Jens WEINREICH: Sportjournalismus

Immer faire Berichte?

Den nachfolgenden Text hatte Jens Weinreich für die journalistische Fachzeitschriftmessage(Ausgabe 3/2004) geschrieben. Der Wächterpreis beschreibt dort kritisch das journalistische Geschehen im Sportbereich. Ganz speziell setzt er sich vor allem aber auch mit der (un)distanzierten Nähe von Sportreportern zu ihren Berichterstattungspartnern auseinander. Die korrupten Verflechtungen zwischen Sportmatadoren, Politik und sonstigen Klüngelinteressen sind ein weiterer Aspekt, um den es im folgenden Beitrag geht:


Bunte Storys über Olympia

Zugegeben, als Journalist von Olympischen Spielen zu berichten, kann auch angenehm sein. Wer sich nicht scheut, inklusive Vorberichterstattung drei Wochen lang 18 Stunden am Stück zu arbeiten; wer sich von der sportlichen Herausforderung inspirieren lässt, seinem Verleger in Windesweile mit emotionsgeladenen Texten, Hintergründen, Analysen und Kommentaren die Seiten zu füllen; wer sich von der Atmosphäre einfangen lässt und sich in Maßen der olympischen Hektik hingibt; stundenlange Busfahrten und Sicherheitschecks geduldig übersteht; der wird bei Olympischen Spielen auf seltsam irritierende Weise belohnt. Mit Adrenalinschüben, stetig ansteigenden sarkastischen Schockwellen und anhaltender Erschöpfung. Dieser merkwürdige Aggregatzustand kann sich durchaus positiv auswirken auf den journalistischen Schaffensprozess. Wohl nur in einer solchen trance-ähnlichen Verfassung lässt sich der unentwegte Aufenthalt in den engen, stinkenden Folterkammern der Olympischen Spiele überstehen: in den so genannten Mixed Zonen, die im aktuellen Tagesgeschäft praktisch die einzige Möglichkeit sind, dem Subjekt der Berichterstattung, dem Sportler, einmal in die Augen zu sehen und – mit viel Glück – sogar ein paar Zitate zu erhaschen.

Balgen um die Sonderzone

So werden sich vom 13. bis 29. August in Athen in den olympischen Kernsportarten Schwimmen und Leichtathletik also wieder Hundertschaften von Reportern um die wenigen Plätze in den klar gegliederten Sonderzonen balgen: In den Katakomben der olympischen Arenen warten zunächst die Abgesandten der Fernseh- und Rundfunkanstalten, die für die Übertragungsrechte in Athen rund 1,5 Milliarden US-Dollar bezahlt haben. Das amerikanische Network NBC, die Sender der europäischen EBU, der Vereinigung der öffentlich-rechtlichen Anstalten, zu denen auch ARD und ZDF gehören. Erst nach den Interviews bei den Rechteinhabern laufen die Athleten weiter in den kleinen Bereich der Non-Right-Holders, in dem sich schwitzende Reporter um Wortfetzen balgen. Wenn die Kollegen von der Presse ihrer Arbeit nachgehen, haben die Fernseh- und Rundfunk-Abgesandten ihre O-Töne längst überspielt und ihre Kunden informiert.


Journalistische Vier-Klassen-Gesellschaft

Olympia gliedert die etwa 21.000 Medienvertreter – doppelt so viel wie die zugelassenen Athleten – in eine Vier-Klassen-Gesellschaft: Die Rechteinhaber, die mit ihren Zahlungen den Olympia-Zirkus alimentieren und etwa die Hälfte der Akkreditierungen in Anspruch nehmen; die dazugehörigen Techniker; die Fotografen (rund 1.000) und etwa 5.500 Vertreter der schreibenden Zunft. Für jede Partei gelten andere, in jedem Fall aber sehr strikte Regeln, deren Einhaltung vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und dem lokalen Organisationskomitee (Athoc) streng überprüft wird. Dies geht sogar so weit, dass Alex Gilady (Israel), IOC-Mitglied und NBC-Manager, in der Mixed Zone selbst Hand anlegt, um etwa Pressevertreter, die einen halben Meter zu weit in die Zone der Rechteinhaber gedrängt worden sind, umgehend zu vertreiben. Auch bei missliebigen Fragen greift Gilady gern ein oder macht sich Notizen.

Die Kosten für eine Olympia-Expedition sind enorm. Eine Übernachtung in einem der mittelklassigen Mediendörfer kostet etwa 200 Euro – drei Wochen sind mindestens zu buchen. Über horrende Preise für technische Hilfsmittel im Main Press Center (MPC) und dem International Broadcasting Centre (IBC) wird quasi eine verkappte Gebühr für die Berichterstattung erhoben. Da darüber hinaus die Zahl der Akkreditierungen begrenzt und für jede Nation kontingentiert ist, ist bereits ein Teil der Antwort auf die Frage gegeben, inwieweit bei Olympischen Spielen Recherchejournalismus betrieben werden kann.

Theoretisch könnten es sich die öffentlich-rechtlichen Rechteinhaber leisten, die mit riesigen Delegationen anreisen, doch die wollen lieber Medaillen bejubeln und schöne Bilder zu schmalzigen Tönen zusammen schneiden. Von den deutschen Presseunternehmen erhalten – neben den Springer-Publikationen – die „Süddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine“ und „Der Spiegel“ die meisten Akkreditierungen (je vier bis fünf). Nur sie haben die Möglichkeit, Reporter für Reportagen und Hintergründiges abzustellen. Alle anderen haben zu funktionieren und vor allem die aktuelle Berichterstattung wahrzunehmen. Doch selbst in einigen dieser großzügiger ausgestatteten Redaktionen ist nicht jederzeit klar, ob man bei den Spielen wirklich Recherche betreiben will.

Die Tendenz geht dahin, das bunte Treiben mit netten Geschichten zu untermalen. „Der Spiegel“ beispielsweise landete 1996 in Atlanta seinen letzten Coup, als es unmittelbar nach dem Bombenanschlag gelang, einen Reporter als Sicherheitskraft ins Organisationskomitee einzuschleusen, der dann in Uniform Wachdienst schob.

Sydney: Korruption und Mafiaverdacht

Andererseits: Deutsche Printmedien müssen sich nicht verstecken im internationalen Vergleich. Als beispielsweise vor vier Jahren, kurz vor Beginn der Sommerspiele in Sydney, die ortsansässigen Blätter „The Sydney Morning Herald“ oder „The Australian“ tagelang mit Aufmachern über korrupte Sportpolitiker und IOC-Mitglieder verblüfften, waren manche deutschen Rezipienten schon ganz gut informiert. Die Vorgänge um den Mafia-verdächtigen usbekischen Box-Funktionär Gafour Rachimow, dem in Australien die Einreise verweigert wurde, waren in Deutschland längst publiziert, wenngleich nicht flächendeckend. Auch im Februar 2002 bei den Winterspielen in Salt Lake City haben einige deutsche Zeitungen die Hintergründe der Enttarnung des dopenden Skilangläufers Johann Mühlegg, des vermeintlichen dreimaligen Olympiasiegers, in aller Hektik relativ überzeugend darlegen können. Schon vor Beginn der Wettbewerbe wurde über die Versuche des schwedischen Dopingfahnders Bengt Saltin berichtet, die Modedroge Aranesp nachzuweisen. Eben jenes Blutdopingmittel wurde Mühlegg zwei Wochen später nachgewiesen.

Punktuell kann man in diesem irrwitzigen olympischen Zirkus, der über knapp zweieinhalb Wochen tobt, also durchaus journalistische Erfolge erarbeiten. Ohnehin ist der der kritische Aspekt in der Berichterstattung seit 1992 fulminant gestiegen, zumindest lässt sich das für nicht wenige Printmedien behaupten. Als Meilenstein der Olympia-Berichterstattung darf dabei das erste Enthüllungsbuch des englischen Journalisten Andrew Jennings gelten. Jennings hat mit dem Titel „The Lords of the Rings“ im Frühjahr 1992 die erste umfassende IOC-Kritik vorgelegt. Das IOC, in Lausanne beheimatet, ist sofort vor das Polizeigericht des Schweizer Kantons Vaud gezogen, wo Jennings zu fünf Tagen Haft wegen angeblicher Verleumdung verurteilt wurde – auf Grundlage eines mittelalterlich anmutenden Paragrafen, der es dem Angeklagten nicht erlaubt, „Beweise anzutreten“ für seine Behauptungen.

Journalisten gegen Journalisten

„The Lords of the Rings“ wurde von den üblichen Verdächtigen unter den Sportjournalisten total verrissen. Der Engländer David Miller, seinerzeit Sportchef der „Times“ referierte sogar vor dem IOC-Exekutivkomitee über vermeintliche „Verzerrungen“ und „Unterstellungen“ des Buches. Der Deutsche Willy Ph. Knecht, Redakteur des „NOK-Report“, bezeichnete den gleichnamigen Jennings-Dokumentarfilm „The Lord of the Rings“ als „Horrorfilm“, der „sportfremden Mächten den Zugriff auf die Olympischen Spiele und deren kommerzielle Ausbeutung“ ermöglichen solle. Der Deutsche Karl-Adolf Scherer, Redakteur des „Sportinformations-Dienstes“ wurde für seine Kritik am Jennings-Buch vom damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch höchstpersönlich gelobt. Müßig hinzuzufügen, dass die so genannten Journalisten Miller, Knecht und Scherer allesamt Träger des Olympischen Ordens sind und sich als Lohnschreiber und Berater von Olympischen Institutionen oder Olympiabewerbern im Laufe der Jahr einiges Geld hinzuverdient haben.

IOC verbannt Recherchejournalisten

Jennings wurden sieben Jahre Akkreditierungen für IOC-Sitzungen und Olympische Spiele verwehrt. Erst im Februar 1999, als weltweit Enthüllungen über den IOC-Bestechungsskandal für Schlagzeilen sorgten und ein führendes IOC-Mitglied, der Schweizer Marc Hodler, seine Organisation selbst mit der Mafia verglich, wurde Jennings wieder zu einem Termin zugelassen. Auf der ersten weltweiten Anti-Doping-Konferenz und der darauf folgenden Krisen-Session des IOC im Lausanner Palais de Beaulieu wurde der Berichterstatter selbst zum Medien-Star: Jennings gab mehr Interviews als alle IOC-Mitglieder zusammen, er werkelte für die legendäre CBS-Sendung „Sixty minutes“ und andere renommierte TV-Magazine. Auf einer Pressekonferenz wurde der damalige IOC-Generaldirektor Francois Carrard von einem Reporter der „New York Times“ gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, sich bei Jennings zu entschuldigen, der großartige Arbeit verrichtet habe.

Carrard behauptete, Jennings habe nie Beweise für seine Thesen erbracht. Woraufhin Jennings das Mikrofon ergriff und sich erkundigte: „Herr Carard, würden Sie den Kollegen bitte sagen, welche Lügen ich verbreitet haben soll? Und würden Sie ihnen auch erläutern, wie das IOC über viele Jahre die freie Presse kriminalisiert hat?“ Carrard blieb die Antwort schuldig und stürmte kurz darauf wütend aus dem Saal.

In jenen Monaten war es der Kanadier Richard Pound, damals Vizepräsident, der mit einem veritablen Aufklärungswillen, großem Geschick und politischen Instinkt das IOC vor dem Untergang rettete. Pound leitete die interne Untersuchungskommission des IOC, die Ausschlüsse und Rügen für einige bestechliche IOC-Mitglieder empfahl. Richard Pound hat später einmal gesagt: „Andrew Jennings ist der einzige wirkliche Herausforderer, den das IOC je hatte.“ Diese Aussage war auf ein Jahrhundert bezogen, auf eine dramatische Geschichte des IOC zwischen den Mühlsteinen Kommerz und Weltpolitik. Jennings der einzige Herausforderer? Kann es ein größeres Lob für einen Journalisten geben? Auch der US-Senat, der sich ebenfalls mit dem Bestechungsskandal um die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City befasste, setzte damals auf Jennings.

Nach der Anhörung im April 1999 in Washington bescheinigte Senator John McCain dem Reporter, er hätte großartig gearbeitet und die Senatoren bestens informiert. Fünf Jahre später kann man wohl sagen: Andrew Jennings ist der Michael Moore der olympischen Welt. Er hat ein ähnliches Unterhaltungspotenzial – allerdings liefert er mehr Fakten als der mit dem Oscar prämierte amerikanische Dokumentarfilmer und Buchautor.

Weltweites Informationsnetzwerk

„Ich bin Enthüllungsreporter, kein Sportjournalist“, sagt Jennings. „An den Sport komme ich nicht näher ran als bis zu den Themen Doping und Korruption.“ Im Laufe der Jahre hat er ein sehr feines Netzwerk von Journalisten, Wissenschaftlern und aufrechten Sportfunktionären gesponnen, das keinen Kontinent auslässt. Die Nachrichten und Rechercheergebnisse zirkulieren unaufhörlich. Jennings legt großen Wert darauf, auch Reporter aus Entwicklungsländern in die Arbeit einzubeziehen; Kollegen, die ihren Job teilweise unter großen Gefahren verrichten. Dieses Netzwerk, ein loser Zusammenschluss Gleichgesinnter mit Schwerpunkten in England, Deutschland, Dänemark, Norwegen und den USA, funktioniert blendend.

Es hat sich, wenn man die journalistische Wirkung betrachtet, in den vergangenen Jahren sogar gegen die Kampagnen weltweit agierender PR-Firmen behaupten können. So hat das IOC ab Februar 1999 viele Millionen Dollar für die Dienste von „Hill & Knowlton“ ausgegeben. Diese Firma fürs Grobe sollte das von Korruptionsskandalen erschütterte IOC fortan als eine transparente Organisation verkaufen.Auch in Deutschland vertraute das IOC einige Jahre lang auf die PR-Dienste professioneller Weißwäscher. Man nahm die in Ebersberg bei München ansässige Agentur TV Media unter Vertrag. Das vom ehemaligen Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje geleitete Unternehmen, eine Tochterfirma der WMP Eurocom AG, versuchte fortan, den Olympiakonzern in besserem Licht erscheinen zu lassen. Schnell wurden missliebige Berichterstatter ausgemacht und einer virtuellen schwarzen Liste zugeführt, wie der damalige IOC-Sprecher Franklin Servan-Schreiber auf Anfrage bestätigte. Demnach seien IOC-Offizielle vor Kontakten zu diesen deutschen Reportern gewarnt worden, auch wurden diese Journalisten von zahlreichen Terminen ausgeschlossen

Nachdem der Vertrag mit dem IOC Anfang 2003 ausgelaufen war, bewarb sich Tiedjes Firma mit einem 41 Seiten umfassenden Schriftstück für eine weitere Zusammenarbeit. In dem Papier wurden die vermeintlichen Erfolge der TV Media aufgelistet: Mit wenigen Ausnahmen („Süddeutsche Zeitung“, „Berliner Zeitung“) sei die Berichterstattung über das IOC in Deutschland „objektiver“ geworden, heißt es. Dazu hätten Aktivitäten der PR-Firma beigetragen. So hat TV Media unter anderem „Statements, Kolumnen und Pressemeldungen, die vom IOC Vizepräsidenten Thomas Bach autorisiert worden sind, in ausgewählten Schlüsselmedien lanciert“. Genannt werden beispielsweise die „Welt am Sonntag“ und das „Handelsblatt“. Aufgezählt werden eine Reihe von Journalisten, mit denen angeblich nicht nur die Strategie der Berichterstattung, sondern auch einzelne Artikel abgestimmt werden.

Die PR-Firma rühmt sich gleichfalls bester Kontakte in höchste Kreise der Sportpolitik, etwa zu Sportminister Otto Schily oder zum Sportkoordinator im Bundeskanzleramt, Joachim Krannich.In der Tat treten einige derjenigen Journalisten, die in dem internen Papier positiv erwähnt werden, seit Jahren als notorische Verharmloser, Schönschreiber und Unterdrücker schlechter Nachrichten hervor. Sehr gut ließen sich diese Mechanismen während der Leipziger Bewerbung um die Sommerspiele 2012 beobachten. Übrigens waren die PR-Netzwerker von TV Media und WMP Eurocom selbst an einer Zusammenarbeit mit der Leipziger Olympia GmbH interessiert: Laut Leipzigs ehemaligen Olympiabeauftragten Burkhard Jung waren neben Tiedje die WMP-Vorstände Günter Rexrodt und Bernd Schiphorst sehr aktiv. Die Aufträge für Kommunikation und PR-Konzepte gingen dennoch an andere Unternehmen.

Doch immerhin: Hans-Dietrich Genscher, Aufsichtsratschef der WMP Eurocom, wurde Chef des Kuratoriums der Olympiabewerbung.Bevor die Leipziger Bewerbung am 18. Mai 2004 ein vorzeitiges Ende nahm, als das IOC die Stadt nicht für die Finalrunde der besten fünf Interessenten zuließ, verblüfften also einflussreiche deutsche Sportjournalisten mit einer recht eigenwilligen Informationspolitik. So setzten einige der von TV Media über die Jahre heftig umschmusten Nachrichtenprofis vom „Sportinformations-Dienst“ (sid) und der „Deutschen Presse-Agentur“ (dpa) recht exklusive Schwerpunkte: Über Details jener Enthüllungen in Tageszeitungen, die Leipzigs Olympia-Macher in große Panik versetzten, wurden sid- oder dpa-Kunden im Herbst 2003 mitunter erst informiert, als der betreffende Offizielle seinen Posten räumen musste. So verhielt es sich im Fall des Olympia-Aufsichtsrats Burkhard Jung.

Leipzig spaltete Sportjournalisten

Leipzigs Olympia-Offerte spaltete die Berichterstatter, und zwar nicht nur Sportjournalisten, in zwei ungleiche Lager: Eine Minderheit unternahm den Versuch, Öffentlichkeit herzustellen und Missstände aufzudecken – eine Mehrheit betrieb eine Blockadehaltung, die nur schwer nachzuvollziehen kann, wer an journalistische Werte glaubt. Exemplarisch mag dafür der Kommentar des ehemaligen Chefredakteurs der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) stehen. Hartwig Hochsetin behauptete am 7. November 2003 ohne jegliche Beweise, andere Journalisten seien „mit Namen, Daten, Zahlen munitioniert“ worden. „Mit Namen, Daten, Zahlen, von denen viele – das hat unsere Zeitung bitter gespürt – mit normaler journalistischer, auch investigativer Arbeit, mit guten Kontakten und Kenntnissen der Sport- und Funktionärsszene nicht zu ermitteln waren. Und deren juristisches und moralisches Gewicht auch wegen der im Nebel liegenden Quellen und der undurchsichtigen Interessenlagen noch offen bleibt.“ Und weiter schrieb Hochstein: „Geht das so weiter, dann wird Leipzig auch international beschädigt und eine einmalige Chance verspielt. Wir wollen das nicht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen, diese Mischung aus Verschwörungstheorien, Lokalpatriotismus und journalistischem Unverständnis kommentiert sich von selbst.

Im Januar 2004, nach dem Wechsel in der Chefredaktion und dem Erscheinen des Buches „Operation 2012“, veränderte sich die LVZ-Berichterstattung für einige Wochen radikal. Sogar die Internet-Ausgabe des Blattes wurde zur Pflichtlektüre, weil dort Original-Dokumente über den Leipziger Filz zur Verfügung gestellt wurden. Erst im April, kurz vor dem Besuch des IOC-Präsidenten Jacques Rogge, kehrte wieder Ruhe ein. Die Zügel wurden angezogen im Sinne der patriotischen Sache, als die Sportminister Schily die Bewerbung umschrieben hatte – allerdings nicht im Sinne der Leser. Egal, bis zum 18. Mai blieb die LVZ wieder auf olympischen Schmusekurs. Dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF, offizielle Partner der Bewerbung, bis auf wenige Ausnahmen kaum etwas Kritisches zur Sache beitrugen, versteht sich beinahe schon von selbst.  

Lokalpatriotische Wissenschaft

International wurde Leipzig für zu leicht befunden an jenem 18. Mai. Doch die Sachsen waren schlechte Verlierer. Olympia-Bewerber und Journalisten gaben allein dem IOC die Schuld und strickten krude Verschwörungstheorien, an denen sich auch lokalpatriotische Wissenschaftler beteiligten. Professor Wolfgang Kleinwächter von der Universität Halle-Wittenberg hatte schon vor dem IOC-Entscheid in einem LVZ-Interview verkappte Medienkritik geäußert, als er über „konstruktive Kritik“ orakelte und behauptete, in Leipzig sei es – was die finanziellen Unregelmäßigkeiten angeht – lediglich um eine Summe von 80.000 Euro gegangen. „Eine kritische Sachlichkeit muss her“, forderte Kleinwächter. In diesem Sinne – kritisch sachlich – analysierte der Professor, der im olympischen Bereich keinerlei Verdienste und nur punktuelle Erfahrungen aufweist, nach dem IOC-Beschluss die Lage. Als Material dienten ihm der IOC-Bericht zu den neun Olympiabewerbern, Rundfunkinterviews und einige Presseartikel. Schon war eine hübsche Verschwörungsstory gestrickt, die sich unter dem Titel „Das große Missverständnis – das wunderliche Zahlenwerk des IOC“ gut verkaufte.

Tendenz: Leipzig wurde betrogen. Von wem? Warum? Wie? Überzeugende Antworten auf diese Fragen blieb er schuldig, der Hobby-Olympier Kleinwächter, dessen Projekte schon mal von der Olympia GmbH bezahlt worden sind. Daher nun die Frage: Was haben solche Elaborate mit Wissenschaft zu tun, zumal mit Medienwissenschaft?

Es gibt viele Gründe dafür, dass Journalisten (und Wissenschaftler) auf dem Gebiet des Sports oft so haarsträubend ihre Pflichten vernachlässigen. Die Wir-sitzen-doch-alle-in-einem-Boot-Mentalität und das Prinzip des Eine-Hand-wäscht-die-andere sind zwei Erklärungsmuster für diese Erscheinungen, die im August in Athen sicher wieder umfassend beobachtet werden können.


"Play the Game" - Podium für Kritiker"

Dass es auch anders geht, beweisen seit einigen Jahren die rührigen Organisatoren der Konferenz „Play the Game“ in Kopenhagen, die das Ziel verfolgen, kritische Medienvertreter mit Wissenschaftlern, Juristen und Funktionären aus aller Welt zum Diskurs zusammen zu bringen. „Play the Game“ ist ein einzigartiger Brainpool der Sportkritik, der bislang unter großen finanziellen Anstrengungen drei Mal zustande kam. Eine der Schlüsselpersonen der vom Journalisten Jens Sejer Andersen initiierten Konferenz ist, wen wundert’s, der Engländer Andrew Jennings – der Michael Moore der Sportpolitik.

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