Eine kleine Chronologie der NOWAJA GASETA

1993

20 Journalisten der russischen Zeitung Komsomolskaja Prawda (deutsch: Komsomol-Wahrheit) verlassen ihre Redaktion, weil sie dem neu eingeschlagenen redaktionellen Kurs nicht folgen wollen. Stattdessen gründen sie ihre eigene neue Zeitung – Nowaja Gaseta. Der Anfang fällt schwer, doch der gemeinsame Traum von einer ehrlichen, unabhängigen, finanziell gesicherten Tageszeitung mit einer überregionalen Auflage in Millionen-Höhe mobilisiert ihre Kräfte. Das Redaktionsteam arbeitet an ihrer ersten Ausgabe. In zwei kleinen Räumen mit wenigen Tischen und gerade mal drei PCs schreiben die Journalisten ihre Artikel regelrecht auf den Knien.


01.04.1993

Da die Journalisten vergessen hatten die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Zeitung auf den Markt zu bringen, kehrt die ganze erste Ausgabe in die engen Redaktionsräume zurück. Daher wird die Zeitung teilweise – von mehreren Redaktionsmitgliedern – kostenlos in Metro-Übergängen verteilt


1999-2000

Nach sechs Jahren steht die Zeitung auf relativ festen Beinen, erscheint zweimal die Woche in Moskau und mehreren Regionen Russlands. Das gelingt unter anderem durch die Hilfe des ehemaligen Staatschefs Michail GORBATSCHOW – Minderheitsaktionär (3%) der Zeitung. Er hat der Redaktion in den frühen 90ern 300.000 Dollar von seinem Honorar gegeben, das er mit seinen Memoiren verdient hatte. Damit kaufte  Nowaja Gaseta 22 Computer.


Anna POLITKOWSKAJA erhält von ihrem Chefredakteur Dmitri MURATOV das Angebot, den Job als Sonderkorrespondentin im zweiten Tschtetschenienkrieg zu übernehmen, welchen sie annimmt. Ihr Interesse gilt besonders den militärischen Interventionen gegen die Zivilbevölkerung. Ihre Artikel und Reportagen stehen im Widerspruch zur Darstellung des Kremls. Sie schreibt über Verbrechen der russischen Armee und über die brutalen Übergriffe auf tschetschenische Rebellen. 
Vor allem verweist sie auf die Willkür und den Sadismus innerhalb des Krieges, um auf die humanitäre Katastrophe im Krisengebiet aufmerksam zu machen. Dabei bezieht sie ihre Kenntnisse stets aus erster Hand und belässt es nicht nur bei der Berichterstattung, sondern setzt sich darüber hinaus auch aktiv in Gerichtsverfahren für die Familien sowohl der tschetschenischen Zivilbevölkerung wie auch der ermordeter russischer Soldaten ein.


Die Artikel der Zeitung sind kritisch und oft auch enthüllend. Zum Beispiel werden korrupte Machenschaften von Staatsbeamten aufgedeckt. So auch in einigen Artikel von Igor DOMNIKOV – Ressortleiter für Spezialprojekte der Nowaja Gaseta. Er schreibt über den Vizegouverneur der zentralrussischen Provinz Lipezk. Dass dieser Staatsdiener, namens Sergej DOROWSKOJ, Budgetgelder für Bankspekulationen missbraucht, seine Wohnung auf Kosten der Steuerzahler renovieren ließ und bestimmte Märkte kontrolliert


12.05.2000

Etwa um 20:00 Uhr, als Igor DOMNIKOV nach Hause kommt, wird er im Treppenhaus, durch mehrere Hammer-Schläge auf den Kopf zu Boden gestreckt


16.07.2000

Igor DOMNIKOV stirbt im Krankenhaus aufgrund schwerer Kopfverletzungen, ohne dabei zu Bewusstsein zu kommen. Die Täter – Mitglieder einer kriminellen Organisation – werden später geschnappt und in einem langwierigen Prozess verurteilt werden. Der Auftraggeber bleibt jedoch frei.
Igor DOMNIKOV ist der erste Journalist der Nowaja Gaseta, der seine Arbeit mit dem Leben bezahlt


Februar 2001

Im Februar 2001 bekommt Anna POLITKOVSKAJA am eigenen Leib zu spüren, worüber die Menschen in Tschetschenien ihr so oft berichtet haben. Sie wird im tschetschenischen Vedeno von russischen Soldaten verhaftet und stundenlang verhört. Für drei Tage hält man sie in einem Bunker fest, droht ihr Vergewaltigung und die Misshandlung ihrer Kinder an, beschimpft sie und wirft ihr vor, zum Netzwerk des tschetschenischen Rebellenführers BASSAJEV zu gehören. BASSAJEV gilt als einer der brutalsten Protagonisten im Tschetschenien-Konflikt. Der Oberstleutnant lässt sie frei mit den Worten: ‚Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dich erschossen’.


Anna POLITKOWSKAJA verlässt kurz darauf Moskau als Reaktion auf Morddrohungen, nachdem sie einen Artikel veröffentlicht hat, in dem sie das russische Militär in Tschetschenien belastet. Die ihr angeblich sehr ähnlich sehende Nachbarin wird einen Tag nach ihrer Abreise ermordet aufgefunden. Anna POLITKOVSKAJA lebt für einige Monate in Wien, kehrt jedoch bald nach Moskau zurück


Februar bis April 2002

Der Abgeordnete in der Staatsduma (russisches Parlament) Juri SCHEKOCHIKIN (Yury SHCHEKOCHIKHIN), der gleichzeitig als Journalist für die Novaja Gaseta schreibt, veröffentlicht am 18. Februar einen Artikel, in dem er detailliert über den Tri Kita-Schmuggel und die korruptive Verwicklung von Behördenangestellten im Innenministerium und der Generalstaatsanwaltschaft berichtet.


Zusammen mit Alexander GUROV will der Nowaja-Gaseta-Journalist Juri SCHEKOCHIKIN Bestechung und Korruption eindämmen. Dazu initiieren sie am 13. März in der Duma eine Untersuchung, die die Tri Kita-Affäre aufklären soll und bekommen dabei sogar Hilfe von ganz oben: Wladimir PUTIN setzt den Staatsanwalt Wladimir LOSKUTOV ein. Bis dahin hat die Affäre sowohl auf Seiten der Ermittler als auch auf Seiten der Tri Kita-Connection mehrere Tote gefordert.
Auch SCHEKOCHIKIN wird das mit seinem Leben bezahlen (müssen): am 3. Juli 2003


23. - 26.10.2002

Militante tschetschenische Rebellen besetzen in Moskau während einer Vorstellung das Dubrowka-Theater und bringen knapp 800 Geiseln in ihre Gewalt. Anna POLITKOVSKAJA bietet sich als Geisel an und wird als Unterhändlerin für die Verhandlungen akzeptiert. So versorgt sie z.B. die Festgehaltenen mit Wasser und versucht zu vermitteln.
Trotzdem stürmt eine russische Spezialeinheit das besetzte Theater mit einem bis heute unbekannten Gas. Folge: Über 100 Menschen, darunter nicht nur die Besetzer, sondern auch sehr viele Theakterbesucher, bezahlen diese Aktion mit ihrem Leben.


Anna POLITKOVSKAJA kritisiert danach die Vorgehensweise der Polizeieinheiten vehement und recherchiert über das „verbrecherische“ Vorgehen der Behörden während des Sturms auch dann noch, als viele der Betroffnenen und Hinterbliebenen die Hoffnung auf Klärung bereits aufgegeben haben.


2002

Nowaja Gaseta bekommt für ihre kritische, enthüllende und oft frontal attackierende Berichterstattung den Bucerius-Förderpreis „Freie Presse Osteuropas“ von der Zeit-Stiftung zugesprochen. Anna POLITKOWSKAJA – Journalistin und Mitglied der Nowaja Gazeta -Redaktion – nimmt diesen im Hamburger Rathaus an. Die Auszeichnung soll der Redaktion einen gewissen Bekanntheitsgrad im Westen verleihen und somit auch Schutz bei der journalistischen Arbeit.


2003

Der Schutz ist eher geisterhaft, denn ein weiterer Mitarbeiter der Zeitung, der Stellvertretende Chefredakteur und Parlamentsabgeordnete, Juri SCHTSCHEKOTSCHICHIN, sieht sich seit der Veröffentlichung seines Artikels im Februar 2002 mit Morddrohungen konfrontiert. Am 2. Juni 2003 erscheint ein weiterer Artikel von ihm in der Nowaja Gaseta, wo er den Generalstaatsanwalt BIRIUKOV persönlich der Mittäterschaft im Korruptionskartell beschuldigt. Wenige Wochen darauf – kurz vor einem wichtigen Treffen mit Leuten vom amerikanischen und deutschen Geheimdienst, wo Informationen über die Geldwäscheaktivitäten der Affäre ausgetauscht werden sollen – stirbt SCHTSCHEKOTSCHICHIN am 3. Juli an einer seltenen allergischen Reaktion (Lyell-Syndrom). Seine Krankenakte wird sofort als geheim eingestuft, von den Gesundheitsbehörden eingezogen und nicht einmal seinen Angehörigen gezeigt. Das Blutergebnis geht verloren.
Juri SCHTSCHEKOTSCHICHIN ist der zweite Journalist der Nowaja Gaseta, der seine Arbeit mit dem Leben bezahlt


2004

Im Jahre 2004, bei einem Gespräch mit Ramsan KADYROW (damals Premierminister, heute Präsident Tschetscheniens) sagt dieser zu Anna POLITKOWSKAJA: „Du bist ein Feind und solltest erschossen werden.“ Und sein Assistent meint: „Jemand sollte dich erschiessen, auf offener Strasse, wie man das in deinem Moskau tut.“


Am Tag ihrer Ermordung gibt der Chefredaktor der Nowaja Gaseta bekannt, dass POLITKOWSKAJA plante, einen Bericht über die Folterpraktiken der Tschetschenischen Sicherheitstruppen zu schreiben. Diese werden von der tschetschenischen Zivilbevölkerung als Kadyrovtsy (nach KADYROW) bezeichnet. In ihrem letzten Interview vor ihrem Tod beschreibt sie Ramsan KADYROW ausserdem als „Tschetschenischer Stalin unserer Zeit“.


01.09.2004

In Beslan besetzen maskierte und bewaffnete Personen – den Medien zufolge tschetschenische Rebellen – eine Schule. Bei der Befreiungsaktion durch russische Spezialeinheiten sterben einige Hundert Menschen, darunter viele Kinder. Kritische Journalisten vermuten hinter der Schulbesetzung eine geplante Aktion des russischen Geheimdienstes FSB – die Nachfolgeorganisation des KGB – zur Stabilisierung des Feindbildes „tschetschenische Terroristen“ und damit zur Rechtfertigung der Militäreinsätze im Nord-Kaukasus.
Als auch Anna POLITKOWSKAJA sich nach Beslan aufmacht, wird ihr eine Tasse Tee auf dem Flug – sie nimmt in der Regel nur selbst mitgebrachte Nahrung zu sich – zur verhängnisvollen Ausnahme. Erstmalig wird Anna POLITKOWSKAJA Opfer eines Giftanschlags. Sie verliert das Bewusstsein und wird somit an der Einreise gehindert. Die Täter bleiben unbekannt. Bis heute


Juni 2006

Nowaja Gazeta steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Die enormen Geldausgaben – z.B. für den Druck und die Verbreitung der Zeitung – überstiegen bei weitem ihre Einnahmen. Einer der Gründe: die überdurchschnittliche Scheu der Werbekunden – sie meiden das Blatt und wollen keine Anzeigen schalten.


Um den finanziellen Schwierigkeiten entgegen zu wirken, entschlisst sich die Redaktion zu einem Verkauf von Redaktionsaktien. Michail GORBATSCHOV, und Alexander LEBEDEV, Geschäftsmann und Duma-Abgeordneter („Einiges Russland“) werden zu neuen Teilhabern der Zeitung. Zusammen kaufen sie 49 % der Anteile (GORBATSCHOV 10 %, LEBEDEV 39 %), womit die Mehrheit der Anteile (51 %) bei der Redaktion bleibt


07.10.2006

Nachdem die Zeitung ihren finanziellen Ruin verhindert hat, wird diese mit einem weiteren schweren Schicksalsschlag konfrontiert. Die Journalistin Anna POLITKOWSKAJA, die unter anderem unbeugsam über den Tschetschenienkrieg berichtet hat, wird im Treppenhaus ihres Wohnhauses erschossen. Daraufhin will der Chefredakteur Dmitrij MURATOV die Zeitung schließen. Seine Redaktionskollegen unterstützten dieses Vorhaben jedoch nicht und bestehen darauf, weiter zu machen. Es wird ein Journalisten-Team aus vier Reportern gebildet, das parallel zu der Staatsanwaltschaft in dem Mordfall Anna POLITKOWSKAJA ermitteln soll. Außerdem wird von dem neuen Teilhaber der Zeitung, Alexander LEBEDEV, für Hinweise, die zur Verhaftung des Mörders und der Hintermänner führen 25 Millionen Rubel (umgerechnet rund 730.000 Euro) Belohnung ausgesetzt.


Später wird Annas Kollege Vjatscheslav IZMAJLOV in einem Dokumentar-Film von Eric BERGKRAUT „Letter to Anna“ (von 3sat ausgestrahlt unter dem Titel „Ein Artikel zu viel“ ) sagen:  „Wir wollen nicht darüber sprechen – das ist der Beschluss der Redaktion. Wir kennen die Auftraggeber und sie wissen, dass wir sie kennen, aber sie sind noch frei. Sie gehören zum engeren Kreis um Ramsan KADYROV. Wir denken nicht, dass Ramsan selbst am Mord beteiligt ist, obwohl die Auftraggeber des Mordes ihm nahe stehen.“ Die Auftraggeber und die Täter (falls noch am Leben) werden auch vier Jahre nach dem Mord noch frei bleiben.
Anna POLITKOWSKAJA ist die dritte Journalistin, die ihre Arbeit mit dem Leben bezahlt.
Hier geht es zu einem Portrait - im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung über Tschetschenien


11.05.2007

Nowaja Gaseta wird mit dem Henri Nannen Preis 2007 für Pressefreiheit ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet in Hamburg statt. Dimitrij MURATOV verspricht in seiner Rede die Ermordung von Anna POLTKOWSKAJA aufzuklären - und erntet dafür minutenlangen Beifall. Außerdem ruft er die bei der Preisverleihung anwesenden Vertreter aus Wirtschaft und Medien dazu auf, Anzeigen in seiner Zeitung zu schalten und sie so zu unterstützen. Der Aufruf des Chefredakteurs zeigt seine Wirkung – viele Unternehmensvorstände werden in den nächsten Wochen in der Nowaja Gaseta Gratulationsanzeigen zur Verleihung des Henri Nannen Preises veröffentlichen.


Die erste Anzeige wird am 5. Juli 2007 vom stern  geschaltet. Danach werden der Spiegel-Verlag, der Focus Magazin Verlag, der Axel Springer Verlag, die Süddeutsche Zeitung GmbH, die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, die Motor Presse Stuttgart, der VDI Verlag, die Werbeagenturen Scholz & Friends, Publicis und Draftfcb sowie der Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA folgen. Zudem wird BMW – als bislang einziges Unternehmen, das nicht aus den Medien kommt – eine Anzeige in der Nowaja Gazeta schalten. stern-Chefredakteur Thomas OSTERKORN:  "Wir freuen uns über die große Resonanz, die der Aufruf zur Unterstützung der Nowaja Gaseta von deutschen Unternehmen erhält. Wir hoffen, dass noch weitere Firmen Dimitrij Muratows Aufruf folgen werden. Die Zeitung, deren bekannteste Reporterin Anna Politkowskaja letztes Jahr erschossen wurde, verdient unsere Unterstützung auch über den Abend der Preisverleihung hinaus."   


Zur gleichen Zeit, als der Chefredakteur Dmitrij MURATOV stellvertretend für die Redaktion den Henri-Nannen-Preis für engagiertes Eintreten für die Pressefreiheit entgegennimmt, durchsuchen Mitarbeiter des russischen Innenministeriums die Lokalredaktion der Nowja Gaseta in Samara. Unter dem Vorwand nicht lizenzierte Computerprogramme zu suchen, beschlagnahmen sie mehrere Rechner der Redaktion.


Alexander MINEEV, Europakorrespondent der Zeitung sagt dazu auf Nachfrage von stern.de, dass aus seiner Sicht der Anlass der Durchsuchung nur vorgeschoben sei und er es sich nicht vorstellen könne, dass die Redaktion in Samara nichtlizenzierte Computer-Programme auf ihren Rechnern installiert habe. Viel mehr sieht es nach einer gängige Methode aus, die angewendet wird, um Kritiker einzuschüchtern.


Laut den Berichten von news.ru.com vermutet MURATOV den wahren Grund für die Durchsuchung darin, dass auf den Chefredakteur der Lokalredaktion, Sergej KURT-ADZHIEW, Druck ausgeübt werden soll, damit er wiederum Druck auf seine Tochter ausübt.


Seine Tochter, Anastasija KURT-ADZHIEWA gehört zu denjenigen Menschen, die einen Antrag auf Durchführung einer Demonstration in Samara (für den sogenannten „Marsch der Nicht-Einverstandenen“) gestellt haben, bei der Kritik an der Regierung geäußert werden soll. "Unsere Rechtsschutzorgane, haben offenbar entschieden, dass der Vater für seine erwachsene selbständige Tochter dennoch Verantwortung trägt, deshalb beschlossen sie auf ihn Druck auszuüben, damit er sie beeinflusst",  vermutet MURATOW.
Der Marsch soll am 18. Mai in Samara stattfinden – an demselben Tag wie der Gipfel „EU – Russische Föderation“, bei dem sich die europäischen Regierungschefs mit dem russischen Präsident Wladimir PUTIN treffen werden.


Ein ähnliches Schicksal, wie das der Lokalredaktion der „Nowaja Gazeta“ in Samara trifft auch andere Medien und öffentliche Organisationen, z. B. wurden in der Powolzher Abteilung der Organisation „Die Stimme“, die sich für den Schutz der Rechte der Wähler einsetzt, ebenfalls Computer und Dokumente beschlagnahmt. Zudem wurden – wie  news.ru.com  berichtet – fast alle Organisatoren des Marsches von den Rechtschutzorganen festgenommen oder zur Armee einberufen.


13.05.2007

Nachdem Sergej KURT-ADZHIEV erfährt, dass auch seine Tochter Anastasija festgenommen wurde, begibt er sich zusammen mit einem anderen Journalisten, Michail KUTEJNIKOW, in die Bezirksabteilung für innere Angelegenheiten von Samara um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen.


In der Abteilung werden die Journalisten von einem gewissen Major der Miliz, der darauf verzichtet sich vorzustellen und auszuweisen gesetzeswidrig festgehalten, wobei den beiden auch keine Anschuldigung vorgelegt wird – teilt die  Nowaja Gazeta  mit. Wie es in der Zeitung heißt – wissen derzeit die Beamten vermutlich nicht, was sie mit den Journalisten machen sollen 


08.08.2007

Nowaja Gazeta erscheint zum ersten Mal in Europa – die Auflage beträgt 10.000 Exemplare. In Deutschland sorgt der DPV Deutscher Pressevertrieb – konkret die Vertriebsfirma W.E. Saarbach (Köln-Hürth) – dafür, dass die Zeitung jeweils dienstags für 1,80 Euro im deutschen Presseeinzelhandel erhältlich ist.


11.11.2007

Sergej KURT-ADZHIEV teilt bei dem Radiosender Echo Moskau mit, dass die Lokalredaktion der Nawaja Gaseta in Samara schließen muss.  „Die letzen beiden Monate arbeiteten wir unter kritischen Bedingungen, jetzt ist die Herausgabe der Zeitung nicht mehr möglich“,  sagt er. Die Schließung der Zeitung ist seiner Meinung nach mit den bevorstehenden Wahlen verbunden.


Eine Woche zuvor wurden aus der Redaktion der letzte Computer beschlagnahmt und die gesamte Finanzdokumentation. Gegen Sergej KURT-ADZHIEV selbst wurde ein Strafverfahren eingeleitet. Bei seiner Mitteilung merkt KURT-ADZHIEV an, dass die Entscheidung über die Schließung der Lokalredaktion gemeinsam mit Dmitrij MURATOV getroffen wurde. Außerdem gibt er in der Radiosendung bekannt, dass alle Abonnenten die Zeitung bis zum Jahresende weiterhin bekommen werden – allerdings wird diese aus Moskau geliefert.


19.01.2009

Das Jahr 2009 fängt für die Nowaja Gazeta mit einer Tragödie an. Der Menschenrechtsanwalt Stanislav MARKELOW (34), und die Journalistik-Studentin und Mitarbeiterin der Nowaja Gazeta, Anastasija BABUROWA (25) werden im Zentrum von Moskau erschossen. MARKELOV übernahm (nach Aussage von Dmitrij MURATOW) für die Nowaja Gazeta alle juristischen Fälle. BABUROVA:  „Das ist ein junges Mädchen, die bei uns seit gar nicht so langer Zeit als Freie arbeitet. Sie hat einiges zum Thema Neonazismus geschrieben“  – sagt der stellvertretende Chefredakteur der Nowaja Gazeta, Sergej SOKOLOW.

Die beiden waren auf dem Rückweg von einer Pressekonferenz, die MARKELOW gegeben hat. In der Nähe der Moskauer U-Bahn-Station „Kropotkinskaja“ schießt ein maskierte Mann dem Anwalt mit einer schalgedämpften Pistole in den Kopf. BABUROVA, die versucht den Täter zu stoppen, wird mit einem Kopfschuss verwundet, wonach sie auf die Intensivstation kommen wird, wo Ärzte vergeblich um ihr Leben kämpfen werden. Der Täter läuft zur U-Bahn und verschwindet unter der Erde.

Auf der Pressekonferenz sprach sich der Rechtsanwalt mehrfach gegen die frühzeitige Haftentlassung von Jurij BUDANOW aus, unter anderem auch, dass er sich deswegen an den Internationalen Gerichtshof wenden werde.

Jurij BUDANOW – ein ehemaliger Kommandeur des 160-ten Panzer-Regiments (stationiert in Tschetschenien) – wurde im März 2000 beschuldigt, ein achtzehnjähriges tschetschenisches Mädchen, Elsa KUNGAEWA, entführt, vergewaltigt und ermordet zu haben (siehe auch  "In Putins Russland", von Anna POLTKOWSKAJA, Köln 2005). MARKELOW vertrat in diesem Fall die KUNGAEWs.

Der Fall löste in Russland und in Tschetschenien eine breite öffentlich Resonanz aus. Zum Hintergrund des Falls: Am 31. Dezember 2002 befand das Militärgericht, dass BUDANOW zur Tatzeit unzurechnungsfähig war und sprach ihn von der strafrechtlichen Verantwortung frei, ordnete ihm jedoch psychologische Zwangsbehandlung an. Am 28. Februar 2003 hat das Oberste Gericht dieses Urteil aufgehoben und den Fall an das Bezirks-Militärgericht von Nord-Kaukasus übertragen. Dieses befand BUDANOW für schuldig und verurteilte ihn zu 10 Jahren Haft.

Abgesehen von seiner Freiheit verlor BUDANOW dabei auch seinen Militärdienstgrad (Oberst) und die staatlich verliehenen Orden. Während der Haftzeit hat BUDANOW viermal vergeblich einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt und sogar zweimal den Antrag auf Begnadigung, den er jedoch in beiden Fällen selber zurückzog. Am 24. Dezember 2008 wurde BUDANOWs fünfter Antrag auf vorzeitige Haftentlassung anerkannt, wogegen MARKELOW, als Rechtsvertreter der Familie KUNGAEV, eine Beschwerde einreichte.

Nach 8,5 Jahre Haftzeit wurde der ehemalige Oberst – am 15. Januar 2009, vier Tage vor dem Doppelmord – dann doch freigelassen. Visa KUNGAEW, der Vater der ermordeten Elsa KUNGAEWA:  „Am Freitag hat mich MARKELOW angerufen. Er hat mir gleich am Anfang des Gesprächs mitgeteilt, dass an ihn Drohungen ausgesprochen wurden, dabei drohte man ihn umzubringen, wenn er nicht aufhört, sich mit dem Fall der Familie KUNGAEW zu beschäftigen.“   

MARKELOW machte sich jedoch nicht nur mit dem Fall BUDANOW Feinde. Unter anderem vertrat er auch Michail BEKETOV, den Chefredakteur der Zeitung himkinskaja pravda, („Wahrheit von Himki“ – Himki ist ein Vorort von Moskau). Der Lokaljournalist wurde im November 2008 brutal zusammengeschlagen, erlitt dabei mehrere Knochenbrüche (auch des Schädels) und lag danach !1,5 TAGE LANG! hilflos vor seinem Haus – in Folge dessen mussten ihm das rechte Bein und einige Finger an der linken Hand amputiert werden – aber er hat überlebt.

Vor dem Angriff kritisierte der ehemalige Fallschirmjäger BEKETOW in seiner Zeitung angstfrei die Machenschaften der örtlichen Stadtsverwaltung. Z.B., dass diese einen Kredit bei der Bank „Vozrozhdenie“ (zu deutsch „Wiedergeburt“) aufnahm, um die Budgetlöcher zu stopfen, wobei eine Ausschreibung zur Feststellung bestmöglicher Kreditbedingungen nicht durchgeführt wurde.

Vor allem setzte sich BEKETOW leidenschaftlich gegen das Vorhaben der Himki-Politiker ein – 1000 Hektar des örtlichen Waldes (eine der letzten Grünflächen der in der ökologisch benachteiligten Umgebung) zu roden, um eine Maut-Autobahn von Moskau nach St. Petersburg zu bauen, mit der dazugehörigen Infrastruktur, (bei den Grundstückspreisen im Moskauer Umland – ein Milliarden-Projekt).

In seiner Zeitung schrieb BEKETOW auch, dass er bedroht werde. Tatsächlich – als der Journalist, vor eineinhalb Jahren, den Rücktritt der Himki-Regierung samt dem Oberhaupt Vladimir STRELTSCHENKO (Bürgermeister von Himki) in einer der Zeitungsausgaben forderte, wurde sein Auto mit einem Sprengsatz zerstört.

Im Sommer 2008 erschlugen gutgekleidete Unbekannte, demonstrativ vor den Augen der Nachbarn seinen Welpen. Eineinhalb Wochen vor dem Angriff – wie die Novaja Gazeta berichtet – bekam BEKETOW einen Anruf von einem einheimischen Verbrecher, der ihn warnte:  „Du wurdest in Auftrag gegeben“.

Als, nach dem Angriff, die Ermittlungen in dem Fall die örtliche Miliz übernahm, sprach Elena KOSTÜTSCHENKO, Spezial-Korrespondentin der Nowaja Gaseta (sie ist z.B. in dem Film von Britta Hilpert   "Diese Lust sich zu verbeugen – Pressefreiheit in Russland" zu sehen) mit dem stellvertretenden Leiter der Ermittlungsgruppe Igor TOKARENKO. Dieser bezeichnete BEKETOWs Konflikt mit der Stadtverwaltung als  „unbestätigte Gerüchte“. Außerdem sagte er: „Sie denken doch nicht, hoffe ich, dass unsere Administration ihn in Auftrag gegeben hat? Das ist doch absurd! ... Wenn es wegen seiner professionellen Tätigkeit geschah, dann taten das STRELTSCHENKOs Feinde. Die Opposition. Mit diesem Mord (schon beerdigt? – Kommentar von Elena KOSTÜTSCHENKO) beabsichtigten sie den Verwaltungschef zu diskreditieren, damit er im nächsten Jahr nicht gewählt wird. Wer jetzt am lautesten schreit, ist der Auftraggeber. Das ist meine Sicht der Dinge.“ MARKELOW vertrat bereits BEKETOWs Interessen, als dieser, noch vor der Attacke, von STRELTSCHENKO verklagt wurde.  

Ob der Fall BEKETOW in direkter Verbindung zu dem Fall MARKELOW steht, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren – was einige Menschen einen Tag nach dem Doppelmord, bei einer Volksversammlung auf Moskauer Straßen, auch tun werden. Die Versionen unterscheiden sich – die Einen werden sagen, es hat mit BUDANOW zutun, die Anderen, mit BEKETOW. Einer der Menschenrechtsvertreter, der mit MARKELOW lange Zeit zusammenarbeitete, wird vermuten, dass Ramsan KADYROW in dem Mord verwickelt sei:  „Stanislaw hatte einige Fälle, die sich mit den Interessen des Präsidenten der Tschetschenischen Republik kreuzen“ .

Es wird viele Meinung geben, denn MARKELOW hatte viele resonanzträchtige Fälle behandelt und kreuzte somit auch die Interessen von unterschiedlichen Menschen, unter anderem auch die von den Repräsentanten der mittlerweile in Russland weitverbreiteten neonazistischen Bewegung – MARKELOW und BABUROWA waren beide ihre Gegner.


19.02.2009

Die angeklagten Beschuldigten im Ermordungsfall Anna POLITKOVSKAJA (RJAGUSOW und CHADSCHIKURBANOW sowie die beiden Tschetschenen Ibrahim und Dschabrail MACHMUDOW) werden freigesprochen. Der Oberste Russische Gerichtshof hebt dieses Urteil am 25. Juni wieder auf - wegen Verfahrensfehlern. Im August wird der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter wieder neu aufgerollt.


03.06.2009

Im Juni erhält der Redakteur Roman SCHLEINOW (SHLEYNOV) für seine akribischen Recherchen in Sachen Korruption und Intransparenz staatlichen Handelns in Russland einen Gerd-Bucerius-Förderpreis „Freie Presse Osteuropa“ zuerkannt. Wir haben mit ihm ein Interview geführt.


03 und 04.11.2009

Nach monatelangen Ermittlungen im Fall MARKELOW/BABUROWA, werden zwei Verdächtige festgenommen – Nikita TICHONOW (Jahrgang 1980) und Evgenija CHASIS (Jahgang 1985). Beide gehören dem ultrarechten Spektrum an.


Nowaja Gaseta wird später berichten: TIHONOW – ein Historiker und gefragter Journalist, einer der Gründer der Zeitschrift  Russkij Obras  (zu deutsch: „Russische Gestalt“), die in den Jahren 2002-2003 entstanden ist. „Die Russische Gestalt ist keine Bande, keine Propaganda-Agentur und keine politische Partei. Wir sind all das zusammen.“  – so steht es auf der Website der Zeitschrift.


Russkij Obras wurde durch mehrere Fans der Band „Kolovrat“ ins Leben gerufen – einer der ältesten Nazi-Bands in Russland, deren Texte hauptsächlich Hitlerismus, Propaganda der nazistischen Gewalt und Hass thematisieren. CHASIS – Mitarbeiterin der Organisation  Russkij Verdikt  (zu deutsch: „Russisches Verdikt bzw. Urteil“), die mit der oben genannten Zeitschrift in Partnerschaft steht und sich mit dem Rechtschutz der Ultrarechten beschäftigt.


Zu den Aufgaben von CHASIS - wie der Koordinator der Organisation der  Nowaja Gaseta  mitteilt - gehörten das Monitorring von Verhaftungen junger Menschen, die wegen „Extremismus“ festgenommen wurden und die Organisation der ihnen zugute kommenden Hilfe (Sammeln von Geld und Kleidung für die inhaftierten Ultrarechten).


05.11.2009

Die Namen der Verdächtigen (TICHONOW und CHASIS) werden offiziell bekanntgegeben. Am selben Tag trifft sich der Präsident der Russischen Föderation, Dmitrij MEDWEDEW, mit dem Direktor des FSB, Aleksander BORTNIKOW zu einem kurzen Gespräch, bei dem dieser Fall thematisiert wird – ein Korrespondent der  Nowaja Gaseta ist dabei ebenfalls anwesend.


Im Gespräch teilt BORTNIKOW mit, dass es im Laufe der Ermittlungen den Fahndern gelang eine gründliche Beweis-Basis zu schaffen, sowie von den Verdächtigen ein Geständnis und andere überführende Materialien zu bekommen. Außerdem waren bei der Festnahme durch die Ermittler eine große Menge an Schusswaffen sichergestellt worden.


BORTNIKOV preist zudem an, dass das FSB abgesehen von dem Doppelmord an MARKELOV und BABUROVA einen anderen Mord aufgeklärt habe, das durch Neonazisten im September begangen wurde, und dass ein weiteres resonanzträchtiges Verbrechen verhindern werden konnte


06.11.2009

Einen Tag darauf teilt TICHONOWs Rechtsanwalt, Evgenij SKRIPELEW in einem Interview bei dem Radiosender Echo Moskvy (zu Deutsch: Echo von Moskau) mit, dass TICHONOW das Verbrechen – den Mord an MARKELOW – bewusst begangen hat, aufgrund einer persönlich Abneigung dem Menschenrechtsanwalt gegenüber.


Zu BABUROVA – verkündet SKRIPELEW – bereue TICHONOW seine Tat:  „Er spricht darüber, dass er nicht die Absicht hatte, ihr das Leben zu nehmen“ – so der Anwalt. Zudem streite TICHONOW ab, zu irgendeiner neonazistischen Organisation zu gehören.


Im selben Interview gibt der Anwalt preis, bei der Festnahme dabei gewesen zu sein, und keine Gesetzesverstöße seitens der Ermittler beobachtet zu haben. Das Geständnis legte TICHONOW ebenfalls zur Zeit seiner Anwesenheit bei der Festnahme ab. Warum er als Rechtanwalt bereits bei der Festnahme dabei war bzw. wie es dazu kam, erzählt SKRIPELEW jedoch nicht – beruft sich dabei auf seine Geheimhaltungspflicht – wenn der Interviewführer die Frage umformulieren würde, könnte er antworten.

 
In Bezug auf die Verdächtigen kursieren in der Presse zwei unterschiedliche Schlussfolgerungen: „das Verbrechen ist aufgeklärt“ oder „man hat zwei Sündenböcke gefunden“. Nach Meinung der Experten des Analyse-Zentrums „SOWA“, das Informationen zu rechten Gewaltakten sammelt, ist TICHONOWs Kandidatur, als Verdächtiger in diesem Verbrechen recht glaubwürdig. Da er schon ein Geständnis abgelegt hat und dabei seine persönliche Abneigung gegenüber dem Anwalt erwähnte – was wiederum logisch sei. Denn, seiner Zeit behandelte MARKELOW einen Mordfall in dem auch TICHINOW verwickelt war.


Konkret: 2006 – 2007 vertrat er die Familie des von rechtsradikalen Skinheads getöteten 19 Jahre alten Antifaschisten Alexander RJUCHIN. TICHONOV wurde als Mittäter dieses Verbrechens gesucht, der damals aber nicht dingfest gemacht werden konnte


29.12.2009

Als TICHONOW bei seiner geschlossenen Gerichtsverhandlung vor der Urteilsverkündung aus dem Gerichtssaal geführt wird, nutzt er die Gelegenheit, um der Presse mitzuteilen, dass er sich von seinem Geständnis distanziert, weil er es unter Druck abgegeben habe. Man habe ihm gedroht seine Freundin, Evgenija CHASIS, in einer Männer-Zelle unterzubringen.


Außerdem äußerte sich TICHONOW zu seiner Festnahme, die – wie er sagt – nicht am 4. November in seiner Wohnung stattfand, sondern am 3. November an der U-Bahn. Abgesehen davon, sagt er, das bei der Hausdurchsuchung 17 Tausend Euro, die seiner Freundin gehören, verschwunden sind, dafür aber die Waffen auf einmal da waren. Die Frage, was er am 19. Januar gemacht habe, kann TICHONOW den Journalisten nicht beantworten – es sei schon zu lange her.


Das Gericht entscheidet an diesem Tag TICHONOW weiterhin in der U-Haft zu lassen. Die Richterin merkt dabei an, dass TICHIONOW bereits seit drei Jahren zur Fahndung ausgeschrieben ist (in Verbindung mit dem Mordfall an dem Antifaschisten Aleksander RJUCHIN), und dass bei der Durchsuchung bei ihm gefälschte Pässe gefunden wurden, die ihm erlaubten Auslandsreisen zu machen.


Die Gerichtsverhandlung von Evgenija CHASIS findet ebenfalls hinter verschlossenen Türen statt. Die U-Haftzeiten beider Verdächtiger werden bis zum 19.04.2010 verlängert.  


Später wird der stellvertretende Chefredakteur der Nowaja Gaseta, Sergej SOKOLOW in seinem Artikel „Wie sie geschnappt wurden“ (freie Übersetzung von dem Originaltitel „Как их брали“) im Detail beschreiben wie die Festnahme abgelaufen ist.


Hier einige Auszüge aus dem Artikel:  „Tichonow, wie es der „Nowaja“ gelang rauszufinden, machte die Tür selbst auf. Vielleicht hat er automatisch auf das Klingeln reagiert, weil er im Flur stand und derzeit sich für die nächste Aktion vorbereitete. ... Jedoch ist Tichonow an der Treppe auf die Fahnder gestoßen, die ihm einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung vorlegten, in der außer ihm auch Jewgenija Chasis lebte. ... Für den abendlichen Spaziergang hatte Tichonow Waffen bei sich. Ich betone, diese Waffen waren nicht in der Wohnung, sondern wurden an Tichonow gefunden. ... Die Durchsuchung dauerte bis zum nächsten Morgen — mehr als 10 Stunden. Genau soviel Zeit brauchten die Kriminalisten, um jene irrsinnige Anzahl an Waffen und Munition aufzunehmen, die bei dem Historiker Nikita Tichonow und der Journalistin Jewgenija Chasis gefunden wurde. Und allem Anschein nach wurde mit einigen dieser Waffen bereits geschossen. Später kam es natürlich zu Kommentaren bekannten Inhalts. Natürlich ist die Polizeipraxis der Waffen-Findlinge  (wenn die Polizeiermittler selbst bei der Durchsuchung, in der Wohnung des/der Verdächtigen Waffen platzieren ... - Kommentar von AE)  in Russland weit verbreitet. Aber — man kann eine Waffe und Patronen platzieren, es sind zwei Waffen möglich, ein ganzes Arsenal zu platzieren ist unmöglich. Es sind viele beachtenswerte Sachen bei der Durchsuchung gefunden worden. Zum Beispiel, die gefälschten Papiere mit Tichonows Fotos, die nicht bloß in einer guten Polygrafie gemacht wurden, sondern in einer tadellos professionellen. ... In der selben Nacht — vom 3. auf den 4. November — im Gebäude des Untersuchungskomitees fanden auch die ersten Verhöre statt. Ihr Ergebnis wurde einige Tage später bekannt: Nikita Tichonow hat den Mord an Stanislaw Markelow und Anastasija Baburowa eingestanden.“


In Bezug auf die Rücknahme des Geständnisses schreibt SOKOLOW:  „Warum er es vorher zugab — hat er banal erklärt: er wurde geschlagen, wurde psychischem Druck ausgesetzt, indem man ihm versprach, Jewgenija Chasis in die Männer-Zelle zu befördern. Freilich, wurde diese Argumentation noch lange vor dem Gericht in die Medien eingeworfen: zuerst von Mironow-Junior, der wegen des Anschlags auf Tschubais verdächtigt wird, und dann von anderen Anhängern und Freunden Tichonows, deren Interviews von einigen zentralen Zeitungen aktiv gedruckt wurden. Mit diesen Versionen fing man an zu arbeiten, nachdem die Anwälte und die Verwandten Tichonows empfohlen haben die Verteidigungstaktik zu ändern.“


2012

Foto: www.icfj.org/roman-anin

Roman ANIN, vormals bei der NG zuständig für Sport und 2010 Absolvent der Fakultät für Journalismus an der Lomonosov-Universität Moskau (Moscow State University), inzwischen aber in der Investigativ-Abteilung der Nowaja Gaseta tätig, bekommt drei russische Journalismuspreise zugesprochen: den

  • Artem Borivik-Preis,
  • den Julian Semenov-Preis und den
  • Andrej Sacharow-Preis.

Seine Enthüllungen sind nicht nur in der Nowaja Gaseta zu lesen, sondern auch in der Financial Times oder der BBC. Dazu ist er ständiges Mitglied Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP), das internationale Recherchen durchführt und diese auch in vielen Ländern veröffentlicht.

Hier finden sich einige Beispiele in englischer Sprache


15.12.2012

Briefkasten von Anna POLITKOWSKAJA, der immer noch hängt, und ein Blick in ihr ehemaliges Büro in der Nowaja Gaseta

Sechs Jahre nach dem Mord an Anna POLITKOWSKAJA verurteilt das Moskauer Stadtgericht Dmitri PAWLJUTSCHENKOW zu elf Jahren im Straflager. Er leitete 2006 bei der Moskauer Polizei eine Spezialabteilung für Beschattung für Privatkunden und hat gestanden den Mord organisiert zu haben. Unklar ist weiterhin, wer den Mord in Auftrag gab.


2013

Die Korrespondentin der Nowaja Gaseta, Jelena KOSTJUTSCHENKO, erhält den Gerd-Bucerius-Preis der ZEIT-Stiftung. Sie berichtet engagiert und unerschrocken über akute soziale und politische Fragen des russischen Alltags. Z.B. über eine Moskauer Obdachlosen-Kolonie oder über ein verwahrlostes Krankenhaus. Auch in Sachen Mikhail BEKETOV, der Opfer eines Anschlags war, hatte sie bereits 2008 akribisch recherchiert. Und ganz konkret Wahlmanipulationen bei der Bürgermeisterwahl in BEKETOV's Stadt Chimki nachgewiesen.
Bei ihrer Arbeit wurde Jelena KOSTJUTSCHENKO mehrfach bedroht und auch körperlich angegriffen. Trotzdem setzt sie ihre Arbeit unerschrocken fort.

Parallel dazu wird Roman ANIN erneut ausgezeichnet: mit dem Knight International Journalism Award in Washington (USA).

Rustam MACHMUDOW, der Mann, der Anna POLITKOWSKAJA umgebracht haben soll und 2011 in Tschetschenien festgenommen wurde, steht im Juli in Moskau vor Gericht. Auch in diesem Prozess fehlt aber weitherin die Hauptperson: derjenige nämlich, der den Mord an POLITKOWSKAJA in Auftrag gab und bezahlte. Dies ist bis heute nicht ermittelt.


März/April 2015

Redaktionsgebäude der Nowaja Gaseta in Moskau

Der Zeitung geht es wirtschaftlich schlecht: die Ausgaben sind größer als die Einnahmen. Aus bisherigen (kleinen) Gewinnen wurden Verluste. Eigentlich ist die letzte Ausgabe für den 9. Mai geplant.

Doch jetzt melden sich Investoren und interessierte Leser, die sich finanziell beteiligen. Auch der bisherige größte Einzelaktionär und Oligarch, gleichzeitig einer der schärfsten PUTIN-Kritiker, Alexander LEBEDEW, schießt Geld ein. Gleichzeitig überträgt er 25% seiner insgesamt 39% Anteile der Redaktion. Die ist jetzt mit 76% der eigentliche Eigentümer. LEBEDEW bleibt mit 14% und Michail GORBATSCHOW mit 10% Miteigner.

Nicht nur durch Crowdfunding wird die ökonomische Situation besser, sondern auch durch den Umstand, dass die Zeitung, die russlandweit vertreten ist, Ausschreibungen gewinnen kann, bei denen beispielsweise Aktiengesellschaft handelsregisterliche Eintragungen landesweit bekannt geben müssen.

Alle Maßnahmen stabilisieren die wirtschaftliche Grundlage - die Redaktion kann weitermachen


2015

Elena KOSTYNCHENKO (KOSTYUCHENKO) gewinnt den European Press Prize: für eine Reportage über einen Mann, der 1967 in Russland geboren 2014 im Ukrainekrieg fällt - beispielhaft dafür, wie Russland die Spuren solcher Schiksale vernebelt: "Your Husband voluntarily went under fire".

Elena KOSTYNCHENKO war z.B. auch im Zusammenhang mit den Recherchen des Journalisten Michail BEKETOV involviert: www.ansTageslicht.de/Beketov . Sie hatte, nachdem BEKETOV zusammengeschlagen wurde, einen seiner letzten Artikel weiter recherchiert und veröffentlicht: Worüber BEKETOV nicht mehr schreiben konnte.


(AE, SJ)

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