Berliner Zeitung, 15.10.2003

von Jens WEINREICH

Drei Stunden Nichtstun

Drei Stunden Nichtstun

BERLIN, 14. Oktober. Es ist an der Zeit, sich einmal mit einem florierenden Wirtschaftszweig im tiefsten deutschen Osten zu befassen. Es ist das Beratungs- und Lobbyistenwesen, das derzeit in der zu übergroßen Teilen aus öffentlichen Mitteln finanzierten Olympiabewerbung fröhliche Urständ feiert. Da gibt es zum Beispiel eine junge Firma namens Pentacom Beratungsgesellschaft für Marketing, Kommunikation und PR mbH. Der Gesellschaftervertrag datiert vom 22. Juli 2003, die Eintragung ins Handelsregister (HRB 19931) vom 6. August 2003. Stammkapital 25.000 €. "Geschäftsführer: RADOSEVIC, Ivan, Ludwigshafen; ZIEGFELD, Henner, Berlin, jeweils einzelvertretungsberechtigt; mit der Befugnis im Namen der Gesellschaft mit sich im eigenen Namen oder als Vertreter eines Dritten Rechtsgeschäfte abzuschließen."
Diese Firma hat dem Bewerbungskomitee Leipzig 2012 GmbH mit Posteingang vom 7. Oktober eine Rechnung vorgelegt, die so brisant erscheint, dass sie durchaus einen Erdrutsch auslösen könnte im Gefüge der ohnehin schwer angeschlagenen Bewerber GmbH.

75.936,50 € inklusive Mehrwertsteuer für "strategische Kommunikationsberatung gemäß Vereinbarung und Anlage" verlangt die Pentacom. Zahltag ist der heutige Mittwoch. Ein Konto bei der Sparkasse Leipzig ist längst eingerichtet, eine endgültige Steuernummer liegt der jungen Firma noch nicht vor. Es kann eben nicht alles so schnell gehen, auch nicht am Wirtschaftswunderstandort Leipzig. Langsam mahlen die Mühlen der Finanzbürokratie. Nur die Geschäfte der Berater-Innung, die laufen prächtig. So gut, dass sich viele Leute im Umfeld der Bewerbung ernsthaft Sorgen machen, ob hier auch alles mit rechten Dingen zugeht. Mike DE VRIES jedenfalls, nach dem vorläufig ruhenden Vertrag von Dirk THÄRICHEN einzig amtierender Geschäftsführer der Olympia-GmbH, denkt bisher offenbar nicht daran, diese Rechnung so zu begleichen. Nach Informationen dieser Zeitung hat er Oberbürgermeister Wolfgang TIEFENSEE dringend um Auskunft gebeten. Denn TIEFENSEE ist ja nicht nur stellvertretender Aufsichtsratschef der Olympia GmbH, er ist auch einer der Hauptprofiteure von Pentacoms Leistungen, wenn man die fein säuberliche Auflistung von 68 Positionen richtig interpretiert.

Stattliche Summen 

Eine kleine Auswahl für den Rechnungszeitraum vom 1. Juli bis 30. September 2003: Anbahnung und Vorbereitung zahlreicher ARD- oder ZDF-Interviews mit Wolfgang TIEFENSEE - je 1.500 €. Einstellungsgespräche - 1.137,50 €. Aktualisierung eines Organigramms - 525,00 €. Diverse Adressrecherchen - 1 500 €. Autofahrt von Ludwigshafen nach Leipzig inklusive einer Übernachtung - 1.050 €. Meeting mit einem Journalisten - 875,00 €. Begleitung von TIEFENSEE bei der Leichtathletik-WM in Paris - 6.000 €. Der 30. August muss ein besonders anstrengender Tag gewesen sein. Zu diesem Kostenpunkt (1. 400 €) wurde unter anderem notiert: "Drei Stunden Nichtstun." Auch das Nichtstun will schließlich exakt abgerechnet sein.

So kommt schnell eine stattliche Summe zusammen, netto 65.462,50 €. Rechnet man diesen Betrag spekulativ auf eine etwaige zweijährige Bewerbungsphase hoch (bis zur IOC-Entscheidung im Juli 2005 in Singapur), käme man auf netto rund 520.000 €. Wobei sich dringend die Frage stellt, ob die Firma für den Bereich, den sie hier betreut (etwa den der Kontakte zum Internationalen Olympischen Komitee) überhaupt Kompetenzen aufweist.
Noch dringender ist zu fragen, wer hier wen wann und warum ermächtigt hat, Einstellungs- und Vorstellungsgespräche zu führen - und dann auch noch Entscheidungen zu diesen Personalien zu fällen. Der Aufsichtsrat als Ganzes war es jedenfalls nicht. Einige Aufsichtsratsmitglieder (TIEFENSEE und Leipzigs Olympiabeauftragter Burkhard JUNG) haben diese Praxis allerdings unterstützt.
So hat etwa ein Kandidat, der sich bei JUNG als Pressesprecher der Olympia GmbH beworben hatte, von RADOSEVIC und Ziegfeld eine Antwort erhalten. Diese beiden Marketender führten, zunächst allein, später mit THÄRICHEN, die ersten Bewerbungsgespräche - was JUNG bestätigt: "Das fand ich falsch. Das habe ich gegenüber THÄRICHEN auch kritisiert." Dem Kandidaten wurde von THÄRICHEN die Einstellung versprochen und sogar schon ein Vertragsentwurf zugeschickt.
Dumm nur, dass Aufsichtsratschef Klaus STEINBACH nicht über diese wichtige Personalie informiert war, weshalb er am 30. August sein Veto eingelegt hat.

In diesem Zusammenhang verstricken sich die Inhaber der Pentacom zunehmend in Widersprüche. Gegenüber der Netzeitung hatte Thärichens Anwalt Udo Blümel vergangenen Freitag behauptet: "Es gab keinen Beratervertrag mit Herrn RADOSEVIC. Herr RADOSEVIC ist als natürliche Person auch kein Vertragspartner der Olympia GmbH." RADOSEVIC hatte in jenem Zeitungsbericht gesagt: "Ich war zu keinem Zeitpunkt Berater der Olympia-GmbH oder hatte einen solchen Status. Mir wurde auch kein Beratervertrag in Aussicht gestellt." Die Teilnahme an Einstellungsgesprächen, die er über die Pentacom in Rechnung stellt, hatte RADOSEVIC ebenfalls verneint. Ein paar Tage später kann er sich jedoch wieder besser erinnern: "Es war ein Bewerber, der von uns ausgesucht wurde. Wir haben darum gebeten, ihn bei der Olympia-GmbH vorzustellen. Aber in den entscheidenden Momenten waren wir nicht dabei." Die Rechnungsunterlagen sagen etwas Anderes aus.

Brisante Fragen 

Erstaunen muss gleichfalls, dass die umtriebigen Herren von Pentacom sogar Ende September - in der Woche des Leipziger WTA-Tennisturniers, das sie unter anderem mit der Firma SCI organisieren - noch viel Zeit für die Olympiabewerbung fanden. Jedenfalls: Mehr als 6.000 € stellen sie in den Tagen, da in der Leipzig-Arena der Filzball fliegt, der GmbH in Rechnung, darunter pikanterweise auch ein "Meeting ABOLD" zur "Themenabgrenzung". Wer grenzt hier welche Themen ab, wo doch der Aufsichtsrat gar keine Verträge mit Pentacom und der Münchner PR-Agentur von Andreas ABOLD abgesegnet hat? Dieses Detail dürfte besonders das Aufsichtsratsmitglied Otto SCHILY interessieren, denn der Bundesinnenminister hat nach Berichten von Augenzeugen kürzlich - genervt von zahlreichen dubiosen Vorgängen rund um das Organisationskomitee der Fußball-WM 2006 - den Strippenzieher ABOLD aus einer Aufsichtsratssitzung komplimentiert. Es sind indes TIEFENSEE und JUNG, die beharrlich an ABOLD festhalten.Im Zusammenhang mit Pentacom und deren Gesellschafter RADOSEVIC und Ziegfeld stellen sich noch brisantere Fragen. So residiert die Firma in Leipzig Harkortstraße 7. Ein Klingelschild existiert noch nicht, wohl aber eines der SCI Sportconsulting International (Geschäftsführer: Ivan RADOSEVIC). Es prangt direkt unter dem Klingelschild mit der Aufschrift "THÄRICHEN". Denn das Haus gehört einer Erbengemeinschaft um Lothar THÄRICHEN, Vater des schwer in Bedrängnis geratenen Olympia-Geschäftsführers Dirk THÄRICHEN. Der Junior war laut Telefonauskunft selbst bis zum vergangenen Jahr in der Harkortstraße 7 gemeldet, in der RADOSEVIC und ZIEGFELD, seine beiden beruflichen Ziehväter, also mittlerweile gleich zwei Firmen betreiben.Thärichens Eltern bestätigten telefonisch, dass die Firmen zu ihren Mietern zählen: "Wir sind froh, dass wir überhaupt einen Mieter bekommen haben, wenn sonst alle Häuser leer stehen", sagte Frau Thärichen und beendete alsdann das Gespräch. Dirk THÄRICHEN verwies auf seinen Anwalt. Auf die Frage, ob er kein Problem darin sehe, dass die Pentacom im Haus seiner Eltern ein Büro unterhält, antwortete THÄRICHEN: "Zu geschäftlichen Dingen äußere ich mich nicht. Bitte wenden Sie sich an das Büro von Lothar de Maizière."

 

 

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