So liefen die Recherchen zu Olympia in Leipzig

Erinnerungen von Jens WEINREICH

Als Journalist bin ich ein eher altmodischer Typ, der meint, es sei in diesem Beruf wichtig, aus der Vergangenheit hin und wieder Lehren zu ziehen. Zumal sich Deutschland ja Anfang der neunziger Jahre schon einmal erfolglos um Olympische Spiele beworben hatte.

Diese Bewerbung Berlins um die Sommerspiele 2000 war nicht nur peinlich und desaströs, dieses dilettantische Abenteuer verschlang 51,3 Millionen Mark aus öffentlichen Kassen. (Nicht eingerechnet die Folgekosten, durch die der Berliner Sporthaushalt noch lange Jahre monatlich in sechsstelliger Höhe belastet wurde.) Im konkreten Fall, der Leipziger Olympiabewerbung für 2012, war ich zudem der Meinung, es sei wichtig, Öffentlichkeit darüber herzustellen, wie viel Geld so ein olympisches Abenteuer wirklich verschlingt, und wie dieses Geld verwendet wird, das zum übergroßen Teil aus öffentlichen Kassen stammt – gegenteiligen Beteuerungen von Politikern und anderen Olympiaplanern zum Trotz.

Zwei Aussagen aus der Berliner Bewerbung, die mir in zehn Jahren nicht aus dem Kopf gegangen sind, dürfen durchaus als Leitmotiv für meine Recherchen zur Leipziger Olympiabewerbung gelten. Erstens: Für eine erfolgreiche Olympiaofferte brauche man totale Handlungsfreiheit und Steuermittel „frei von öffentlichen Kontrollen“, so hatte es einer der Berliner Bewerberchefs einst formuliert. Ich dachte mir: So sollte es eher nicht sein. Zweitens war da ein Resümee aus dem Bericht des Berliner Landesrechnungshofes vom August 1996 zur gescheiterten Berliner Bewerbung: „Werden statt einer durchaus denkbaren privaten Finanzierung öffentliche Mittel eingesetzt, ist mit diesen vom Steuerzahler aufgebrachten Geldern besonders sorgfältig zu wirtschaften. Die Verwendung dieser Mittel darf in keinem Fall der parlamentarischen Finanzkontrolle entzogen sein. Somit verbietet es sich auch, den Begriff der Wirtschaftlichkeit neu zu definieren und jedwede allgemein sinnvolle oder auch nur vertretbare Mittelverwendung für die Olympiabewerbung als wirtschaftlich anzusehen.“ Das erschien mir logisch.

Keine Transparenz: Beamte unter Druck

Es gab noch eine dritte finanzielle Überlegung, die meine Recherchen bestimmte: Ich hätte gern gewusst – und dies auch gern der Öffentlichkeit mitgeteilt –, wie viele Milliarden Euro die Austragung Olympischer Spiele in Leipzig wirklich gekostet hätten. Konkreter als jene Hochrechnungen, die in verschiedenen Ministerien in Sachsen und Berlin kursierten, konnte ich in der Berichterstattung allerdings nie werden: „9 bis 14 Milliarden“, hieß es, eventuell auch mehr. Nach Veröffentlichung wurden diese Zahlen umgehend als Hirngespinst abgetan – von denselben Politikern, deren Mitarbeiter an den Planungen werkelten. Ich habe mit einigen Beamten in Berlin, Dresden und Leipzig gesprochen, die mir im Vertrauen ihren Unmut über diese unsinnigen Olympiaplanungen erklärt haben; die wussten, dass dieses Abenteuer nicht finanzierbar und nicht kalkulierbar ist; die sich aber vor allem dafür entschuldigten, dass sie unter großem Druck standen und von ihren Dienstherren mehrfach zum Schweigen verdonnert worden waren.

Öffentlich haben Tiefensee, Schily & Co. die Bewerbung allerdings sehr plump und wider besseres Wissen als Selbstläufer verkauft. Der gängige Slogan lautete: Olympia sei ein großes Ding, eine tolle Sache, für die man als deutscher Patriot einfach einstehen muss. Die Politiker haben es bis zum Schluss – bis das IOC Leipzig im Mai 2004 schon im internationalen Vorausscheid stoppte – nicht für nötig gehalten, dem Steuerzahler eine ehrliche Kosten- und Nutzenanalyse vorzulegen. Der Bundesinnenminister hat auf diesbezügliche Fragen gern dekretiert: „Die wirtschaftlichen Vorteile werden in angemessener Form der Bevölkerung mitgeteilt werden.“

Schöne Zitate aus internen Prüfberichten

Auf die Frage, wie öffentliche Mittel im Rahmen der Leipziger Olympiabewerbung verwendet wurden, gelang es mir, die eine oder andere charakterisierende Antwort zu geben, meist exklusiv in der Berliner Zeitung. Kurzum, in Prüfberichten zur Geschäftstätigkeit der Olympia GmbH wurde im Spätherbst 2003 „eine Unkultur im Umgang mit öffentlichen Mitteln“ gerügt. Die Prüfer monierten

  • fehlende Kostenpläne und Ausschreibungen
  • mangelndes Vertragscontrolling und eine mangelhafte Buchführung
  • wichtige Aufträge wurden am Aufsichtsrat vorbei mündlich vergebenauch habe es Fälle von Aktenvernichtungen gegeben

Diese Urteile ähnelten auf fatale Weise dem Bericht des Berliner Landesrechnungshofs. Der Unterschied zwischen den Bewerbungen von Berlin und Leipzig lag eigentlich nur darin, dass die Leipziger vom IOC vorzeitig gestoppt wurden und so nicht noch mehr Steuermitteln verpulvern konnten. Der materielle Schaden war vergleichsweise gering. Strafrechtlich wurde in beiden Fällen niemand zur Rechenschaft gezogen. Denn außer dem Steuerzahler gab es ja keinen Geschädigten dieser Misswirtschaft.
Neben den finanziellen Aspekten haben mich auch gewisse sportpolitische Usancen einer solchen Bewerbung interessiert. Etwa die Fragen, ob auch die Deutschen IOC-Stimmen kaufen wollen; ob auch sie sich für viel Geld die Dienste der branchenbekannten Stimmendealer und Lobbyisten sichern wollen. Mir wurde schnell klar, dass auch die Leipziger Kontakt zu solchen Personen aufgenommen hatten. Doch zu ernsthaften Absprachen, zu Verträgen, ist es meines Wissens nicht mehr gekommen.

Just an jenem Tag, am 15. Oktober 2003, als ich im Artikel „Drei Stunden Nichtstun“ erstmals umstrittene Dokumente veröffentlichen konnte, war eine Gesprächsrunde mit Lobbyisten angesetzt. Dieses so genannte „Küchenkabinett“ aber wurde dann in aller Hektik abgesagt. Zumindest einer der damaligen Olympiaplaner war höchst alarmiert, denn er hatte zuvor mit mir über diesen international bestens vernetzten Lobbyisten gesprochen. Er fürchtete nun offenbar, dass ich nun auch diese anrüchige Verbindung öffentlich machen würde und gab deshalb einer Mitarbeiterin die Anweisung, die entsprechenden Unterlagen verschwinden zu lassen.

Dokumente, die für die Öffentlichkeit geheim bleiben sollen

Schon aus Gründen des Quellen- und Informantenschutzes kann ich nicht weiter auf Details eingehen. Zudem sind Zivilklagen anhängig wegen der unerlaubten Weitergabe von Geschäftsgeheimnissen. Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee hat nun, im Frühjahr 2005, sogar einen Strafantrag gegen Unbekannt „wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses gemäß § 353b Strafgesetzbuch“ gestellt. Hierbei ging es dem Stadtoberhaupt, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und sich im Zusammenhang mit der Affäre in zahlreiche Widersprüche verstrickt hat, aber wieder nicht um Aufklärung.
Es ging ihm nicht darum, seinen Adlatus und Beigeordneten Burkhard Jung zur Rechenschaft zu ziehen, weil der in einer eidesstattlichen Erklärung gelogen hatte. Auch hält Tiefensee offensichtlich nicht viel von Ideen wie einem Informationsfreiheitsgesetz. Nein, „es ist wie in der Antike“, spottete die Leipziger Volkszeitung am 22. April 2005: „Nicht der Übeltäter wird geköpft, sondern der Überbringer der schlimmen Wahrheit.“ Das ist die Leipziger Wirklichkeit.

Mein journalistisches Handwerk

In Leipziger Medien wurden zur Olympia-Affäre auch schon ganz andere Töne angeschlagen. So kommentierte der ehemalige Chefredakteur Hartwig Hochstein im November 2003, es seien Autoren „mit Namen, Daten und Zahlen munitioniert“ worden, mit Informationen, die „mit normaler journalistischer, auch investigativer Arbeit, mit guten Kontakten und Kenntnissen der Sport- und Funktionärsszene nicht zu ermitteln waren“. Mit anderen Worten: Journalisten, die um Aufklärung bemüht waren, hätten sich instrumentalisieren lassen. Von wem auch immer.
Derlei Verschwörungstheorien sind natürlich unsinnig. Die Wahrheit ist viel banaler. Jeder, der die Leipziger Bewerbung journalistisch begleitete, hätte zu ähnlichen Rechercheergebnissen kommen können – mit viel Arbeit, Hintergrundwissen und gutem Willen.

Man muss nur einige journalistische Instinkte ausleben, sollte misstrauisch sein und sich nicht mit Verlautbarungen abspeisen lassen; man muss immer wieder nachfragen, bohren, insistieren; man sollte sich auch Respekt verschaffen und bei den handelnden Personen nicht den Eindruck hinterlassen, dass man biegsam und formbar sei, so wie es leider viele Kollegen tun.

Man darf keinen Dienstschluss kennen, sollte seine Technik (Laptop, Fotokamera, Mikrophon usw.) dabei haben, muss Tag und Nacht erreichbar sein, egal wo.

Eine der wichtigsten Geschichten über Leipzigs Bewerbung habe ich beispielsweise in Katar geschrieben, wo ich in meinem Urlaub für einen Film über den FIFA-Präsidenten Joseph Blatter gedreht habe. Einige der veröffentlichten Dokumente wurden mir erst gemailt, als ich schon in Katar war. Es musste dann alles schnell gehen, und wir haben es – inklusive der Vorabprüfung durch die Hausjuristen – in der Tat quer über die Kontinente professionell erledigt.

Es gibt bei der Olympiarecherche, außer einer intimen Kenntnis der sportpolitischen Szene, die man sich mit Lust und Fleiß über Jahre aneignet, nicht wirklich große Geheimnisse – nur ein paar journalistische Grundregeln. Ich habe versucht, diese Regeln zu befolgen. Die Ergebnisse habe ich in der Berliner Zeitung und später im Buch „Operation 2012“ präsentiert.

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