So entstand die Missbrauchs-Serie 2010 in der Berliner Morgenpost

ein Making-of, rekonstruiert vom 6-köpfigen Redaktionsteam

Die Enthüllung des systematischen Missbrauchs von Schülern durch zwei Jesuitenpatres am Berliner Canisius Kolleg hat eine Jahrzehntelange Vorgeschichte. Gerüchte und Erzählungen von den Übergriffen gab es schon sehr lange. Sie kursierten seit Jahrzehnten im Umfeld der Schule. Unserer Redaktion waren diese Hinweise durch persönliche Kontakte, über die wir als Regionalzeitung verfügen, lange bekannt. Meist waren es Schilderungen aus zweiter Hand, jemand hatte etwas gehört, ein anderer hatte etwas erlebt oder gesehen.

Journalistisch verwertbar war das jedoch nicht, solange sich die Opfer selbst aus Angst und Scham bedeckt hielten und es keine Belege für das gab, was Ende der 70-er, Anfang der 80-er Jahre an der Eliteschule geschehen war.

Im Laufe des Winters 2009/2010 änderte sich das. Die ehemaligen Schüler aus den am stärksten betroffenen Jahrgängen, heute gestandene Herren Ende 40, begannen das, was vielen von ihnen vor drei Jahrzehnten widerfahren war, offener als bisher auszusprechen. Auch der Rektor Pater Klaus Mertes wurde von verschiedenen Opfern mit der Vergangenheit, die er auch nur aus vagen Erzählungen kannte, konfrontiert. Er entschloss sich, die Ex-Schüler, die am meisten Kontakt zu den beiden Haupttätern hatten, anzuschreiben. In diesem Brief räumte er systematischen Missbrauch ein.

Unter den ehemaligen Canisianern machte das Schreiben bald die Runde. Und aus diesem Zirkel entschieden sich einzelne, diese Information der Berliner Morgenpost anzuvertrauen.

Als die Mail mit dem Brief von Mertes an uns weitergeleitet worden war, wussten wir: „Jetzt ist es raus!“ und „Jetzt geht es los.“

Uns war sofort klar, dass wir eine große Geschichte vor uns hatten. Die Informationen des Jesuiten und die eigenen Vorkenntnisse fügten sich zu einem schon früh sehr detaillierten Bild. Nach dem Brief von Pater Mertes konnten wir alles, was wir wussten, alle Kontakte, die wir hatten, sofort aktivieren und die Hintergründe der Geschichte recherchieren.

Zunächst haben wir uns aber noch einmal bei den Informanten versichert, ob eine Veröffentlichung in ihrem Sinne wäre. Schließlich war klar, dass auch die Mißbrauchsopfer und ihre Schicksale damit in die Schlagzeilen geraten würden. Aber die Informanten gaben ihr Okay. Wir durften also die Geschichte machen.

Zunächst ging es in einer kleinen Gruppe innerhalb der Redaktion darum, die Dimension der Geschichte einzuordnen und drängende Fragen zu klären:

  • Welche Bedeutung hat die Jesuitenschule am Tiergarten für Berlin?
  • Was bedeutet es für eine Stadtgesellschaft und einen Teil ihrer Elite, wenn an einer von vielen als Wunschschule angesehenen Einrichtung solche Dinge vorkommen? Gerade unter der Leserschaft unserer Zeitung genießt die Schule hohes Ansehen, sie gehört seit Jahren zu den fünf besten Schulen der Stadt.
  • Sind die Fälle noch juristisch zu behandeln oder ist alles verjährt?
  • Wo sind die Haupttäter geblieben?
  • Hat die Schule heute noch etwas mit derjenigen in der Vergangenheit gemein?

Für eine Regionalzeitung sind solche Fragen wesentlich wichtiger als für überregionale Medien. Denn auf dem lokalen Parkett sieht man sich immer zwei Mal, wir mussten also vermeiden, eine Hetzjagd auf die Schule loszutreten und übertrieben zu skandalisieren.

In der ersten Geschichte zum Missbrauchs-Skandal haben wir uns darum bemüht, sachlich zu berichten. Wir haben am Nachmittag des 27. Januar, also am Tag vor der Veröffentlichung, mit Pater Mertes gesprochen. Er bestätigte die Echtheit des Briefes, ohne weitere Details zu nennen. Wir machten dem Jesuiten deutlich, dass nun eine mediale Welle auf ihn zurollen werde.

Am zweiten Tag stellte sich die Frage: wie weiter umgehen mit dem Thema? Noch hatte die Berliner Morgenpost das Thema „allein“, also exklusiv, doch ab jetzt würden die Berliner Medien ebenfalls berichten.

Was würde das für die Schule, die Schüler, deren Eltern und die Lehrer bedeuten? Wie würde Pater Mertes, der Rektor, damit umgehen? Wir waren als erste an der Schule, bekamen noch vor der Vollversammlung mit allen Schülern und Lehrern ein kurzes Interview mit dem Pater. Vor dieser Versammlung herrschte extreme Anspannung. Der Pater sprach vom „System des Schweigens“ innerhalb seines Ordens und der katholischen Kirche, das es möglich gemacht hatte, die Missbrauchsfälle so lange Zeit zu vertuschen. Es war klar, dass es sich nicht „nur“ um einen Fall, eine Schule handeln würde. Sondern dass diese Geschichte mutmaßlich weite Kreise ziehen würde.

Bei einer der ersten Pressekonferenzen wurde Mertes erst klar, dass er und konkreter werden musste, um zu verhindern, dass alle Ex-Jesuitenlehrer, die vom Alter her ins Raster passen, verdächtigt wurden. Umgekehrt recherchierten wir selbst die alten Fälle.

In den folgenden Tagen gelang es uns recht schnell, die Identitäten der beiden Haupttäter zu recherchieren und diese von der Schule auch bestätigt zu bekommen. Es handelte sich tatsächlich um genau jene zwei Patres, über die seit Jahren diese üblen Gerüchte umgingen. Damit war klar, dass auch die Schilderungen über ihre Taten und die Muster, wie sie ihre Opfer für sich gewannen, hohe Glaubwürdigkeit genossen. Dazu gehören auch Erzählungen von Verzweiflungsakten ehemaliger Missbrauchsopfer, die bis zu Messerattacken auf den Peiniger und späteren Selbstmord reichten. Auch wenn diese Zusammenhänge nirgendwo bei Behörden der Polizei nachweisbar sind, gehören aber auch sie zum Gesamtbild.

Wir verfolgten die Spuren der beiden ins Bistum Hildesheim beziehungsweise nach Spanien und Chile. Und wir gingen der Frage nach, warum das Canisius Kolleg und der Orden diese beiden nicht zumindest daran hinderten, sich anderswo weitere Opfer zu suchen, nachdem sie aus Berlin weggeschickt wurden. Schon bald wurde deutlich, dass Schulleitung und Ordensspitze bewusst weggeschaut haben und dass sie nichts unternommen haben, um weitere Kinder und Jugendliche zu schützen. Dieser Umstand ist bis heute unerklärlich. Zumal weitere Recherchen und Schätzungen der immer besser organisiert auftretenden Opfer nahelegen, dass es sich um Hunderte von Opfern handeln muss.

In den folgenden Wochen meldeten sich immer mehr von ihnen bei der Beauftragten für Missbrauchsfälle Jesuitenordens, Ursula Raue. Während sich andere Zeitungen mehr auf einzelne Opfergeschichten konzentrierten, wollten wir auch versuchten, die Missbrauchsfälle im Gesamtkontext zu betrachten. Das letzte, was wir wollten, war, die Opfer und ihre Familien öffentlich bloßzustellen. Wir versuchten, das Thema Missbrauch von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten. So kamen auch Missbrauchsopfer zu Wort, die keinen Bezug zum Canisius-Kolleg hatten sondern in anderen Institutionen missbraucht worden waren. Sie schilderten, was genau die „lebenslange Traumatisierung“ bedeutet, die Missbrauchsopfer erleiden.

Sechs Monate nach der ersten Veröffentlichung in der Berliner Morgenpost wollten wir wissen: Wie sehr hatten die Enthüllungen den Glauben, das Vertrauen der Katholiken in Berlin erschüttert? In einem vierseitigen Dossier besuchten wir die „Basis“ der Katholischen Kirche – Gemeinden, Seniorengruppen, Jugendeinrichtungen und natürlich auch Ursula Raue sowie Pater Mertes und den Jesuitenorden. Und wir sprachen mit katholischen Geistlichen und solchen, die in dieser Zeit noch Priester werden möchten. Die Idee des Dossiers war es aber nicht nur, eine Kirche, die in Berlin ohnehin eine in der Diaspora ist, zu besuchen, die die größte Krise der Nachkriegsgeschichte erlebt. Sondern auch, das Thema Missbrauch wach zu halten. Zu zeigen, dass wir nicht vergessen haben, was vor sechs Monaten ans Licht kam.

An den Reaktionen auf diese Berichterstattung hat sich gezeigt, dass auch unsere Leser noch immer mitgenommen waren von den Enthüllungen. Wir bekamen viele Leserbriefe und Mails, die uns ermutigten, weiter zu recherchieren und das Thema in der Öffentlichkeit zu halten. Nachrichten von Angehörigen, die uns ihr Schicksal erzählten, ihre persönlichen Erfahrungen mit Missbrauchsopfern. Menschen, die uns erzählten, dass auch die Generation der Opferkinder unter den Missbrauchsfällen leidet. Aber auch Briefe von Gläubigen, die von ihrer Kirche erwarten, sich den Taten zu stellen, Verantwortung zu zeigen. Wir sind in unseren Recherchen auf Menschen gestoßen, deren Leben sich, obwohl sie nicht direkt betroffen waren, stark verändert hat durch den Missbrauchsskandal – und auf solche, die weitermachen als sei nichts gewesen. Wir denken, dass es sich weiterhin lohnen wird, über sie zu berichten. Jene, die hinschauen und jene, die wegschauen.

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