Was ist Whistleblowing? Und wer ist ein Whistleblower?

Zeugen erinnern sich erst hinterher: wenn es (meistens) zu spät ist. Whistleblower warnen vorher: rechtzeitig, bevor es zu spät ist. Deswegen müsste Whistleblowing, also rechtzeitig Alarm schlagen, erwünscht sein. Ist es in Deutschland allerdings nicht. Das hat Gründe, Und vor allem Auswirkungen. Meistens negative für die Gemeinschaft. Trotzdem gibt es Menschen, denen das Wohl vieler wichtiger ist als ihre eigene Situation.

Das Wort, die Begriffe 

„Whistleblowing“ ist ein Ausdruck aus dem Angelsächsischen und bedeutet - inhaltlich übersetzt - soviel wie Alarm schlagen oder Hinweise geben. Dass es im Deutschen (bisher) keinen adäquaten Begriff gibt, hat seinen Grund. Die ‚Kultur’ positiver Kritik, also Hinweise darauf, dass etwas schief läuft oder dass man etwas besser machen könnte, ist hierzulande nicht sehr verbreitet, weil nicht sehr beliebt. In den traditionell englischsprachigen Ländern, in denen demokratische Werte schon sehr viel länger als bei uns praktiziert werden, gehört der professionelle Umgang mit Problemen, Missständen und Gefahren zwar nicht immer zum Alltag, ist aber im Prinzip akzeptiert.

Weil also „Hinweisgeber“ oder „Alarmschlager“ keine unbedingt geeigneten Worte sind, um sich sprachlich durchzusetzen, wollen wir bei Whistleblowing und Whistleblower bleiben. 

Worum geht es 

Probleme, Missstände, Risiken oder Gefahren können klein oder groß, einfach oder schwer zu lösen, abzuwehren oder zu managen sein. Die Zahl derer, die es negativ betrifft bzw. die Anzahl jener, für die es im anderen Fall positive Auswirkungen haben würde, kann ebenfalls mal kleiner, mal größer sein. Der Ort, wo es ‚schief läuft’, kann in sich in Unternehmen und Betriebe befinden, es können Behörden oder sonstige Institutionen sein: vom Krankenhaus angefangen übers Flugzeug bis hin zu einer Eissporthalle. Die Situationen und Fälle sind so unterschiedlich wie die Vielfalt der Lebens- und Arbeitssituationen.

Wenn hier von „Problemen, Missständen oder Gefahren“ die Rede ist, dann ist dies eine verkürzte, aber kompakte Umschreibung dessen, worum es geht, wenn Alarmschlagen oder Hinweisegeben angesagt ist. Im Kern sind es immer Situationen, in denen ‚Qualitätsstandards’ nicht eingehalten werden, und dies im weitesten Sinne. Beispielsweise kann es sich um Lebensqualitäten handeln. Missstände in Behörden oder Unternehmen schlagen sich in höheren Kosten nieder und die wiederum äußern sich in höheren Gebühren und Steuern oder höheren Preisen, sprich weniger Geld im eigenen Geldbeutel. Dies betrifft die eigene Lebensqualität ganz konkret. Oder es betrifft die Qualität am Arbeitsplatz, wenn Sicherheitsnormen nicht eingehalten werden. Es kann auch um die Qualität von Produktions- und Dienstleistungsprozessen gehen, die nicht einwandfrei oder sogar nur fehlerhaft funktionieren. 

Das ICE-Unglück von Eschede 1998 z.B., bei dem 101 Tote und fast ebensoviele lebenslang Schwerverletzte zu beklagen sind, fällt in diese letztere Kategorie: die Instandhaltungsabteilung hatte nicht moniert, dass die Radreifen, die letztlich das Desaster ausgelöst hatten, überholt werden müssten und der Zug deswegen eigentlich nicht losfahren dürfte. Das Zugpersonal, das sich während der Fahrt über merkwürdige Geräusche wunderte, hatte nicht auf kurzfristigen Stopp und Überprüfung des ungewöhnlichen Vorgangs bestanden.

Ein funktionierendes, weil gesetzlich vorgeschriebenes ‚Whistleblower’- bzw. 'Frühwarnsystem’ 

Hätte es sich um ein Flugzeug gehandelt, wäre das vermutlich anders gelaufen. Im Flugwesen beispielsweise gibt es sehr viele gesetzlich vorgeschriebene Regelungen im Detail, was Qualitäts-, sprich Sicherheitsstandards anbelangt oder Prüfchecks, egal ob sie sich auf die Technik, z.B. das Flugzeug oder die Menschen, sprich das Personal beziehen. Macht ein Flugzeug vor dem Start merkwürdige Geräusche oder erweist sich ein Zubehörteil als nicht mehr einwandfrei, würde der Kapitän von sich aus nicht in die Luft gehen wollen. Davon abgesehen, dass es gegen Vorschriften wäre. Geschieht so etwas in der Luft und lässt sich nicht ausschließen, dass es ein sicherheitsrelevantes Problem darstellen könnte, muss es auf dem nächsten Flughafen landen.

Nicht nur in der Luft, auch auf dem Boden wird derlei ‚Qualität’ bei der Vorsicht praktiziert. Das Unternehmen Lufthansa Technik wartet nicht nur den eigenen Flugpark, sondern bedient auch andere Fluglinien. Über die gesetzlich vorgeschriebenen technischen Überprüfungschecks und jene zusätzlichen Qualitätsstandards, die das Renommee des Unternehmens und des Namens „Lufthansa Technik“ begründen, gibt es darüberhinaus ein Anonymes Reporting System. Es ist eine anonyme Telefonverbindung zwischen einer Abteilung, die, wenn es notwendig wird, schnell handelt und dafür alle Vollmachten hat auf der einen Seite. Am anderen Ende können sich alle Mitarbeiter unerkannt melden, wenn sie Hinweise geben wollen, ohne sich selbst dabei zu diskreditieren oder zu belasten. 

Konkretes Beispiel: Wenn ein LHT-Mechaniker morgens früh um 5 Uhr schweißgebadet aus dem Schlaf hochschreckt, weil er sich nicht mehr ganz sicher ist, eine bestimmte Schraube wirklich fest genug angezogen zu haben, kann und wird er das auf der Stelle über dieses anonyme Telefon durchgeben. Sollte das fragliche Flugzeug bereits auf der Startbahn stehen und auf die Erlaubnis zum Take-Off warten , so würde es vom diensthabenden Manager am andere Ende der Leitung sofort angehalten - aus Gründen der Sicherheit. Beziehungsweise für alle Fälle. 

Ein Flugzeug anzuhalten, das im Normalfall rund um die Uhr weltweit im Einsatz ist, verursacht hohe Kosten. Die ‚Kosten’ eines Unglücks wären allerdings höher. 

Wäre nur eine Fluglinie so auf mögliche Sicherheitsprobleme bedacht, hätte sie im Vergleich zu anderen Konkurrenten Nachteile bei solchen Kosten, müsste dafür höhere Preise nehmen. Will man daher solche Qualitätsstandards in allen Fällen haben, so lässt sich das am sichersten durch eine gesetzliche Regelung durchsetzen. Die gilt dann für alle. Im Flugwesen - z.B. in Europa und den USA - ist dies der Fall. Deswegen zählt Fliegen mit Linien aus diesen Ländern auch zu den sichersten Verkehrsmitteln überhaupt. Das organisatorische Instrument hierbei besteht unter anderem in einem gesetzlich vorgeschriebenen und sehr sensibel funktionierenden (anonymen) Frühwarnsystem. 

Verschiedene Varianten und Wege beim whistleblowing 

Ein Frühwarnsystem innerhalb des Unternehmens ist daher eine von mehreren Möglichkeiten, auf mögliche oder tatsächliche Probleme oder Risiken rechtzeitig reagieren zu können: vorher und nicht danach, wenn es zu spät ist. Probleme, Missstände oder Gefahren öffentlich zu kommunizieren, z.B. über Presse und Fernsehen, ist eine ganz andere Möglichkeit, andere zu warnen oder ein relevantes, aber bisher unter der Decke gehaltenes Thema öffentlich diskutieren zu lassen.

Zwischen beiden Varianten, zwischen intern und extern bzw. öffentlich gibt es oft noch andere Möglichkeiten. Welche man nutzt oder kann oder sollte, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • von der Tragweite und Dringlichkeit eines Problems 
  • der Wahrscheinlichkeit, die Warnung oder die Hinweise zielführend weitergeben zu können 
  • den Freiräumen und Handlungsmöglichkeiten desjenigen, der gezielte Hinweise geben oder Alarm schlagen möchte 
  • von den absehbar persönlichen Folgen danach, z.B. den drohenden Gefahren einer ‚Bestrafung’ oder gar des Arbeitsplatzverlustes


Da die unterschiedliche Gewichtung allein dieser vier Faktoren bereits mehrere unterschiedliche Fallsituationen bedeutet, ist es schwierig, ‚Königswege’ zu empfehlen. Beachten sollte man aber dies:

  • Wer sich an die Medien wendet, ist über das Redaktionsgeheimnis geschützt: Ein Journalist muss niemandem Auskunft darüber geben, von wem er welche Informationen er hat. Er ist dazu keinem Polizisten, Staatsanwalt und auch keinem Richter gegenüber verpflichtet. Und deswegen darf weder sein Büro noch seine Wohnung oder Auto durchsucht und nichts beschlagnahmt werden. Die (gottlob) sehr wenigen Ausnahmen, bei denen sich Staatsanwälte nicht daran gehalten haben, wurden alle durch das Bundesverfassungsgericht als widerrechtlich, sprich illegal gerügt.
  • Wem die Medien indes kein Gehör schenken, geht größere Risiken ein: Denn Alarmschlagen, also Whistleblowing ist in Deutschland nicht mit Schutzregelungen versehen. In diesem Punkt liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich gesehen am Ende der Skala.

 Die nachfolgende Grafik soll das Problem bzw. den Workflow der Kommunikation des Alarmschlagens verdeutlichen:

CC BY-SA: www.ansTageslicht.de/Whistleblowing

Die Farbe grün signalisiert, dass alles im "grünen Bereich" liegt. Rot bedeutet potenzielle Probleme. Wer sich nicht sicher ist, welchen Weg er gehen soll, für den haben wir das Kapitel An wen man sich wenden kann vorgesehen. Wer sicherheitshalber gleich die Medien anpeilt, dem empfehlen wir das Kapitel Wenn man sich an die Medien wenden möchte.

Weitere Informationen hier im DokZentrum ansTageslicht.de:

Zwei letzte Hinweise:

Das DokZentrum ansTageslicht.de kooperiert eng mit dem Whistleblower-Netzwerk in Köln.

Wenn Sie diese ganze Seite rund ums Whistleblowing direkt aufrufen oder verlinken wollen, können Sie dies unter www.ansTageslicht.de/Whistleblower tun.

(JL)

An wen man sich sonst wenden kann

Viele Ansprechpartner gibt es nicht. Aber einige. Wir sagen, wer wo und wie

Der tägliche Blog des Whistleblower-Netzwerks

WBNW_Logo

Hier geht's direkt zum Blog des Whistleblower-Netzwerks

Die Whistleblower-Site von ansTageslicht.de: