Die panorama-Redaktion des NDR versus DokZentrum ansTageslicht.de

Ein Erfahrungsprotokoll aus 2008 über journalistisches Selbstverständnis, Recherchequalität und Konfliktmanagement beim NDR

 

 

CC-BY-SA: www.ansTageslicht.de/GEZ

Als wir uns 2008 mit dem Thema 'GEZ' bzw. Rundfunkgebühren beschäftigt hatten bzw. im Rahmen der Wächterpreis-Dokumentation auseinandersetzen mussten, hatten wir nicht schlecht gestaunt, wie heikel dieses Stichwort bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten - zumdindest in der Redaktion des Politmagazins panorama und dem NDR - empfunden wird. Weil der 4. Wächterpreis der Tagespresse an einen Volontär der FAZgegangen war, der über die damalige "Gebühreneinzugszentrale" und deren Praktiken berichtet hatte, war dies für uns der Anlass, uns mal die Zahlen und die Entwicklung der Rundfunkgebühren seit 1975 näher anzuschauen. Was danach passiert ist, lesen Sie im folgenden:


Die Attacke erfolgt unerwartet. Sie kommt per e-mail vom stellvertretenden Redaktionsleiter des TV-Politmagazins panorama des NDR, Volker STEINHOFF: „Gerade habe ich auf Eurer Seite Propagandamaterial gegen die GEZ mit entsprechenden Kommentaren gefunden. Auch ein ziemlich dubioser 1:38er Film findet sich da. ... An dem Film ist einfach viel zu unseriös.

Wir werden auch gleich über die Konsequenzen belehrt: „Wenn Ihr Euch weiter als anti-Gebühren-Propagandisten betätigen wollt, müssen wir leider die Kooperation neu bedenken. Dann muß ich auch die anderen ARD-Magazine informieren.

Kleine Rückblende

Wir kooperier(t)en mit panorama seit 2005. Studenten des Studiengangs „Medien und Information“ an der Fakultät Design, Medien und Information der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg können im Rahmen eines interdisziplinären Fachprojekts am DokZentrum ansTageslicht.de mitarbeiten. Wir suchen uns relevante und brisante Themen und Geschichten heraus, die bereits gesendet oder veröffentlicht wurden. Wir arrangieren den unkomplizierten Onlinezugang ohne umständliche Suche in schlecht sortierten Archiven. Und wir dokumentieren die Geschichten hinter den Geschichten: Wir rekonstruieren, wie Missstände und Skandale entstanden sind, wie die Informationen an die Medien gelangt, sprich ans Tageslicht gekommen sind, wer sich den Recherchen der Journalisten entgegengestellt hatte, wie die Geschichten weitergehen und vor allem was sich danach verändert. Wir mach(t)en das z.B. auch mit Beiträgen des TV-Magazins Kontraste des Senders Radio Berlin-Brandenburg, RBB.

Wir machen das aber auch jedes Jahr mit jenen Geschichten, die den berühmten „Wächterpreis der Tagespresse“ zugesprochen bekommen (siehe die WÄCHTERPREIS-Geschichten): große überregionale Blätter, aber eben auch immer regelmäßig kleine und mittlere Lokalzeitungen, in denen sich „couragierte Reporter“ mit den Großen und Mächtigen anlegen – unter vergleichsweise oft schwierigen Bedingungen. 2008 wurde – neben einer unendlichen Story aus Sachsen-Anhalt, wo drei engagierte Polizisten kaltgestellt wurden, die sich der Bekämpfung des Rechtsradikalimus verschrieben hatten, und einer nicht enden wollenden Wassergiftstory aus Nordrhein-Westfalen, in der ein Informant verhaftet und eine Landtagsabgeordneter abgehört wurde – erstmals auch ein „Volontärspreis“ vergeben. An die große FAZ. Für die Veröffentlichung typischer Abzocke-Geschichten durch die „Gebühreneinzugszentrale“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, kurz GEZ. Aber auch dafür, dass das Nachwuchstalent der FAZ die „fragwürdigen Praktiken“ beschrieb, wie die GEZ „vermeintliche Gebührenschuldner verfolgt“, indem „sie die juristische Unkenntnis der Bürger bewusst ausnutzt“ - so die Jury der "Stiftung Freiheit der Presse", die den Wächterpreis auslobt.

Die Rundfunkgebühren seit 1975

Wie üblich sind alle diese FAZ-Artikel hier bei uns im DokZentrum nachzulesen (Die Berichte der FAZ). Und wir hatten zwei Grafiken aufbereitet. Die eine zeigt, wie sich seit 1975, dem Gründungsjahr der GEZ, die Rundfunkgebühr (Singular!), also der Gebührensatz entwickelt hat: von 5,36 auf 17,03 €. Im anderen Schaubild präsentieren wir, wie daraus die Rundfunkgebühren (Plural!) als Einnahmen der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten bis heute angestiegen sind: von 1,2 Mrd. € auf 7,2 Milliarden. Die Ergebnisse unserer Recherche schmecken jenen, die davon profitieren, nicht unbedingt, wenn man darüber spricht, schreibt oder sendet: Denn die Rundfunkgebühr (Singular) hat sich ver-3-facht, die Rundfunkgebühren (Plural) haben sich ver-6-facht.

Zum Vergleich: Die Steuereinnahmen des Staates sind im selben Zeitraum um das 4-fache gestiegen, die durchschnittlichen Arbeitnehmerentgelte um das 2,5-fache und das Preisniveau (Lebenhaltungskostenindex) hat sich mal gerade verdoppelt. Das öffentlich-rechtliche Wachstum ist dabei einsame Spitze.

Die Attacke nach 85 Tagen

panorama  kennt diese Zahlen und die Abbildungen seit 25. April 2008. Wir hatten sie in anderem Zusammenhang unserem NDR-Kooperationspartner zugeschickt. „Diese Grafik halte ich für falsch“, reagierte der stellvertretende  panorama -Chef. Dann möge er doch sagen, was genau daran „falsch“ sei, mailen wir zurück und schicken ihm die zusammengestellten Zahlen, Tabellen und Quellen gleich mit. Keine Antwort. Jedenfalls 85 Tage lang.

Eine Reaktion dann am 86. Tag, am 20. Juli: die selben Vorwürfe, diesesmal garniert mit einer handfesten Drohung, dass dann wohl auch alle „anderen ARD-Magazine“ die Kooperation mit uns „neu überdenken“ würden.

Wir sind ersteinmal sprachlos: Wir schicken  panorama  eine Zusammenstellung von Fakten, die wir – in anderem Kontext – veröffentlichen wollen. Wir ahnen zwar, dass sie bei dem ‚unabhängigen Politmagazin’ – wie vermutlich bei allen anderen „Öffentlich-Rechtlichen“ – nicht unbedingt Freude auslösen (können). Denn wer sich im „wärmenden Strom von sieben Milliarden Euro“ (Ernst ELITZ, Intendant von Deutschlandradio) sonnen kann, spricht selber nicht gerne darüber und mag es auch nicht, wenn andere es tun. Aber von einem streitbaren Politik-Magazin, das zu den Urgesteinen des kritischen Journalismus der ARD gehört, erwarten wir anderes.

panorama  jedoch sagt einfach, alles ist „falsch“. Und wenn wir nachfragen, was denn genau, besteht die ‚Antwort’ in einer Drohung: mit „Anti-Gebührenpropagandisten“ könne man nicht (mehr) zusammenarbeiten.

  • Studenten am DokZentrum ansTageslicht.de lernen: Eine inhaltliche Auseinandersetzung führt, erst recht wenn sie kontrovers ist, nur dann weiter, wenn man sachlich bleibt und auf Argumente der anderen Seite eingeht. Und wenn man auf Fragen oder Nachfragen, Antworten gibt. Voraussgesetzt, man möchte den Dingen wirklich auf den Grund gehen. Fakten sind zwar Fakten, man kann sie aber – manchmal – unterschiedlich interpretieren.

Nachfragen

Wir fragen also nach einem Vierteljahr – nach der unerwarteten Attacke – erneut, was genau ist denn „falsch“, warum ist das „unseriös“ oder „dubios“, warum ist es denn „Anti-Propaganda“? Immerhin haben wir doch im fraglichen Kontext klipp und klar geschrieben, „dass wir aktive Befürworter eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems" sind. Allerdings nicht so, wie es derzeit teilweise funktioniert“, und damit meinen wir nicht nur die regelmäßig bekannt werdenden Abzocke-Methoden der GEZ, sondern vor allem den Umstand, dass regelmäßiges Geld in einer derartigen Höhe eigentlich nach etwas mehr Transparenz, sprich Rechnungslegung der Öffentlichkeit gegenüber verlangt. Denn die staatlich administrierten Rundfunkgebühren sind „unser Geld“ , wie wir ausführlich dokumentieren.

Diesesmal lässt  panorama  nicht so lange auf sich warten. Diesesmal kommt die Reaktion bereits nach 5 Tagen. Wir „hätten besser auf panorama gehört“, schreibt der stellvertretende Redaktionsleiter Volker STEINHOFF: „Wir haben die Zahlen inzwischen verifiziert. Die detaillierte Analyse meiner Kollegen hier im Anhang.

  • Studenten lernen: Wenn man eine Expertise oder ein Gutachten braucht, gibt es mehrere Möglichkeiten. Will man lesen, was man hören will, so ist ein Gutachter aus dem eigenen Stall empfehlenswert. Will man etwas wissen oder erklärt bekommen, was man selbst nicht versteht, so ist man gut beraten, einen ausgewiesenen Experten darum zu bitten. Will man Zahlen, die man kritisch sieht, wirklich hinterfragen und/oder Gegenargumente dazu haben, sollte man einen möglichst ‚Unabhängigen’ damit beauftragen.

Das Hausgutachten des NDR für die panorama-„Kollegen“ kommt in Gestalt der NDR-Abteilung „ABW/MIP“ mit Datum vom 30. Juli 2008 einher. Unsere Zahlen „sind nachvollziehbar“. Allerdings: „Die Grafik ist gleichwohl irreführend und vermittelt einen falschen Eindruck,“ heißt es in dieser NDR-Expertise:

Wir haben in unserer Hintergrunddokumentation 2 (in Worten: zwei) Grafiken präsentiert: Einmal die Entwicklung der Rundfunkgebühr (Singular) als Gebührensatz, der zu dieser Zeit (noch) 17,03 € im Monat betrug. Zum anderen aber auch jene der Rundfunkgebühren (Plural), die als Einnahmen vor allem in den Kassen der Sender klingeln: 7,2 Milliarden Euro im Jahre 2006.

Irgendwie überkommt uns die Befürchtung, dass die Abteilung „Allgemeine Betriebswirtschaft“ im NDR vielleicht nicht beide Grafiken kennt und einige Zusammenhänge miteinander verwechseln könnte – Zeitreihen über längere Perioden und/oder Fragen der Einbeziehung und Interpretion von Preissteigerungen, sprich umgekehrt von de-flationierten Werten, gehören nicht unbedingt zum gängigen Repertoire betriebswirtschaftlicher Fragestellungen. Ich rufe daher dort an.

Der zuständige Sachbearbeiter gibt mir Auskunft und versucht mir zu erklären, weshalb er zu dem Fazit komme, dass „ein Vergleich auf Basis des Volumens der Erträge aus Teilnehmergebühren (gemeint: Rundfunkgebühren, Plural, Anm. d. Red.) nicht zulässig“ sei. „Es lässt sich nur Gleiches mit Gleichem vergleichen. So würde man z. B. sicher auch nicht die Umsatzzahlen von Verlagen vergleichen, die 1975 nur eine Zeitschrift und 2006 10 Zeitschriften auflegen.“

  • Studenten lernen: Gleiches mit Gleichem zu vergleichen, macht wenig Sinn. Die einzige Aussage bestünde in der Erkenntnis, dass identische Dinge identisch sind. Ungleiches miteinander zu vergleichen ist interessanter. Man kann nach Unterschieden und/oder Gemeinsamkeiten suchen. Und diese dann erklären oder interpretieren.


Das sage ich dem Sachbearbeiter so nicht, denn er bittet um Verständnis, er sei „nur das letzte Glied in der Kette“. Ob ich verstünde, was er damit meine? Ich möge doch bitteschön seine Chefin anrufen. Also telefoniere ich ein zweites Mal.

Die Fakten

Die Fakten seien nicht richtig dargestellt, meint die NDR-Dame von „ABW/MIP“. Schon der Duktus des Artikels von den „gierigen Rundfunkanstalten“ zeige, was wir bezweckten. Da werde doch der Leser „schon mal so richtig in Stimmung gebracht“. Und Preise und Mengen gegenüberzustellen, das ginge schon garnicht.

  • Unsere Studenten wissen: In unseren Grafiken sind sowohl Preis- also auch Mengenentwicklungen präsentiert, selbstverständlich. Denn wir wollen zeigen, dass die gigantische Expansion der Rundfunkgebühren (Plural), also die Einnahmen der öffentlich-rechtlichen Sender zum einen damit zusammenhängen, dass die Anzahl, d.h. die „Menge“ der gebührenpflichtigen TV-Geräte gestiegen ist – die TV-Dichte pro Haushalt liegt inzwischen bei über 100%. Zum anderen ist aber eben auch die Rundfunkgebühr (Singular) als Gebührensatz, also der „Preis“ fast durchgehend über 30 Jahre erheblich stärker gestiegen als die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten. Konsequenz: Die gestiegene Menge an Fernsehgeräten, nicht zuletzt bedingt durch einen Wachstumsschub um rund 25% qua Wiedervereinigung im Jahre 1990 und diese multipliziert mit dem überdurchschnittlichen Anstieg des Preises für die Rundfunkgebühr (Singular) um 300% entlädt sich zwangsläufig zu einer kleinen Explosion an Rundfunkgebühren (Plural) für die Sendeanstalten. In der Summe um 600% seit 1975.


Ich kann das nicht vermitteln. Ich gebe auf. Die Dame bekennt: „Ich bin nun mal Betriebswirtin“.

  • Studenten am DokZentrum lernen: Bevor man jemanden mit Argumenten schachmatt setzen möchte, sollte man sich diesen Jemanden genauer anschauen. Recherchieren also ist angesagt. Und wenn man selber nicht beurteilen kann, wie die Gegenseite einzuschätzen ist, sollte man einen – möglichst unbeinflussten – Dritten fragen, ob er eine solche Einordnung zu geben imstande ist. Will man gar einen ausgewiesenen Experten vorführen, sollte man sich seiner Sache ausgeprochen sicher sein.

 

panorama : "Propaganda"

Dies alles geschieht beim „investigativen Magazin“  panorama  nicht. Der stellvertretende  panorama -Chef bringt vielmehr in seiner Antwort-Mail vom 30. Juli die Statements seiner beauftragten Hausexpertise offenbar vollends durcheinander, spricht gar von  „einem krassen Fehler“  bei uns. Aber er weiß natürlich ganz genau, wie  „dieser billige Propagandatrick zu enttarnen ist“ :

„Natürlich ändert sich die Summe der EINNAHMEN aus Rundfunkgebühren durch die Wiedervereinigung fundamental (mehr Fernsehnutzer=Gebührenzahler), während die durchschnittlichen Verbraucherpreise durch die Wiedervereinigung unmittelbar überhaupt nicht berührt werden.“

Und erklärt dann zum Schluss, im typischen  panorama -Duktus zu unserem kleinen Film:

Eine Straßenumfrage mit

  • einer suggestiven Frage
  • die auch noch auf manipulierten Zahlen beruht,

nennt man: Propaganda.

Ich antworte tags drauf. Versuche es zum dritten Mal. Wieder mit Erklärungen. Weise auf den Unterschied zwischen Rundfunkgebühr (Singular) und Rundfunkgebühren (Plural) hin. Dass man Steigerungsraten selbstverständlich mit dem Anstieg von Verbraucherpreisen vergleicht. Und dass es ja so ungewöhnlich nicht ist, „ dass zwei (oder mehrere) Menschen ein und denselben Umstand unterschiedlich beurteilen.“ Die Frage wäre nur, „ob dies auf sachliche oder polemische Weise geschieht. Sachlich gesehen kann man diskutieren und argumentieren. Wenn jemand (nur) polemisieren will, geht das bekanntlich nicht.“

panorama's  email-Aktion

Und wir wollen wissen, ob das, was wir hier zu Lesen bekommen, die private Meinung des  panorama -Manns, der  panorama -Redaktion oder die des NDR wäre. Die mail geht um 10:47 Uhr ab, dürfte wenige Sekunden, allenfalls Minuten später bei  panorama  sein. Um 13:44 erreicht mich eine neue mail. Den Absender kenne ich nicht. Aber den Text in der Betreff-Zeile: „Anti-Gebühren-Propagandisten“.

Der mir unbekannte Absender schreibt an den  panorama -Mann, gibt mir aber eine Kopie zur Kenntnis:

„Sehr geehrter Herr Steinhoff, dass Sie mich aus irgendwelchen Maillisten, in denen ich mich übrigens nicht befinde, herausfischen, finde ich befremdlich. Woher haben Sie meine Adresse? War nicht Panorama immer ein Vorkämpfer des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung?“

Beim Lesen wird mir klar, wieso ich diese mail erhalte – der Absender antwortet seinerseits auf eine empfangene Mail direkt aus der panorama -Redaktion. Die hat inzwischen eine größere Versandaktion gestartet:

„Sehr geehrte Damen und Herren. Nach meiner Kenntnis sind Sie Empfänger von Rundmails von Prof. Ludwig in Hamburg, der das Projekt www.anstageslicht.de betreut“, beginnt das Schreiben. „Seit kürzerem wird dort eine ... Kampagne gegen die Gebühren für ARD und ZDF geführt ... Meinen Meinen Schriftwechsel hierzu ... möchte ich den Interessierten unter Ihnen nicht vorenthalten.“

Ich bin erneut sprachlos.  panorama  benutzt einen von uns zusammengestellten email-Verteiler für unsere eigene Klientel, an den der stellvertretende  panorama -Chef irgendwie herangekommen war. Einzige Erklärung: Auch  panorama  muss auf diesem Verteiler gestanden haben. Und wir hatten übersehen, unsere Adressaten für alle Dritte unkenntlich zu machen. Ein Fehler, der zu unseren Lasten geht. Trotzdem: für die Nutzung fremder email-Adressen gibt es eine klare Begrifflichkeit: Datenmißbrauch.

  • Studenten wissen: Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Will man anderen den Spiegel vorhalten, so sollte man tunlichst das unterlassen, was man bei anderen kritisiert. Sonst leidet die Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut eines Mediums. Erst recht eines ‚investigativen’ Magazins. Praktiziert man also selbst, aus welchen Gründen auch immer, flächendeckend Datenmissbrauch, so hat man dieses Thema selbst ‚verbrannt’.

 

Journalisten werden aufmerksam

Wie auch immer, auf unserem – von panorama benutzten – Verteiler steht auch der Name Sabine PAMPERRIEN, ihres Zeichens Chefredakteurin der Fachzeitschrift  Berliner Journalisten . Sie wird stutzig ob der merkwürdigen Korrespondenz zwischen  panorama und uns, die sie unaufgefordert von der  panorama -Redaktion zugestellt bekommt. Sie mailt noch am selben Tag insgesamt 11 Fragen an den  panorama -Mann, z.B.:

  • „Ist es üblich, dass Panorama fremde Verteiler (hier: die Empfänger einer Rundmail des Kritisierten) für die Verbreitung von Informationen nutzt?
  • Gibt es bereits Stellungnahmen?
  • Haben Sie – wie angekündigt – auch die anderen öffentlich-rechtlichen Kooperationspartner von anstageslicht.de informiert? Wen dort? Gibt es zitatfähige Reaktionen? Können Sie mir Ansprechpartner benennen, die Ihre Auffassung teilen?
  • Ist Ihr Vorgehen mit der Chefredaktion resp. Intendanz abgestimmt?

Der stellvertretende panorama-Chef ist offenbar in Fahrt gekommen – er antwortet nur wenige Minuten später: Die mail wäre nur an jene Gruppe adressiert, die mit ansTageslicht.de kooperiere. Deshalb gelte: „Da ein Mail an eine geschlossene Gruppe per se nicht öffentlich ist, Ihre Fragen aber auf eine Publikation zielen, entfällt der Anlaß für eine weitere Antwort.“

Sabine PAMPERRIEN gibt sich mit derlei Ausflüchten nicht zufrieden: „Sehr geehrter Herr Steinhoff, da Sie mich persönlich über den Verteiler von Professor Ludwig unter Bezug darauf, dass Sie sich explizit an uns wenden, angeschrieben haben, wundert mich Ihre Antwort. Haben Sie sich bei allen Empfängern des Rundbriefs von Professor Ludwig entschuldigt? Zudem: Die Begründung, warum Sie meine Fragen nicht beantworten möchten, ist nicht schlüssig. Sie haben den Vorgang selbst öffentlich gemacht und um Reaktionen gebeten.“

Diesesmal dauert die panorama-Antwort etwas länger, sie stammt vom Nachmittag, Freitag den 1. August, und besteht vor allem aus dem einen Satz, der mehrmals als Antwort herhalten muss: „Leider handelt es sich hierbei um eine betriebsinterne Angelegenheit. Sie haben sicher Verständnis dafür, dass ich dazu nichts mitteilen kann. Die Diskussion um die "Kampagne gegen die Gebühren für ARD und ZDF" berührt diese Frage in jedem Fall nicht.

Die nun eingeschaltete NDR-Pressestelle muss sich erst einlesen. Tage später ist die stellvertretende Pressesprecherin Iris BENTS für die Chefredakteurin PAMPERRIEN am Telefon zu sprechen. Die Frage, ob es bei panorama oder beim NDR üblich sei, Informationen über fremde email-Verteiler abzusetzen, oder ob es vielleicht einen Kodex gebe, beantwortet sie zunächst ausweichend. Als die Chefredakteurin nachhaken will, ist die plötzlich die Leitung unterbrochen – „klang irgendwie aufgelegt“, wird sich Sabine PAMPERRIEN erinnern.

Dabei hatte die Pressedame eine überzeugende Antwort. Jedenfalls so, wie sie sie uns selbst einige Tage später gegeben hatte: „Eines Kodex' für E-Mail- oder sonstige Adressverteiler bedarf es im NDR nicht, da die NDR-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Aufgaben gemeinhin verantwortungsvoll erfüllen.

Aha!

Keine Antwort mehr

Auch ich erledige meine neuen ‘Aufgaben’ verantwortungsvoll. Auch ich versuche an jenem Freitag in einem weiteren Anlauf beipanorama „ganz dezent nachzufragen“, warum die Redaktion „so felsenfest davon überzeugt sei, dass sie zu 100% Recht habe und wir zu 100% falsch (dubios, unseriös etc) liegen“ würden? Und wir schreiben, weshalb uns das inzwischen immer brennender interessiert: Damit wir besser verstehen, wie „verifizieren“ bei panorama funktioniert, dem Urgestein des „investigativen Journalismus“.

Postwendend die Antwort des zweiten panorama-Manns STEINHOFF: Er habe die Antwort bereits in seiner vorigen email gegeben, siehe das Gutachten!

Nun kann man Nachsicht und Geduld in unterschiedlichen Graden üben, aber ich probiere es nocheinmal und frage erneut, einfach um ganz sicher zu sein, ob a) panorama mich richtig und b) umgekehrt ich panorama richtig verstanden habe, dass panorama der unumstößlichen Meinung wäre, (nur) die panorama-Sicht ist korrekt? Oder ob wir uns vielleicht nicht verständlich (genug) ausgedrückt hätten?

Ich werde es nie erfahren. Der stellvertretende Redaktionsleiter hat die Kommunikation mit mir und uns eingestellt.

 

Kommunikation mit dem panorama-Chef

Dafür kommuniziere ich inzwischen jetzt mit dem Redaktionsleiter von panorama, Stefan WELS höchstpersönlich, seines Zeichens auch stellvertretender Chefredakteur beim NDR-Fernsehen. Ich kommuniziere mit ihm seit jenem Tag, als dessen Stellvertreter die Welt mit seiner Email-Versandaktion flutete. Ich hatte ihn sofort im Urlaub angerufen. Hatte ihn darauf hingewiesen, dass dies weniger ein Problem für uns wäre als dass es eines für panorama werden könnte. Denn wer selbst im Glashaus sitzt, kann kaum noch glaubwürdig über Datenmißbrauch berichten. Der panorama-Chef vertröstet mich auf Anfang der Woche.

Wir telefonieren also wenige Tage später, derweil Sabine PAMPERRIEN an ihren Recherchen sitzt. Ich erkläre auch ihm alles gerne nocheinmal. Ich habe inzwischen Übung.

Keine Übung indes besitze ich ganz offenbar, auch zu überzeugen. Jedenfalls nicht bei panorama. Ich kämpfe nämlich inzwischen gegen das an, was man öffentlich-rechtliche Ignoranz nennen kann:

„Niemand geht es darum, eine Auseinandersetzung über die Gebührengelder zu verhindern. Im Gegenteil, es ist sinnvoll, eine solche Debatte kontrovers zu führen. Allerdings ... sollten die Fakten stimmen und die angestellten Vergleiche seriös sein,“ mailt mir der panorama-Chef. Genau dies sei „leider nicht der Fall. Ich weiß nicht, ob es auf der Seite noch weitere Fehler gibt, will das auch dahingestellt lassen. Ich würde mich freuen, wenn Sie das korrigieren könnten.“

Ich maile zurück, dass ich inzwischen ein wenig ratlos bin. Weil ich mit panorama einfach nicht über das fragliche Thema reden kann. „Weshalb es nicht geht, sind anscheinend 2 Dinge:

1) Weil ich verstehen möchte, was es denn ist, das Sie stört und/oder was "falsch", "unseriös", "dubios" etc sein soll, stelle ich Fragen. Ich bekomme aber keine (wirklichen) Antworten.

2) Weil sich panorama hinsichtlich der 'Bewertung' und/oder 'Interpretation' der fraglichen Fakten ganz offensichtlich (nur) auf das 'Gutachten' oder die 'Expertise' (oder wie auch immer man diesen Text bezeichnen soll oder will) der NDR-Abteilung "ABW / MIP" verlässt, und diese eine - jedenfalls für panorama - 'eindeutige' Aussage gemacht hat, wie man unsere/meine Grafiken zu bewerten bzw. zu interpertieren hat, kommen wir auch hier nicht weiter: Meine Frage, wieso denn die panorama-Redaktion die Deutungshoheit ausschließlich in dieser (betriebseigenen) Abteilung sieht, blieb bisher ebenfalls unbeantwortet.“

"Mail an alle"

Ich lasse panorama Zeit, warte bis nach der nächsten Sendung, denn davor ist überlicherweise immer Stress angesagt. Inzwischen erscheint in der Berliner Zeitung ein Artikel von Sabine PAMPERRIEN: „Mail an alle“.:

Die Auseinandersetzung und deren Stil sind dort kurz und prägnant zusammengefasst. Die Informationen über mich in der flächendeckenden Mailaktion bezeichnet die Autorin als „anschwärzen“.

Der Artikel sitzt. Und ich im Zug, als mich ein Anruf des  panorama -Chefs am Telefon ereilt: Was denn das jetzt wäre – wir versuchen miteinander zu reden und dann dieser Artikel! Ich möchte es nicht glauben. Jetzt wird mir auch das vorgehalten.

  • Studenten lernen: In unserem Land herrscht Pressefreiheit. Die wenigsten haben auf die Berichterstattung direkten Einfluss. Sicher ist nur: Wenn eine Redaktion flächendeckend eine Mail verschickt, die dann auch an den ein oder anderen Journalisten gelangt, in der einem Wissenschaftler "krasse Fehler" und "Propaganda" vorgeworfen werden, ist das offenbar für den oder die ein oder andere interessant genug, einem solchen Vorwurf nachzugehen. Möglicherweise gibt es sogar eine (positive) Korrelation zwischen dem Grad des Vorwurfs und dem Bekanntheitsgrad eines Wissenschaftlers, der gerade in dem fraglichen Aspekt gewissermaßen als (ausgewiesener) 'Experte' gilt. Wenn man dann auch noch die Recherchen und Nachfragen ins Leere laufen lässt, eine Pressesprecherin den Telefonhörer auflegt, also Journalisten nach allen Regeln der Kunst ‚scharf’ macht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man mit solchen Dingen ins Blatt kommt.


Nebenbei,  panorama  würde so etwas ganz sicher nicht anders machen.

Ich schreibe das so an  panorama , entschuldige mich gleichzeitig dafür, dass dies ironisch klingen mag, aber es käme mir inzwischen absolut surreal vor, dass ich jetzt auch noch erklären müsse, wie es zu solchen Artikeln in der Presse kommen kann. In einem Blog von  Wirtschaftswoche  und  Handelsblatt  läuft diese Story von Anfang an.

Und von Anfang an sind unsere Zahlen und Darstellungen korrekt, natürlich. Das hat die Journalistin beim renommierten Institut für Rundfunkökonomie an der Uni Köln abgefragt. Nur panorama und der NDR wollen das nicht wahrhaben. Und weil ich das inzwischen als ein größeres Problem betrachte, maile ich an den Intendanten des NDR. Mit dem stehe ich wegen einer ganz anderen Sache in Kontakt. Ich signalisiere ihm, dass ich die stille Hoffnung habe, dass andere Projekte „nicht durch diese – für mich/uns völlig unverständliche Aktion – beeinträchtigt werden.“

Aktionen im Hintergrund

Was zwischenzeitlich geschieht, erfahre ich erst später.  panorama  und  Kontraste  haben sich zusammengesetzt. Sie haben, wie gleich zu Beginn der Attacke avisiert, das Ende der Kooperation mit uns beschlossen. Trotzdem kommt es zu einem Gespräch – zwecks Fortführung der Kooperation, wie mir der  panorama -Leiter versichert. Auch das erfahre ich erst später: Der Intendant hatte der Redaktion nahegelegt, mir mir (nochmals) zu reden. 

Versuch einer Diskussion

Feierabendzeit für „Öffentlich-Rechtliche“, das merkt man. Drei NDR-Vertreter sitzen mir (alleine) gegenüber. Der  panorama -Chef Stefan WELS, der Chef des Medienmagazins  ZAPP  und die Dame von der ABW-Abteilung, die das Gutachten gefertigt hatte. Dass auch ein Student von unserer Seite mitkommt, wollte man nicht. Und schon garnicht ein Protokoll. Weil wir ja über den Fortgang der Kooperation reden wollen. Volker STEINHOFF ist nicht mit von der Partie, hat offenbar Auftrittsverbot. „Hat keine Zeit“, so die offizielle Erklärung.

Dass die Art und Weise, wie die Auseinandersetzung gelaufen ist, „indiskutabel“ sei, erklärt man mir gleich zu Beginn. Wir konzentrieren uns daher auf die „Sache“. Es ist schwierig, öffentlich-rechtlichen Vertretern oder Journalisten deutlich zu machen, dass die Welt – manchmal – auch ein wenig anders funktioniert als es die „Öffentlich-Rechtlichen“ wahrhaben wollen. Denn das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem ist ein Quasi-Monopol. Zumindest wenn es um die Deutungshoheit bestimmter Fragen und Themen geht. Die laufen nämlich nur dort. Die Privaten haben vor allem kommerzielle Interessen. Und deshalb kommen für sie bestimmte Fragen nicht in Frage.

Der NDR ist nicht gut vorbereitet. Der  panorama -Chef sah sich außerstande, sich „1 ½ Tage in die Problematik einzuarbeiten“. Die Argumente der ABW-Abteilung kenne ich bereits. Der  ZAPP -Mann versucht auszugleichen. Ökonomische Zusammenhänge, z.B. Zahlenreihen und Preissteigerungsraten, sind aber alles andere als sein Hobby oder gar sein Spezialgebiet.

Wir einigen uns auf einen kleinen Mini-Kompromiss. Alles bleibt wie es ist auf der fraglichen Seite in unserem DokZentrum. Wir zeigen weiterhin die zwei Grafiken, die wir ausführlich interpretieren: einmal die Entwicklung der Rundfunkgebühr (Singular) und jene der Rundfunkgebühren (Plural). Nur in der allerersten Grafik gleich zu Beginn, also beim Einstieg in das Thema, zeigen wir jetzt beides in 1 Grafik: die Entwicklungskurve jeweils im Plural als auch im Singular. 

öffentlich-rechtlicher Abspann

Wie die Kooperation weitergehen könne, müsse man jetzt mal sehen, meint sybillinisch der  panorama -Chef zum Schluß.

Derweil tragen die Vorarbeiten des stellvertretenden  panorama -Chefs STEINHOFF Früchte: das Magazin  Kontraste  macht Schluß mit uns: "... erstaunt, welche Form die ... Zusammenarbeit angenommen hat".

Ich hatte zwischenzeitlich einen Mediator zu Rate gezogen. Als Projektmanagement-Lehrer kennt man sich natürlich mit Konflikt-Management aus, als unmittelbar Betroffener kann man aber nicht völlig unbefangen agieren.  panorama  hat eine solche externe Beratung (natürlich) nicht nötig, wie man mir auf Nachfrage bestätigt.

Der Mediator erklärt mir, die Mail-Versandaktion gleich zu Anfang würde auf der Eskalationsskala zwischen 5 und 6 liegen. Die Skala hat insgesamt 9 Punkte.

Auf eine Entschuldigung seitens  panorama  warte ich nicht.

Ich werde mich entschuldigen. Bei allen Studenten, denen ich bisher das TV-Magazin  panorama  als unverzichtbares Beispiel für „Recherche-Journalismus“ vermittelt habe.

(JL)


Nachtrag im Jahr 2018: Dass unsere Probleme mit panorama bzw. dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) kein Ausnahmefall sind, werden wir die nächsten Jahre erfahren: Mit Kritik wollen die öffentlich-rechtlichen Quasi-Monopolisten einfach nicht sachlich umgehen. Mehr zu diesem Thema unter www.ansTageslicht.de/oeffentlichrechtlich.