Florian Flade erzählt: So ist der "Amri"-Dreiteiler entstanden

Florian Flade am Berliner Breitscheidplatz. Foto: Raphael Markert

Seit dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 habe ich mich in meiner Arbeit intensiv mit dem Fall Anis Amri beschäftigt – insbesondere mit dem Verhalten und Versagen der Sicherheitsbehörden, sowie der Frage, welche Konsequenzen daraus gezogen wurde und werden. Entstanden sind dabei zahlreiche Texte für WELT, WELT.de und WELT am Sonntag, in denen auch Fehlverhalten und Versäumnisse der Behörden aufgedeckt wurden. Sie finden eine Auswahl dieser Arbeiten auf dem WELT Investigativ-Blog: https://investigativ.welt.de/2018/08/28/der-fall-anis-amri-unsere-recherchen/

Im Frühjahr 2018, also mehr als ein Jahr nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz, keimte in mir der Wunsch aus dem vorhandenem Material und Wissen eine Serie zum Fall Anis Amri zu machen. Im Mittelpunkt standen dabei drei Fragen: Hatte Amri Mitwisser oder gar Helfer? Woher stammt eigentlich die Pistole, mit der er den Lkw-Fahrer erschossen hatte? Und welche Rolle spielte der Verfassungsschutz in dem Fall?

Die Fragen ergaben sich aus zahlreichen Gesprächen mit Informanten aus Sicherheitsbehörden, mit Ermittlern, Staatsanwälten, Innenpolitikern und Terrorismusexperten. Außerdem gab es eine große Menge Papier zu dem Fall: Tausende Seiten an Ermittlungsakten, Gutachten und Zeugenaussagen. Ich habe das Material über mehrere Monate gesichtet und gelesen. Und bin dabei zu dem Schluss gekommen, dass entscheidende Fragen noch immer unbeantwortet sind. 

Es ist etwa ziemlich unwahrscheinlich ist, dass Amri wirklich niemanden in sein Anschlagsvorhaben eingeweiht hatte. Er hatte gleich mehrere Freunde und Bekannte in den Tagen und Stunden vor der Tat getroffen oder kontaktiert. Diese Leute hatten sich später bei Vernehmungen oft in Widersprüche verwickelt, einige gelten selbst als islamistische Gefährder und standen bereits mehrfach im Visier der Behörden. 

Ich war außerdem erstaunt, wie wenig über die Herkunft der Pistole bekannt ist, mit der Amri den Lkw-Fahrer Lukasz Urban erschossen hatte. Immerhin war dies der Beginn des Attentats. Ohne die Waffe hätte Amri den Lastwagen womöglich gar nicht kapern können. Warum spielte es in der öffentlichen Diskussion aber keine größere Rolle, wer Amri die Pistole beschafft hatte? Ich begab mich auf die Suche nach der Herkunft der Waffe und konnte mit Menschen sprechen, die die Pistole noch in den 1990er Jahren teils illegal erworben hatten. 

Und dann erfuhr ich etwas, was mich aufhorchen ließ: Das Bundesamt für Verfassungsschutz verfügte offenbar über einen Informanten, einen sogenannten V-Mann, in genau jener Salafisten-Moschee in Berlin-Moabit, in der Amri sehr oft verkehrte. Der Spitzel war in der islamistischen Szene der Hauptstadt auf Terrorverdächtige angesetzt worden. Nur: Hatte (der damalige) Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen nicht sehr schnell nach dem Anschlag erklärt, seine Behörde habe mit Anis Amri nichts zu tun gehabt? Der Fall sei reiner „Polizeifall“, so hatte Maaßen erklärt. Das Bundesinnenministerium teilte Abgeordneten im Bundestag außerdem mit, man habe keine Quelle im Umfeld des Attentäters geführt. 

Das stimmte ganz offensichtlich nicht. Es gab einen V-Mann in einer Moschee mit einer überschaubaren Anzahl von Islamisten. Und dieser V-Mann hatte sogar nach dem Attentat dem Verfassungsschutz erklärt, er kenne Amri, habe ihn mehrfach in der Moschee gesehen. Warum aber kamen diese Informationen erst nach dem Anschlag? Wieso hatte der Verfassungsschutz seinen Informanten nicht auf Amri angesetzt? 

Im Mai 2018 erschien in der WELT die dreiteilige Serie „Amris Freunde“, „Amris Waffe“ und „Amris Moschee“. Gefolgt von weiteren Artikeln zum Fall. Unterstützt wurde das Projekt von der Chefredaktion der WELT, die stets über die Recherche im Bilde war und entschied, dass die Texte jeweils mit der S.8 den größten Platz in der Zeitung bekamen. Ebenso war die Leitung des Investigativ-Ressorts mit an Bord. Wir wählten zudem ein einheitliches Layout für die Veröffentlichen in Print und Online. 

Auszeichnungen:

"Wächterpreis der Tagespresse" 2019