Quintessenz eines journalistischen Disputs

 

Hamburg, 9. Mai 2008. Im Deutschen Schauspielhaus steht der Henri-Nannen-Preis auf dem Programm, mit dem journalistische Bestleistungen des Vorjahres besonders hervorgehoben werden sollen. Zu Gast bei der Veranstaltung sind auch viele VIP’s eingeladen – Angela MERKEL, Liz MOHN (Bertelsmann-Gruppe, zu der auch die Illustrierte stern gehört), Ferdinand PIECH (VW-Konzern) und viele andere. Es wird gelacht, gesungen, gefeiert - und natürlich werden auch Preise verliehen.

Eine dieser Trophäen geht an ein Journalisten-Team vom SPIEGEL. Die vier Rechercheure, Udo LUDWIG, Matthias GEYER, Lothar GORRIS und Detlef HACKE werden für die beste investigative Leistung geehrt. Das Thema ihrer jahrelangen Arbeit ist das „Doping im deutschen Radsport“. Mit ihren Recherchen haben die Preisträger nachgewiesen, dass auch im Radrenn-Team der Deutschen Telekom verbotene Doping-Mittel verwendet wurden. Woraufhin sich die Telekom aus dem Radsport zurückgezogen hat.

Die Jury würdigte die Leistung der Journalisten, die während ihrer Arbeit immer wieder unter Druck gesetzt wurden – vor allem seitens der Telekom und ihres kleinen Doping-‚Konzerns’: dem Team Telekom mitsamt seinem großen Betreuungsapparat. Die Redakteure setzten ihre Recherchen aber dennoch fort und entlarvten im Endeffekt eine der populärsten Sportarten als großes Kartell von Manipulateuren und Vertuschern.

Die vier Mal jährlich erscheinende Journalismus-Zeitschrift message kritisiert in der dritten und vierten Ausgabe 2008 die Berichterstattung des mit dem Henri-Nannen-Preis gekrönten SPIEGEL-Teams. Konkret betrifft ihre Kritik die Entstehung eines, im Jahre 1999 veröffentlichten Artikels, den Udo LUDWIG und Matthias GEYER verfasst haben. In diesem Artikel „Die Werte spielen verrückt“ (DER SPIEGEL24/1999 vom 14.06.1999) enthüllen die SPIEGEL-Rechercheure das Dopingsystem im Radrennstall der deutschen Telekom. Warum es seitens der message zu dieser Kritik kam und wie sich diese geäußert hat, dokumentieren wir hier.

Bei den Recherchen für den oben genannten Artikel bedienen sich die SPIEGEL-Redakteure der Dienste eines Informanten namens Dieter QUARZ.

Dieter QUARZ, Jahrgang 1967, ist Diplom-Trainer für Radsport und diplomierter Chemiker aus Düsseldorf. Seit Jahren engagiert er sich im Kampf gegen Doping. In den 90er Jahren war er beim Doping-Labor der Sporthochschule Köln als Diplomand tätig. Anschließend sammelte er sein Wissen als Pfleger in verschiedenen Radsport-Teams. Er war Freiberufler, der sich um einzelne Radsportler gekümmert hatte, egal in welchem Rennstall sie Mitglied waren. Während seiner freiberuflichen Tätigkeit sammelte QUARZ Insiderkenntnisse und Dokumente über illegale Fitmacher und Radsportler, denen diese nicht geheuer waren.

Die SPIEGEL-Leute haben im Vorfeld sehr genau überlegt, wen sie am besten, als Informanten für diese Geschichte, gewinnen können/sollten, ohne dass das gesamte Team Telekom davon erfährt. „Dabei muss man wissen, dass die Radsportbranche wie eine Mafiaorganisation zusammenhält. Eine Einzelperson als Informanten herauszubrechen, ist nahezu unmöglich.“ – daher war die Auswahl an Informanten nicht sehr groß. „Wir mussten Leute finden, von denen wir aus früheren Gesprächen den Eindruck hatten: Denen geht einiges auf die Nerven“ , so Udo LUDWIG später.

Dem SPIEGEL war QUARZ durch eine Sendung des Fernsehmagazins Monitor aufgefallen - er hatte der Fernsehredaktion sein Fachwissen und seine Verbindungen bei deren Recherchen über Doping im Radsport zur Verfügung gestellt.

Der „übliche“ Versuch, einen Informanten einzukaufen

Professor Dr. Werner FRANKE vom Deutschen Krebsforschungs-Zentrum (DKfZ) in Heidelberg, ein wichtiger Recherchepartner für Udo LUDWIG und ebenso wie QUARZ ein öffentlicher ‚Ankläger’ des Dopingmissbrauchs, wird ebenfalls auf den damals 32 jährigen Mann aufmerksam. Er lädt QUARZ zu einem persönlichen Gespräch, unter vier Augen zu sich nach Heidelberg ein. FRANKE äußert QUARZ gegenüber die Absicht, ihn „aus dem Sumpf des Radsports herausholen“ zu wollen und ihm eine berufliche Existenz, sowohl im Wissenschafts- als auch im Sportbereich ermöglichen zu können. Interessiert fährt QUARZ im August 1998 zu FRANKE nach Heidelberg.

Doch zu dem angekündigten vertraulichen Gespräch unter vier Augen kommt es nicht. Der Professor hat sich zuvor mit dem SPIEGEL kurzgeschlossen und wartet zusammen mit einem Kollegen sowie einem Herrn aus Hamburg auf den Insider. Der aus Hamburg ist der SPIEGEL-Redakteur Udo LUDWIG.

QUARZ merkt schnell, dass ihm falsche Versprechungen gemacht wurden. Das Gesprächsthema hat mit der abgesicherten beruflichen Zukunft nichts zu tun. Vielmehr sucht vor allem der SPIEGEL-Redakteur einen Informanten, der das Team Telekom belasten soll. Als Gegenleistung soll QUARZ vom SPIEGEL über eine Umwegfinanzierung bezahlt werden. Konkret: nicht QUARZ soll das Geld erhalten, sondern das Deutsche Zentrum für Krebsforschung - in Form einer großzügigen Spende. Dafür soll das Material, das QUARZ über Jahre zum Thema Doping im Radsport gesammelt hatte, den Weg zum SPIEGEL finden. So das Angebot des SPIEGEL-Manns.

Für QUARZ bleibt bei diesem Treffen unklar, welche Vorteile dieser Handel ihm erbringen würde. Er verlässt das Treffen und fährt wieder nach Hause.

„Bei diesem Treffen handelte es sich um den üblichen Versuch, einen Informanten „einzukaufen“.(…) Es „wäre zuviel für Franke gewesen“, den Doping-Rechercheur Quarz für sich zu gewinnen, (…) „Es war klar, dass der ,Spiegel’ hier finanziell aushelfen musste“, so wird Udo LUDWIG im Jahre 2000 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zitiert.

 Zuerst kam der SPIEGEL, …

Trotz der unerfreulichen Begegnung in Heidelberg, schaffen es die SPIEGEL-Redakteure dennoch, Dieter QUARZ zu einem zweiten Treffen zu überreden: „Es gehe ihnen lediglich um die „wissenschaftliche Absicherung zu einem Artikel über Doping im Radsport“, hieß es.“ so die Erinnerung von Dieter QUARZ.

Am 8. Juni 1999, eine Woche vor dem Erscheinen des umstrittenen SPIEGEL-Artikels „Die Werte spielen verrückt“, der später gerichtlich gesperrt werden wird, treffen sich Udo LUDWIG und Matthias GEYER mit QUARZ in Düsseldorf. Er hält ihnen in seiner Wohnung einen Power-Point-Vortrag über Doping im Radsport und zeigt darin Dokumente, die er vorher anonymisiert hatte. Laut message-Artikel, "Aus "Unbekannt" mach "Telekom"" (message 3/2008) (auf den wir uns mehrmals beziehen werden) will QUARZ mit seinen Informationen Systematik betreiben. Er hält es nicht für sinnvoll, einzelne Personen anzuklagen. Erstens würde sich dadurch nichts am System ändern und zweitens, weil er im Radsport viele Freunde und Kollegen hat. Laut den Unterlagen, die unserer Redaktion vorliegen, gibt QUARZ an, beim Interview mit dem SPIEGEL, auf die Fragen, bei denen er eine konkrete Stellungnahme zum Team Telekom geben sollte, immer ausweichend auf den allgemeinen Kontext geantwortet zu haben, ohne dabei eindeutige formaljuristische Dokumente zu zitieren, die die Mitarbeiter oder die Rennfahrer des Team Telekom des Dopings bezichtigen könnten.

Dementsprechend verläuft das Interview auch weiterhin – DER SPIEGEL fragt nach der Telekom und QUARZ antwort im allgemeinen Radsport-Kontext – ein „Spiel“, bei dem beide Seiten hoffen, ihre Ziele zu erreichen. Als sich das Treffen dem Ende neigt, übergibt QUARZ den beiden Journalisten Ausdrucke seines Powerpoint-Vortrags.

Wenig später bekommt QUARZ eine Rohfassung des SPIEGEL-Artikels zugefaxt. In diesem findet er sich unter verschiedensten Quellenangaben als Kronzeuge wieder. Mal taucht er als „einer, der damals dabei war“, mal als „ein vormaliger Telekom-Soigneur“, „Biochemiker“, „ein früherer Telekom-Mann“ oder als „andere Pfleger“, in dem Manuskript auf. Außerdem fällt dem Informanten QUARZ auf, dass manche Statements aus seinem Vortrag gewaltsam in Richtung Team Telekom gebogen sind (message 3/2008). Im Telefongespräch mit Udo LUDWIG fordert QUARZ Änderungen im Manuskript.

Als am Montag, den 14. Juni 1999 DER SPIEGEL erscheint, findet QUARZ einen Artikel vor, in dem nicht nur seinen Änderungswünschen nicht nachgegangen wurde, sondern auch, dass zwei Dokumente aus seinem Fundus mit falschen Bildunterschriften veröffentlicht sind. Diese hatte QUARZ anonymisiert den beiden Journalisten beim Treffen in seiner Wohnung übergeben. In dem Artikel sind sie jedoch jeweils einem Telekom-Fahrer zugeschrieben und sollen damit die vermeintliche Authentizität der Story stützen. „Dabei war ich nie im Besitz von Dokumenten, die das Team Telekom belasten“, sagt QUARZ zu message(Ausgabe 3/2008).

… dann die Polizei

Doch das ist noch nicht alles. Die Geschichte nimmt für QUARZ eine weitere unangenehme und vor allem unerwartete Wendung. Einen Tag nach der Veröffentlichung des SPIEGEL-Artikels am 15. Juni 1999 erhält er wiederum Besuch: Diesmal von Kriminalbeamten, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft Düsseldorf seine Wohnung gewaltsam aufbrechen und durchsuchen, dabei seine Aufzeichnungen, PC und sein Notebook zur Beweissicherung mitnehmen. Anzeigensteller: Doping-Bekämpfer Professor Werner FRANKE aus Heidelberg.

In einem Dokument, das unserer Redaktion vorliegt, schreibt QUARZ: „Am 17.06.1999 eröffnete mir Staatsanwalt Mühlen in Düsseldorf den Grund der Ermittlungen und Durchsuchungen in meinen Wohnräumen, indem er mir die Strafanzeige Prof. Frankes vom 07.06.1999 vorlegte und um Stellungnahme bat. Darin zählte er meine beruflichen Qualifikationen auf (!), bezichtigte mich des dealens mit Dopingmitteln und forderte eine Razzia in meiner Wohnung (...).“ Diese Anzeige hatte FRANKE einen Tag vor dem Treffen zwischen den SPIEGEL-Redakteuren und dem Informanten gegen QUARZ aufgesetzt. Damit erreicht Prof. FRANKE unter anderem, dass alle Unterlagen des Informanten, die er dem Professor in Heidelberg nicht aushändigen wollte, beschlagnahmt wurden.

Nicht nur der Informant, sondern auch der SPIEGEL gerät nach der Veröffentlichung des Artikels unter Druck. Die Betreiber-GmbH des Team Telekom erwirkt eine einstweilige Verfügung, sodass der SPIEGEL, sowohl auf der juristischen als auch auf der journalistischen Front nachlegen muss (message 3/2008). Das wiederum hat erhebliche Auswirkungen auf QUARZ.

Am Abend der Durchsuchung ruft Udo LUDWIG bei Dieter QUARZ an, um zu erfahren, wie er den SPIEGEL-Artikel beurteile. Daraufhin schildert QUARZ ihm die Lage, in der er sich zu diesem Zeitpunkt befindet. Statt den Informanten zu beruhigen, teilt LUDWIG ihm mit, dass der SPIEGEL sofort mit Rechtsbeistand zur Verfügung stünde und dass er am folgenden Tag zu ihm kommen wolle.

Am 17. Juni 1999, um 9:00 Uhr, erscheint LUDWIG, zusammen mit dem Leiter der Rechtsabteilung des SPIEGELs, bei QUARZ – drei Stunden vor seiner ersten Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft. Nach einer kurzen Erkundigung über den Vorfall am vorangegangenen Tag, kommen sie relativ plump und schnell auf den tatsächlichen Grund ihres Besuches zu sprechen. Die SPIEGEL-Leute drängen QUARZ zu einer eidesstattlichen Erklärung. Darin soll er das Team Telekom belasten und unter anderem erklären, in einer Spanischen Apotheke selbst Doping-Mittel gekauft zu haben. Sie machen ihm klar, dass jetzt alles öffentlich und dass QUARZ´ Name keinesfalls mehr anonym bleiben würde, „nach dem Motto:„…besser wir packen jetzt alle Fakten auf den Tisch, bevor wir den Informationsfluß durch die Staatsanwaltschaft nicht mehr steuern können.“.“, schreibt QUARZ in seinem Tagebuch „Zuerst kam der „Spiegel“, dann die Polizei“.

QUARZ weigert sich, die eidesstattliche Erklärung zu unterschreiben und nimmt sich einen eigenen Rechtsanwalt. Nachdem einige Tage später auch der zweite Versuch des SPIEGELs, eine entschärfte Version jener eidesstattlichen Erklärung unterschrieben zu bekommen, scheitert, bekommt QUARZ ein Interview zugefaxt, das die beiden SPIEGEL-Rechercheure, LUDWIG und GEYER, aus ihrem Besuch bei QUARZ erstellt haben. Auch darin soll er als Kronzeuge gegen das Team Telekom auftreten und sich als Doping-Helfer bekennen – QUARZ verweigert die Freigabe des Interviews.

Verzweifelt wendet sich der SPIEGEL an den Anwalt des Informanten und bittet ihn um Schützenhilfe gegen die Telekom. Am 14 Juli 1999 fliegen QUARZ und sein Anwalt nach Hamburg. In der 11. Etage des SPIEGEL-Hochhauses, in der Brandstwiete, treffen sie sich mit dem Chefredakteur Stefan AUST, den Rechercheuren LUDWIG und GEYER, dem Sportressort-Chef Alfred WEINZIERL und dem Verlagsjustiziar. Gute zwei Stunden verbringen sie damit, das vorhandene Material zu sichten und zu diskutieren. Dabei stellt sich zum Beispiel heraus, dass die im SPIEGEL veröffentlichte Doping-„Frühjahrskur“ eines „Telekom-Fahrers“ aus dem Jahre 1997 stammt. Im SPIEGEL-Artikel wird diese aber einem Fahrer zugeordnet, der erst 1998 als Mitglied zum Team Telekom gekommen ist.

AUST sei fast vom Stuhl gefallen, erzählt QUARZ message gegenüber, er habe gestöhnt: „Und ich verkaufe meinem Freund Sommer (Ron Sommer, damals Telekom-Vorstandschef, Anm. d. Red.) auf dem Golfplatz die Story als handfest“. Mario MEYEN, Rechtsanwalt von QUARZ, erinnert sich, dass am Ende dieser Besprechung alle einschließlich AUST der Meinung waren, dass der Artikel nicht genau genug recherchiert wurde (message 3/2008).

Einen Monat später, am 17. August 1999, wird das Ermittlungsverfahren gegen Dieter QUARZ wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz eingestellt. Und ein halbes Jahr später muss der SPIEGEL dem Team Telekom gegenüber endgültig nachgeben: Am 24. Februar 2000, kurz vor der Verhandlung vorm Landgericht Frankfurt/M., kommen die Streitparteien zu einer außergerichtlichen Einigung. Dabei verpflichtet sich DER SPIEGEL, seine umstrittenen Behauptungen hinsichtlich Doping usw, künftig zu unterlassen. Umgekehrt verzichtet die Betreiber-GmbH des Team Telekom auf Richtigstellung und Schadenersatz und zieht ihre Klage zurück. „Das war eine sehr harte Zeit und ging uns allen sehr an die Substanz. Gerade weil wir felsenfest davon überzeugt waren, dass unsere Berichterstattung absolut korrekt ist. Wir haben jeden Stein umgedreht. Wir hatten Bänder und Gesprächsprotokolle, aus dem Inner Circle der Telekom hatten wir richtige Pfründe in der Hand.“, wird Udo LUDWIG später in einem Interview der Henri-Nannen-Preis-Stiftung berichten.

Erst 8 Jahre später, 2007, wendet sich das Blatt zu Gunsten des SPIEGEL. Eine regelrechte Welle von Geständnissen kommt in Gang. Profi-Radsportler – unter anderem auch Mitglieder des Team Telekom – geben öffentlich zu, über kurz oder lang Doping-Mittel angewendet zu haben. Bekannte Profis wie Jörg JAKSCHE, ein ehemaliger Telekom-Fahrer, oder Jef D´Hont, der für das Team Telekom als Pfleger tätig war, berichten und beichten dem SPIEGEL über gängige Doping-Machenschaften im Radsport, die der Öffentlichkeit jahrelang vorenthalten wurden. Im Endeffekt fliegt das Doping-System der Telekom-Mannschaft endgültig auf.

 Journalisten unter sich

In einem, von message geführten Interview „Es waren keine Spekulationen“ (message03/2008, S. 52-55) mit Udo LUDWIG und Matthias GEYER sagen die beiden im Bezug auf den Henri-Nannen-Preis, es sei vor allem eine Genugtuung für die Geschichte von 1999 einen Preis verliehen bekommen zu haben, weil das damals viel Kraft gekostet habe. Sie wurden juristisch bekämpft, zum Teil mit eidesstattlichen Erklärungen, von denen man heute weiß, dass sie nicht der Wahrheit entsprachen. Auch wurde der SPIEGEL-Verlag durch einen Anzeigenboykott der Telekom, wirtschaftlich unter Druck gesetzt - viele Vereinbarungen hinsichtlich Anzeigen wurden plötzlich obsolet, wodurch der Verlag einen Minus in Höhe eines siebenstelligen Betrages hinnehmen musste. Auch in der Redaktion hatten die Rechercheure hier und da Beziehungskrisen erlitten. „Wir alle haben damals sehr schlecht geschlafen. Eine rechtliche Auseinandersetzung kostet sehr viel Zeit. Die Familie, die Freunde, unser ganzes Leben war in dieser Zeit von den Vorgängen überschattet.“, so LUDWIG im Interview mit der Henri-Nannen-Preis-Stiftung. (Best of Henri Nannen Preis 2008)

Auf die Frage, was die beiden von den Vorwürfen der FAZ halten, die im Jahre 2000 in dem Artikel „Die große Informantenverbrennung“, veröffentlicht wurden, sagt Matthias GEYER: „Wenn der Kollege noch immer meint, er habe damals eine gute Geschichte geschrieben, dann sollte er vielleicht darüber nachdenken, ob er sich den richtigen Beruf ausgesucht hat.“. Und als es darum geht, ob es denn falsch sei, was Ralf MEUTGENS, der Verfasser des oben benannten FAZ-Artikels geschrieben hatte, sagt MEYER, es sei nicht der Rede Wert. Damals hätten sie noch darüber diskutiert, ob sie gegen den Artikel vorgehen sollen, hatten dann aber doch davon Abstand genommen, weil sie sich nicht auf dasselbe Niveau begeben wollten - erzählt LUDWIG. Außerdem sagen die beiden SPIEGEL-Redakteure, dass weder Ralf MEUTGENS noch die Redaktion der FAZ sich vor der Veröffentlichung des Artikels darum bemüht hatten, mit den Betroffenen, also LUDWIG und GEYER, zu sprechen.

Message-Nachfrage bei MEUTGENS in einem anderen Interview, warum er die beiden mit den Vorwürfen nicht konfrontiert habe. MEUTGENS Antwort: „Da hätte ich eben so gut die Radprofis fragen können, ob sie dopen. Ich kannte die nötigen Fakten. Wenn denn alles Unsinn war, was ich in der FAZ geschrieben habe, dann hätte ich erwartet, dass man dem presserechtlich entgegentritt. Das ist nicht passiert“(message 3/2008, S. 59). Lediglich in einem Satz des FAZ-Artikels wurde Udo LUDWIG zitiert, von dem dieser meint, er sei aus dem Hut gezaubert.

Im weiteren Verlauf des message-Interviews macht man die SPIEGEL-Leute auf die Äußerung des Informanten Dieter QUARZ aufmerksam. Der sagte nämlich, dass die in dem SPIEGEL-Artikel abgedruckten Doping-Dokumente nicht von Telekom-Fahrern stammten – zumindest nicht aus den Jahren, bei dem der jeweilige Fahrer bei der Telekom war. Antwort Matthias GEYER: „Lassen Sie uns nicht mehr darüber reden, was Herr Quarz irgendwann irgendwo behauptet hat. Gehen Sie einfach davon aus, dass alles, was in unserem Artikel steht, stimmt.“

Nach dieser Veröffentlichung der message-Artikel (message 3/2008) stehen LUDWIG und GEYER, als Journalisten und Preisträger eher schlecht als recht da. Dementsprechend versuchen sie ihre Professionalität zu retten. In der darauf folgenden Ausgabe der Zeitschrift versuchen sie zu beweisen, dass sie bei der Geschichte 1999 richtig gehandelt hatten. (message 4/2008). Sie schreiben eine Replik, die unter dem Titel „Post vom Spiegel“ veröffentlicht wird. Die knappe aber doch deutliche Antwort darauf verfasst der message-Herausgeber, Michael HALLER, der sowohl die Themen der Zeitschrift festlegt, als auch die publizistische Verantwortung dafür trägt.

In seinem Antwort-Schreiben entschärft HALLER die vermeintlichen Vorwürfe der SPIEGEL-Rechercheure, die sich sowohl gegen message, als auch gegen den Informanten Dieter QUARZ richten. Abgesehen davon macht der message-Herausgeber seinen Standpunkt LUDWIG und GEYER gegenüber mehr als deutlich, in dem er ihre Replik als eine „Pseudorichtigstellung“ bezeichnet – dazu weiter unten im Text.

Der Schlagabtausch 

In ihrer Replik greifen die SPIEGEL-Leute die Aussage des Informanten Dieter QUARZ auf, die - kurzgefasst - davon handelt, dass er mit seinen Informationen Systematik betreiben wollte und es nicht für hilfreich hielt einzelne Personen anzuklagen – weil es nichts am System ändern würde. Diese Äußerung wollen die Journalisten richtig stellen, in dem sie schreiben:

„Im Gespräch mit dem Spiegel belastete Quarz Personen namentlich, und zwar aus eigenem Antrieb, ohne dass wir ihn im Besonderen danach gefragt hätten. Seine Einlassungen betrafen unter anderem die Telekom-Ärzte Andreas Schmidt, Lothar Heinrich, den Telekom-Betreuer Aldis Cerulis sowie den Telekom-Fahrer Dirk Müller.“

Und in Bezug auf das Material, das die Journalisten am Ende des Treffens in QUARZ` Wohnung von dem Informanten erhalten hatten, schreiben LUDWIG und GEYER, dass es in seiner schriftlichen Form zwar anonymisiert war, jedoch habe QUARZ im Verlauf des Gesprächs die Grafiken bestimmten Personen zugeordnet, die auch beim Team Telekom beschäftigt waren. Ebenso äußern sich die beiden über die im SPIEGEL veröffentlichte Grafik Doping-Frühjahrskur eines „Telekom-Fahrers“, die aus dem Jahr 1997 stammte, aber einem Fahrer zugeordnet war, der erst 1998 zum Team Telekom gestoßen ist:

„Quarz selber hat in dem Gespräch mit dem Spiegel angegeben, diese Kur stammte von einem Telekom-Fahrer. Selbst, wenn es zutreffen sollte, dass Quarz in diesem Gespräch zwei Jahreszahlen verwechselt hat, so wäre dies nicht vom Belang.“

Ihre Richtigstellungen, so versichern die SPIEGEL-Redakteure, seien durch Tonbandabschriften und Dokumente aus der damaligen Zeit belegbar.

Zu dem Vorwurf von Dieter QUARZ, seine Korrekturen seien in dem SPIEGEL-Artikel nicht eingearbeitet worden, geben LUDWIG und GEYER an, QUARZ gebeten zu haben, den Text vor der Veröffentlichung noch einmal zu lesen und diesen auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen, sofern Fakten betroffen waren, die auf seinen Informationen beruhten. Diese Korrekturen seien vom SPIEGEL berücksichtigt worden.

Außerdem schreiben die Journalisten, dass QUARZ in einem Interview mit dem SPIEGEL darüber berichtet hatte, in einer Spanischen Apotheke Doping-Mittel für Radprofis gekauft zu haben. Beruhend auf diesem Interview hatte die Rechtsabteilung des SPIEGEL die eidesstattliche Versicherung aufgesetzt. Nachdem QUARZ daran einige Korrekturen vorgenommen hatte, die aber – so die SPIEGEL-Leute - die Substanz seiner Aussage nicht in Frage stellten, wurde die eidesstattliche Versicherung überarbeitet. Mit der neuen Version erklärte sich der Informant einverstanden. Erst nach mehreren Tagen, nach einem Gespräch mit seinem Rechtsanwalt, zog QUARZ sein Einverständnis zu dieser eidesstattlichen Versicherung zurück.

Abgesehen davon finden LUDWIG und GEYER, dass es journalistisch fragwürdig sei, im Kontext mit dem von der message geführtem Interview mit ihnen ein weiteres Interview mit dem Journalisten Ralf MEUTGENS zu veröffentlichen, der darin dem SPIEGEL vorwirft, gegen journalistische Grundsätze verstoßen zu haben.

Ihre Replik beenden sie mit den Worten:

„Wäre Dieter Quarz nicht einer von mehreren Informanten dieses Artikels gewesen, dann hätten dem Beitrag zwei Grafiken sowie der eine oder andere Absatz gefehlt. Geblieben wäre ein Text, der mit einem Informanten weniger nicht an Kraft verloren hätte.“ (message 4/2008, S. 68-70) Laut Udo LUDWIG spielten sechs Informanten bei ihrer Geschichte von 1999 eine entscheidende Rolle – ein Dutzend anderer waren ebenfalls wichtig, wenn auch nicht zentral.

Soweit die SPIEGEL-Replik.

Die „Internationale Zeitschrift für Journalismus - message“ merkt zwei Punkte dazu an.

Erstens könne nicht die Rede davon sein, dass der von den SPIEGEL-Leuten verfasste Text – wie sie schreiben – eine „Richtigstellung“ ist. Sie behaupteten darin, Dieter QUARZ hätte ihnen dies und jenes gesagt – was dieser bestreitet, geben aber keinen Einblick in das Transkript, das nur ihnen vorliegt und ihre Aussagen unterstützen würde. Demnach erwartet message von den SPIEGEL-Redakteuren eine Sachdarstellung und keine Pseudorichtigstellung. Außerdem findet der message-Herausgeber, Michael HALLER, dass LUDWIG und GEYER, an relevanten Passagen ihrer Replik, Unterstellungen formuliert haben, die mit dem der message vorliegendem Material nicht zusammenpassen.

Im zweiten Punkt kritisiert HALLER das Vorgehen der SPIEGEL-Leute. Er findet ihre Kritik unaufrichtig, in der sie message vorwerfen, es sei „journalistisch fragwürdig“, dass der message-Autor nach dem mit ihnen geführten Interview auch noch die Sicht von QUARZ und MEUTGENS darstellte, die SPIEGEL-Journalisten aber nicht nochmals zu deren Aussagen befragte.

HALLER schreibt dazu: „Unser Autor hat mit Ludwig/Geyer keine Recherchebefragung, sondern ein Interview geführt“. Abgesehen davon wussten LUDWIG und GEYER, dass der message-Autor vor ihrem Interview mit QUARZ gesprochen hatte. Und er ließ sich das Interview mit den SPIEGEL-Leuten autorisieren. „Er hatte keinen Grund anzunehmen, dass jetzt plötzlich „die Hosen runtergelassen“ und die Widersprüche aufgeklärt würden.“


HALLER bleibt bei seinem Standpunkt. Er findet, dass gerade bei sakrosankt autorisierten Interviews mitunter nur der Weg zur Gegenseite eine Chance bietet, der Wahrheit näher zu kommen – gerade dann, wenn zu widersprüchlichen Behauptungen die Belege verweigert werden.

Diese Belege haben die SPIEGEL-Redakteure nie nachgereicht.

Die Aufbereitung dieses Problems im Original lässt sich in den beiden Ausgaben der Internationalen Zeitschrift für Journalismus "message" nachlesen (leider nicht online):

  • Teil 1: "Es waren keine Spekulationen" sowie "Aus 'unbekannt' mach 'Telekom'"
  • Teil 2: "Post vom Spiegel"

 
(ae)

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