Die Ungereimtheiten beim angeblich neuartigen Bluttest der Heidelberger Frauenklinik, der anscheinend die frühzeitige Erkennung von Brustkrebs ermöglichte, ließen auch Welzels Neugierde wachsen: Brustkrebs in einem Stadium feststellen, in dem man ihn nicht einmal sehen kann? Das klang für den erfahrenen Journalisten doch sehr weit hergeholt. „Da wurde ich erstmals so richtig skeptisch. Was ist das eigentlich für eine Weltsensation? Verunsichert das nicht nur Frauen?“, habe er sich gefragt als er im Februar 2019 die Schlagzeile der BILD-Zeitung zum ersten Mal gelesen hatte. Hat der so mysteriös vielversprechende Test einen wirklichen Nutzen, oder handelt es sich um reines Sensationsmaterial?
„Wenn eine so hoch angesehene Institution, wie das Universitätsklinikum Heidelberg, über die BILD-Zeitung eine angebliche Sensation verkündet, dann kann man auf gut Deutsch sagen: Das stinkt!“, beschrieb Welzel sein erstes Bauchgefühl. Er betont immer wieder, dass es ihm wichtig war, die „Wahrheit“ aufzudecken.
Klaus Welzel teilte die Bluttest-Geschichte im Februar 2019 seinem Mitarbeiter Sebastian Riemer zu. Die Berichterstattung initiierte er vom ersten Tag an.
„Die Geschichte hatte gleich ein “Geschmäckle““, erinnert sich der Redakteur zurück. Als Riemer mit seinen Fragen am 26. März 2019 dann erstmals an die Öffentlichkeit ging, fing Welzels Email-Postfach an zu explodieren. Er erhielt zahlreiche Rückmeldungen von Leser*innen und Klinikmitarbeiter*innen. Das Uniklinikum beschwerte sich, Welzel wurde seitens des Heidelberger Klinikums massiv bedrängt, die Berichterstattung zu verändern. Auf Grund seiner Position als Chefredakteur, vertrauten ihm viele Menschen– teilweise mehr als seinem Mitarbeiter Sebastian Riemer. Weil er zudem sehr gut vernetzt mit dem Uniklinikum war, lag für ihn dann doch rasch nahe, aktiv einzusteigen, zumal die Geschichte mittlerweile ein hohes Potenzial und viel Zündstoff barg.
Welzel beschäftigte sich eingehend mit dem Komplex des Skandals und stieß im Laufe seiner Recherche auf weitere, sehr wertvolle Quellen, die erst das eigentliche Ausmaß des Skandals offenbarten: Dass die Klinikumsspitze voll umfänglich die Bluttest-PR unterstützt und mitbetrieben hatte. Mit einem möglichen offenen, selbstkritischen Ausgang bezüglich der bisherigen Veröffentlichungen, ging Welzel Ende März zu Sebastian Riemer. Die beiden Journalisten arbeiteten von da an als Team, erledigten ihre Aufgaben aber dennoch getrennt voneinander. Riemer und Welzel verheimlichten teilweise sogar ihre Informationsquellen voneinander. „Einfach um uns und vor allem auch unsere Quellen zu schützen. Somit haben wir die Anonymität zu hundert Prozent zugesichert“, erklärt Chefredakteur Welzel.
Ein erstes Bauchgefühl ist schon mal gut, doch was machte Welzel so sicher, dass es überhaupt eine noch ungeklärte Wahrheit im Bluttest-Skandal gab? Die Antwort ist einfach, fast schon zu einfach. Man musste eigentlich nur genau hinschauen und beobachten, wie die Klinik auf die bereits veröffentlichten Artikel mit Thematisierung auf den Bluttest-Skandal reagierte. Die enorme Panik, der extreme Stress und der ausgeübte Druck auf die Redaktion der RNZ sprach für sich. Auch die große Unzufriedenheit innerhalb des Klinikums spielte dem Team sehr zu, wie Welzel verriet. Für ihn war klar: Bei so viel Aufregung muss mehr dahinterstecken.
Durch den stetig wachsenden Druck wurde Welzels Position als Chefredakteur wichtig. „Sich nicht einschüchtern zu lassen, war die eigentliche Story, hinter der Story“, so Welzel. Die maximale Drucksituation erlebte die RNZ, als der Klinikvorstand in die Redaktion marschierte und der Zeitung vorwarf, dem Ruf der Klinik massiv zu schaden. Der Zeitung wurde mit Abbestellung von Abonnements gedroht– die Lage spitzte sich zu. Laut Welzel ein weiterer Schlüsselmoment, der seine Skepsis nur weiter bestätigte. „Wenn der Druck so hoch ist, dann ist die Geschichte dahinter wahnsinnig interessant“, so der RNZ-Chefredakteur.
Der Ansporn stieg, auch der Zusammenhalt innerhalb der Redaktion wurde stärker denn je. Das Team und auch der Verlag hielten immer zusammen– eine der wichtigsten Voraussetzungen bei einem solchen Fall. „Der Verlag stand immer hinter mir und ich stand immer hinter Herrn Riemer“, verrät Welzel. Auch anwaltliche Auseinandersetzungen in Form von Unterlassungserklärungen wurden gemeistert und schreckten die Redaktion nicht zurück. Einen Punkt, an dem Welzel alles hinschmeißen und aufgeben wollte, gab es nicht.
„Dafür waren die Erfolgsmomente einfach zu groß“, so der Redakteur sichtlich stolz „Außerdem haben wir haben das Thema nicht skandalisiert. Wir haben jeden Fakt mehrmals gecheckt, bevor er tatsächlich den Weg in unser Blatt gefunden hat“, versichert Welzel. Professioneller Journalismus– Welzels Leitregel Nummer Eins. Es ging der Redaktion nicht um Skandalisierung, sondern darum, eine Geschichte investigativ zu hinterfragen und Missstände aufzudecken. Frauen ihre Unsicherheit zu nehmen und falsche Hoffnungen zu meiden.
Das Team Riemer und Welzel arbeitete rechtlich vorsichtig, auf journalistische Ebene aber dennoch mutig und bestimmt. „Wir hatten sehr viel mit Anwälten zu tun. Zum einen, weil diejenigen, über die wir geschrieben haben, sich anwaltlich gewehrt haben und zum anderen, weil wir durch den Anwalt von Herrn Christoph Sohn Informationen erhalten haben. Mit ihm persönlich konnten wir nicht sprechen, da er in seinem Amt einer Verschwiegenheitserklärung unterliegt– mit seinem Anwalt war das jedoch möglich“, offenbart Welzel. Doch wo ist die Grenze? Welches Maß an Skandalisierung ist unerlässlich, zumal es sich ja um einen Skandal handelte? Und wo würde man die Grenze zur Schaulust und zum Boulevard überschreiten?
„In den Skandal involvierte Personen wurden von der RNZ niemals in den Dreck gezogen“, versichert Welzel. „Wir haben auch entlastende Argumente gebracht. Keiner der Beschuldigten sollte das Gefühl haben, dass wir ihn der Öffentlichkeit vorgeführt hätten.“ Auch wurden manche, wertvolle Informationen bewusst nicht veröffentlicht, um Personen zu schützen, wenn die Relevanz der Informationen geringer war, als das Risiko einer unangemessenen Skandalisierung. Man habe nicht einfach auf Auflage und Geschäft geschielt, sondern sich rein auf die Aufklärungsfunktion fokussiert. „Wir wollen der Öffentlichkeit die wirklich wahre Wahrheit liefern“, sagte Welzel.
Diese Profession wurde belohnt– die Leser der RNZ gewannen an Vertrauen und die Bedeutung der Redaktion in der Region wurde gefestigt. „Wir haben die Art der Aufklärung in Frage gestellt. Wenn wir nicht so hartnäckig gewesen wären, dann wären wir niemals so weit gekommen.“ Die RNZ konnte beweisen, dass sie die Kontrollfunktion eines Mediums erfüllt, als vierte Gewalt kritisch hinterfragt und der Öffentlichkeit mit der Wahrheit dient. Um die Wahrheit aufzudecken, ist kein Preis zu hoch, keine Nacht zu lang und kein Druck zu hoch. „Die Mühe hat sich in jedem Fall gelohnt“, so der Wächterpreis-Sieger Welzel.
