Eberhard HILDT

Molekularbiologe, ehemals Berlin, heute Kiel

Copyright: Petrov AHNER

Krebs ist eine schlimme und gefürchtete Krankheit. Obwohl Millionensummen in die Forschung investiert werden, sind Krebserkrankungen leider immer noch weit verbreitet und raffen viele Menschen sogar in jungen Jahren dahin. Wissenschaftler auf diesem gebiet genießen deshalb hohe soziale Achtung, werden von vielen Kranken als ihre letzte Hoffnung gesehen. Umso schlimmer ist es, wenn Wissenschaftler bzw. Medizinermanipulieren, Forschungsergebnisse fälschen und damit die Menschen um ihre Hoffnungen betrügen.

1997 wurde einer der größten Wissenschaftsskandale in Deutschland publik: Ein international anerkannter und hierzulande gefeierter Jungstar der Krebsforschung, Prof. Dr. Friedhelm Herrmann sowie seine (Ex-)Lebensgefährtin, Prof. Dr. Marion Brach, wurden der Fälschung und des wissenschaftlichen Betrugs überführt – ein Super-GAU im deutschen Forschungswesen.

Zehn ganze Jahre lang konnte das Forscherpaar manipulierte Daten in international renommierten Fachzeitschriften publizieren und auf Fachkongressen mit vermeintlichem Know-how brillieren. Friedhelm Herrmann hatte karrieremäßig alles erreicht, was man als Wissenschaftler erreichen konnte: Der „Herr Professor“, wie er sich anreden ließ, hatte

  • knapp 400 Fachaufsätze veröffentlicht
  • sieben Forschungspreise eingeheimst
  • war Mitglied in allen relevanten Fachgesellschaften
  • saß in unterschiedlichen Gutachter- und Bewilligungsgremien, beispielsweise auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
  • und agierte obendrein als Sprecher der deutschen Gentherapeuten.

Zehn Jahre lang hatte niemand etwas gemerkt. Zehn Jahre lang hatte niemand etwas merken wollen – der wissenschaftliche Wettbewerb in diesem Bereich ist knallhart und über das wissenschaftliche Weiterkommen entscheidet nicht nur die eigene Leistung, sondern bei Nachwuchswissenschaftlern auch die ‚Promotion’, konkret: die aktive Unterstützung durch den Forschungsleiter, den „Doktorvater“. Wer es sich mit dem verdirbt, ist raus aus dem Spiel. Und zwar überall.

1994/95 wird ein junger Amerikaner in das Forscherteam von Friedhelm Herrmann am Berliner „Max-Delbrück-Centrum“ aufgenommen. Der merkt schnell, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugeht und spricht seine jungen Kollegen an: Ja, das sei so, und wer etwas werden wolle, der müsse das so (mit)machen. Als der US-Kollege bei vier etablierten Berliner Professoren nachfragt, erhält er auch dort die Antwort, dies sei in der Forschung durchaus so üblich. Und sie warnen ihn vor „negativen Auswirkungen“ auf seine Karriere, wenn er mit seinen Beobachtungen und Zweifeln an die Öffentlichkeit gehe. Der Amerikaner geht nicht an die Öffentlichkeit – er geht zurück in die USA.

Zu dieser Zeit kommt ein anderer junger Molekularbiologe ins Parallelteam, ein „Pipettierknecht“, wie Hermanns (Noch)Geliebte „Prof. Dr.“ Marion Brach ihre Untergebenen zu bezeichnen pflegt: Dr. Eberhardt Hildt. Als Hermann diesen für sich abwerben will, weil er mit seiner „Ex“ gerade auf Kriegsfuß steht und abfällige Bermerkungen über sie macht, u.a. dass es in ihren Veröffentlichungen viele „Unregelmäßigkeiten“ gebe, nimmt sich Hildt den letzten Artikel von Marion Brach vor, der gerade im renommierten „Journal of Experimental Medicine“ erschienen war. Kein Zweifel: Eine wichtige Abbildung kann beim besten Willen nicht den realen Versuchsergebnissen entsprechen. Als Hildt seine „Professorin“ daraufhin anspricht, streitet sie nichts ab, verspricht sogar, den fraglichen Artikel zurückziehen zu wollen.

Doch das geschieht nicht. Stattdessen tauchen Brach und ihr wieder vereinter Lover, Friedhelm Herrmann, jetzt bei Hildt auf und versuchen ihn einzuschüchtern, drohen mit einer Klage wegen übler Nachrede.

Hildt recherchiert indes weiter, besorgt sich die originalen Laborunterlagen von einem ehemaligen Kollegen: Kein Zweifel, die von Brach veröffentlichten Daten sind ein Fake. Und einiges andere von Herrmann ebenfalls.

Als Hildt mit diesen Informationen zu „Professor Herrmann“ geht, droht der erneut: Er werde ihn „platt machen“, sollte er seine Anschuldigungen publik machen.

Der junge Molekularbiologe lässt sich nicht einschüchtern – Wissenschaft muss erhrlichen Standards genügen. Hildt wendet sich an seinen früheren Doktorvater und weiht ihn in seine Erkenntnisse ein. Der erkennt das Problem sofort, holt sich einen weiteren Experten hinzu, die jetzt beide wissenschaftsintern Alarm schlagen und die fraglichen Universitäten einschalten, an denen Herrmann und Brach gelehrt hatten, sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Jetzt lässt sich nichts mehr aufhalten: Rund 100 Publikationen von Herrmann werden als manipuliert enttarnt, Herrmann und Brach werden die Professorentitel aberkannt, aber nicht vor Gericht gestellt. Für die deutsche Krebsforschung ist das Ganze ein Desaster. Die DFG allerdings kann neue Standards durchsetzen: „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“.

Und: Der junge Wissenschaftlier Dr. Eberhard Hildt macht trotzdem Karriere. Er hat heute eine „Professur für Molekulare Medizinische Virologie“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.


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(Text: JL, Fotocopyright: Petrov AHNER)

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