Systematisches Doping seit 1972 auch in der BRD

Das Jahr 2007 markiert eine Wende, zumindest im Radsport:

  • Im Februar steigt Jan ULLRICH aus und erklärt - sozusagen mit seinem "Ehrenwort": "Ich habe nie gedopt". Keiner glaubt ihm (mehr) 
  • Kurz darauf packt der ehemalige Team Telekom-Mitarbeiter Joseph D'HONT aus und wird zum Whistleblower: mit seinem Buch Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers. Es erscheint in Belgien. Detailliert schildert er, wie er allen 'auf die Beine geholfen' hat 
  • Gleichzeitig stellt er sich dem SPIEGEL als Informant zur Verfügung. Der berichtet am 30. April unter dem Titel Der einzige Zeuge. D'HONT redet offen über die internen Machenschaften, um die Dopingkontrollen zu umgehen, und belastet die TdF-Sieger von 1996 und 1997 Bjarne RIIS und Jan ULLRICH. Weiterhin beschuldigt er Walter GODEFROOT sowie die Telekom-Ärzte Dr. med. SCHMID und Dr. med. HEINRICH von der Universitätsklinik Freiburg. Diese würden hinter dem Dopingsystem der Telekom stecken. Dies sei vor allem deswegen belastend, da die Universitätsklinik Freiburg in den letzten Jahrzehnten auch Olympia-Mannschaften betreut und Weltmeister betreut und deswegen einen excellenten Ruf habe. 
  • Am 2. Juli packt dann Jörg JAKSCHE aus, ebenfalls im SPIEGELBellas Blut. Schonungslos berichtet er von seinen Erfahrungen. 


Bereits nach dem ersten großen SPIEGEL-Bericht vom April kommt die Universitätsklinik Freiburg nicht mehr umhin, den öffentlich geäußerten Vorwürfen nachzugehen. Sie setzt am 15 Mai eine Kommission ein. Und nur eine Woche später gestehen zwei Hauptakteure schriftlich ein, was die Untersuchungskommission zwei Jahre später, 2009, in ihrem Abschlussbericht dokumentieren wird: Die Sportmediziner

  • Prof. Dr. Andreas SCHMID sowie 
  • Dr. Lothar HEINRICH 

haben aktiv beim Dopen der Deutschen Radsportler und insbesondere im Team Telekom mitgewirkt. Z.B. bei Patrik SINKEWITZ. Jan ULLRICH war schlauer: Sein informeller Mitarbeiter bzw. medizinischer Berater war der spanische Dopingarzt Eufemiano FUENTES in Spanien.

Hier findet sich der 63-seitige Abschlussbericht.

Wie die Unterstützungs- und Dopinginfrastruktur in Deutschland für Jan ULLRICH und das Team Telekom bis 2007 offiziell inoffiziell ausgesehen hatte, haben wir in dieser kleinen aktiven Grafik rekonstruiert:

Weil das Thema Doping nach 2007 nun tatsächlich zum "Thema" wurde — in der Öffentlichkeit, bei einigen (nicht allen) Sportverbänden und auch in der Politik — sah sich das vom Bundesministerium des Innern gegründete und finanziell unterhaltene Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) gehalten, sich ebenfalls mit diesem Problem auseinanderzusetzen: Das BISp vergab einen Forschungsauftrag: "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation".

Das Ziel dieses Projekts war es, aufzuklären, ob zwischen 1950 und 2007 ein systematisches Doping in der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden hat. Bisher hatte man das nur der DDR und anderen osteuropäischen Staaten unterstellt.
Das Forschungsprojekt wurde von dem Deutscher Olympischen Sportbund (DOSB) initiiert und von dem BISp mit 450.000 Euro finanziert. Bearbeitungszeitraum: 3 Jahre, also bis 2012 einschließlich. Bearbeiter:

  • die Humboldt-Universität in Berlin 
  • die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU). 

Im September 2011 wurden die ersten Zwischenberichte vorgelegt und veröffentlicht. Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Olympischen Spiele 1972 in München (die bekanntlich in anderem Zusammenhang zum Desaster für Deutschland wurden) hatten den Staat dazu gebracht, gerade im Konkurrenzverhältnis zur DDR, sich aktiv als mitgestaltender Akteur in den Spitzensport einzubringen, und zwar 
  • ua. auch durch eine staatlich initiierte und finanzierte Forschung über Anabolika bzw. Dopingmaßnahmen allgemein, 
  • um damit Deutschland in die Weltliga des Spitzensports befördern zu können. 
  • Anders gesagt: Um mit der DDR Schritt halten zu können, sei man davon abgegangen "aggressiv gegen Doping-Mißbrauch vozugehen"

Hier findet sich eine kurze Zusammenfassung des BISp: Doping auch in Westdeutschland.
Die einzelnen Teilstudien der beiden Universitäten finden sich hier:

Einen zusammenfassenden Endbericht gibt es bis heute nicht. Dafür einen aufschlussreichen Artikel im SPIEGELIch will nur eines: Medaillen.

Wie sehr sich alles seither zum Besseren (nicht) verändert hat, beschreibt der bekannte Sportjournalist und 'Dopingexperte' Hajo SEPPELT in seinem Fernsehbericht Stumpfes Schwert (Manuskript), der am 18.März 2013 im WDR in der Reihe Sport Inside gelaufen ist.

 


(EPlM / JL)