Ein neuer Fall für das Ermittlertrio der HNA

Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten, spannender als die, die in Krimis erfunden werden. Insbesondere wenn aufgeweckte, recherchestarke Journalisten sich über allem Alltagsgeschäft den Blick nicht verstellen lassen für das, was ungewöhnlich oder unsauber läuft. Auch vor der eigenen Haustür, in Kassel, wo eine Regionalzeitung, die „Hessische Niedersächsische Allgemeine“ (HNA) und die weltbekannte Kunstausstellung „Documenta“ aneinandergerieten. 

In der Redaktionsspitze der HNA haben gleich zwei Kollegen ein Faible für aufregende Geschichten. Aus diesem Grund haben sie einen Kriminalfall erfunden, „Fullewasser“: Frank Thonicke und Horst Seidenfaden spinnen darin eine spannende und fiktive Geschichte rund um einen ermordeten Schaustellergehilfen. Lobeshymnen sangen die Rezensenten des Buches nicht. Ganz anders als zumindest jetzt für ein Glanzstück, das die beiden, unterstützt durch Florian Hagemann, nun in der Wirklichkeit geschafft haben. Hierfür begaben sie sich aus Fulda und dem Land der Phantasie nach Kassel. Es gibt Parallelen zwischen Buch und Wirklichkeit – es geht um Kultur und Ermittlungen. Aber in einem viel größeren und internationalen Ausmaß. Und mit echten Folgen. 

Das Unternehmen „Documenta gGmbH“ ist mit der Planung und Durchführung der Documenta in Kassel betraut. Die 1955 in Kassel aus der Taufe gehobene Ausstellung zeitgenössischer Kunst gilt heute als eine der weltweit größten und renommiertesten Kunstausstellungen. Umso erstaunter war Frank Thonicke, als er auf einer privaten Gartenparty im September 2017 von einer drohenden Insolvenz der „Documenta gGmbH“ erfuhr. 

Eine Mitarbeiterin aus dem Umfeld des Unternehmens brachte Thonicke auf die Spur des Documenta-Defizites. Während dieser Gartenparty erwähnte diese, dass die Öffentlichkeit zwar noch nichts davon wisse, aber es gehe das Gerücht um, die Documenta sei pleite. Es scheint so, als wäre ihm sein Spürsinn um eine Nasenlänge voraus gewesen. Obwohl die Documenta nach außen einen gewohnt stabilen Eindruck machte, blieb Thonicke an der Geschichte dran. 

STANDHAFTIGKEIT WAR GEBOTEN 

Was war der größte Fehler, der der Documenta fast das Genick gebrochen hat? „Dass sie so stattgefunden hat“, sagt Horst Seidenfaden plump. Er wirkt genervt, kann das Wort Documenta eigentlich schon nicht mehr hören und würde, so kommt es rüber, dieses Thema gerne endlich abschließen. 

Trotz starken Widerstandes machte sich Journalistentrio Hagemann, Seidenfaden, Thonicke an die Arbeit. Die Drei verschrieben sich der Aufgabe, das vermeintliche Defizit der Documenta 14 genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Gegenwind kam vor allem aus der heimischen Kulturszene. Dort empfand man es offenbar als übergriffig, dass drei Redakteure, die mit Kunst nichts am Hut haben, der „heiligen Kuh von Kassel“ ans Leder wollten. Und diese wiederum wunderten sich über dieses “Steine in den Weg legen”. Die Wahrheit muss ans Tageslicht kommen, Skandale für die Bevölkerung offengelegt werden und die Allgemeinheit soll über alle wichtigen Themen aufgeklärt werden. 

Dabei ging es den ermittelnden Journalisten keineswegs darum, die Ausstellung zu diffamieren oder gar zugrunde zu richten, beteuern diese. Sie ließen sich nicht beirren, folgten dem wahren Auftrag von Journalismus und setzten dies in die Tat um. Ohne sie wäre der Fall nicht in dem Umfang an die Öffentlichkeit gelangt und für die Verantwortlichen wohl folgenlos geblieben. Der ehemalige künstlerische Leiter, Adam Scymczyk, der für das Defizit verantwortlich gemacht wird, hat sich seit der ausführlichen Berichterstattung der HNA in Kassel nicht mehr blicken lassen. Der ebenfalls ehemaligen Geschäftsführerin Annette Kulenkampff wurde vorgeworfen, die Ausgaben nicht angemessen kontrolliert zu haben, was letztendlich zu einem Defizit von acht Millionen Euro führte. „Kulenkampff wäre ohne unsere Arbeit noch im Amt“, ist sich Thonicke sicher. Je weiter die Journalisten mit ihren Ermittlungen kamen, desto stärker wurden die Bemühungen, weitere Enthüllungen zu verhindern. Die Kulturjournalisten aus dem eigenen Haus waren mittlerweile auch auf ihrer Seite, als diesen klar wurde, welche Misswirtschaft hier offenbar betrieben wurde. 

Doch nun musste man dem Gegenwind der Geschäftsführerin der Documenta standhalten. Unter Androhung eines gerichtlichen Verfahrens zwang sie die Redaktion, zwei Textpassagen aus der Online-Ansicht verschwinden zu lassen. Doch die drei Ermittler ließen sich davon nicht von ihrem Weg abbringen. „Das war etwas, das wir einfach durchstehen mussten“, sagte Thonicke. Sie ließen sich auch nicht davon beirren, dass andere - teils auch überregionale Medien - vor llem Kulenkampffs Sicht der Dinge verbreitete, ohne die Aufarbeitung des Defizits in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu setzen. 

Doch Frank Thonicke, Horst Seidenfaden und Florian Hagemann blieben standhaft und ließen sich durch nichts von ihrem Wahrheitsdrang abbringen. Ohne die Journalisten hätte keiner in Kassel den Mut aufgebracht, sich gegen die Documenta zu stellen. Somit waren sie unentbehrlich für die Ermittlungen gegen Adam S. und Annette K.

DIE JOURNALISTEN HINTER DER STORY 

Chefermittler Frank Thonicke arbeitet seit mehr als 35 Jahren als Redakteur bei der HNA in Kassel. Er begann in der Lokalredaktion und wurde dann zum Chefreporter. In dieser Zeit deckte er unter anderem den Skandal um den Sportchef Jürgen Emig auf, der danach seinen Posten räumen musste. Für diese Berichterstattung wurde er 2016 mit dem Wächterpreis ausgezeichnet. Nun erhält er ein Jahr vor seinem Eintritt ins Rentenalter erneut den Wächterpreis und blickt sowohl der kommenden Preisverleihung als auch dem Ruhestand mit Zuversicht entgegen. „Es ist einfach ein gutes Gefühl“, sagte der Spürhund des Teams. Er sei gewissermaßen eine Bestätigung für seine langjährige Arbeit.  

Mit seinem Feingefühl und seiner Routine hat er das Team auf die Spur des verschollenen Geldes gebracht und stets dafür gesorgt, dass sie die Fährte nicht verlieren.

Horst Seidenfaden wurde am 22. August 1956 in Kassel geboren. Der dreifache Familienvater absolvierte nach seinem Abitur den Wehrersatzdienst beim Christlichen Verein Junger Menschen, volontierte bei der HNA und studierte anschließend Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftswissenschaften in Marburg und Kassel. 1982 kehrte er als Wirtschaftsredakteur zur HNA zurück und stieg systematisch auf: 1986 wurde er Leiter der Wirtschaftsredaktion, 1992 Lokalchef, 1996 Stellvertretender Chefredakteur, sechs Jahre danach Chefredakteur. Nach 15 Jahren auf diesem Sessel trennte er sich Ende 2018 einvernehmlich von der HNA. Neben seinen Interessen am Sport und Kochen veröffentlicht er seit 2006 regelmäßig Krimis, die in seiner Heimat Hessen spielen. Bei dem Fall der Documenta übernahm er die Rolle der Rückendeckung. Er unterstützte sein Team jederzeit und schützte das Trio vor Angriffen von außerhalb.

Spürnase Florian Hagemann ist am 7. Februar 1975 in Fulda geboren und in Bad Hersfeld aufgewachsen. Nach seinem Abitur studierte er Rechtswissenschaften, zunächst in Mainz und später in Würzburg. Dieses Studium war für den Ermittler jedoch nur Mittel zum Zweck, da sein Herz schon immer dem Journalismus gehörte und er das Studium als Notwendigkeit für sein späteres Volontariat ansah. Dieses trat Hagemann im Jahr 2000 bei der HNA an und steckte dabei seine Nase in verschiedenen Ressorts wie der Wirtschafts- und Lokalredaktion. 2006 kam Florian Hagemann in die Sportredaktion, wurde 2010 stellvertretender Ressortleiter. Seine Arbeit und seine besondere Art der Darstellungsweise in einem Text über einen Fußball-Städtevergleich wurde 2012 mit dem Sonderpreis des Hessischen Journalistenpreises ausgezeichnet. 5 Jahre später, im Jahr 2017 kam er zurück in die Lokalredaktion in Kassel und wurde so auch Teil des Ermittlungsteams, das sich mit der Documenta beschäftigte. In diesem Team übernahm er auch die Rolle des „guten Cops“. Journalismus müsse zwar Missstände aufdecken und ans Tageslicht bringen, trotzdem schwebte es ihm nie vor, die Kunstausstellung Documenta kaputt zu machen. “Die Documenta ist ganz wichtig und keiner wollte sie totmachen.”, betonte Hagemann unerlässlich.

ATHEN WAR DAS HAUPTPROBLEM 

Der Haupt-Tatort, so stellte sich schnell heraus, war gar nicht Kassel, sondern Athen. In der antiken Metropole Athen war nicht nur der Eintritt in das fast baufällige Museum EMST kostenlos, mit den öffentlichen Geldern wurde auch anderweitig unbedacht umgegangen, sodass das Budget mehr als ausgereizt wurde. So wurden unter anderem komplett neue Rolltreppen in dem Museum installiert und das Ausstellungsstück „Biinjiya‘iing Onji“, ein tonnenschweres Marmorzelt, sollte sowohl in Kassel, als auch in Athen ausgestellt werden. Dies führte zu einem erheblichen logistischen Aufwand und dementsprechend hohen Unkosten. Außerdem überstiegen die Klimatisierungskosten, mit denen eigentlich zu rechnen war, ebenfalls die geplante Summe.

Als Frank Thonicke von solchen Gerüchten erfuhr, ging er auf Personen zu, die ihm diese bestätigen oder widerlegen sollten. Seine Kollegen Seidenfaden und Hagemann machten es ähnlich. Vor Ort, in Griechenland, konnten sie selbst allerdings nicht recherchieren. Dazu waren sie zu sehr in den Redaktionsalltag in Kassel eingebunden. Anders als Seidenfaden, spricht Hagemann noch immer enthusiastisch von der Documenta. Er sei zwar kein großer Fan von Kunst, aber es begeistere ihn jedes Mal, wie Kassel durch die Documenta alle fünf Jahre plötzlich zu einer gänzlich anderen Stadt werde. Auch deshalb beharrt er darauf, dass es nie in seinem Sinn war, dass die Documenta während der Untersuchungen zu Schaden kommen sollte. Im Gegenteil. Gerade das verschwenderische Wirtschaften des künstlerischen Leiters und das der Geschäftsführung anzuprangern, verhindert weitere solcher Missstände und sichert die finanzielle Grundlage der Kunstschau und auch ihr Ansehen.  

Der Startschuss ihrer Berichterstattung fiel mitten in die laufende Documenta 14. Der Aufschrei war groß. Der Druck auf die Verantwortlichen wuchs. Seidenfaden war als Chef besonders gefordert, stand aber immer hinter den Ermittlungen und ließ sich auch von Klagedrohungen nicht aus der Ruhe bringen. „Das war ein Zweifrontenkrieg aber wir mussten einfach durchhalten“, resümierte Thonicke. Für die Mehrheit der Kasseler spielt die Kunstausstellung eine zweitrangige Rolle, für die Kunstbeflissenen aber und erst recht für die internationale Kunstszene eine immense. 

FÜR LOKALREDAKTIONEN SEHR BEDEUTEND 

Rückblickend waren die Ermittlungen ein voller Erfolg. „Wir haben die Documenta gerettet“, konstatiert Seidenfaden. Die Verantwortlichen für das Defizit gingen, die komplette Organisationsstruktur wurde neu aufgegleist, mehrere Kontrollinstanzen wurden eingeführt und die künstlerische Leitung unterliegt ab sofort nicht mehr einer, sondern mehreren Personen. Des Weiteren wurde der Etat für kommende Veranstaltungen aufgestockt. Im Laufe der Recherchen, was ist eigentlich schief gegangen, wurde der Documenta Leitung klar, dass in kommenden Jahren mehr Finanzen für die Kunst fließen müssen. Nicht etwa um die Renovierung eines weiteren baufälligen Museums zu finanzieren, sondern um der Kunst und der Ausstellung in Zukunft gerecht zu werden.

Die drei sind sich zudem einig: Der Wächterpreis sei insbesondere für kleine Lokalredaktionen eine sehr befriedigende Bestätigung. Denn gerade diese haben kaum oder kein Budget für investigative Recherchen oder müssen dies neben dem Tagesgeschäft stemmen. Ihre Geschichte hingegen ist ein Beleg dafür, wie wichtig solche Recherchen gerade auch im Lokalen und Regionalen sind, beziehungsweise eine Ahnung, was wohl so alles nicht ans Tageslicht kommt, wenn Redaktionen Daumenschrauben angelegt werden.

 

 

Die drei Preisträger der HNA (v.l.n.r.: Horst Seidenfaden, Frank Thonicke und Florian Hagemann)