Floyd LANDIS, der späte Whistleblower im Fall Lance ARMSTRONG

Wenn man die Herkunft von Floyd LANDIS betrachtet, würde man nicht unbedingt auf den Gedanken kommen, dass er einer der besten Radrennfahrer und einer der Hauptzeugen  gegen Lance ARMSTRONG werden würde. Er wuchs auf in einer mennonitischen Familie in Pennsylvania, einer Glaubensrichtung der evangelischen Freikirche, die auf die Täuferbewegungen der Reformationszeit zurückgeht. Aufgrund dieses Glaubens war es in Floyds Familie nicht gerne gesehen, dass er einfach nur aus Spaß Fahrrad fuhr, auch sonst waren die Regeln in dem Haushalt sehr streng.

Floyd begann, vor allem nachts zu trainieren. Ab einem gewissen Zeitpunkt musste er sich dennoch entscheiden und diese Entscheidung fiel zugunsten des Radsports. Mit 19 zog er nach Kalifornien, in eine komplett andere Welt. Dort begann er auch, Straßenrennen zu fahren und wurde 2002 von US Postal Service unter Vertrag genommen. Lance ARMSTRONG nahm ihn bald unter seine Fittiche. Die beiden trafen sich unter anderem auch mit Michele FERRARI, dem Sportarzt, der für seine Dopingpraktiken bekannt war. Floyd LANDIS war ein Siegertyp, nur war Lance ARMSTRONG derjenige im Team, der immer gewinnen sollte.

Floyd wechselte daher ins Team PHONAK, aus Freunden wurden Konkurrenten. Dort sah er seine Chance, nach ganz nach oben zu kommen. Er hatte vom Besten gelernt, Lance ARMSTRONG hatte ihm beigebracht, wie man gewinnen kann, wie man ein Champion wird, wie man dopt. Und Floyd LANDIS nutzte seine Chance.  Die Tour de France 2006 sollte seine große Bühne werden. Und das wurde sie. Er gewann die Tour de France.

Doch ihm blieb nicht viel Zeit zum Jubeln. Bereits am nächsten Morgen wurde ihm mitgeteilt, dass in einer seiner Urinproben von der Tour Unstimmigkeiten aufgetreten seien, der Wert für Testosteron war zu hoch. Floyd LANDIS bestritt, dass er gedopt hatte, doch die Proben sprachen dagegen und so wurde ihm am 20.09.2007 sowohl der Titel aberkannt wie auch eine zweijährige Sperre verhängt. Floyd Landis war erst ganz oben und nun ganz unten.

Die nächsten zwei Jahre war es ruhig um ihn. Er verbrachte zumindest einige Zeit in Pennsylvania bei seinen Eltern. Er sammelte Geld für einen Fond, mit dessen Hilfe er seine Verteidigung vor Gericht finanzieren wollte, er wollte nicht aufgeben. Denn nach den zwei Jahren  wollte er zurück in die Radsportwelt.

Doch US Postal wollte ihn nicht mehr. Floyd kam bei verschiedenen, weniger bekannten Teams unter Vertrag. Dennoch hat er nach dem Dopingskandal keine Chance mehr im Profisport.  Und so hatte Floyd LANDIS Zeit, Zeit zum Nachzudenken, über das, was er getan hatte und was er miterlebt hatte.

Man kann denken, dass es ihn gestört hatte, dass er von den großen Teams fallen gelassen worden war, während Lance ARMSTRONG, sein Mentor in Sachen Doping, bei seinem Comeback als großer Held gefeiert wurde. Man kann denken, dass es ihn gestört hatte, dass Lance ARMSTRONG allein durch sein Auftreten Unsummen an Geld verdiente, sei es durch Sponsorenverträge oder durch seine Stiftung, während er seinen eigenen Fond stark überziehen musste, um die entstehenden Kosten begleichen zu können. Man kann denken, dass Floyd LANDIS sich ungerecht behandelt fühlte. Er hatte schon immer etwas gegen Ungerechtigkeit, mochte es beispielweise nicht, wenn Teamkollegen gegeneinander ausgespielt wurden. Dies wiedersprach auch stark seiner Erziehung.

Zu dieser Unzufriedenheit mischte sich auch eine Art schlechtes Gewissen zwischen LANDIS Gefühle. Er fühlte sich schlecht, weil er die Öffentlichkeit, seine Freunde, seine Eltern angelogen hatte, über viele Jahre. Er wollte nicht mehr lügen, er hatte die Geheimnisse der Radsportwelt bewahrt, um nun von dieser ausgestoßen zu werden. Er beschloss, dass es Zeit war zu handeln:

Am 30.04.2010 schrieb Floyd LANDIS eine E-Mail an Steve JOHNSON, den Präsidenten von USA Cycling, dem amerikanische Radsportverband.  Darin gestand er, selber gedopt zu haben, belastete aber auch andere Fahrer und Verantwortliche, selber gedopt beziehungsweise dieses gefördert zu haben. Einer der Hauptbeschuldigten in seiner Mail ist Lance ARMSTRONG.

ABC "Nightline"

Des Weiteren schrieb er einen Brief an die UCI und USA Cycling, in denen er genau beschrieb, wann er wie mit Doping in Berührung gekommen war. Er schonte sich dabei selber nicht, gab mit dem Brief offen zu, dass er selber gedopt hat, zeigte aber auch, dass er nicht der einzige im Radsport war, sondern dass das, vor allem im Team US Postal, ein durchdachtes und gut geplantes System hatte.

Und so war es gelaufen – kleine Rückblende:

2002: In diesem Jahr kam Floyd LANDIS zu US Postal.  Er wurde schnell mit Doping vertraut gemacht, bereits im Juni 2002 zeigte ihm der Teamchef von US Postal, Johan BRUYNEEL, wie man Testosteron benutzt. Auch schreibt LANDIS, dass Lance ARMSTRONG ihm während eines Helikopterflugs eine Box mit Testosteron-Pflastern gab. Bei diesem Flug war auch ARMSTRONGS Frau anwesend, die das ganze mitbekam.

Im selben Jahr wurde auch der Kontakt zwischen Michele FERRARI und Floyd LANDIS hergestellt. Dieser extrahierte von ihm einen halben Liter Blut, den er ihm während er Tour de France wieder spritzte. Das ist Blutdoping und verboten.

Außerdem unterhielten sich Floyd LANDIS und Lance ARMSTRONG während verschiedener Trainingsfahrten offen über Doping und dessen Nutzung. ARMSTRONG klärte LANDIS über die Evolution von EPO auf und dass es dafür inzwischen sehr gute Test gäbe, weswegen die Bluttransfusionen ein weniger riskanter Weg seien, um einen Leistungsvorsprung zu generieren.  ARMSTRONG erklärte ihm, dass er zuerst nicht überzeugt war von dem neuen Test. Michele FERRARI, der stets gut informiert war, hatte ihn gewarnt und ihm geraten, kein EPO mehr zu benutzen, aber ARMSTRONG wollte ihm nicht glauben und nahm es trotzdem. Die Konsequenz davon war, dass er einen Monat vor der Tour de France (vermutlich 2001) positiv getestet wurde. Daraufhin flog ARMSTRONG mit BRUYNEEL zur UCI, um die Sache mit Hein VERBRUGGEN, dem Vorsitzenden der UCI, zu klären.  Aufgrund einer finanziellen Einigung verschwand der positive Dopingtest von Lance ARMSTRONG.

2003: In diesem Jahr brach sich Floyd LANDIS die Hüfte und konnte so vorerst nicht trainieren. Trotz allem flog er nach Girona in Spanien, wo er in einer von ARMSTRONG angemieteten Wohnung wohnen durfte.  Hier wurden ihm, im Abstand von drei Wochen, zweimal je ein halber Liter Blut extrahiert. Auch wurde ihm aufgetragen, auf den Kühlschrank aufzupassen, in dem das Blut lagerte. Neben seinem eigenen Blut sollen in diesem auch noch Blutbeutel von Lance ARMSTRONG und George HINCAPIE, einem weiteren Teamkollegen, gewesen sein. Dieses Blut wurde ihnen während der Tour de France wieder gespritzt. Floyd LANDIS wurde dabei Zeuge, wie er, Lance ARMSTRONG, George HINCAPIE und ein weiterer Teamkollege, Chechua RUBIERA, Bluttransfusionen bekamen. Er beschreibt auch, wie er immer wieder verschiedene Mittel bekam, um Werte in seinem Blut auszugleichen. Weil sein Hämatokrit-Wert zu gering war, sollte er EPO nehmen, um das auszugleichen und so auch mehr Bluttransfusionen bekommen zu können. Er bekam das EPO von Lance ARMSTRONG. Johan BRUYNEEL erklärt ihm außerdem die Benutzung von Wachstumshormonen.

2004: Auch in diesem Jahr wurde ihm zweimal je ein halber Liter Blut entnommen. Johan BRUYNEEL bestand jedoch darauf, dass die Transfusion selber vor Ort zu gefährlich sei. Also flogen sie nach Belgien, wo ihnen in einem unbekannten Apartment das Blut gespritzt wurde. Die zweite Transfusion fand während der Tour de France im Tourbus statt. Der Fahrer fuhr rechts ran und tat so, als gäbe es eine Motorpanne, während im Bus dem gesamte Team ihr zuvor entnommenes Blut wieder zugeführt wurde. Dies war, laut LANDIS, das einzige Mal, dass er sah, wie das gesamte Team dopte.

2005: In diesem Jahr wechselte Floyd LANDIS zwar das Team, dennoch dopte er weiter.  Er hatte gelernt, wie er sich selber die leistungssteigernden Mittel verabreichen konnte, stellte dennoch einen Assistenten ein, der ihm bei Details und der Logistik helfen sollte.  Auch in diesem Jahr hatte Floyd LANDIS wieder zwei Bluttransfusionen während der Tour de France.

2006: Auch in diesem Jahr dopte Floyd LANDIS. Er hatte außerdem mit Andy RIIS, dem Teambesitzer von PHONAK darüber gesprochen und um Erlaubnis gefragt, der ihm diese gewährte und ihm finanzielle Mittel zur Verfügung stellte. Außerdem wurde unter anderem der  Team-Manager informiert.

Floyd LANDIS schreibt weiterhin, dass er noch viel mehr Details in Tagebüchern aufgeschrieben hätte, die er auch zur Verfügung stellen würde, wenn eine Ermittlung eingeleitet wird. Er spricht die Position von USA Cycling an, die behaupten, nicht genügend Beweise zu haben, um die USADA, die Anti-Doping-Agentur der USA einzuschalten.

Als Steve JOHNSON, der Präsident von USA Cycling, erstmal nicht auf die doch sehr ausführlichen Beweise reagierte, schickte LANDIS eine E-Mail an den US-amerikanischen Sportsender ESPN, der die Anschuldigungen und Teile der Mail auf seiner Website veröffentlichte. Dies schlug natürlich hohe Wellen. Am 24.07.2010 wurde er in die Fernsehshow „Nightline“ eingeladen, wo er zu den Vorwürfen Stellung beziehen sollte. Auch hier bekräftigte er, dass er gesehen hätte, wie Lance ARMSTRONG nicht erlaubte Substanzen eingenommen hätte und bezeichnet ihn als Lügner. Außerdem entschuldigte er sich bei allen, die er selbst angelogen hatte.

Am 16.02.2011 kündigte Lance ARMSTRONG sein endgültiges Karriereende an, aber der Stein war schon ins Rollen gebracht worden. Es kam zu verschiedenen Untersuchungen und Prozessen, auch ein weiterer ehemaliger Teamkollege, Tyler HAMILTON erklärte im Fernsehen, dass 2001 eine positive Dopingprobe von Lance verschwunden sei. Er sagte dazu:  „Ich weiß, dass er einen positiven Test hatte. Er hat es mir mal ganz nebenbei erzählt und wirkte dabei total entspannt. Er hat sogar darüber gelacht.“ Außerdem beschuldigt er ARMSTRONG, während den Touren 1999, 2000 und 2001 EPO verwendet zu haben.

Dennoch stellte die US-Staatsanwaltschaft am 04.02.2012 die Ermittlungen gegen Lance ARMSTRONG wegen Doping ein. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Danach ermittelte die US-Anti-Doping-Agentur USADA weiter und erhob schwere Vorwürfe gegen ARMSTRONG. Er wurde sofort für alle Wettbewerbe gesperrt. Als Lance ARMSTRONG am 24.08.2012 erklärte, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgeben wird, sah es nach einem klaren Zeichen des Sieges gegen ihn aus. Ihm drohte somit auch die Aberkennung all seiner Titel. Am 10.10.2012 schickte die USADA ihre gesammelten Unterlagen an die UCI. In dem Bericht heißt es, dass das US Postal-Team das „ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben [hätte], das der Sport jemals gesehen hat“. Der UCI blieb gar nicht viel anderes übrig, als Lance ARMSTRONG am 22.10.2012 alle Tour de France-Titel abzuerkennen.

Floyd LANDIS hingegen hatte trotzdem Schwierigkeiten, weiterhin professionell Rad zu fahren. Zum einen  war sein Ruf natürlich durch die Doping-Vorwürfe befleckt, zum anderen war es im Radsport nicht gerne gesehen, wenn man sich untereinander ausliefert. Er galt als „Nestbeschmutzer“ und sein eigentlich tapferer Beitrag zur Wahrheit wurde nicht angemessen gewürdigt. Er fuhr einige Zeit ohne Team, bis er sich Anfang 2011 dazu entschloss, seine aktive Karriere zu beenden.  Heute verdient Floyd LANDIS sein Geld mit dem Vertrieb von Cannabis-Produkten (https://floydsofleadville.com/)