Nordbayerischer Kurier,

Sittenstrenge statt Sexshops

Immer weitere Kreise zieht der „Zensur-Skandal" an der Auerbacher Realschule. Wie mehrfach berichtet, hatten die Zehntklässler dort Biologiebücher erhalten, in denen das 14-seitige Kapitel zum Thema vorgeburtliche Entwicklung entfernt wurde. Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete gestern über den Vorfall und gleichzeitig über eine Stellungnahme des Katholischen Schulwerkes, das sich von der Zensur durch die Ordensschwestern distanziert.


Der „Zensur-Skandal" ist mittlerweile Tagesgespräch an Stammtischen, in Betrieben und in den Familien, egal ob unmittelbar betroffen oder nicht. Zahlreiche Meinungsäußerungen, die den KURIER mittlerweile erreichten - sowohl telefonisch als auch in Form von Leserbriefen -, belegen dies.
In diesem Zusammenhang wurde auch mehrfach auf eine mögliche Verflechtung des Mutterhauses der Schulschwestern Von Unserer Lieben Frau mit dem Engelwerk hingewiesen. (Lesen Sie dazu auch den unten stehenden Hintergrundbericht.) Ein Anhaltspunkt für diesen Verdacht seien die zahlreichen Exerzitien, die von Pater Heinrich Morscher im Auerbacher Kloster abgehalten wurden. Morscher galt über lange Jahre hinweg als Aktivist des Engelwerkes.
Das Engelwerk wird sogar von offizieller, sprich: kirchlicher, Seite als „fundamentalistisch" oder gar als „innerkatholische Sekte" gewertet. Der emeritierte Münchner Weihbischof Heinrich Graf von Soden-Fraunhofen zum Beispiel warnte schon 1995 vor Kontakten mit dem Engelwerk und seinen Filialunternehmen. Dazu zählt unter anderem die „Katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE)".

Tabu

Kernstück der KPE-Ideologie ist die äußerst starre Sexualmoral. In der pädagogischen Handreichung „Selig, die reinen Herzens sind" heißt es zu dieser Thematik: „So sollen wir etwa Straßen meiden, in denen sich Sexshops befinden oder Kneipen und Nachtlokale mit entsprechenden Aushängen sowie Kioske, die ihre Illustrierten in den Blickfang stellen." Freibäder mit ihrer „öffentlichen Fleischbeschau" sind ebenfalls tabu. Gegen den „Verfall" setzt die KPE Sittenstrenge, sexuelle Enthaltsamkeit, intensive Sühnegebete, regelmäßige Beichte und fromme Marienverehrung. Jungen- und Mädchengruppen werden in der KPE getrennt, gemeinsame Fahrten gibt es nicht.


Verbindungen abgestritten

Eine rigide Sexualmoral auf der einen Seite (Engelwerk/KPE), Schulbücher ohne das Kapitel Sexualität/Fortpflanzung (Realschule Auerbach) auf der anderen Seite - kurzum: Eine Parallelität ist hier nicht zu übersehen, auch wenn im Namen der Realschulleitung (Rektorin Schwester Marcellina Nickl) jegliche Verbindung zum Engelwerk im Allgemeinen und zu Pater Heinrich Morscher im Speziellen natürlich abgestritten wird.
Ein ganz anderes Bild erhält man allerdings, wenn man ehemalige Schüler der Realschule Auerbach befragt, die sich sehr wohl an besagten Pater Morscher erinnern können. Finanzbeamter Peter Eckert aus Auerbach zum Beispiel, Kreisrat der Bündnis-Grünen/Unabhängigen Kandidaten im Kreistag Amberg-Sulzbach, kann sich sehr gut an die Besuche Morschers an der Realschule erinnern. Seinerzeit war noch Schwester Pauline Zipperer Rektorin. Die Teilnahme an den bis zu einwöchigen Exerzitien war für die 15-und 16-jährigen Mädchen (Jungen durften damals noch nicht teilnehmen) vorgeschrieben. Die strengen Exerzitien hinterließen bei den Schülerinnen deutliche Spuren, erinnert sich Peter Eckert. Vor den Kursen unter Morschers Fittichen sei ein „normaler Umgang" zwischen den pubertierenden Jugendlichen beiderlei Geschlechts möglich gewesen. Nach den Exerzitien jedoch seien die Mädchen „total verändert" gewesen und hätten jeglichen Kontakt mit den männlichen Schülern gemieden.
Ein weiteres Mosaiksteinchen, das das Gesamtbild abrundet: Schwester Gerlinde, die neue Biologieunterricht erteilende Ordensschwester an der Realschule, war von 1971 bis 1975 selbst Schülerin an der Auerbacher Realschule. Und hat natürlich auch an den Exerzitien von Pater Morscher teilgenommen . . .

Problematisch

Ein anderer ehemaliger Absolvent der Realschule Auerbach erinnerte sich gestern am KURIER-Telefon ebenfalls sehr genau an die „Engelsexerzitien", die regelmäßig im Kloster abgehalten wurden. Nicht wenige Teilnehmerinnen hatten nach den Veranstaltungen erhebliche „persönliche Probleme" gehabt.