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So begann die Geschichte beim Kölner Stadtanzeiger - anstageslicht.de

So begann die Geschichte beim Kölner Stadtanzeiger

von Axel SPILCKER

Die nachfolgende Rekonstruktion, wie der Kölner Stadtanzeiger an die Geschichte kam, wurde von einem der drei maßgeblichen Lokalredakteure, Axel SPILCKER, für die journalistische Fachzeitschrift message (Heft 3/2003) geschrieben. SPILCKER arbeitet heute beim Nachrichtenmagazin Focus, München. 
Beide Redakteure hatten für die Berichterstattung, die mit einem gezielten Tipp einsetzte, 2003 einen "Wächterpreis der Tagespresse" erhalten. Warnende Hinweise und kritische Informationen vorher wurden vom Kölner Stadtanzeiger regelmäßig negiert.


Der Tipp kommt aus dem Kölner Justizzentrum. Ein Routineanruf bei einem Beamten, der stets ein Ohr am Puls der größten Ermittlungsbehörde Nordrhein-Westfalens hat, elektrisiert am 1. März 2002 die gesamte Lokal-Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers. "Übrigens", sagt der Mann, "wissen Sie, dass Herr Trienekens gerade mit seinem Anwalt bei uns im Haus eine Aussage macht?"Müll-Multi Trienekens bei der Staatsanwaltschaft - der Chef des landesweit größten Entsorgungskonzerns wagt den Gang nach Canossa.

Der trickreichste Strippenzieher der Abfall-Branche offenbart sich den Ermittlern in der Korruptionsaffäre um den Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage (MVA). Während Trienekens millionenschwere Schwarzgeldflüsse auf die Konten einer Schweizer Briefkastenfirma einräumt, sitzen bereits seit wenigen Tagen zwei weitere mutmaßliche Hauptakteure der Schmiergeldaffäre in Untersuchungshaft.Wir sind uns schnell einig: Der Konzernchef aus Viersen tritt die Flucht nach vorn an. Bevor andere ihn belasten können, will er reinen Tisch machen, er will aussagen, möchte eine mögliche Verhaftung verhindern.

In der Redaktion glühen die Drähte. Die Justizsprecherin bestätigt, Trienekens ist noch im Haus. Fotografen werden zum Justizzentrum geschickt, ich fahre raus. Kollegen tauchen auf, alles wartet auf den Kaufmann Hellmut Trienekens, der in drei Jahrzehnten ein milliarden-schweres Müll-Imperium aufgebaut hat. In vielen Städten Nordrhein-Westfalens hängt der 63-jährige Unternehmer im kommunalen Abfallentsorgungsgeschäft drin. Auch in Köln läuft nichts ohne den Müll-Multi vom Niederrhein.Im Lauf der folgenden Tage sickert aus Justizkreisen durch, dass Trienekens 1993/1994 zur Schmiergeldriege gehörte, die bei der Errichtung des Milliardenprojekts Kölner Müllofen mitkassierte. Erst nach Stunden wird er gesichtet und verschwindet schnell in seinem Wagen.

Eine aufregende Zeit

Es ist nur eine von vielen Geschichten über die Recherchen in der Kölner Müllaffäre. Bis heute sind Peter Berger, Andreas Damm und ich schwarzen Wahlkampfkassen der Kölner SPD, Millionenverstecken in Hinterhofgaragen und konspirativen Treffen von Schmiergeldkurieren in der Schweiz auf der Spur.
Mehr als elf Millionen Euro Bestechungsgelder flossen im Vorfeld, während des Baus und auch noch danach. Bei allem dabei immer wieder die Kölner Genossen, die als Erfinder der "Danke-Schön-Spenden" kräftig mitverdienten. Die illegale Stückelung von Firmenspenden führte zu einer erneuten Diskussion über die Parteienfinanzierung. Am Ende stolperte die gesamte Kölner SPD-Spitze über fingierte Spendenquittungen und riss schließlich die Bundespartei mit in die Krise.


Für das Rechercheteam ist es eine aufreibend/ aufregende Zeit. So manches Klischee aus Hollywood wird bedient. Informanten liefern interne Betriebs-Unterlagen, über dunkle Kanäle erhalten wir Einblicke in Ermittlungsmaterial, konspirative Treffen mit Tippgebern gefolgt von nächtelangen Bierrunden, in denen man die Schritte für die nächsten Tage bespricht, sind in jener Zeit gang und gebe.


In der Schweiz macht Peter Berger einen Ingenieur ausfindig, der über Manipulationen bei der Ausschreibung des MVA-Projekts berichtet. Die Berichte stoßen nicht auf Gegenliebe. Die kommunale Betreibergesellschaft des Kölner Müllofens AVG stellt die Artikel via Konkurrenzmedien quasi als Lügenmärchen dar. Doch wie sich später durch die Ermittlungen herausstellt, haben wir Recht. Die Ausschreibung zum Bau des Kölner Müllofens wurde durch den damaligen Verantwortlichen der kommunalen Betreibergesellschaft AVG manipuliert.


Der Gummersbacher Anlagenbauer Steinmüller bekam den Zuschlag und zahlte über Briefkastenfirmen in der Schweiz und Liechtenstein an ein Schmiergeldkartell üppige Honorare. Den Löwenanteil kassierte der Geschäftsführer der Kölner Müllofengesellschaft, Ulrich Eisermann (SPD). In der Haft erzählte er, wie er über Wasserdampf die Angebote der Konkurrenten geöffnet und an die Anlagenbauer aus dem Oberbergischen weitergegeben hatte, damit diese ihren Preis nachbessern konnten.

Immer mehr Hauptakteure

Der Autor erfährt, dass Eisermann seine Millionen-Provisionen scheibchenweise erhalten hat. Das Geld, so die Recherche, hat er in einer Garage in Köln gehortet. Hier bunkerte er die Scheine, die er zuvor in der Schweiz in Empfang genommen hat. Aus einem Versteck in der Garage holte er des öfteren siebenstellige Beträge, um seine Komplizen aus dem Schmiergeldkartell zu befriedigen.


Nach einer Stunde ist die Adresse der Garage recherchiert. Das Foto von einem eisernen Rolltor unter der Schlagzeile: "Das Millionenversteck" ist am Wochenende das Thema in der Stadt.


Nach und nach treten weitere Hauptakteure ins Rampenlicht. Zur Schmiergeldriege gehört neben dem Anlagenbaumanager Sigfrid Michelfelder auch der ehemalige Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Wienand. Der 76-Jährige Altgenosse hatte sich seit den 80er Jahren als Berater in der Entsorgungsbranche einen Namen gemacht. Für viele Firmen galt er als Türenöffner bei den rheinischen Kommunen. Als man 1993 in Köln die Ausschreibung für das Milliardenprojekt in Angriff nahm, soll er die Müllconnection geschmiedet haben.


Drei Prozent des Gesamtvolumens sollten bei den Herren hängen bleiben. Im Anlagenbaugeschäft fällt dies unter die Rubrik: "Nützliche Aufwendungen". Den Zahlungsweg über die Schweiz wies der Müllentsorger Hellmut Trienekens. Wir recherchieren den Namen der Minigesellschaft Stenna AG im schweizerischen Flims. Über die Zwei-Mann-Firma schleuste Trienekens seit Anfang der 90er Jahre zweistellige Millionenbeträge. Das Unternehmen benutzte nun auch der Anlagenbauer Steinmüller, um die Bestechungsgelder an die MVA-Entscheidungsträger in Köln zu transferieren.


Wir versuchen, an den Geldverteiler in der Schweiz heranzukommen. Doch der ist nicht zu packen. Mal ist er zu einem Gespräch bereit, dann wiederum schickt er seinen Anwalt vor. Ein zweiter Geldverteiler rückt ins Bild: der Züricher Rechtsanwalt Heinz Egli. Der Jurist und Honorarkonsul der Südseeinsel Vanuatu ist eine schillernde Figur in der Szene. Er unterhält eine Reihe von Firmen, über die deutsche Industriefirmen vermutlich Schmiergelder waschen.


Nach mehrtägigen Versuchen erreicht der Autor Egli. Der Jurist gibt sich konziliant, bestätigt gar, dass er seinerzeit einem Kölner SPD-Politiker in einem Café 35.000 Euro in bar überreicht hat. Woher das Geld kam - Betriebsgeheimnis. "Das müssen Sie verstehen, dass ich dazu nichts sagen kann." Als dieses Gespräch stattfindet, ist die Redaktion längst schlauer.

Der entscheidende Hinweis

Am Sonntag, dem 3. März, erhält Lokal-Redakteur Berger den entscheidenden Hinweis, dass die bis Ende der 90er Jahre in Köln allmächtige SPD jahrelang illegal Spenden gestückelt und in die Parteikasse geschleust hat. Um 19 Uhr klingelt bei Berger das Handy.


Eigentlich ist Redaktionsschluss für die erste Ausgabe. Ein Satz und alles rotiert. "Hören Sie mal nach", sagt der Anrufer, "Herr Rüther will möglicherweise zurücktreten." Norbert Rüther, das ist der Fraktionsvorsitzende der SPD im Rat, Landtagsabgeordneter zudem, Mitglied vieler Gremien und Aufsichtsräte, einer der wichtigsten und gewichtigsten Männer der Stadt.


Die Kommunalberichterstatter Berger und Andreas Damm beginnen zu telefonieren. Wankt die SPD-Spitze wirklich? Wenn ja, warum? Hat es etwas damit zu tun, dass Müllkonzern-Chef Hellmut Trienekens zwei Tage zuvor beim Staatsanwalt ausgesagt hat? Telefonieren, telefonieren. Ratsmitglieder zu Hause anrufen, Leuten aus dem Parteivorstand auf die Mailbox sprechen. SMS verschicken. Warten.


Die Politiker, die man erreicht, wählen ihre Worte mit Bedacht. Die Anfrage verunsichert sie, einige haben nur munkeln hören von Spendenquittungen, vom Rücktritt führender Köpfe. Ganz wenige sind umfassend informiert: Am Samstag hat Rüther die Parteispitze, danach die Fraktion darüber unterrichtet, dass er jahrelang illegal Spenden angenommen und "gewaschen" hat. Seit dem frühen Sonntagabend tagt die SPD-Fraktionsspitze. Ergebnis offen.


Aber die SMS eines hochrangigen SPD-Vertreters gibt der Vermutung Nahrung, dass an diesem Abend ein Erdrutsch zu erwarten sei. "Ihre Info stimmt. Kann jetzt nicht reden. Muss erst handeln", hat er auf die Anfrage der Redaktion geantwortet.

Ausgabe wird aktualisiert

Damm erwischt einen SPD-Politiker mitten in der Krisensitzung am Telefon. Zwei kurze Sätze nur. Aber es fügt sich ein Bild zusammen: Bei den Kölner Sozialdemokraten jagen sich die Gespräche. Rücktritte von Rüther und Schatzmeister Manfred Biciste liegen in der Luft. Die Redakteure haben eine Information: die anstehenden Rücktritte in der SPD-Führung. Sie wissen, dass die Partei- und Fraktionsspitze rotieren. Sie haben Hinweise auf mögliche Zusammenhänge mit der Müllverbrennungsanlage. Das Wort Spendenbetrug fällt häufig. Aber sie haben keine offizielle Bestätigung.


Zwischendurch mehren sich bestätigende Indizien: SPD-Ratsmitglieder berichten, sie seien kurzfristig zu einer Sondersitzung für Montag eingeladen. Thema unbekannt. Höchst ungewöhnlich. Einige ahnen, es könnte um Spendenpraktiken und Norbert Rüther gehen. Andere geben sich fassungslos. Einige behaupten, rein gar nichts zu wissen.


Darunter auch solche, von denen man später erfahren wird, dass sie am System mitwirkten. Dass acht Wochen später in der Kölner SPD-Fraktion kein Stein mehr auf dem anderen liegt, dass der Begriff Biciste-Liste bundesweit Schlagzeilen macht - das liegt noch in weiter Ferne, als die Redaktion beschließt, mit der Nachricht "auf den Markt" zu gehen.


Die Titelseite wird umgebaut und gegen 21.45 Uhr eine Meldung platziert: "Krisensitzung der SPD zu Trienekens".


Norbert Rüther geht nicht ans Telefon. Die Fraktionsgeschäftsführerin Marlis Herterich ebenso wenig. Die Redakteure wählen "die Telefonliste rauf und runter". Kaum jemand berichtet ihnen direkt, was die SPD- Politiker so in Aufregung versetzt. Immer wieder fragen die Redakteure nach Details. "Damit liegen Sie nicht falsch" ist eine der konkretesten Aussagen, die sie notieren.

Chefredakteur Franz Sommerfeld kommt aus dem freien Wochenende in die Redaktion.


Es muss entschieden werden, welche Information man wann seriöserweise veröffentlichen kann und welche noch nicht. Welche Namen man nennt. Und welche noch nicht. Schnell ist klar: Die Lokalredaktion bleibt die Zentrale - mit Berger und Damm, und mit ihrem Chef Rudolf Kreitz, der die Fäden koordinierend in der Hand hält.


Die Redakteure schreiben für die nächste Ausgabe, die um 23.30 Uhr in den Druck geht. Die Nachricht ist auf doppelte Länge gewachsen - wie die Informationen. Irgendwann hält es Berger nicht mehr in der Redaktion. Wo könnten sich die Sozialdemokraten treffen, ihm in die Arme laufen?


Er fährt Privatadressen der Politiker ab, sogar bekannte Lokale. Fehlanzeige. Sein Handy-Akku ist leer, Mitternacht naht. Er leiht sich das Privattelefon eines Bekannten, um auf dem Heimweg ein letztes Mal die SPD-Ratspolitikerin Marlis Herterich anzurufen. Da ist es viertel vor zwölf. Der Ruf geht durch, Marlis Herterich antwortet. Und bestätigt: Es wird eine Sondersitzung der Rats-SPD geben, es geht um die Spendenpraxis, und es geht um Norbert Rüther. "Wenn ich Ihre Handynummer auf dem Display gesehen hätte", gibt sie zu, "wäre ich nicht drangegangen."


So endet für Berger ein Recherchetag mit dem Glück des Tüchtigen. Der Rest ist hektisch, aber fast Routine. Berger - auf dem Rückweg ins Verlagshaus - informiert Kreitz, der die Politik- und die Chefredaktion. Die beschließt, dass der Kölner Stadt-Anzeiger vom 4. März einen neuen Aufmacher bekommt - am 3. März um 23.45 Uhr. In wenigen Minuten tippen Berger und Damm ihre dritte, noch umfassendere Version. Um viertel nach zwölf ist alles im Kasten. Vierspaltig, prominent platziert.

Geheimnis der Spenden gelüftet

In den folgenden Tagen jagt eine Schlagzeile die andere. Norbert Rüther geht zur Staatsanwaltschaft. Zwei Fotografen und der Autor umkreisen den ganzen Tag das Justizzentrum. Die Kollegen haben lange Objektive aufgesetzt, um Rüther während einer Vernehmungs-Pause im fünften Stock des Gebäudes abzuschießen. Am Abend tritt er mit seinen Anwälten vor die Presse. Über Inhalte teilt er nichts mit.


Anwälte werden angerufen, Kontakte in die Behörden angezapft. Wir wollen wissen, was Rüther den Ermittlern erzählt hat. Eine Spenderliste soll's geben. Namhafte Firmen, darunter auch der Trienekens-Konzern, haben sich im Nachhinein mit sechsstelligen Beträgen an die Genossen für städtische Aufträge revanchiert.


Nach wenigen Tagen gelingt es dem Autor, das Geheimnis der Danke-Schön-Spenden zu lüften. Als Helfer fungierte der Schatzmeister der Kölner SPD, Manfred Biciste. Er stückelte die Spenden und verschleierte deren Herkunft über fingierte Spendenquittungen. Die Belege wurden an prominente Kölner Sozialdemokraten gereicht.


An den Spendenbetrügereien beteiligten sich Bundes- und Landtagsabgeordnete, gestandene Anwälte und Richter, die gesamte Kölner SPD-Spitze. Die Namen hatte SPD-Kassenwart Biciste auf einer Liste niedergelegt: der Biciste-Liste. Wir machen uns dran, die Namen zu recherchieren. Und jeder, der enttarnt wird, behauptet stets, er habe nicht gewusst, dass er etwas Illegales getan hat.

Der CDU-Skandal

In jener Zeit erhalten wir einen Anruf. Der Mann bittet um ein Treffen. Diesmal geht es um Verantwortliche der Kölner CDU. Berger und der Autor verabreden sich mit dem Anrufer in einer Kölschkneipe. Zunächst sind die Redakteure misstrauisch. Der Mann berichtet von ähnlichen illegalen Spendenstückeleien durch die Christdemokraten. Die Redakteure haben Zweifel. Doch dann zeigt er einen der ominösen Spendenbelege vor. Es folgt ein stundenlanger Verhandlungsmarathon.


Die Redakteure wollen alle Spendenbelege, er will nicht. Um Mitternacht ist er weichgeklopft. Doch es dauert noch Wochen, ehe der Mann das Material zur Verfügung stellt. Der nächste Aufmacher ist perfekt. Die CDU dementiert hektisch. Die Affäre nimmt bis heute kein Ende. Nahezu jeden Monat erschüttert ein neuer Skandal die viertgrößte Stadt Deutschlands.