Die ganze Geschichte im Überblick: Michael BEKETOV aus Chimki

Der Tatort des Anschlags vom 11. November 2008: ein typischer Vorort der Großstadtmetropole Moskau namens Chimki (Khimki) - einer Mischung aus stalinistischer Trabantenstadt und bescheidener Vorstadtsiedlung. Dort hat auch Michael BEKETOV ein kleines Reihenhaus.

Das Stadtgebiet von Chimki liegt nördlich von Moskau an zwei wichtigen Verkehrsmagistralen: der Schnellstrasse "M 10" nach St. Petersburg in Richtung Nordwesten sowie einer nordöstlichen Trasse zu einem der großen Flughäfen von Moskau: Sheremetevo. An dieser Route hatte sich im Jahr 2004 der schwedische Möbelkonzern IKEA erstmals niedergelassen - in einem der riesigen Einkaufscenter namens "Mega 2" auf 230.000 Quadratmetern.

Das bekannte Möbelhaus hatte dort gleich zu Beginn seines russischen Engagements Bekanntschaft mit dem gemacht, was Russland ebenfalls prägt: flächendeckende Korruption. Auf dem so genannten Corruption Perception Index (Korruptions-Index) von Transparency International rangiert die Russische Föderation auf Platz 146 von insgesamt 180 Ländern weltweit, also ziemlich am Ende der Ehrlichkeitsskala.

Konkret hatten die Behörden unmittelbar vor der Eröffnungsfeier im Dezember 2004, als bereits die ersten Gäste vor dem Eingang standen, die feierliche Eröffnung verboten. Grund: Angeblich verlaufe eine der Zufahrtsstrassen zum Einkaufszentrum zu nahe an einer unterirdischen Gasleitung vorbei.

IKEA hatte bereits früh angeboten, eine Zubringerbrücke zu bauen, hatte dafür allerdings keine Baugenehmigung erhalten. Erst als sich IKEA-Russland-Geschäftsführer Lennart DAHLGREN nach diesem Eklat bereit erklärte, der Stadt zu Eröffnungsbeginn 1 Million Dollar für den Aufbau von Sportanlagen in Chimki zu "schenken", klappte plötzlich alles mit den Genehmigungen. Dieses Bestechungsgeld nehme ich gerne an", wird der Bürgermeister von Chimki, Vladimir STRELCHENKO (STRELTSCHENKO), zitiert.

"Korruption"? IKEA musste solche Erfahrungen bei allen seinen russischen Möbelhäusern machen, wie beispielsweise das Handelsblatt im Juni 2006 berichtete. Zu Zeiten der Sowjetunion war es gang und gäbe, dass die (staatlichen) Unternehmen für die Infrastruktur bezahlen. Dies ist offenbar auch die Erwartungshaltung vieler Beamter aus jenen Zeiten, die auch heute noch hinter den Schreibtischen der Bürokratie sitzen, wie es beispielsweise der Forschungsdienst Russland-Analysen in seiner Ausgabe Nr. 210 (S. 8 ff) konstatiert.

In diesem Umfeld agiert(e) auch Michail BEKETOV, Jahrgang 1958, der dort seit 2006 eine kleine Zeitung herausgibt, die Chimkinskaja Prawda (Газета Химкинская правда): Die Wahrheit von Chimki.

Und schnell geriet er mit dem Bürgermeister STRELCHENKOV aneinander. Die letzte Auseinandersetzung betraf eine Äußerung von BEKETOV in einem der kleinen Fernsehsender, in der er den Bürgermeister als Auftraggeber eines Brandanschlags auf sein Auto verdächtigte, das Unbekannte 2007 angezündet hatten. Vorausgegangen waren mehrere kritische Berichte in seiner kleinen Zeitung, die dem Bürgermeister nicht gefallen konnten.

Vermutlich noch unbeliebter machte sich BEKETOV mit seinem journalistischen Engagement für den Erhalt des Chimki-Waldes. Durch den ist nämlich eine Autobahn geplant, die die Schnellstrasse nach St. Petersburg ergänzen bzw. ablösen soll, weil die nicht durchgängig nach St. Petersburg breit und deswegen schnell genug ist. Die Sinnhaftigkeit einer solchen Verbindung ist unumstritten. Umstritten indes sind einige Tatsachen, die nicht unbedingt einleuchten:

  • relevante und mögliche alternative Routen werden nicht berücksichtigt

  • jene Trassenführung, die von oben herab durchgesetzt werden soll bzw. wird, führt nicht nur mitten durch den Chimki-Wald, sondern soll zusätzlich einen 3 km breiten Seitenstreifen bekommen, damit sich dort Gewerbe etc. ansiedeln kann.

Wer das besondere Klima und die Luftgüte der Metropole Moskau kennt, weiß wie wichtig zusammenhängende Waldflächen für das Binnenklima des Ballungsraumes sind. Genau dies hatte der Chefredakteur der Wahrheit von Chimki immer wieder hervorgehoben. Bis zum November 2008. Seither ist BEKETOV nicht mehr imstande, zu reden oder zu schreiben. Er wurde - wiederum von Unbekannten, die bis zum heutigen Tag nicht entdeckt sind - zum Krüppel zusammengeschlagen. Wer sich zutraut, dazu mehr zu erfahren, der lese seine Krankenakte, die wir auszugweise dokumentieren, um die Brutalität deutlich zu machen, mit der die Täter vorgegangen sind.

Worüber Michail BEKETOV zuletzt recherchiert hatte, nämlich die politisch und wirtschaftlich miteinander vernetzten Clanstrukturen der Stadt, finden Sie hier unter Was BEKETOV selbst nicht mehr veröffentlichen konnte. Veröffentlicht hatte es dann - nach dem Anschlag - eine Redakteurin der Zeitung Novaya Gazeta.

Alle Vorgänge und Ereignisse und ihre Zusammenhänge finden Sie in der Chronologie aus Chimki. Im ABC aller Chimki-Akteure haben wir alle aufgeführt, welche Rolle sie in Chimki und bei der Abholzung des Waldes spielen.

"Eine Gleichung mit einer Unbekannten" war ein Artikel der Zeitung Novaya Gazeta übertitelt. Darin hatte die Redakteurin Elena KOSTYNCHENKO akribisch beschrieben, was sich in einem der Wahllokale im März 2009 abgespielt hatte, konkret wie dort die Bürgermeisterwahl abgelaufen war. Die "Unbekannte" bezieht sich auf jene Zahl, die die Wahlleiter benötigten, um ein bestimmtes Wahlergebnis zu erhalten. Wir haben beide Wahlstimmenzettel dokumentiert: die erste Version, auf der das Wahlergebnis nicht den Vorstellungen der Wahlleiter entsprach, und jene, die dann mit der inzwischen ausgerechneten Zahl das gewünschte Ergebnis auswies.

Mikhail BEKETOV stirbt im April 2013 an den Komplikationen des Überfalls im November 2008 im Alter von 55 Jahren. Er hatte die letzten Jahre nie mehr sprechen können. Die Arbeit, konkret der Einsatz für den Wald von Chimki, wird weitergeführt von Ewgenija TSCHIRIKOWA, die inzwischen zu den führenden Köpfen von Russlands neuer Zivilgesellschaft gehört.

Diese Geschichte können Sie direkt aufrufen oder verlinken unter www.ansTageslicht.de/Beketov oder auch www.ansTageslicht.de/Chimki.

 

(JL)

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