Andere Beispiele ziviler Gegenwehr in Russland

25. Februar 2010, 8 Uhr morgens, Moskau, Lenin-Prospekt:

Der gepanzerte Mercedes (Typ S 500, 3 Tonnen schwer, verdunkelte Fensterscheiben)
des Vizepräsidenten des russischen Ölriesen Lukoil, Anatolij BARKOV, fährt auf der Gegenspur ein normales Auto der Marke Citroen C 3 zusammen. Dessen Insassen sterben noch am Unfallort. Der Vizepräsident wird nur leicht am Fuß verletzt. VIP versus Normalbürger. Der Vorgang beschäftigt die Moskauer Zivilgesellschaft.

"Mach Platz, Plebejer!" hat Moritz GATHMANN, freier Journalist in Moskau, seinen Bericht übertitelt, der am 1.4.2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlich wurde und den wir hier dokumentieren dürfen.

Danach können Sie über einen Link zu SPIEGEL-TV sehen, wie diese Geschichte bisher weitergegangen ist.


Mach Platz, Plebejer!


von Moritz GATHMANN

Am Moskauer Kutusowskij-Prospekt lässt sich von früh bis spät erleben, dass in Russland wirklich alle Menschen gleich sind - und manche sogar gleicher. Morgens, kurz nach neun Uhr: Auf vier Spuren braust die russische Mittelklasse entlang, in winterschmutzigen Jeeps, Audis und Ladas, aber in sauberen weißen Hemden und Jacketts, auf dem Weg zu ihren Bürojobs im Zentrum von Moskau. Der Verkehr fließt ausnahmsweise, aber offenbar nicht schnell genug: Auf der Mittelspur, die eigentlich den einen Teil der Straße von der Gegenfahrbahn trennt, brausen im Minutentakt schwarze Limousinen in Richtung Zentrum, mal mit Polizeibegleitung, mal mit eigenem Blaulicht und manchmal einfach nur so. Um die Mittagszeit das gleiche Bild: In der Nähe des Weißen Hauses, wo Premier Putin und seine Regierung für das Wohl des Volkes schuften, schaltet die Polizei die Ampeln zehn Minuten auf Rot, und wieder brausen Dutzende schwarze Riesen mit verdunkelten Fenstern an den im Stau fluchenden Russen vorbei. Abends, wenn der Stau aus der Stadt so richtig dicht steht, flitzen sie, natürlich auf der Trennungsfahrbahn, aus der Stadt hinaus - auf die Reichenstraße „Rubljowka”, wo sie sich hinter meterhohen Mauern und Zäunen in Gated Communities eingebunkert haben.

„Dann hat unser Übersetzer gesagt: Das da drüben auf dem Fahrrad ist unser Finanzminister”, erzählt Sergej Kanajew und schaut dabei so entgeistert wie im Sommer 2007, als er Peer Steinbrück bei einem Berlin-Besuch erblickte. Für den 43 Jahre alten Russen war der deutsche Minister auf dem Fahrrad wie eine Marienerscheinung. Kanajew kämpft in einem Einzimmerbüro im Erdgeschoss eines Moskauer Wohnhauses mit seiner „Föderation der russischen Autobesitzer” gegen die Willkür auf russischen Straßen und ganz besonders gegen das Rowdyverhalten der Staatselite.

Täglich demonstrierte Ungleichheit

 Von der täglich demonstrierten Ungleichheit haben die Russen jetzt offenbar die Schnauze voll - Grund dafür ist ein tragischer Autounfall, der das Land seit einem Monat nicht zur Ruhe kommen lässt. Es war der 25. Februar, 8 Uhr morgens. Tatort: Lenin-Prospekt, ebenso wie der Kutusowskij eine stets verstopfte Einfahrtschneise. Anatolij Barkow, 62, Vizepräsident des Ölriesen Lukoil, lässt sich in einem Mercedes S 500, knapp drei Tonnen schwer, zur Arbeit fahren. Barkow steckt im Stau fest. Auf der Gegenspur fließt der Verkehr dagegen problemlos, die bekannte Frauenärztin Wera Sidelnikowa fährt mit ihrer Schwiegertochter in einem Citroën C 3 aus der Stadt. In einer leichten Kurve prallen die ungleichen Gegner frontal aufeinander, vom Citroën bleibt nur wenig übrig, beide Insassen sterben. Der Mercedes wird mehrere Meter nach hinten gestoßen, Barkow wird nur leicht am Fuß verletzt

Was dann passiert, ist nach Kanajews Darstellung typisch für derartige „VIP-Unfälle”, wie die Russen sie nennen. Ein Verkehrspolizist erklärt der Presse noch am Ort: „Der Citroën ist schuld, er ist auf die Spur des Mercedes gefahren.” Später behauptet die Polizei, dass es vom Unfall keine Videoaufnahmen gebe - obwohl die Straße an dieser Stelle von mindestens 15 Kameras überwacht wird. Nach einigen Tagen zeigt die Polizei immerhin eine kurze Aufnahme, auf der aber nicht zu erkennen ist, ob es sich wirklich um Barkows Mercedes handelt, und zudem der Unfallort von einem Reklameschild verdeckt wird.

„Plebejer, komm mir nicht unter die Räder”

Lukoil schickt eine herzlose Presseerklärung, deren erster Satz lautet: „Unser Fahrer hat die Gesetze nicht verletzt.” Wenn die Unfallschuld bei der Citroën-Fahrerin liege, könne von einer Kompensation keine Rede sein, „aber selbst wenn die Schuld unseres Mitarbeiters ermittelt wird, hat die Firma damit nichts zu schaffen”. Anders als eine PR-Katastrophe lässt sich eine solche Erklärung nicht bezeichnen für ein Unternehmen, das soziale und wohltätige Programme als „Bestandteil der Unternehmensstrategie” bezeichnet und 2009 sieben Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet hat.

Der Frust der russischen Öffentlichkeit entlädt sich innerhalb weniger Stunden. Der Rapper Noize MC zimmert noch am selben Tag den Song „Mercedes S 666” zusammen und stellt ihn, untermalt von Bildern der zerstörten Fahrzeuge, auf Youtube: „Mach Platz, Plebejer, komm mir nicht unter die Räder, auf der Straße fahren die Patrizier”, rappt da ein als Teufel animierter Barkow, „ich bin ein höheres Wesen”, und „steckt euch die Meinung des Volkes doch sonst wohin.” Mehr als 700.000 Russen haben den emotionalen Clip bis heute gesehen. In Blogs und Internet-Foren lassen sie ihrer Wut freien Lauf, rufen zum Boykott der Luk-oil-Tankstellen auf.

Inoffizielle „VIP-Nummernschilder"

Kanajew hat keine Zeit für Emotionen. Er hat den Unfall mit Hilfe von Experten auf eigene Faust untersucht. Auf einem weißen DIN-A4-Blatt kann er jetzt schematisch den Unfall nachzeichnen. „Es besteht kein Zweifel, dass der Mercedes ausgeschert ist”, sagt er. Zusätzlich hat er ausgerechnet, dass die zweieinhalb Meter breite Limousine beim Ausscheren in die Gegenfahrbahn geragt haben muss. Aber Kanajew geht noch weiter: Nach seiner Meinung saß Barkow selbst am Steuer, der Fahrer sei erst nach dem Unfall von einem Luk-oil-Einsatzteam herangekarrt worden, um dem Chef aus der Patsche zu helfen. Diese Leute hätten auch das Nummernschild des Wagens abmontiert. „S 398 SS 77” stand darauf, es gibt Bilder vom Unfallort, bevor das Schild abmontiert wurde.

Mit „drei S” fährt in Russland der Geheimdienst FSB - und kommt damit durch jede Verkehrskontrolle. Solche inoffiziellen „VIP-Nummernschilder” gibt es dutzendfach, die „FSBschniki” fahren auch mit „EKCh”, was der Volksmund mit „Edu Kak Chatschu” (”Ich fahre, wie ich will”) übersetzt. Es bleibt die Frage: Wie kam Barkow an ein Nummernschild des Geheimdienstes? Kanajew hat eine einfache Erklärung: „Es ist bekannt, dass er FSB-General in Reserve ist.”

Ständige Bedrohung

Trotz der Vertuschungsversuche hat die Öffentlichkeit ihr Ziel erreicht: Die Untersuchung ist in vollem Gange. Vor einigen Tagen stellte die Polizei die gesamte Familie des Ermittlers unter Polizeischutz, nachdem Unbekannte die Fenster seines Autos eingeschlagen hatten. Und Präsident Dmitrij Medwedjew wies den russischen Innenminister an, den Fall unter seine persönliche Kontrolle zu nehmen - allerdings erst, nachdem Kanajew einen offenen Brief an Medwedjew geschickt hatte, der eher einem Hilferuf gleicht: „Seit einigen Jahren existiert auf den Straßen des Landes ein doppelter Standard: Menschen in Autos mit Spezialnummernschildern und Blaulichtern sind für gewöhnliche Autofahrer zu einer ständigen Bedrohung geworden”, steht dort, und Dutzende bekannte Künstler haben unterschrieben. Kanajew ist überzeugt: „Ohne den öffentlichen Lärm hätten sie einfach den beiden Frauen die Schuld gegeben.” Solche Beispiele hat er zu Dutzenden in seinem Archiv.

„Ich will nicht in so einem Land leben”, sagt Kanajew zum Abschied. Er ist zur Anlaufstelle geworden für alle, die das genauso sehen. Mit 27 regionalen Ablegern hat sich die „Autofahrerassoziation” innerhalb weniger Jahre zur lebendigsten zivilgesellschaftlichen Organisation Russlands entwickelt, und das ganz ohne Stiftungsgelder aus dem Westen.

Es muss sich etwas ändern

Ihre Geburtsstunde war der 7. August 2005: Um kurz nach 9 Uhr raste der Gouverneur Michail Jewdokimow mit 200 Kilometern pro Stunde in seinem Mercedes S 420L und eingeschaltetem Blaulicht durch das ihm unterstehende Gebiet Altaj. Sein Wagen streifte auf einer Kreuzung einen abbiegenden Toyota und prallte mit voller Wucht in einen Erdwall. Jewdokimow und sein Chauffeur starben, der Fahrer des Toyota, Oleg Schtscherbinskij, wurde nach kurzem Prozess zu vier Jahren Haft verurteilt. Sympathisanten des Inhaftierten, darunter Kanajew, gründeten ein Unterstützerkomitee, in ganz Russland gingen über mehrere Wochen Tausende Autofahrer auf die Straßen. „Heute Schtscherbinskij, morgen wir!”, schrieben sie auf die Plakate. Und jeder wusste, dass das keine hohlen Phrasen waren. Schon nach einem Monat entließ ein höheres Gericht den 45 Jahre alten Schtscherbinskij wegen „Mangels an Tatbestand”. Kanajew verstand: Es muss sich etwas ändern.

Auch beim „Blaulichterzählen” haben Kanajews Mitstreiter fleißig geholfen: Tausende verschwommene Bilder, meist mit der Handykamera aufgenommen, zeigen dicke Mercedes-, BMW- und Audi-Limousinen mit Blaulichtern auf dem Dach, viele Nummernschilder mit der Kombination „SSS” und „EKCh”. „Die einzige Funktion der Blaulichter ist es, an Staus vorbeizufahren und rote Ampeln zu ignorieren”, sagt Wiktor Sakson von der renommierten Wirtschaftszeitung „Wedomosti”, der sich die Aktion „Blaulichter zählen” ausgedacht hat. Mit einem Ukas hatte Präsident Wladimir Putin 2006 die Zahl der auf zivilen Autos erlaubten Blaulichter im Land immerhin auf 967 beschränkt. „Wir hatten aber den Eindruck, dass es viel zu viele Autos mit Blaulichtern gibt”, sagt Sakson.

1103 Autos mit Blaulicht

Dass viele andere diesen Eindruck teilten, zeigt die rege Beteiligung an der Aktion. Innerhalb weniger Monate dokumentierte die Zeitung 1103 Autos mit Blaulicht. „Das bedeutet, dass der Ukas des Präsidenten nicht ausgeführt wird”, sagt Sakson. In einigen Tagen wird er die gesammelten Bilder der Präsidentenadministration übergeben. „Wenn der Kreml die Situation in Ordnung bringt, dann wird das ein Erfolg der Zivilgesellschaft sein”, sagt er.

Dass viele andere diesen Eindruck teilten, zeigt die rege Beteiligung an der Aktion. Innerhalb weniger Monate dokumentierte die Zeitung 1103 Autos mit Blaulicht. „Das bedeutet, dass der Ukas des Präsidenten nicht ausgeführt wird”, sagt Sakson. In einigen Tagen wird er die gesammelten Bilder der Präsidentenadministration übergeben. „Wenn der Kreml die Situation in Ordnung bringt, dann wird das ein Erfolg der Zivilgesellschaft sein”, sagt er.


Und hier geht es zum 8minütigen SPIEGEL-TV-Bericht "Blaulicht-Raser: Wildwest auf Moskaus Strassen":

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