Die Informanten-Verbrennung


Medien können nur so gut sein wie ihre Informationen. Diese stammen oft von so genannten Informanten - Menschen, die nützliche Hinweise, konkrete Informationen und/oder auch Unterlagen an die Medien geben. 

Informanten handeln dabei - ähnlich wie so genannte Whistleblower - in der Regel gegen geltendes Recht: zunächst gegen ihren Arbeitsvertrag, denn der sieht die Weitergabe interner Informationen nicht vor, im Gegenteil. Oft kommen andere rechtliche Vorschriften hinzu, die ebenfalls die Weitergabe von Informationen oder Unterlagen 'verbieten': Treuepflichten gegenüber dem Arbeitegeber, ein Dienst- oder Geschäftsgeheimnis, andere Geheimnisse (Bankgeheimnis, Steuergeheimnis, Datenschutzvorschriften), undsoweiter. Die Liste ist - typisch deutsch - ziemlich lang. 

Umgekehrt ist allgemein bekannt, dass Probleme, Missstände, Gefahren für die Allgemeinheit, Verletzungen von Normen oder Gesetzen (z.B. Umwelt) nur dann bekannt werden können, etwa durch Weitergabe solcher Hinweise oder Informationen an die Medien, wenn die Informanten sicher sein können, dass sie 'geschützt' sind, konkret dass ihr Name nicht bekannt wird, sondern aus dem Spiel bleibt. Absolutes Vertrauen zwischen Informant und Journalist ist dazu notwendig. 

Aus diesem Grund ist der so genannte Informantenschutz gesetzlich kodifiziert. Er beruht auf 3 Säulen: 

  • dem Redaktionsgeheimnis bzw. dem Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten: Sie müssen keine Auskunft darüber geben, von wem sie welche Informationen haben 
  • dem Durchsuchungsverbot von Redaktionsräumen und Wohnungen von Journalisten 
  • dem Beschlagnahmeverbot von redaktionellen Unterlagen etc. 

Außerdem betont das höchste deutsche Gericht, das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, immer wieder, dass der Schutz von Informanten unantastbar ist und auch so sein müsse. Rechtlich gesehen, funktioniert diese Schutzfunktion sehr gut.

Das System Informantenschutz

Dass dieses System allerdings auch versagen kann und der Informant dann nicht geschützt, sondern „verbrannt“ wird, weil Journalisten (vermeintlich) unter Erfolgsdruck stehen, zeigt das Beispiel des Radsporttrainers und Diplom-Chemikers Dieter QUARZ, der unerwartet in Kontakt mit dem renommierten Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL geriet. Alles begann am 13. August 1998, als Dieter QUARZ anonym im Politmagazin Monitor (WDR) auftrat und über Dopingmittel sprach. Die darauf folgenden Ereignisse werden in nachfolgender Chronologie zusammengefasst:

13.08.1998

Nachdem die ARD wegen des „Festina-Skandals“ eine Sendung „Christiansen – Der Sport im Dopingsumpf“ ausstrahlt, wacht auch das Politmagazin Monitor (WDR) auf und berichtet über Doping. In der Sendung tritt u.a. auch anonym ein "Betreuer" auf, der über Dopingmittel spricht und konkrete Mittel nennt, die üblicherweise eingenommen werden. Sein Name: Dieter QUARZ. 

Dieter QUARZ, 32, Diplom-Trainer für Radsport und diplomierter Chemiker aus Düsseldorf, engagiert sich seit langen im Kampf gegen Doping. Er hat sein Wissen als Pfleger in verschiedenen Rad-Teams erworben. Auch über Dopingmachenschaften. Er stellt sein auf jahrelanger Arbeit fundiertes Fachwissen und seine Verbindungen dem Fernsehmagazin Monitor zur Verfügung. 

Durch diese Sendung wird Prof. Werner FRANKE, Professor für Zell- und Molekularbiologie beim Deutschen Krebsforschungs-Zentrum (DKfZ) in Heidelberg auf QUARZ aufmerksam. FRANKE gilt als der größte Kritiker des Dopings und gilt auch international als absoluter Experte auf diesem Fachgebiet. Ihm ist das Doping im Radsport und insbesondere bei der alljährlichen Tour de France schon lange ein Dorn im Auge. FRANKE ist übrigens der Ehemann von Brigitte BERENDONK, die Anfang der 90er Jahre 2 Bücher über Doping geschrieben hat. 

FRANKE jedenfalls vermutet Insiderwissen bei QUARZ und nimmt über die Monitor-Redaktion Kontakt zu QUARZ auf. Er bittet ihn, nach Heidelberg zu kommen: Zu einem „vertraulichen Vier-Augen-Gespräch“. Er ködert ihn mit der Aussage, er wolle ihn aus dem Sumpf des Radsports herausholen und seine berufliche Existenz sichern. 

Auch SPIEGEL-TV sendet jetzt erstmals einige kurze Sequenzen von dem Material, das ein Jahr vorher mit PAFFRATH gedreht wurde


August 1998

QUARZ fährt tatsächlich nach Heidelberg. Doch aus dem vermeintlichen Gespräch unter vier Augen wird nichts, denn neben FRANKE sind bei dem Treffen zwei weitere Herren anwesend: Prof. Dr. Gerhard TREUTLEIN, Sportpädagoge, sowie Udo LUDWIG, Redakteur beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL 

  • DER SPIEGEL -Redakteur möchte gern das Material von QUARZ über Doping im Radsport erhalten. Er will das Team Telekom belasten. 
  • Auch FRANKE hat die Telekom im Visier. Er unterstützt das Ansinnen des SPIEGEL : das Nachrichtenmagazin benötigt nicht nur Informationen über generelle Strukturen, sondern vor allem konkrete Namen. QUARZ soll zum Informanten werden. Als Belohnung will DER SPIEGEL stattdessen eine großzügige Spende an das deutsche Zentrum für Krebsforschung leisten. 

Dieter QUARZ hingegen macht von vorneherein klar, dass es ihm nicht um Vorwürfe gegenüber einzelnen Personen, sprich Fahrern geht, sondern um die Aufdeckung der grundsätzlichen Strukturen, die das Doping möglich machen und befördern. 
Der dritte Teilnehmer, Prof. TREUTLEIN sagt wenig - ihm ist offenbar die Rolle eines Statisten zugedacht. 
QUARZ versteht nicht, was genau ihm dieser Handel einbringen soll und verlässt das Treffen. FRANKE und LUDWIG können sich zuvor allerdings das Material von QUARTZ ansehen. Die Informationen und Daten lassen sich aber nicht eindeutig einem Team zuordnen. Auch nicht dem Team Telekom. 
Prof. FRANKE und SPIEGEL -Redakteur Udo LUDWIG, die 2007 zusammen ein Buch veröffentlichen werden ("Der verratene Sport. Die Machenschaften der Doping-Mafia"), sind nicht wirklich weiter gekommen in ihrem Ziel, das Team Telekom des Dopings überführen zu können - sie haben keine belastbaren Unterlagen erhalten


07.06.1999

Fast ein Jahr später: Eine Woche bevor die große Enthüllungsstory des SPIEGEL "Die Werte spielen verrückt" erscheint, erstattet Prof. FRANKE bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, dem Wohnsitz von Dieter QUARZ, eine Anzeige wegen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz: gegen Unbekannt


08.06.1999

Von dieser Anzeige kann QUARZ noch nichts wissen. Deshalb kommt es einen Tag nach der Anzeige durch FRANKE zu einem zweiten Treffen mit dem SPIEGEL: die Redakteure Udo LUDWIG und Matthias GEYER fahren zu QUARZ nach Düsseldorf. Dieses Mal geht es den SPIEGEL Redakteuren angeblich nur um „die wissenschaftliche Absicherung zu einem Artikel über Doping im Radsport“, so die Redakteure. QUARZ gibt den Redakteuren Material über dieses Thema mit. Darin sind nur anonymisierte Fallbeispiele genannt, aber keinerlei konkrete Zuordnung zu einzelnen Fahrern oder Teams. 

"So entwickelte sich ein beiderseitig akzeptiertes Spiel, der SPIEGEL fragt nach Telekom und ich antworte im allgemeinen Radsport-Kontext. So hofften beide Seiten zu ihrem Ziel zu gelangen", wird QUARZ später in einer schriftlichen Stellungnahme festhalten. 

Kurz darauf bekommt QUARZ einen ersten Entwurf zum geplanten SPIEGEL-Artikel zugefaxt – zum Checken. QUARZ merkt viele Korrekturen an:

Im Entwurf sind u.a. auch falsche Bildunterschriften, die die Telekom-Fahrer belasten (Medikationsplan). QUARZ fordert sofort Änderungen an dem Artikel per Telefon. Die ignoriert DER SPIEGEL


14.06.1999

DER SPIEGEL kommt mit seiner großen Enthüllungsgeschichte heraus „Die Werte spielen verrückt“ (Ausgabe 24/99), an der die SPIEGEL-Leute die ganze Zeit gearbeitet haben. Unter anderem geht es auch um das deutsche Radfahreridol ULLRICH. Im Bericht ist auch eine Grafik enthalten, die auf Informationen von QUARZ basiert. In dem zugefaxten Entwurf zwei Tage nach dem SPIEGEL-Besuch bei QUARZ hatte die Grafik noch eine unverfängliche Überschrift: "Der Natur-Aktien-Index, ermittelt von dem Wiener Börsendienst 'Ökoinvest' und der Münchner Zeitschrift 'Natur' erfasst die Kursentwicklung ..." :

Im veröffentlichten SPIEGEL-Artikel wird die Grafik als die eines "Telekom-Fahrers" ausgewiesen: "Ohne Medizin geht nichts - mit 21 Präparaten ist der Körper dieses Telekom-Fahrers gefüttert. 5 davon stehen auf der Doping-Liste. ...:


danach

Der SPIEGEL -Bericht löst Besorgnis im Team-Telekom aus. JAKSCHE wird 8 Jahre später in einem Interview mit dem SPIEGEL Bellas Blut (vgl. 02.07.07, Ausgabe 27/2007) sagen, er sei zu der Zeit, um die sich die Dopingvorwürfe drehen, ja noch nicht im Team gewesen (sondern noch im Team Polti von 1997-1998), aber nach dem, was er so mitbekam, stimmten die Geschichten im SPIEGEL 
Jan ULLRICH setzt sofort eine Gegendarstellung gegen den SPIEGEL -Bericht durch. Das Team-Telekom erwirkt eine Einstweilige Verfügung, nach der DER SPIEGEL mehrere Behauptungen nicht mehr aufrecht erhalten darf


daraufhin

DER SPIEGEL setzt nach: für die nächste Ausgabe des Magazins kündigen die Agenturen die Fortführung der Berichterstattung über Doping im Team-Telekom an. Unter anderem ein Interview mit QUARZ. Die SPIEGEL -Redakteure haben die Gesprächsergebnisse in einem "Interview" destilliert - QUARZ soll 'Zeuge der Anklage' werden


15.06.1999

Einen Tag nach der SPIEGEL -Veröffentlichung brechen Kriminalbeamte auf Anweisung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft die Privatwohnung von Dieter QUARZ auf. Sie beschlagnahmen Aufzeichnungen, PC und Notebook: zur Beweissicherung. Auslöser: die Anzeige von Prof. FRANKE


17.06.1999: 3 Stunden vor QUARZs erster Vernehmung

QUARZ erhält Besuch: SPIEGEL -Redakteur Udo LUDWIG taucht zusammen mit dem Justiziar des SPIEGEL s auf. Beide sichern ihm volle juristische Unterstützung zu, wollen aber, dass er eine eidesstattliche Erklärung abgibt, die eine Reihe von kritischen Passagen aus dem Artikel absichern soll. Außerdem soll QUARZ darin das Team Telekom belasten und unter anderem erklären, in einer spanischen Apotheke selbst Doping-Mittel gekauft zu haben: 

Gleichzeitig bietet DER SPIEGEL QUARZ juristische Hilfe an. Der lehnt ab und nimmt sich einen eigenen Anwalt


18.06.1999

QUARZ bekommt ein vom SPIEGEL nachträglich aufbereitetes Interview zugefaxt, das Udo LUDWIG und Matthias GEYER aus ihrem Besuch bei ihm zusammengestellt hatten. QUARZ bekennt sich darin quasi als Doping-Helfer und Kronzeuge gegen das Team Telekom. QUARZ bringt sofort Korrekturen an, verweigert aber letztlich die Freigabe des Interviews: 

DER SPIEGEL wendet sich an den Anwalt von QUARZ und bittet um Schützenhilfe gegen die Telekom


22.06.1999

Ein zweiter Versuch seitens des SPIEGEL , eine etwas entschärfte Version der ersten Eidesstattlichen Erklärung unterschrieben zu bekommen, scheitert ebenfalls


07.07.1999

Die BILD-Zeitung zitiert in einem Bericht über den Doping-Sumpf u.a. auch Werner FRANKE: 

  • „Der Mann war auch bei mir. Er wollte aus dieser Szene aussteigen, brauchte dazu einen anderen Job. Er hat einen Hochschulabschluss, wir wollten helfen.“ Dafür sollte er Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstatten 
  • „Wir haben zehn Monate gewartet – nichts geschah. Da habe ich die Anzeige selber eingereicht.“ 

Gemeint ist Dieter QUARZ


09.07.1999

FRANKE gibt in Ergänzung seiner Strafanzeige gegen Unbekannt vom 7. Juni in einer Eidesstattlichen Versicherung nun auch bei der Staatsanwaltschaft (die vielleicht regelmäßig nicht die BILD-Zeitung liest) einen konkreten Namen an, wen er mit seiner Anzeige gemeint hat: Dieter QUARZ. 
Es ist der Tag, an dem auch das Team Telekom bzw. Jan ULLRICH bzw. die Fa. Walter Godefroot GmbH eine Einstweilige Verfügung gegen den SPIEGEL beantragt: auf Unterlassung aller Doping-Vorwürfe


12.07.1999

FRANKE sagt in einem Gespräch mit der Rheinischen Post, dass das Doping im Radsport auf zwei „Ebenen“ läuft: 

  • Ebene 1: die Radsportler 
  •  Ebene 2: Experten, zu denen auch QUARZ gehöre. Da befände man sich dann auch unmittelbar „in der Höhle des Löwen“

14.07.1999

QUARZ und sein Anwalt fliegen nach Hamburg. Im SPIEGEL -Hochhaus in der 11. Etage treffen sich beide mit dem Chefredakteur Stefan AUST, den Rechercheuren LUDWIG und GEYER, dem Sportresort-Chef Alfred WEINZIERL und dem Verlagsjustitiar. Während einer zweistündigen Diskussion und Sichtung des Materials wird AUST klar, dass die Geschichte des SPIEGEL s nicht so wasserdicht ist, wie er gegenüber seinen Freunden Ron SOMMER, Chef der Telekom, und Jürgen KINDERVATER, Kommunikationschef der Telekom, behauptet hat


16.08.1999

DER SPIEGEL muss eine Gegendarstellung von Jan ULLRICH abdrucken


17.08.1999

Die Staatsanwaltschaft teilt dem Anwalt von QUARZ mit, das Verfahren wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz sei eingestellt. Die Staatsanwaltschaft hat begriffen, worum es bei dieser Aktion offenbar gegangen war: Irgendjemand wollte auf diese Weise, konkret über den Weg der Akteneinsichtnahme, an die beschlagnahmten Unterlagen von QUARZ herankommen, um z.B. damit das Team Telekom belasten zu können, das sich derzeit gerichtlich wehrt, z.B. mit Unterlassungsklagen gegen entsprechende Vorwürfe. 
Die Staatsanwaltschaft reagiert daher sehr schnell. Sie signalisiert QUARZ, dass niemand Fotokopien von seinen Unterlagen machen konnte


Nach dem 17.08.1999

QUARZ lehnt ein fünfstelliges Geldangebot eines anderen Mediums ab. QUARZ will öffentlich keine konkreten Schlussfolgerungen aus seinen Unterlagen ziehen. 
FRANKE hält sich mit seinen Bemerkungen über Doping im Radsport ab sofort zurück und schlägt sich auf die Seite des Team-Telekom Arztes, Dr. med. Lothar HEINRICH. Den hat er nicht im Verdacht zu dopen


22.02.2000

Ein halbes Jahr später: Zwei Tage vor der Gerichtsverhandlung vor dem Frankfurter Landgericht zwischen dem SPIEGEL und der Telekom, bei der es im Kern darum geht, was von den SPIEGEL -Vorwürfen übrig bleibt veröffentlicht Ralf MEUTGENS in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine Hintergrundgeschichte zur SPIEGEL -Geschichte: "Die große Informanten-Verbrennung". Darin steht, wie die Informationen und ‚Belege’, die DER SPIEGEL für seine kürzlich erschienene Titelstory „Die Werte spielen verrückt“, zustande gekommen sind: mithilfe des inzwischen ‚verbrannten’ Informanten Dieter QUARZ


24.02.2000

Bei der Gerichtsverhandlung vor dem Frankfurter Landgericht wagt DER SPIEGEL nicht gegen die Einstweilige Verfügung vorzugehen, die das Team Telekom durchsetzen konnte. DER SPIEGEL und die Walter Godefroot GmbH - als Trägerin des Team Telekom - einigen sich außergerichtlich: 

  • DER SPIEGEL hat das Unterlassungsbegehren des Team Telekom endgültig anerkannt und unterschrieben 
  • die Telekom bzw. die Godefroot GmbH zieht ihre Klage zurück 
  • so genannte Kostenanträge werden nicht gestellt - jeder übernimmt seine eigenen Kosten 

In einem zweiten Prozess, den die Telekom AG und die Walter Godefroot GmbH gegen Prof. Werner FRANKE vor dem OLG Frankfurt angestrengt hat, unterliegt FRANKE. Er darf nun nicht mehr behaupten, dass eine Staatsanwaltschaft gegen Team Telekom-Fahrer wegen Dopings ermitteln würde


2006 / 2007

Jetzt fliegt alles auf – die Tour de France entpuppt sich als „Tour de Farce“: 

- Nachdem im Jahr zuvor die medizinische Werkstatt des spanischen Arztes Eufemiano FUENTES durchsucht worden sowie Blutproben und andere Unterlagen beschlagnahmt worden waren, läuft jetzt eine Anklage gegen den Doping-Mediziner 

- Jan ULLRICH verkündet auf einer spektakulären Pressekonferenz im Hamburger Hotel Intercontionental seinen Rücktritt vom Radsport. Tenor: „Ich habe nie gedopt“. Die Veranstaltung wird für ihn zum Fiasko: Nachdem er sozusagen fast alle beschimpft hat, die irgendetwas mit Radsport zu tun haben, erklärt er zum Schluss: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, keinen betrogen und niemandem geschadet.“ Keiner glaubt ihm (mehr). Eine Kurzfassung dieser Pressekonferenz gibt es als Video unter PRK ULLRICH – Kurzfassung . Die gesamte Pressekonferenz (44 Minuten) als Video unter PRK ULLRICH 

- Im März behauptet der ehemalige Telekom Masseur Jef D’HONT, dass er Tonaufnahmen von Jan ULLRICH besitzt. In diesem Mittschnitt soll ULLRICH über seinen Dopingmissbrauch gesprochen haben. D’HONT hat die Absicht in einem neuen Buch einige Informationen über ULLRICH herauszubringen, da ULLRICH und PEVENAGE sich nicht öffentlich geäußert haben. Angeblich hatte ULLRICHs Betreuer, Rudy PEVENAGE, die Bitte an D’HONT geäußert, ihn persönlich und Jan ULLRICH nicht in seinem ersten Buch zu nennen, da sie selbst an die Öffentlichkeit gehen wollten. 

- Nur wenig später erscheint in Belgien das Enthüllungsbuch „Erinnerungen eines Radfahrer Pflegers“ von Jef D’HONT 

- zeitgleich outet sich Jef D’HONT im SPIEGEL-Artikel unter der Überschrift „Der einzige Zeuge“ . Er spricht über sein Leben als Dopingorganisator sowie über sein Buch, von dem er das Team Telekom schwer belastet. Hierbei redet er offen über die internen Machenschaften, um die Dopingkontrollen zu umgehen und belastet die TdF-Sieger von 1996 und 1997 Bjarne RIIS und Jan ULLRICH. Weiterhin beschuldigt er Walter GODEFROOT sowie die Telekom-Ärzte Dr. med. SCHMID und Dr. med. HEINRICH von der Universitätsklinik Freiburg. Diese hätten hinter dem Dopingsystem der Telekom gesteckt. Dies sei vor allem deswegen belastend, da die Universitätsklinik Freiburg in den letzten Jahren auch Olympia-Mannschaften betreut und Weltmeister gepflegt habe.

Jetzt weiß jeder und jeder, der es bisher nicht wahrnehmen oder wissen wollte: Die Tour de France und der Radsport sind ein einziges Doping-Kartell. 

Nur einer kann sich zu dieser Zeit mit dem gelben Trikot und gleichzeitig einer Weißen Weste schmücken: Lance ARMSTRONG; der zu dieser Zeit nach mehrfachen Siegeserfolgen in Folge (zuletzt 2005) wieder ausgestiegen ist aus der Tour de France. Er wird erst 5 Jahre später als Lügner und Betrüger dastehen. Mehr unter (Ex)Tour de France-Sieger Lance ARMSTRONG – Wie ein Sportidol zum Betrugsfall wird


2008

Die SPIEGEL-Redakteure Matthias GEYER, Lothar GORRIS, Detlef HACKE sowie Udo LUDWIG werden für ihre hartnäckigen und konsequenten Recherchen in Sachen Doping, Jan ULLRICH und Team Telekom mit dem  Henri-Nannen-Preis für die “beste investigative Leistung“ ausgezeichnet


danach

Im Sommer 2008 setzt sich die internationale Zeitschrift für Journalismus message mit dem journalistischen Zustandekommen der SPIEGEL -Berichterstattung auseinander, insbesondere auch mit der "Informantenverbrennung" von Dieter QUARZ im Jahre 1999, jenem Jahr, in dem die Recherchen des SPIEGEL begonnen haben: 

  • in einem Interview mit den beiden SPIEGEL-Redakteuren: "Es waren keine Spekulationen" 
  • einer kritischen Zusammenfassung der Redaktion: "Aus 'Unbekannt' mach 'Telekom'". 

Wir dokumentieren diese Quintessenz eines journalistischen Disputs

Einige Zeit später, im Januar 2009, senden die beiden SPIEGEL-Redakteure Udo LUDWIG und Matthias GEYER eine eigene Version der fraglichen Vorgänge aus dem Jahre 1999 um den Informanten Dieter QUARZ an die Zeitschrift message. Dabei monieren sie mehrere von message beschriebene Details bei deren Rekonstruktion, wollen aber offenbar vor allem die Bedeutung des (‚verbrannten‘) Informanten Dieter QUARZ herunterspielen. 

Unsere eigenen Rekonstruktionen bestätigen in diesem Fall die Recherchen von message. Was genau passiert ist, haben wir hier in diesem Kapitel lückenlos dokumentiert. 


(JL/JH)