300.000 Beschäftigte - Gefahren in den Kfz-Werkstätten: Bernd HIMMELREICH schlägt Alarm. Und handelt, legt sich mit VW an

Hintergrund

Das Auto ist eines der meistgekauften längerlebigen Dinge: rund 60 Millionen Fahrzeuge sind hierzulande angemeldet. Fast jeder hat eines. Und jeder muss damit regelmäßig in die Werkstatt, egal ob Reparatur oder TÜV.

Im Automobilbau gab es die letzten Jahrzehnte erhebliche Innovationen in der Konstruktion und der Technik. Autos wurden immer leichter, weil man nach und nach Stahlteile (z.B. Karosserie) durch Aluminium und/oder Carbonfaserbasierte Kunststoffe ersetzte. Ist das Auto leichter, verbraucht es weniger Benzin.

Muss das Auto in die Werkstatt, sind die Beschäftigten vielen unterschiedlichen Stoffen und Gefahren ausgesetzt. Und ab und an explodiert sogar etwas: zum Beispiel wenn beim Schweißen von Stahlteilen Funken in der Umgebungsluft auf winzige Nano-Teilchen aus Aluminiumstaub treffen. Ein Stahlfunken ist etwa 1.000 Grad Celsius heiß, Aluminiumatmosphäre zündet bereits bei 450 Grad.

Beim Bau solcher Autos findet der Zusammenbau daher in getrennten Fabrikhallen statt. In der Kfz-Werkstatt steht ein Auto meist in einem (einzigen) Raum.

Aber auch Rauch, der beim Schweißen entsteht, ist gefährlich. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO hat Schweißrauch 2017 in die Gefahrengruppe "K1", sprich: krebserzeugend für den Menschen eingestuft. In Deutschland hat man diese Einschätzung (bisher) nicht übernommen - offiziell gilt Schweißrauch hierzulande also nicht als "Gefahrstoff".

Die Liste ließe sich verlängern. Zum Beispiel um Benzol und sogenannte Aromatische Amine, Dieselmotorabgase u.a.m.

Die Kfz-Werkstattbesitzer müssen daher nach der Gefahrstoffverordnung (§ 6) eine "Gefährdungsbeurteilung" machen: für die Berufsgenossenschaft und die staatlichen Behörden, wenn die konkret danach fragen. Für die Beschäftigten gibt es solche Vorgaben nicht.

Allerdings schreibt § 3 Abstz 4 des Produktsicherheitsgesetzes vor, dass bei der "Instandhaltung" (gemeint: Reparatur) "eine Gebrauchs- und Bedienungsanleitung mitzuliefern" ist, "um  den Schutz der Sicherheit und Gesundheit von Personen zu gewährleisten", also z.B. die der Arbeitnehmer.

In den Reparaturanleitungen der meisten Autotypen fanden sich solche Hinweise, wo die Gefahren lauern und wie man ihnen ausweichen kann, lange Jahre nicht. Erst in letzter Zeit. Aber das auch nur spärlich. Dass es überhaupt so gekommen ist, dazu hat ein Whistleblower beigetragen.

Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit haben in Deutschland keinen sonderlich hohen Stellenwert. Wie viele Menschen das mit nachhaltigen Gesundheitsschäden ausbaden müssen und wie sie dabei finanziell abstürzen, haben wir an vielen Beispielen dokumentiert: www.ansTageslicht.de/krankdurchArbeit.

Hier geht es um einen, der in der Branche groß geworden ist, sich auskennt, und dem "Gesundheit wichtiger ist als Umsatz", und der deshalb Alarm geschlagen hat. Und es bis heute tut: Bernd HIMMELREICH. Hier skizzieren wir seine Geschichte in Kurzform. Ausführlich dokumentiert mit allen Belegen und Dokumenten ist sie unter www.ansTageslicht.de/Himmelreich.

Bernd HIMMELREICH's Geschichte

Sie beginnt mit eigener Erfahrung, als er in jungen Jahren bei seinem Arbeitgeber eine Labormaschine mit erkaltetem thermoplatischen Kunststoff reinigen soll, dabei den Staub einatmetet - trotz Atemschutzmaske - und wenig später mit dem Rettungswagen auf die Intensivstation des Krankenhauses eingeliefert werden muss. Die Giftzentrale macht Antimon-tri-oxyd aus, ein giftiges Flammschutzmittel. Krebserregend.

Bernd HIMMELREICH (rechts) in Südafrika in einer von ihm ausgerüsteten VW-Vertragswerkstatt

HIMMELREICH wechselt den Arbeitgeber und die Branche, macht sich irgendwann selbstständig mit der Entwicklung, Konstruktion und Bau von Schiebe- und Schienentechniksystemen, als der VW-Konzern auf ihn zukommt, und ab sofort die Ausrüstungen der VW-Vertragswerkstätten von ihm und seiner neuen Firma ProWoTech GmbH herstellen lassen will: Absauganlagen (Spezialsauger für den Aluminiumstaub) und Lampen bis hin zu den Werkzeugkästen. HIMMELREICH konstruiert ein völlig neues und ausgeklügeltes System, das einerseits auf Praktikabilität, andererseits auch auf die Sicherheit für die arbeitenden Werkstattmitarbeiter ausgerichtet ist. Das Geschäft boomt, HIMMELREICH beliefert nicht nur China, sondern auch nach Südafrika (siehe Foto).

Eines Tages knallt es bei einem seiner Bekannten in dessen Werkstatt: Ein Sauger (nicht von ProWoTech!), der Funken beim Schweißen verschluckt hat, explodiert in Tausende von Teilen, die sich in seinen Körper einbohren. Der Werkstattinhaber hat Glück, mehr ist nicht geschehen, aber er ist bis heute auf einem seiner Ohren taub.

HIMMELREICH kommt, will wissen, was da passiert ist, macht eine Unfallanalyse und lernt: Bearbeiten von Alu-Teilen und Schweißen von Stahl ist wegen der unterschiedlichen Zündgrade gefährlich. Und ebenso, wenn Alu mit Wasser oder Feuchte zusammentrifft: Es bildet sich explosives Wasserstoffgas. Also muss man ein Auto, das aus dem Regen kommt, ersteinmal trocknen, bevor man sich ans Schweißen macht.

Seine Erkenntnisse will HIMMELREICH teilen: mit VW, Audi und Porsche sowie der zuständigen Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM). Er arbeitet eine 75seitige Vorlage "Arbeitssicherheitsratschläge" für Multi-Mix-Materialien (Alu, Stahl, CFK) aus und trommelt alle die zusammen. Man trifft sich in der Konzernzentrale von VW in Wolfsburg. In einer Aktennotiz ist alles festgehalten, über was gesprochen wurde. Diese "ASR MMM"-Broschüre soll schnell mit dem VW-Logo und -layout versehen und dann an alle Kfz-Werkstätten ausgeliefert werden.

Den Anwesenden ist klar, dass in den Werkstätten in einer rechtlichen Grauzone gearbeitet wird, weil in keiner Reparaturanleitung der Autotypen von Audi, Porsche und VW Hinweise auf potenzielle Gefahren stehen. Die Werkstattangestellten werden alleine gelassen und so kommt es immer wieder zu Arbeitsunfällen und gesundheitlichen Schädigungen, wie wir z.B. an einem Beispiel dokumentiert haben: www.ansTageslicht.de/Harnblasenkrebs.

Allerdings: Es geschieht nichts. Niemand rührt sich nach diesem Treffen im Dezember 2015. Es passiert einfach nichts.

HIMMELREICH geht voran, indem er alle relevanten Abteilungen im VW-Konzern anschreibt, regelmäßig mit Emails versorgt und auf die unsichere Rechtslage hinweist, die im Zweifel für die Verantwortlichen teuer werden kann. Von den potentiellen Opfern in den Werkstätten mal ganz abgesehen.

So informiert HIMMELREICH z.B. den zuständigen Mann bei Audi - dies ist die Abteilung "I/VK-32". Der Audi-Mann leitet die Email weiter an den bei VW zuständigen Menschen mit der Kennung "K-AVO-RW/1", und der wiederum schickt sie an "K-ILP-1". Dort empfiehlt man, die Abteilung "K-SG-A" einzubinden. Jetzt ist bei VW auch "K-AVO-RW/3" damit befasst, danach dann "A-GKP1-A" und "L-AVO-RW/2".

Offenbar fühlt sich niemand zuständig in dem Konzern. Auf Probleme aufmerksam gemacht zu werden, mag man bei VW nicht, es entspricht nicht der Unternehmenskultur, wie man spätestens zu dieser Zeit - wir reden vom Jahr 2015 und danach - aus der "Dieselgate"-Affäre weiß.

HIMMELREICH schreibt aber nicht nur Emails oder telefoniert mit den (eigentlich) Zuständigen. Er verfeinert als offizieller Werkstattausrüster für den VW-Konzern seine Produktpalette, entwickelt immer neue und vor allem praktikable Problemlösungen, führt Schulungen durch, wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass das Kfz-Gewerbe "illegal unterwegs" ist - wegen der fehlenden Gefährlichkeitshinweise.

Da geschehen die ersten merkwürdigen Dinge. Auf dem Flughafen in Barcelona wird ihm der Rollkoffer geklaut, in dem sich sein Schulungscomputer befindet, stellt nachträglich fest, dass jemand die Flugdaten im Firmencomputer gehackt hat. In seinem Büro entdeckt er Abhörwanzen. Auf dem Heimweg mit seinem Auto wird er erst beschattet, dann versucht ein BMW ihn von der Strasse abzudrängen. In seine Wohnung wird eingebrochen. Dann sind plötzlich auf dem Firmen-PC seine Recherche-Unterlagen gelöscht, die sich mit den Themen Arbeitsschutz befassen.

Weil dreieinhalb Jahre weder der VW-Konzern noch die BGHM reagiert haben, in den Reparaturanleitungen bzw. Bedienungsanleitungen nach wie vor eindeutige Warnungen vor Gefahren zu finden sind, entschließt er sich zu einem entscheidenden Schritt und weiß, dass er sich jetzt mit dem Volkswagen-Konzern anlegen wird: Er verschickt eine "Stilllegungsverfügung", verbietet allen Werkstätten, seine Werkstattausrüstung zu benutzen, will mit dieser Aktion verhindern, dass Beschäftigte durch Explosionen oder krebserregende Gefahrstoffe zu Schaden kommen.

Das Gegenteil von dem, was er erwartet hatte, tritt ein: Er wird von VW mit neuen Aufträgen geradezu überschüttet. Motto: Halt die Klappe, es wird Dein Schaden nicht sein.

Weil sich niemand an seine "Stilllegungsverfügung" hält, setzt HIMMELREICH nach einem Jahr, 2020,  ein weiteres Rundschreiben auf: "Sperrung unserer Produkte und Liefersperre". Und er informiert gleichzeitig die "Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)" sowie den "Ausschuss für Gefahrstoffe" beim Bundesarbeitsministerium

Weil in seinem Dienstleistungsvertrag mit VW geregelt ist, dass der Autohersteller "in relevanten Fällen die Produkte [gemeint: die von HIMMELREICH's Fa. ProWoTech, Anm. d.Red.] in Reparaturleitfäden beschreibt", was nach seiner Meinung aber nicht geschehen ist, verklagt er VW auf Vertragserfüllung. Und erklärt den gesamten Zusammenhang den beiden VW-Bossen Herbert DIESS (Vorstandschef) und Hans Dieter PÖTSCH (Aufsichtsratsvorsitzender) in einem ausführlichen Brief.

Jetzt reagiert Deutschlands großer Autoriese. Er entzieht Bernd HIMMELREICH das Vertretungsmandat für Werkstattausrüstungen. Whistleblower HIMMELREICH muss Insolvenz anmelden.

Bilanz

Folgen für die Gesellschaft:

VW reagiert auf HIMMELREICH's Paukenschlag nicht nur mit dem sofortigen Entzug einer Liefersperre an ProWoTech. In den Reparaturanleitungen finden sich jetzt - zum ersten Male - etwas ausführlichere Hinweise auf die potenziellen Gefährdungen für die Werkstattangestellten. So z.B. im Reparaturleitfaden "Karosserie-Instandsetzung Touareg 2018", Stand September 2020. Und auch die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) kommt in die Hufe: Sie veröffentlicht eine Broschüre "Schleifen, Bürsten und Polieren von Aluminium", Stand Dezember 2020. Fast alles ist da zu lesen, was HIMMELREICH exakt fünf Jahre zuvor in seinen "Arbeitsschutzrichtlinien Multimix-Materialien (ASR MMM)" zusammengetragen hat.

Weil die Frage, ob und inwieweit Automobilkonzerne in ihren 'Gebrauchsanleitungen 'bei der Instandhaltung ihrer Produkte konkrete Angaben über lauernde Gefahren machen müssen, ganz offenbar juristisch ungeklärt ist, und jede potenziell zuständige Behörde die Verantwortung von sich weist, wie wir bei unseren Recherchen zum § 3 des "Produktsicherheitsgesetzes" feststellen mussten (mehr unter www.ansTageslicht.de/Paragraph3), hat Bernd HIMMELREICH jetzt die EU-Kommission eingeschaltet. Deutschlandweit arbeiten in Kfz-Werkstätten 300.000 Personen. EU-weit sind es 1,6 Millionen.

Folgen für den Whistleblower:

HIMMELREICH's Einsatz die vielen Jahre über hat ihn Nerven gekostet. Und viel Zeit. Und sein von ihm aufgebautes Unternehmen ProWoTech, das nun insolvent ist. Aber er fühlt sich rüstig genug, um weiterzumachen. Auch wenn er sich jetzt im Kampf gegen "Goliath" bewähren muss. Er ist nicht nur technisch versiert und innovativ, er ist auch organisatorisch begabt. Er baut sich eine neue Lebensexistenz auf. Und vergisst nicht, sich dabei für den Arbeitsschutz und die Gesundheit am Arbeitsplatz von Menschen einzusetzen.


Hinweis:

Diesen Text können Sie auch direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Himmelreich. Die ausführliche Fassung unter www.ansTageslicht.de/Bernd-Himmelreich.

Eine Kurzfassung unserer Recherchen in Sachen Produktsicherheitsgesetz ist zu finden unter www.ansTageslicht.de/Paragraph3. Über die vielen Probleme und unzureichenden Lösungen beim Arbeitsschutz in Deutschland informieren wir Sie unter www.ansTageslicht.de/Arbeitsschutz.

(JL)

Online am: 03.12.2021
Aktualisiert am: 03.12.2021


Inhalt:

300.000 Beschäftigte: Gefahren in Kfz-Werkstätten


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Whistleblower

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