Flade, noch ahnungslos. Dann sieht er die Eilmeldungen auf seinem Handy, geht zurück in die Wohnung, bestellt eine Pizza, öffnet eine Flasche Wein und setzt sich an den Schreibtisch. Der Terror begleitet Flade. Und Flade begleitet den Terror. 

 

Amri ist weit weg – der Terror nicht

Es ist kein Zufall, dass der Journalist nun in ausgerechnet diesem Imbiss in der Weddinger Pankstraße vor einem Falafelteller sitzt. Knappe 23 Stunden vor Amris Anschlag filmen Überwachungskameras den Tunesier zusammen mit einem Bekannten in dem Hähnchengrill, der mittlerweile abgeschoben wurde. Das hat Flade recherchiert. Und noch mehr: Mittlerweile weiß der Journalist, dass Amri sich in den letzten Tagen vor seiner Tat nicht nur mit ihm, sondern einer Vielzahl von Freunden in Berlin traf. Eine „Abschiedstour“, wie Flade in einem der preisgekrönten Artikel schreibt. Der Text zeichnet ein Bild, das ganz anders klingt als die Legende des Einzeltäters Amri, die bis heute das öffentliche Bild prägt. „Diese Einzeltätertheorie trifft fast nie zu. Diese Leute agieren nicht in einem luftleeren Raum. Sie haben Freunde, Umfeld, Unterstützer, Helfer, Menschen, die genauso denken wie sie. Die haben einen Kosmos.“ Das hätten die Behörden wissen können, sie hätten es sogar wissen müssen, glaubt Flade.

 

Im Weddinger Hähnchengrill ist Amri weit weg. Für Flade ist der Terrorist kein Schreckgespenst, der den Journalisten bis in seine Träume verfolgt. Es scheint fast so, als bewege Flade der Terror kaum. Begibt man sich auf Spurensuche, zeichnet sich ein anderes Bild.

 Im Netz hat der Investigativjournalist seine Spuren akribisch verwischt. Sein Blog über Dschihadismus, der Flade Raum bietet für Reflexion, hat nicht mal ein Impressum. Aus Vorsicht. Denn immer wieder erhält er Morddrohungen aus der Islamistenszene. Wer nach Flade im Netz sucht, stößt auf ein Video. Fast 2000 Aufrufe, 18 Daumen nach oben. Hochgeladen von „allahuakbar11“ im Juni 2012. „Journalist und Geheimdienstagent und Diener der Amerikaner und Diener der Demokratie und Diener des Imperialismus“, nennt eine schneidende Männerstimme Flade in dem über 15 Minuten langen Video. „So soll dieser Hund aufpassen, was er sagt. Denn wir wissen sehr gut über ihn Bescheid. Möge Allah ihn rechtleiten oder vernichten“, sagt der Mann. 

Flade weiß, dass er einen riskanten Job macht. Das ist auch der Chefredaktion klar. Und der Polizei. Als man ihm Polizeischutz anbot, lehnte er ab: „Ich passe auf mich auf.“

 

Die größte Hürde seiner Recherche? Der Verfassungsschutz

Ein Zyniker würde dem Polizeirevier in der Perleberger Straße im Berliner Stadtteil Moabit wohl eine Top-Lage bescheinigen. Die Moschee, in der Amri ein- und ausging, in der er sich vermutlich radikalisierte, liegt genau gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Die Fenster der Polizeiwache reflektieren das gleißende Sonnenlicht. Aus diesen Fenstern beobachtete eine Kamera wochenlang jeden, der in der Moschee ein- und ausging. Auch Amri. In genau diese Moschee hatte der Verfassungsschutz einen V-Mann platziert. All das findet Flade bei seiner Recherche heraus. „Mich hat überrascht, dass Amri unter diesen Bedingungen, da er doch so im Visier der Behörden stand, überhaupt diesen Anschlag begehen konnte“, sagt Flade. Er konfrontiert die Behörden mit seinen Rechercheergebnissen. Viele Stellen seien sehr kooperativ gewesen, doch beim Verfassungsschutz habe er auf Granit gebissen. „Es war, als würden sie mit einer Wand reden.“ Er will dem Verfassungsschutz keinen Vorwurf machen, doch er appelliert seit dieser Erfahrung an eine Ausweitung der Auskunftsrechte für Journalisten. „Wenn sie jede Anfrage mit der Begründung abbügeln können, dass eine Antwort das Staatswohl gefährden könnte, dann passt da etwas nicht“, sagt Flade.

 

Im Mai 2018 erscheinen seine Recherchen als dreiteilige Serie in der „Welt“. In „Amris Freunde“ beschreibt der Journalist, wie unwahrscheinlich das Bild des Einzeltäters Amri ist. In „Amris Waffe“ verfolgt er die Spur der Pistole, mit der der LKW-Fahrer erschossen wurde, bis nach Serbien. In „Amris Moschee“ findet er heraus: Der Verfassungsschutz war Amri viel näher, als er bislang zugeben wollte. Die „Welt“ gibt dem Thema Amri fast anderthalb Jahre nach dem Anschlag viel Platz, an drei aufeinanderfolgenden Tagen bekommt Flade die wichtigste Seite des Blattes. 

 

„Am meisten Zuspruch für diese Geschichte erhalte ich von Muslimen“, sagt Flade. „Die sagen: Islamistische Terroristen sind unsere Neonazis.“ Später wird auchdie Angehörige eines Opfers Flade ansprechen. „Gut, dass sie dranbleiben“, wird sie sagen –am Rande einer Sitzung des Untersuchungsausschusses des Bundestages, der die Behördenfehler im Fall Amri aufarbeiten soll. So hat sich die Szene  im Gedächtnis des Journalisten eingebrannt. Sie erzählt davon, was Flade mit hartnäckiger Berichterstattung bewirken kann. Einer, der es schaffen kann, Opfern Mut zurückzugeben. 

 

Nach dem Anschlag hat sich der Breitscheidplatz eingezäunt - mit Pollern und Durchfahrtssperren. Foto: Raphael Markert

Viele Fragen bleiben unbeantwortet

Die Aprilsonne verleiht dem Breitscheidplatz an diesem Tag eine Friedlichkeit, die bei genauerem Hinsehen beinahe trügerisch erscheint. Flade geht vorbei an drahtummantelten Steinen, an weiß-roten Pollern, die vor einem erneuten Anschlag schützen sollen. Flade hat vor dem Terror nie Angst haben wollen. Nun steht er auf dem Platz, der von Angst zu erzählen scheint. Ein Platz, der sich einzäunt. Blumen liegen auf den Treppen vor der Gedächtsniskirche. Viele Menschen rennen vorbei, fotografieren die Kirche, die Turmruine aus dem Zweiten Weltkrieg, die dort als Mahnmal für den Frieden stehen blieb. Andere halten inne an der Stelle, wo sich heute ein in Bronze gegossener Riss über den Platz zieht. Flade setzt sich auf die von der Sonne gewärmten Treppensteinen. „Man hat immer dieses Grauen, die Verletzten, die Toten die zertrümmerten Buden vom Weihnachtsmarkt im Kopf“, sagt er.  Er war immer wieder an diesem Ort. Meistens dann, wenn er wieder über den Anschlag berichtete. Noch immer sind für ihn viele Fragen offen. Wie kam Amris Tatpistole in den 90er-Jahren nach Deutschland? Warum konnte der Verfassungsschutz den Terroristen nicht stoppen?  Was wussten seine Freunde wirklich? Das weiß Flade auch nicht, aber sagen könne er: „Diese und diese Personen sind sehr widersprüchlich in ihren Aussagen, die sollte man weiter im Blick behalten.“

 

Seit Mai 2019 läuft ein Prozess gegen einen möglichen Komplizen Amris, der etwas Klarheit schaffen soll. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ knüpft in ihrem Prozessbericht indirekt an Flade an und fragte „War Anis Amri gar kein Einzeltäter?“ Viele Fragen werden wohl für immer Fragen bleiben. Flade frustriert das. Er weiß, dass es etlichen Ermittlern ähnlich geht, weiß,  dass hier nicht eine Person, an einer Stelle gravierende Fehler gemacht hat. Ein ganzes System habe versagt, an vielerlei Punkten, aus vielerlei Gründen. 

 

Er würde gerne mehr wissen, würde gerne mehr erzählen können. Für die Opfer, für die Angehörigen. Ihn interessiert die ganze Wahrheit, aber seine Aufgabe sieht er im Abbild der Realität: Zeigen, was sich belegen lässt. Ohne Furcht. Das sagt er noch, bevor er in Richtung U-Bahn davongeht. Er muss heute noch arbeiten. Woran, darf er nicht verraten.

 

Mitarbeit: Prof. Dr. Marlis Prinzing, Victoria Weller


Auszeichnungen:

"Wächterpreis der Tagespresse" 2019

Flades Vita in der Kurzübersicht

  • geboren 1989, lebt und arbeitet in Berlin 
  • aufgewachsen in Mannheim (Baden-Württemberg) und Bückeburg (Niedersachsen)
  • Studium der Politik- und Islamwissenschaft an der Universität Bern 
  • ab 2011 als Reporter im Investigativ-Ressort der WELT und WELT am Sonntag in Berlin tätig
  • ab 2016 Chefreporter der WELT-Gruppe in Berlin, zuständig für die Themen der Inneren Sicherheit, Terrorismus, Extremismus, Nachrichtendienste und Kriminalität
  • seit Februar 2019 als Reporter für den Rechercheverbund aus WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung in Berlin tätig