Wenn keiner nach den Rechten sieht

Dies ist der erste größere Bericht von Frank JANSEN aus Sachsen-Anhalt, in dem er einen Vorfall aufgreift, bei dem niemand hingucken wollte. Der Autor hatte dafür den Otto-Brenner-Preis erhalten. Wir dokumentieren auch diese Geschichte:

Es geht um Nazis, Gewalt, den Osten und die Polizei. Am Ende klingt alles wie ein Krimi, bei dem der Autor übertrieben hat
Von Frank JANSEN
Der Tagesspiegel v. 6.12.2005


Eine Sommerkirmes, wie sie überall sein könnte. Karussells quietschen und rattern, johlende Jugendliche fahren Autoscooter, Live-Musik schallt aus dem Bierzelt. Ein paar Punks schlendern herum, am Autoscooter bleibt ein 16-Jähriger mit Irokesenschnitt etwas zurück.

Andreas Müller (Name geändert) trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Gegen Nazis“, das gefällt einem anderen Besucher nicht. Der Mann hat ein Bierglas in der Hand und raunzt: „Was soll’n das, gegen Nazis?“ Der Punk weicht zurück, der Mann schlägt zu. Mit dem Bierglas in Müllers Gesicht. Das Glas zersplittert, Müller blutet stark und taumelt, doch der Schläger prügelt weiter und zwingt den Punk, das T-Shirt auszuziehen. Dann lässt er von ihm ab. Holt sich das nächste Bier.

Es geschah nicht überall, sondern in Zerbst, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Und es geht um mehr als typisch rechtsextreme Randale Ost. Die Tat hat für das Opfer noch härtere Folgen als sonst in solchen Fällen üblich. Und der Part der Polizei ist bizarr. Es klingt, als habe ein überdrehter Autor einen prallen Ossi-Krimi geschrieben. Da müssen Nazis rein, überforderte Polizisten, eine herzlose Stadtverwaltung, ein junges Opfer mit allein erziehender Mutter, die von Arbeitslosengeld II lebt. Zerbst ist Klischee real. Andreas Müller und seine Mutter sagen: bloß weg hier.

Der Punk ist seit dem Angriff auf dem Zerbster „Heimatfest“ am Abend des 30. Juli halb blind. Bei dem Schlag mit dem Bierglas drang ein Splitter ins rechte Auge ein. Es war trotz dreier Operationen in der Universitätsklinik Magdeburg nicht zu retten. Im Januar, sagt Müller, „wird mir ’ne Prothese eingesetzt“. Das Auge ist halb geschlossen, die rechte Gesichtshälfte voller Schnittnarben. Welchen Beruf er einmal wird ausüben können, ob er jemals ein Auto fahren wird – Müller weiß es nicht. Doch es gehe ihm „ganz gut“, sagt er tonlos am Küchentisch in der Wohnung der Mutter. Er hat für das, was sich seit dem 30. Juli abgespielt hat, offenbar nur noch Fatalismus übrig.

Noch am Abend des Tattages nimmt die Polizei den Schläger in Gewahrsam. Ein Freund des Opfers und ein Wachdienstmann haben Nico K. auf dem Heimatfest aufgespürt und festgehalten. Nico K., 28 Jahre alt und mehrfach vorbestraft, erzählt den Beamten, er habe sich nur verteidigt. Die Polizisten verzichten darauf, Müllers Freund zu befragen. Routinemäßig nehmen sie die Personalien von Nico K. auf und fahren ihn zum Krankenhaus, wo für einen Alkoholtest Blut entnommen wird. Dann bringen die Beamten Nico K. zum Bahnhof, wo er in den letzten Zug zu seinem Wohnort einsteigt, dem nahen Roßlau. Die Beamten fahren nicht mit. So kann K. nochmal zuschlagen. Im Zug sieht er einen Augenzeugen des Angriffs auf Müller. Nico K. versetzt dem jungen Zeugen einen Fausthieb an den Kopf. Und steigt unbehelligt in Roßlau aus.

Andreas Müller liegt da schon in der Universitätsklinik. Sechs Tage später kommt ein Beamter der Polizeidirektion Magdeburg ins Krankenhaus, um den Punk zu befragen. Amtshilfe für das Revier in Zerbst. Müller sagt aus. Das Protokoll der Vernehmung kann der Polizist allerdings von seinem Laptop im Klinikum nicht ausdrucken. Eine knappe Woche passiert nichts, dann erscheint der Beamte am 11. August wieder im Krankenhaus und geht, ohne einen Arzt oder eine Schwester zu informieren, zu Müller ins Zimmer. Der Punk hat bereits ein Beruhigungsmittel genommen, da eine weitere Operation bevorsteht. Doch der Polizist lässt sich das Protokoll unterschreiben – ohne dass der benommene Jugendliche es gelesen hat. Auch die Mutter, die ihren Sohn täglich besucht, ist nicht mehr da. Als der Stationsarzt von dem Verhalten des Beamten erfährt, fehlt ihm jedes Verständnis: „Das war nicht korrekt.“

In Zerbst selbst wird die Gewalttat heruntergespielt. Kulturamtsleiter Andreas Dittmann freut sich in einem Interview mit der Regionalzeitung, das am 6. August erscheint, die Stimmung der Gastronomen auf dem noch laufenden Heimatfest sei „heiter gelassen“. Und er verurteilt eine Demonstration von 50 jungen Linken, die fünf Tage nach der Gewalttat in Zerbst ein „nazifreies Heimatfest“ forderten. Der Protest hat Folgen: Die Staatsanwaltschaft im nahen Dessau leitet ein Verfahren gegen den mutmaßlichen Anführer der Demonstration ein, wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Die Zerbster Polizei gibt sich auch anderthalb Wochen nach dem Angriff auf Müller ahnungslos. Das Revier lässt am 9. August über die Regionalzeitung verbreiten, man könne keine „Gerüchte“ bestätigen, ein junger Mann habe bei einer Auseinandersetzung auf dem Heimatfest ein Auge verloren. Inzwischen hat die in Magdeburg sitzende „Mobile Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt“ von dem Fall erfahren. Sprecherin Heike Kleffner ruft Journalisten an und klagt, was sich in Zerbst abspiele, erinnere an die „Zustände in den wirren Zeiten nach der Wende“. Dann kommt am 12. August plötzlich Bewegung in den Fall – offenbar durch eine falsche Auskunft.

Da sagt der Sprecher der Polizei Zerbst dem Tagesspiegel, die Staatsanwaltschaft Dessau habe ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dort heißt es jedoch, man kenne den Vorgang gar nicht. Sofort wendet sich die Staatsanwaltschaft an die Polizei in Zerbst. Und wie der Zufall so will, trifft am Nachmittag des 12. August in Zerbst ein Fax der Polizeidirektion Magdeburg ein – in dem über die eine Woche alte Vernehmung von Andreas Müller berichtet wird. Nun gibt es doch den Verdacht auf eine brutale rechtsextreme Straftat.

Das Staatsschutz-Kommissariat der Polizeidirektion Dessau wird eingeschaltet. Es hält den Fall für so gravierend, dass mit Beamten aus Zerbst eine „Ermittlungsgruppe Schlossgarten“ gebildet wird. Jetzt werden Zeugen befragt. Am 17. August nehmen Beamte Nico K. fest. Er legt ein Geständnis ab, gibt auch den Faustschlag im Zug nach Roßlau zu – und sagt, er habe sich längst von der rechten Szene gelöst. Am nächsten Tag schickt ihn das Amtsgericht Zerbst in Untersuchungshaft. Mitte Oktober erhebt die Staatsanwaltschaft Dessau Anklage, wegen schwerer und einfacher Körperverletzung. Nico K. drohen nun bis zu zehn Jahre Haft. In den nächsten Tagen wird das Landgericht Dessau vermutlich die Anklage zulassen.

Für die Polizei ist der Fall jedoch nicht erledigt. „Es gab Kommunikationsbruchstellen“, sagt Sven Gratzik, Chef des Staatsschutz-Kommissariats in Dessau. Für einen Polizeiführer äußert er sich erstaunlich offen. Schon bei der Festnahme des Schlägers auf dem Heimatfest hätten sich die Beamten per Funk erkundigen sollen, ob Nico K. polizeilich bekannt ist, sagt Gratzik. Sie hätten auch gleich den Freund von Müller befragen können, der mit dem Wachdienstmann den Gewalttäter auf dem Heimatfest aufgespürt hatte. „Ich verstehe nicht, warum man nicht alles tat, um den politischen Hintergrund aufzuklären“, Gratzik hebt die Arme. „Man hat Routine an den Tag gelegt, aber Routine kann tödlich sein.“ Er hat nun die Beamten im Einzugsbereich der Polizeidirektion Dessau vergattert, sich auch beim geringsten Verdacht auf eine politische Straftat sofort bei ihm zu melden. „Jetzt werde ich öfter angerufen“, Gratzik lächelt. Eher drohend als ironisch.

Der Staatsschützer wundert sich auch, warum der Magdeburger Beamte nicht sofort berichtete, was der verletzte Punk im Krankenhaus ausgesagt hatte. „Auch wenn das Protokoll noch nicht unterschrieben war, hätten wir einen Ermittlungsansatz gehabt“, sagt Gratzik. Dass der Polizist später Andreas Müller das Protokoll ungelesen abzeichnen ließ, hält Gratzik für weniger schlimm. „Er hat nichts Falsches unterschreiben lassen“, außerdem habe der Beamte direkt nach der Vernehmung den Text vom Laptop vorgelesen. Was den vibrierenden Kriminalrat viel stärker nervt, sind die zwei Wochen Verzögerung beim Zugriff auf den Gewalttäter.

Das Revier in Zerbst bleibt gemächlich. Der Fall vom Sommer sei noch nicht ausgewertet, sagt der Leiter Einsatzdienste, Mike Reiß. Weiter gehende Fragen will er nicht beantworten. Auch in der Stadtverwaltung ist die Neigung gering, sich zu äußern. Eine Sprecherin sagt Anfang November, zu dem Fall gebe nur Kulturamtsleiter Dittmann Auskunft, er habe das Heimatfest organisiert. Aber Dittmann sei im Urlaub. Als er dann Ende November zu erreichen ist, verweist der Kulturamtsleiter zunächst auf eine Presseerklärung der Stadt. Dann gibt er zu, er habe schon am Tag nach der Gewalttat gewusst, dass das Opfer eine schwere Verletzung erlitten hatte. Warum die Stadt dennoch bis heute keinen Kontakt zu der Familie gesucht hat, kann Dittmann nicht erklären. Er zögert und sagt dann: „Es ist nachvollziehbar, daran Kritik zu üben."

„Wir gehen wieder zurück nach Leipzig“, sagt Müllers Mutter. Auch wenn sie nicht weiß, wie sie den Umzug finanzieren soll. Doch in Zerbst „fühlen wir uns im Stich gelassen“. Die Stadtverwaltung zeige kein Mitgefühl, auf der Straße blickten die Leute ihrem Sohn hinterher, „was ist das denn für einer?“ Und es quält die Angst: „Was passiert als Nächstes?“

Eine Ahnung davon, was noch geschehen könnte, bekam man Anfang November am Bahnhof. Die Eingangstür war mit Hakenkreuzen, SS-Runen und Nazi-Parolen beschmiert. Schon seit Tagen, sagte die Betreiberin des Bistros im Bahnhof. Zuständig sei die Bahn, „ich denke, die weiß auch Bescheid“. Die Polizei hatte allerdings keiner informiert, dem Revier waren die Schmierereien nicht bekannt.

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