Frankfurter Rundschau, 27.03.2010

Im Paradies, das einmal die Hölle war


Dass der Vorstand des Trägervereins der Odenwaldschule mehrheitlich zurückgetreten ist, genügt den Opfern nicht. An diesem Wochenende haben sie ihre frühere Schule nach Jahrzehnten wieder besucht. "Da ging es hinauf", erinnert sich ein Missbrauchter.



Es ist elf Uhr, als sich am Samstag in der Aula des "Platonhauses" auf dem weitläufigen Gelände der Odenwaldschule (OSO) rund 40 Menschen an ein Tisch-Quadrat setzen. Anwesend sind 27 von 32 Mitgliedern des Trägervereins und ein knappes Dutzend Gäste, es fehlen entschuldigt der frühere Vorsitzende Hermann Freudenberg und dessen Stellvertreter Peter Conradi. Beide waren im Amt, als der Missbrauch-Skandal an der Odenwaldschule Ende der 1990er Jahre erstmals publik wurde, um dann schnell wieder zu versanden. Seit Wochen stehen die Funktionäre von einst deshalb in der Kritik. "Ungerecht" sei das, hat Conradi soeben noch in einem Brief an die FAZ geschrieben.

Am Tisch sitzt auch der Lehrer Reimund B., den Schüler zuletzt massiv belastet haben und der daraufhin mit juristischen Schritten gedroht hat. B. wird fast den ganzen Tag über schweigen. Ihm gegenüber hat Stefanie Michael Platz genommen, eine ehemalige Schülerin, die seit Jahren für schonungslose Aufklärung kämpft. Als Stimme dreier Missbrauchsopfer ergreift sie heute das Wort.

Da ging es hinauf", sagt Gerhard Roese. Der Mann mit den grau melierten Haaren klettert ein paar Stufen hoch. Die geschwungene Metalltreppe führt in die Dachwohnung des Jugendstil-Hauses. "Hier hat der ,Frosch´ gewohnt", sagt Roese. Hier wurde er als 14-Jähriger von seinem Musiklehrer Wolfgang H. zu sexuellen Dienstleistungen genötigt.

Voller Ekel und Scham

Der heute 48 Jahre alte Roese ist nach drei Jahrzehnten zum ersten Mal wieder in diesem Haus. "Lange Zeit hätte ich das nicht gekonnt", sagt Roese, der als Bildhauer im nahen Darmstadt wohnt und arbeitet. Er erzählt nicht genau, was passiert ist. In einem erschütternd detaillierten Brief hat er darüber geschrieben - voller Ekel und Scham. Warum er sich hier das überhaupt noch einmal antut? Seit sich bei der Aufarbeitung des Missbrauch-Skandals an dem Internat endlich etwas tut, habe sich auch für ihn etwas verändert. "Ich bin der Zeitzeuge zu meinem eigenen Fall, ich kann mir das anschauen." Wie von außen. "Das geht." Selbst die Zimmer zu betreten, würde ihm nichts mehr ausmachen. Doch er bleibt draußen. Achtet die Privatsphäre derer, die inzwischen hier wohnen.

Damals lebte der inzwischen verstorbene H. in dem zweistöckigen Haus unterm Dach, der damalige Schulleiter Gerold Becker im Erdgeschoss. Im Stockwerk dazwischen lagen Schülerzimmer. Die Wohnungen der beiden Lehrer seien stets offen gewesen. Becker habe regelmäßig Bier geholt. "Das konnte man sich nehmen." Roese war abends oben bei H. "Man saß in einer Gruppe zusammen, es wurde immer schwüler, die Luft immer dicker." Es gab zu trinken. "Und ich musste oft bleiben." Der "Frosch" habe so einen unangenehmen Körpergeruch gehabt, der sich über alles legte. "Heute riecht es ganz anders." Durchatmen könne man. Das sei gut.

Zum ersten Mal seit langer Zeit beschleicht Stefanie Michael im "Platonhaus" das Gefühl, es wehe vielleicht doch ein neuer Wind an der Odenwaldschule. Die ehemalige Schülerin redet in der Runde viel vom "Tätersystem" Odenwaldschule. An entscheidenden Punkten widerspricht sie Darstellungen der Vorstandsvorsitzenden Sabine Richter-Ellermann, greift Vereinsmitglieder wie Annemarie von der Groeben an, die Missbrauchsopfern "erpresserischen Druck" auf die Schule vorgeworfen hat. Michael versucht, jedem im Raum klarzumachen, was es für ein Opfer bedeutet, wenn ein überführter Täter mit Hilfe einflussreicher Freunde davon kommt. Sie tut das mit mühsam beherrschtem Groll. Am Ende erhält sie viel Beifall.

Gerhard Roese taucht in seine Vergangenheit ein, an einem Schicksalstag für seine Schule, die in Verruf geratene Ikone der Reformpädagogik. Er besichtigt seine OSO-Stationen, die schrecklichen und die guten. Die Schule sei eben "auch" ein "Paradies" gewesen, das ihm handwerkliche, künstlerische, intellektuelle Fähigkeiten vermittelte. "Die Schule war die Rettung für mich" - mit Nischen, die er erst fand, nachdem er Höllisches erlebt hatte.

"Die haben nichts verstanden"

Halb drei nachmittags. Im "Platonhaus" beginnt die eigentliche Krisensitzung des Trägervereins. Fünf von sieben Vorstandsmitgliedern treten zurück, wie angekündigt. Jedes verliest dazu noch eine Din-A-4-Seite mit seinen persönlichen Gründen. "Es sind die immer gleichen Geschichten", wird später ein Teilnehmer sagen: Wir haben doch alles richtig gemacht, wir wollten doch nur das Beste für die Schule. "Kurzum: Die haben nichts verstanden." Den Aufklärern im Gremium, sie sind knapp in der Mehrheit, reicht das nicht. Sie wollen die Zurückgetretenen auch aus dem Verein entfernen, wollen eine Satzungsänderung, um den langjährigen Geschäftsführer Meto Salijevic loszuwerden. Sie wollen das "Geheimbund-Image" der Schule ersetzen. Und sie wollen, dass alles schnell geht, weil sie nicht sicher sind, wie lange die Mehrheitsverhältnisse im Trägerverein so bleiben, wie sie sind. Beschlossen wird noch nichts. Die Zeit ist zu knapp, man will die Presse nicht warten lassen. Man vertagt sich auf Ende Mai.

Alles ist ihm bekannt: die ausgetretenen Steinstufen in den 1913 gebauten Häusern; das Gefühl der runden Handläufe aus Holz; das kleine Waschbecken, in dem sich damals dreckige Miracoli-Teller stapelten, und das auch zum Zähneputzen und Waschen diente. Gerhard Roese stammt aus einem stockkonservativen Elternhaus. Ständiger Kampf mit dem Vater, dem Marschmusik-Fan, Streit mit der Mutter, er verweigerte die Schule, hatte in allen Fächern eine fünf oder sechs. Die Eltern warfen ihn raus, schickten ihn auf die OSO. Ein Kulturbruch. "Das war für mich eine Hippie-Schule", sagt er. Doch auch dort schlug er hart auf. Roese wurde gemobbt, galt als "als Spießer und Schleimer - das war auf dieser Schule tödlich." Der Missbrauch durch Musiklehrer H. hat ihn dann fast völlig aus der Bahn geworfen. Roese sagt das so nüchtern, als wäre wirklich alles vorbei. Neues entdeckt er auch, an der OSO 2010. Blumentöpfe mit Primeln und Stiefmütterchen stehen vor der Tür. "Das hätte es damals nicht gegeben, zu kleinbürgerlich - Faschismusverdacht". An den Wänden bunte Kunstdrucke, Urlaubsfotos. "Das auch nicht, viel zu spießig." Roese sieht Anti-Gorleben-Aufkleber, Diddl-Mäuse, das Plakat einer Tote-Hosen-Coverband. Die Schüler sind in Osterferien.

Pressekonferenz, 16 Uhr. Der Auftrieb ist gewaltig. Der Ex-Landrat Norbert Hofmann und der Zahnarzt Philipp Sturz werden als Übergangs-Sprecher des Trägervereins vorgestellt. Auch Richter-Ellermann stellt sich noch einmal den Fragen. Sie sagt: "Man hat uns zu verstehen gegeben", dass ein Rücktritt unvermeidlich sei. "Zu verstehen gegeben", seufzt ein Altschüler, "das heißt, von selbst hat sie es nicht verstanden." Dennoch: Die Aufklärer wirken zufrieden.

Als die Kunstlichter der Kamerateams längst erloschen und die Ü-Wagen abgefahren sind, steht im Konferenzraum der OSO noch immer ein kleines Grüppchen, abgekämpft, erleichtert. Auch Stefanie Michael. Den Missbrauchsopfern, für die sie heute gesprochen hat, hat sie signalisiert, wie es gelaufen ist. Jetzt kann sie gehen. Vorerst. Vier Stunden Fahrt bis nach Hause hat sie vor sich. Ein Klacks im Vergleich zu dem, was hinter ihr liegt. Es dämmert. Stefanie Michael sagt: "Ich glaube, das war heute ein Sieg."

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