Die Berichte der Frankfurter Rundschau, 29.11.2007

von Jörg SCHINDLER

Machtkampf bei Unicef

Im Deutschen Komitee von Unicef tobt nach dem Bekanntwerden von dubiosen Beraterhonoraren offenbar ein Machtkampf. Der Geschäftsführer des als gemeinnützig anerkannten Vereins, Dietrich Garlichs, bestritt am Mittwoch den Missbrauch von Spendengeld. In einer schriftlichen Stellungnahme belastete er zugleich den geschäftsführenden Vorstand von Unicef. Dieser habe sämtliche Vorwürfe "bereits im Juni und August im Detail überprüft". Die ehrenamtliche Vorsitzende Heide Simonis unterstrich auf FR-Anfrage, sie habe Garlichs Darstellung nicht unterschrieben.

300 000 Euro für Pensionär

Tags zuvor war bekannt geworden, dass bei Unicef über Jahre hinweg beträchtliche Summen für Beraterverträge und offenbar eigenmächtig veranlasste Bauarbeiten ausgegeben wurden. So hatte die Geschäftsführung einen ehemaligen Bereichsleiter unmittelbar nach seiner Pensionierung im August 2005 als "freien Mitarbeiter" beschäftigt und diesem bis heute fast 300 000 Euro Honorar gezahlt.

Einem anderen Mitarbeiter waren zunächst zwölf Prozent des von ihm erwirtschafteten Spendeneinkommens eingeräumt worden. Unter anderem deswegen konnte er 191 500 Euro Honorar einstreichen. Auf Unmut unter den Mitarbeitern stößt auch der im Herbst 2006 begonnene Umbau der Kölner Bundesgeschäftsstelle: Die fast eine Million Euro teure Renovierung ist nach Simonis Worten weder vom Vorstand beschlossen noch im Haushalt des Vereins verbucht worden. "Das alles ist nach wie vor schwer zu erklären", so Simonis.

Gleichwohl wurde Garlichs Ende Juni vom geschäftsführenden Vorstand entlastet. Dieser hatte sich, offenbar erfolgreich, darauf berufen, dass sein Vertrag ihn mit entsprechenden Vollmachten ausstatte. In seiner Erklärung vom Mittwoch gab Garlichs nun ebenfalls zu Protokoll, dass die ruchbar gewordenen Vorgänge zu seinen "Kompetenzen" gehörten. Zwar bestreitet der seit 18 Jahren amtierende Geschäftsführer weder die Umbaukosten noch die Existenz der Beraterverträge im Grundsatz. Unicef, so Garlichs, arbeite "gelegentlich mit externen Agenturen und freien Mitarbeitern zusammen". Deren Honorare lägen jedoch "in der Regel unter den Marktpreisen". Sein Verein stehe für "sorgfältigen Umgang mit den anvertrauten Mitteln und eine effektive Hilfe für Kinder in Not".

Genau das will das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), welches das Spendensiegel verleiht, nun überprüfen. DZI-Geschäftsführer Burkhard Wilke sagte der FR: "Wir schauen uns die Sache jetzt an." Für ihn sei bislang zwar nicht erkennbar, dass Unicef Gefahr laufe, das wichtige Siegel zu verlieren. Er wolle aber schon genau wissen, "wer welches Geld wofür bekommen hat", so Wilke. Schließlich schlössen die Spendensiegel-Leitlinien etwa grundsätzlich aus, dass für die Vermittlung von Spenden erfolgsabhängige Honorare gezahlt würden. Ausnahmen von dieser Regel seien nur unter Auflagen möglich.

"Erschreckende" Vorgänge

Der Geschäftsführer von Care Deutschland, Wolfgang Jamann, bezeichnete die Vorgänge als "erschreckend". Diese stellten aber mit Sicherheit eine Ausnahme dar. "Die Hilfsorganisationen sind sich ihrer Verantwortung im Umgang mit Spendengeld bewusst." Caritas-Sprecherin Claudia Beck sagte: "Wenn die Vorwürfe zutreffen, dann wäre das in der Zeit vor Weihnachten ein großes Problem für alle Spendenorganisationen."
Der Vorsitzende der Hilfsorganisation Grünhelme, Rupert Neudeck, zeigte sich wenig verwundert. Er sei schon immer Gegner des "Systems Unicef" gewesen. Das Kinderhilfswerk verfüge über "furchtbar viel Geld" und habe offenbar vergessen, dass der Kampf gegen Hunger und Armut sich nicht mit "Glamour-Aktionen" in Großstädten gewinnen lasse. Verschwendung, so Neudeck, gebe es immer dort, "wo die Leute nicht mehr ausschließlich ihre Arbeit auf die Habenichtse dieser Welt konzentrieren".

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